28.07.2014

Ein Freiraum für Kritik

Eine linke Minderheit Berliner Israelis spricht sich offen gegen Netanjahus Gaza-Offensive aus.
Ofri Ilany war gerade auf dem Heimweg zu seiner Wohnung in Berlin-Kreuzberg, da vibrierte das Smartphone des Israeli: eine Warnung vor Hamas-Raketen auf Tel Aviv. Auf Facebook las er, dass seine Freunde in Luftschutzbunker flüchteten. Dann hörte der 35-Jährige einen Knall, dann noch einen. Es dauerte einen Moment, bis er begriff, dass nicht Hamas-Raketen den Lärm verursachten, sondern Böller deutscher Fußballfans. Deutschland hatte bei der Weltmeisterschaft gerade das 5:0 gegen Brasilien geschossen.
Wie Ilany kamen in den vergangenen Jahren Tausende junge Israelis ins hippe Berlin: Wissenschaftler und Studenten, Künstler und Musiker, IT-Entwickler und Unternehmer. Ihre Großeltern hatten deutsche Konzentrationslager überlebt und boykottierten deutsche Produkte.
Sie, die Nachgeborenen, sahen die Kunstszene, die Start-ups, die günstigen Mieten. Und in Berlin schien ein Leben möglich, das in Tel Aviv niemand führen kann: ohne heulende Sirenen, ohne bewaffnete Sicherheitsleute, ohne Panik beim Anblick herrenlosen Gepäcks. Ein Leben, das nicht ständig von Angst begleitet ist.
Doch mit jeder Eskalation in Nahost wird klar: Die Krