21.07.2014

FrankreichInventur de France

In der Welt und sich selbst gilt das Land als „kranker Mann Europas“. Alles nur Einbildung oder Hinweis auf eine tiefe Erschütterung? Eine Leidenserkundung in zwölf Etappen. Von Alexander Smoltczyk, Fotos Maurice Weiss
Es gibt ein neues Wort im Wortschatz der Franzosen: La mannschaft heißt es und bezeichnet so ziemlich alles, was man gern von denen da drüben jenseits des Rheins hätte - vor allem Erfolg. Erfolg als Kollektiv und ganz ohne Ego- und Erotomanen, Bling-Bling-Diven und "Generaldirektorenpräsidenten", wie Firmenchefs in Frankreich heißen.
Wie l a mannschaft müsste man sein, ein bisschen jedenfalls, seufzten die Zeitungen am vergangenen Montag, zum Nationalfeiertag. Stattdessen ist die Arbeitslosigkeit doppelt so hoch wie in Deutschland, Wachstum und Investitionen bewegen sich unterhalb der Nachweisgrenze, und der ehemalige Staatspräsident Nicolas Sarkozy wurde neulich im Morgengrauen zur polizeilichen Vernehmung abgeführt. La mannschaft ist das genaue Gegenteil zum anderen derzeitigen Modewort: le malaise. Eine grottentiefe Düsternis, der sich die Nation offenbar ergeben hat. Mehr als zwei Drittel der Franzosen sind "pessimistisch für die Zukunft" ihres Landes, hat eine Umfrage gerade gezeigt.
"Von außen gesehen ist das Frankreich von François Hollande wie Kuba, ohne die Sonne, dafür mit der extremen Rechten", schreibt Le Point. Das Land sei "verarmt und überschuldet, gespalten, erniedrigt und gedemütigt, in einer vorrevolutionären Situation, wo alles möglich wird".
Es fehlt nur die Reisewarnung. Denn nichts ahnend sind derzeit wieder ganze Volksstämme von Urlaubern unterwegs in dieses vermeintliche Herz der Finsternis. Allesamt frankophile Lemminge? Blind für alles, was da gärt außerhalb von Boule- und Campingplatz?
Es geht etwas vor in diesem Land. Kaum je war die Stimmung so miserabel, die Verdrossenheit so flächendeckend wie in diesem Sommer. Und im Elysée-Palast residiert ein Präsident, der bei der Truppenparade zum Nationalfeiertag, dem "Quatorze Juillet", am vorigen Montag mitleidlos ausgebuht wurde. Hollande nimmt immer neue Gipfel der Unpopularität, und das mit einer Leichtigkeit, die ihm das gepunktete Trikot der Bergwertung einbrächte.
Ach ja, die Tour de France ... Sie zumindest gibt es noch. Die große Schleife um die Nation. Das Vorspiel zu den Ferien, dieser seit Kindheitstagen geliebte Blick auf ein anderes, ländliches, besseres Frankreich, wo es noch den Ball der Feuerwehr gibt und den Gefallenenstein vorm Rathaus und die Menschen wissen, wohin sie gehören. Aber tun sie das wirklich?
En route also. Die Originalstrecke der "Tour 2014" abgefahren, auf der Suche nach der Krise, dem Niedergang, der Depression und anderen Gespenstern, die der Deutschen wichtigstes Nachbarland so umtreiben.

Lille (km 710)

Die erste Tour-Etappe auf nationalem Boden endet am Stadtrand, am Stadion Pierre Mauroy, einer kristallinen Welt aus Glas, Stahl und Beton. Weit und breit ist nur ein Wachmann zu sehen. Lille gilt als gelungene Version des französischen Sozialismus, der ansonsten in der Krise steckt. Gerade ist die Bürgermeisterin, Martine Aubry, wiedergewählt worden. Sie ist Frankreichs Andrea Nahles, eine echte Linke, geliebt von der Basis, im Gegensatz zum Präsidenten. Der Vater der Währungsunion, Jacques Delors, ist auch ihr Vater.
Lille hat von Europa profitiert, Joël Leclerc nicht. Deswegen kauft er sich hier auch seinen Kaffee nicht: "Lille ist für die Reichen", sagt er. Leclerc ist der einsame Wachmann vorm Stadion Pierre Mauroy. Sohn eines Bergmanns, Bürstenhaarschnitt wie ein Fremdenlegionär. Seine Kinder hat er "mit dem Schuh im Arsch" erzogen. In seinem Dorf, zu Hause in Avion, gibt es, anders als in der Stadt, auch kein "Gesindel", wie Sarkozy einst die Einwandererkinder in den Vorstädten nannte. "Bei uns im Dorf gibt es noch Werte", sagt Leclerc. Er ist der typische Wähler von Marine Le Pen. Doch Leclerc erzählt weiter. Er wäre gern Polizist geworden. Aber das ging nicht: "Mein Vater hat bei den Streiks 1968 mit Kohlebrocken auf die CRS, die Sonderpolizei, geworfen. Bei uns auf dem Dorf macht man das so. Avion ist kommunistisch seit 200 Jahren. Man nennt es Klein-Russland. Ich? Natürlich bin ich Kommunist. Arbeiter."
Joël Leclerc hält zu den Kommunisten aus den gleichen Gründen, weswegen die meisten seiner Kollegen inzwischen Front national wählen. Aus Tradition, Patriotismus, Ordnungssinn. Sein Vater, erzählt er, sei einmal in Polen gewesen. Irgendwo bei Katowice. Nein, nicht in den Zechen dort. Der Ort hieß anders. Er musste für länger bleiben, für drei Jahre. Er sagt den Namen ohne besondere Betonung: "Auschwitz."

Arras (km 865,5)

Die Tour de France stammt aus einer Zeit, wo die Einheit der Nation noch keine Selbstverständlichkeit war. Wo Bretonen, Okzitanen, Elsässer, aber auch Monarchisten und Kreuzkatholiken ihre Probleme hatten mit dem, was da auf jedem Rathaus stand: "Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit", Dreiklang der Republik.
Die Rundfahrt sollte die Schönheit des Landes feiern, die Technik und den wacker pedalierenden Proleten. Das Volk feierte sich selbst vor dem Raum als Kulisse. "La France profonde", das eigentliche Frankreich weitab von Paris, klappte sich auf. Die Randgebiete, die Peripherie, das Land von Pétanque, Café du Commerce und abblätternden Dubonnet-Reklamen.
Genau das Frankreich also, aus dem jetzt die Unzufriedenheit kommt. "Die Revolte gärt im Frankreich des Randes, abseits der großen Metropolen", schreibt der Sozialgeograf Christophe Guilluy. Hier leben immer noch 60 Prozent der Franzosen und 80 Prozent der kleinen Leute: Arbeiter, Rentner, Mittelschichten, denen die Abstiegsangst im Nacken sitzt. Hier war die Enthaltung bei den Kommunalwahlen am höchsten und auch das Votum für Le Pen.
Die Somme ist Zechen- und Schlachtenland, tellerflache Äcker mit Zuckerrüben bis zum Horizont und ab und zu ein Haldenkegel. Die Dörfer hier sind niedrig und mauern sich zur Straße hin ein. Einzelne große Raben fliegen durch die Luft.
Aus Arras zog der spätere Revolutionär Maximilien Robespierre nach Paris, um dort der Tugend an die Macht zu verhelfen, zur Not auch mit der Guillotine.
Raffi Ashkar lässt eine Scherenklinge in seiner Rechten kreisen, er betreibt eine Schuh- und Schlüsselwerkstatt in der Rue Robespierre, gegenüber dem ehemaligen Wohnhaus des Jakobiners. Ashkar sagt, jede Zeit brauche ihre Revolution. Nur welche? Der Libanese gehört durchaus zum Bürgertum, zum Dritten Stand.
"Ich verstehe die Franzosen. Es gibt keine Werte mehr. Familie und Freundschaft? Jetzt steht jeder für sich. Alle sind Egoisten. Deswegen wählen viele Marine Le Pen. Aus Hoffnungslosigkeit. Die Leute hier sind wirklich liebenswert - wenn man sich gut benimmt. Aber leider gibt es viele Ausländer, die das nicht begreifen. Die haben keinen Respekt. Nehmen wir den Fußball. Warum singen nicht alle Spieler die Nationalhymne? Das gefällt mir nicht. Ich arbeite hier, ich verdiene mein Geld hier, also ist das mein Land. Voilà, c'est tout."

Valmy (km 1160)

Es ist Zufall, wem man an der Strecke begegnet. Aber es ist nicht zufällig, was er zu sagen hat. In den Buchläden stapelt sich Untergangsliteratur. "Frankreich neu erfinden", "Frankreich: Ein sonderbarer Bank-rott", "Wenn wir nur wollten", "Wenn Frankreich erwachen wird", "Gefährliches Spiel im Elysée", "Franzosen, seid ihr bereit für die nächste Revolution?", "Frankreich, eine Herausforderung" und so weiter und so fort.
Gut zwei Dutzend solcher Titel sind in den vergangenen Monaten erschienen. Immer geht es darum, dass es so nicht weitergehe und Frankreich im déclin, im Abstieg, sei. Der "déclinisme" gilt schon als eigene Denkschule.
Die Tour umfährt die Industriewüsten und stillgelegten Hochöfen im Norden Lothringens. Schon allein weil die Regionen teuer für das Privileg bezahlen müssen, einen Etappenort zu erhalten.
Zwischen Reims und Verdun ist stattdessen eine Windmühle zu sehen, auf einer Anhöhe und ringsum gespickt mit Kanonen und heroischen Standbildern. Hier wurde die Nation geboren. Auch wenn auf den Kanonen "Made in Manchester" zu lesen steht und es ein Herr Goethe war, der den Ort Valmy im Nachhinein zum Wendepunkt der Geschichte erklärt hat.
Bei der Kanonade von Valmy, im September 1792, brachte eine Revolutionsarmee die Preußen zum Stehen, die zur Rettung der Monarchie geeilt gekommen waren. Zum ersten Mal wurde "Vive la nation!" gerufen, die Nation setzte sich an die Stelle von Gott und König. Und gewann, aus Teamgeist sozusagen, wie la mannschaft.
Der Begriff "Nation" ist seither in dieser Gegend fast pausenlos bemüht worden, leider meist, um Menschen dazu zu bringen, Bajonetten, Granaten, Senfgas und Projektilen aller Art entgegenzulaufen. Nach Valmy durchquert die Tour die Schlachtfelder des vergangenen Jahrhunderts, des Ersten und des Zweiten Weltkriegs. In Verdun stehen vor der unterirdischen Zitadelle geisterhaft weiße Statuen. Es nieselt, aus einem Auto ruft jemand "C'est à nous!" und verschwindet. "Das gehört uns." Aber was? Die Festung, die Erinnerung? Und wer ist "wir"?

Flirey/Pont-à-Mousson (km 1271)

Überall, wo Frankreich ist, ist "Pont-à-Mousson", wenn auch nur als Inschrift auf den Gullydeckeln. Und sei es in Cayenne oder auf Martinique, in den Überseedepartements. Der Ort lebt vom Eisenguss. Der Hochofen an der Rue nationale qualmt auch noch, als gäbe es keine Krise. Die Halde hinter dem Werk ist mit Röhren gefüllt - "noch", ergänzt Gérard Rothermel, über sich eine Kastanie und unter sich eine gusseiserne Bank, made in Spain.
Rothermel nimmt übel. "Die Sechs-Meter-Röhren bauen sie jetzt in Deutschland. Die machen, was sie wollen." Er hat sein Leben lang Deckel gegossen. "Früher gingen wir pfeifend in die Fabrik. Jetzt herrscht nur noch Wettbewerb. Die Linken haben uns betrogen, die Rechten auch."
Rothermel schimpft auf die Steuern, aber hält es für normal, mit 56 in Rente zu gehen. Er mag sie nicht, die Rumhänger und Sozialtrickser, auch wenn er selbst den Wohlfahrtsstaat braucht, von Sozialwohnung bis Gesundheitssystem. "Petit blanc" nennen ihn die Soziologen, kleiner Weißer. Sie meinen damit Leute, die nicht nachkommen mit den Veränderungen. Begriffe, die das Land ausmachten, sind hohl geworden. Bildung, Präsident, Armee, Nation, Arbeit. Wörter, die auch im Französischen gern groß geschrieben werden.

Mulhouse (km 1622)

Der liberale Intellektuelle Guy Sorman beschreibt das Frankreich als Kranken: "Krank an seinem Staat, an seiner Wirtschaft, seiner Erziehung und krank an seiner bis zum Exzess glorifizierten Vergangenheit, die nicht vergehen will."
Nation, Verdun, Valmy, Tour de France, die Nationalmannschaft, all das reicht nicht mehr, um La France zusammenzuhalten. Viele erkennen sich in der Republik und in ihrem Fundus an Ritualen, Dogmen, Hymnen, Glaubensbekenntnissen, Straßennamen nicht mehr wieder. Dabei sind es gute Prinzipien. Universell und jedem vertraut. Es wäre schön, in Deutschland so viele "Straßen der Freiheit" zu haben. Für viele Franzosen scheinen diese Begriffe etwas Hohles an sich zu haben. Sie fühlen sich darin nicht mehr zu Hause. Aber was an ihre Stelle setzen?
Der Einlauf zum Etappenziel passiert die Rue de la Marseillaise und streift auch Samir Ayeds Lebensmittelpunkt, das "Paradise", Café und Bar, lärmender Treffpunkt so ziemlich aller arabischen und afrikanischen Einwandererkinder, die braven Bürgern durch die Albträume ziehen.
"Freiheitgleichheitbrüderlichkeit? Habe ich noch nicht erlebt. Hör mal, was ich dir sage." Es gebe nur Freiheit der Finanzströme, Gleichheit der EU-Normen und Brüderlichkeit der grenzenlosen Globalisierung. Das sind nicht Samirs Worte. Aber ungefähr so ließe sich der Schwall aus Sätzen, Theorien, echten und falschen Wahrheiten zusammenfassen. "Die Franzosen sind tapettes, Weicheier. Sie lassen sich ihr Land wegnehmen. Von der EU, von den Chinesen, von denen, die wirklich die Fäden ziehen. Verstehst du?"
Samir und seine Kumpel, aus Marokko, Algerien, der Türkei, sind wütend, weil Frankreich sie nicht akzeptiert, und wütend, weil Frankreich vor die Hunde geht.
Sie gehen in Freiburg, jenseits der Grenze, in die Disco und machen lieber dort ihre Geschäfte: "Da werden wir respektiert." In Frankreich werde einem das Abitur hinterhergeworfen, es gebe zu viele Steuern, zu viele Rumänen und Profiteure. "Und wir müssen zahlen. C'est fini la France", sagt Samir, und seine letzten Sätze klingen schon sehr gut integriert.

Yzeron (km 2104,5)

Man sieht hier im Hinterland kein Elend, es ist eher eine gewisse Stille, die auffällt. Viele Häuser mit verschlossenen Fensterläden, viele Schilder "Zu verkaufen", ganze Straßenzüge, wo als einzige Seele weit und breit abends um sechs eine Rentnerin die Hecke stutzt. Und im Mitteilungsblatt, unter der Rubrik "Etat civil", ist die Liste der Todesfälle dreimal so lang wie die der Geburten. Frankreichs hohe Geburtenrate macht sich hier nicht bemerkbar.
Die Tour hat sich durch die Alpen gequält und balanciert nun oberhalb von Rhône und Lyon am Rande des Zentralmassivs, rasend schnell vorbei auch am Bistrot "Zum kleinen Reporter", ehemals "Café du Midi", wo die Lamberts, genannt Cacotte und Cacou, seit 19 Jahren an den Töpfen stehen. Josiane und Jean-Pierre Lambert kochen jeden Tag für die Dörfler und die paar Handwerker, ein Tagesgericht für zwölf Euro, mit Produkten aus der Gegend. Kalb, Ziegenkäse, Andouillette, Beeren aus Thurins.
Geschätzt 70 Prozent aller Restaurants Frankreichs benutzen Tiefgekühltes in der Küche, stand kürzlich in der New York Times, Zeichen für den Niedergang auch der Cuisine. Lambert sagt: "Es ist entscheidend, ob es schmeckt." Und vielleicht seien auch die amerikanischen Touristen mit schuld an dem, was in Paris auf den Tellern angerichtet werde. "Oder?"
Josiane hat Angst vorm Fliegen, aber Jean-Pierre ist vor Kurzem mit der Freiwilligen Feuerwehr nach Kuba geflogen, und beide verstehen das Wort "Krise" nicht: "Es gibt hier in den Bergen immer noch Bauern, die gut über die Runden kommen. Man lebt."
Die Lamberts sind eine Art Quantenphänomen, nur existent, wenn man hinschaut, für den Augenblick eines vorbeijagenden Pelotons, und dann wieder abgetaucht in ein anderes Universum.
Jeder vierte Franzose lebt in einer der 31 590 Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern. Stärker als in Deutschland hängen diese Menschen an dem, was sie "terroir" nennen. Der besondere Ort, an dem man lebt. Für den einen ist es "Klein-Russland", für den anderen die Siedlung am Hochofen oder Zikadenraspeln und Mimosenduft. Und sie merken, dass irgendetwas diese Räume infrage stellt.
Die digitale Revolution schaffe "einen neuen Raum", einen Nicht-Raum ohne Distanzen. Das sagte, Ende Januar an der Sorbonne, Michel Serres, der Patriarch unter den Intellektuellen des Landes. Diese Revolution sei keine französische, führt der britische Kolumnist Roger Cohen den Gedanken weiter: "Sie ist tatsächlich eine antifranzösische Revolution. Sie stellt die Grundwerte der Franzosen infrage, ihr Selbstverständnis und ihre Bindung an den Staat."
Vielleicht rührt daher das Murren und Klagen, das Leiden entlang der Tour. Man lebt nebeneinander her, beäugt sich misstrauisch und klagt gleichzeitig über die Kälte zwischen den Menschen. "Früher gingen wir pfeifend zur Arbeit." Und warfen mit Kohlebrocken nach den CRS.

Saint-Rémy-de-Provence (km 3038)

Stéphane Paillard handelt mit Weingütern wie andere mit Weinflaschen. Bordeaux, Rhône, Burgund, Provence, er hat Châteaux für jeden Geschmack im Portfolio, ab drei Millionen Euro aufwärts. Wer auf seine alten Tage ein Stück 17. Jahrhundert mit 200 Hektar Olivenhainen und Rebenhügeln braucht, als Sichtschutz gegen die Gegenwart, der bekommt es bei Paillard.
Vor der Vitrine flanieren ältere Amerikanerinnen, sie bewundern die Farben van Goghs. Das Licht! Die Platanen! Saint-Rémy ist Vintage-Frankreich, mancher würde es schon Hardcore nennen. "Hier in den Alpilles finden sich einige der größten Vermögen des Planeten", sagt Paillard. Gerade Amerikaner seien schier süchtig nach der Provence.
Sein Geschäft mit Weinbergen geht entsprechend gut. "Seit einigen Jahren allerdings bemerke ich eine gewisse Zurückhaltung internationaler Kunden, was Anlagen in Frankreich betrifft. Die Regierung, Sie wissen." Zum Glück mache der Wein da eine Ausnahme: "Der Euro ist vielleicht nicht von Dauer, der Wein schon."
Dennoch spürt Paillard, dass sich etwas ändert, selbst im Idyll der Provence. Es sind Kleinigkeiten. Da liegen Felsbrocken vor der Vitrine eines Elektrogeschäfts, damit keiner mit dem SUV den Laden ausräumt. Da muss man beim Bäcker das Geld in einen Automaten schieben, aus Sicherheitsgründen. Aus Angst.
"Es ist die größte Verunsicherung seit 20, 30 Jahren. Selbst in meiner Branche, da werden Zusagen nicht eingehalten, es wird kopiert, getrickst und gefeilscht. Ich habe Schlimmes erlebt." Er macht, neben der Regierung, das Internet dafür verantwortlich.

Beaucaire (km 3056)

Als im März die Rathäuser neu besetzt wurden, war die Strecke der Tour bereits gelegt. Da konnte man Beaucaire schlecht wieder streichen. Eine der acht Städte mit mehr als 10 000 Einwohnern, in denen der Front national im zweiten Wahlgang die Mehrheit bekam.
Auf einem Stuhl im Büro des neuen Bürgermeisters stapeln sich sieben Ordner. "Darin sind 200 Bewerbungen für einen Posten im Rathaus." Mit dem alten System von Kumpanei und Gottvertrauen in den Staat werde jetzt aufgeräumt. Das sagt Julien Sanchez. 30 Jahre alt, bisher Sprecher von Marine Le Pen. Ein sanfter Radikaler. Das Bild von Präsident Hollande durfte hängen bleiben.
"Ich bin nicht von hier, komme aus Paris und habe gesagt, dass es keinen Zuschuss mehr für den Stierkampf geben wird. Ich hätte nach gängigen Kriterien eigentlich nie gewählt werden dürfen. Aber es hat sich als Vorteil herausgestellt, gerade nicht Teil des Filzes hier zu sein."
Der alte Bürgermeister, ein Sozialist unter neuem Etikett, hatte die Stadt mit Millionenschulden zurückgelassen. Aber Sanchez siegte auch, weil Bürgerliche und Linke in der Stichwahl getrennt antraten.
Es war ein Votum des Überdrusses, ohne Begeisterung. Anders als früher sieht man den Flammen-Aufkleber des Front national nicht mehr an jeder Platane im Süden. Die Kommunen klagen jetzt öfter wegen Landschaftsverschandelung.
Beaucaire ist eine Stadt aus Muschelkalk und klaren Schatten. Eine Deichmauer schützt gegen die Fluten der Rhône, die Mauern und die Zitadelle schützen gegen den Mistral, manchmal gegen die Sarazenen und sonstige Invasionen. In der Altstadt wohnen Nordafrikaner und Roma, am Stadtrand ... - "Ja, ja, ja. Die armen zurückgestoßenen Maghrebiner. Und die bornierten Franzosen in ihren Einfamilienhäusern. Die alte Leier. Aber das ist Quatsch."
Sylvestre Balit sagt, er müsse das wissen, denn sein Vater komme selbst aus Algerien. Die Franzosen, die zu Kolonialzeiten in Algerien lebten und nach der Unabhängigkeit den Verlust ihrer Heimat beklagten, waren die ersten Wähler des Front national. Heute ist die Partei wählbar für alle, die wütend sind und ängstlich.
"Das Land ist eine Kloake. Die Sozis haben mir den Arm bis hier", er tippt sich auf die Schulter, "reingesteckt. Pöstchen für Araber und Genossen. Das ist kein Rassismus, mein Freund, das ist Er-Fah-Rung. Humanismus ist eine schöne Idee, aber der braucht Regeln. Sonst ist Dschungel."
Sylvestre Balit ist jetzt 54 Jahre alt, ein ehemaliger Fallschirmjäger und seither nicht ganz auf den Boden gekommen. Seine Freundin steht jeden Morgen um vier Uhr auf, sechs Tage die Woche, und arbeitet im Supermarkt. Für ihn ist sie "eine Heldin" in Frankreich. Zumal er unterdessen im Café auf bessere Zeiten warten kann. "Ich habe mit zwei Kameraden gesprochen", sagt er und senkt die Stimme: "In zwei Regimentern wird derzeit über einen Putsch geredet. C'est fini la France."

Col du Tourmalet (km 3213,5)

Auf dem mit 2115 Metern zweithöchsten und legendenreichsten Punkt dieser Tour weht überraschenderweise keine Trikolore. Dafür weidet, ein wenig oberhalb der Passstraße, eine Schafherde. Manchen Tieren ist das Fell blau eingesprüht, anderen rot, manche sind weiß geblieben. Schwarze sind auch darunter, und ein guter Teil der Herde trägt ein eingezirkeltes A auf dem Hinterteil. Es fehlt eigentlich nur noch ein Schäfer, der sagt: "Das ist Frankreich."
Nein. Das A stehe nicht für Anarchie, sondern für seinen Nachnamen, sagt Eric Abadie, der Hirte dieser trikoloren Herde. Er trägt tatsächlich eine Baskenmütze. "Warum hier keine Nationalfahne hängt? Ich sage es Ihnen. Keine Müllabfuhr - keine Trikolore. Die haben uns hier oben vergessen."
Vielleicht liegt es an der Höhenluft, aber Abadie hat ansonsten ein angenehm entspanntes Verhältnis zur Welt und zur Nation im Besonderen. Er sagt: "Ich habe alle hier vorbeifahren sehen. Armstrong. Ullrich. Pantani. Jalabert. Erst waren sie Könige und dann plötzlich Betrüger. So ist es überall. Ich kann verstehen, wenn jetzt alle auf die Politiker einschlagen. Nur, wir haben keine anderen."

Eymet (km 3433)

Vor den Pyrenäen liegt ein Land von friedlicher, strukturbedingter Leere, lange Strecken so entvölkert, als rollte man durch den Norden Kanadas. Man sieht teuer restaurierte Bauernhöfe und Rentnerpavillons und halb zugewachsene Gemäuer mit aufgebockten Autowracks davor. Manche Dörfer scheinen nur noch von diversen Formen des Ausstiegs zu leben.
"It's less stressful here", sagt Tracey Griffin. Sie stammt aus Warwickshire und steht hinter dem Tresen des Café de Paris. Für gut 40 Euro fliegt man von den britischen Midlands bis nach Bergerac. Seit die Engländer entdeckt haben, dass man Enten nicht nur schießen, sondern auch stopfen kann, haben sie sich weiträumig im Périgord eingekauft. Eymet ähnelt inzwischen einer Kulisse aus Stratford-upon-Avon. Ohne die Engländer wäre die Stadt tot.
Es gibt eine englische Zeitung, The Bugle, und eine Kricketmannschaft, die Dorking Dads. Tracey Griffin fühlt sich wohl hier. Das Essen, sagt sie, die Leute. Sie hat gelernt, "fromage de chèvre" auszusprechen. "Nein, der Dorfplatz ist nicht britisch", sagt sie. "Da sind die Neuseeländer."
Die Firma Peugeot hat Chinesen als Miteigentümer, Renault ist beinahe rumänischer und japanischer als französisch. Der Zementkonzern Lafarge zieht in die Schweiz. Alstoms Energiesparte ging gerade an General Electric, auch wenn der Minister das als Glanzstück nationaler Industriepolitik verkauft.
Frankreichs Industrie hat in den letzten 20 Jahren mehr als eine Million Arbeitsplätze verloren. Der Tourismus trägt bald halb so viel zum Inlandsprodukt bei wie die ganze Industrie. Da fragt ein Wirtschaftsblatt: "Und wenn Frankreich der Vergnügungspark der Welt würde?"
Vergangenes Jahr sind rund 90 Millionen Touristen zum kranken Mann Europas, nach Frankreich, gekommen. Die meisten vermutlich freiwillig. Sie nehmen es hin, Kellnern zu begegnen, deren Fremdsprachenkenntnisse sich auf "Okay" beschränken. Sie finden es real French, wenn die Matratze ihres Drei-Sterne-Hotels aus den Zeiten de Gaulles stammt. Sie zahlen gern.
In dem Roman "Karte und Gebiet" beschreibt Michel Houellebecq ein Frankreich der Zukunft. "Das Land, das seine Einkünfte vor allem aus Landwirtschaft und Tourismus bezog, hatte die verschiedenen Krisen außerordentlich gut verkraftet." Alte Handwerke leben auf, Romantikhotels, Weingüter-Rundtouren und diskreter Sextourismus. Houellebecq ist von vielen als Schreckensvision gelesen worden, als Warnung. Nicht als Reiseprospekt.

Evry (km 3523)

Man überholt einander nicht mehr auf der letzten Etappe. Im Radsport wäre das schlechter Stil. In der Politik nicht.
Manuel Valls war elf Jahre lang in Evry Bürgermeister. Jetzt will er den Elysée-Palast, den Präsidentenpalast in der Nähe der Champs-Elysées. Das Finish. So wird es ihm nachgesagt. Im März musste François Hollande seinen Konkurrenten zum Premierminister ernennen, Valls, den harten Innenminister.
Valls will Frankreich mit entschlossenen Reformen aus der Depression führen. Evry ist sein Gesellenstück.
Evry war eine der neuen Zukunftsstädte im Umkreis von Paris. Ein Modell von etatistischem Urbanismus. Hier stehen keine abgefackelten Autos herum. Die Mülleimer werden geleert. Jede Ecke ist beschriftet. "Platz der Menschenrechte", "Bürgerstraße", "Transporthilfe für Ältere". Und ein Hinweis: "Sie betreten eine Zone der Protokollaufnahme durch Kameras." Es ist, als ob der Staat einem ständig etwas ins Ohr flüsterte.
Eislaufbahn, Schulen, Psychomedizinischer Dienst, Rekrutierungsbüro der Armee ... - "Es ist eigentlich alles da." Und dennoch fehlt Nelle Basse etwas. Sie ist jetzt 33 Jahre alt, hat einen Job als Stylistin in dem Mega-Einkaufszentrum, das Evry als Stadtmitte dient. Ihr Mann spricht sechs Sprachen, muss aber als Flugbegleiter bei Air France arbeiten. Beide wollen bald weg, in den Senegal, wo sie herkommt.
"Die Concierge in meinem Wohnhaus mag keine Schwarzen. Dabei ist sie selbst keine Französin. Wenn wir zur Familie meines Mannes in die Provinz fahren, wollen sie meine Haut anfassen. So ist das."
Eigentlich kann jeder Zuwanderer auch Bürger werden, wenn er sich die Werte und die Kultur der République Française aneignet. Für Nelle Basse ist damit noch nichts gewonnen: "Republik? Das ist nur ein Wort, ganz leer", sagt sie. "Ich habe in den 15 Jahren hier keine Freunde gefunden. Die Nachbarn grüße ich, das ist alles. Jeder bleibt in der Siedlung für sich, die Kongolesen und die Araber, die aus Mali, alle. Die Leute sind so gestresst. Jeder fühlt sich sicher, aber so allein."

Champs-Elysées, Paris (km 3660,5)

Nachts um eins kramt ein auffällig eleganter Herr durch die jüngsten Politikbücher am rund um die Uhr geöffneten Drugstore Publicis. "Welch großartiges Land, in dem man schreiben kann, was für ein kompletter Idiot doch der Staatspräsident ist", sagt der Mann und hält einen entsprechenden Titel hoch.
Philippe Jean Crijns kennt die Sarkozys, ist im Kosmetikbereich tätig und von Geburt Belgier. Als Adresse hat er "25, Avenue des Champs-Elysées". Das Stadtpalais gehörte einst der Marquise de Païva, einer Luxuskokotte des Second Empire, die später einen Verwandten Bismarcks heiratete. "In Frankreich wird man nicht zum Präsidenten gewählt, weil die Leute einen wollen, sondern weil sie jemand anderen loswerden wollen."
Crijns zeigt auf ein Buch, das eine neue Revolution vorhersagt. Draußen auf dem Boulevard tummeln sich ungerührt die Touristen. "Alle lieben Frankreich", sagt er. "Außer den Franzosen."
Am nächsten Morgen, dem Nationalfeiertag, steht Crijns auf dem Balkon des Païva-Palais und schaut auf das Defilee hinunter. Der Staatspräsident steht in einem Wagen klein und eingezwängt zwischen den Militärs, und überall, wo er vorbeifährt, wird gebuht und gepfiffen. Ein "normaler Präsident" hatte er sein wollen. Aber das wollen die Bürger nicht, Normalität. Sie wollen einen außergewöhnlichen Präsidenten, der ihrer würdig ist. Sie wollen, dass alles besser wird und alles gleich bleibt.
"Krisen gibt es nicht", meint Crijns, "nur Veränderungen. Nirgendwo sonst gibt es so viel Geschichte wie in Frankreich. Da schmerzt jeder Schritt. C'est évident."
Die Tour de France mag das wahre und ursprüngliche Frankreich feiern wollen. Sie endet dort, wo immer noch alles hinführt. Und wo gern auch die Ursache jeder malaise vermutet wird.
Am 27. Juli wird die Tour wie immer in Paris mit mehreren Runden um den Triumphbogen enden. Vorher passieren die Fahrer den Elysée-Palast und den Concorde-Platz mit jener Frauenstatue, vor der an einem Wintertag 1793 einem König der Kopf abgeschnitten wurde und sich eine Wunde öffnete, von der sich das Land nie ganz erholt hat. Sonst würde es diesen Normalbürger an seiner Spitze nicht so inbrünstig verachten.
Fotos Maurice Weiss
Von Alexander Smoltczyk

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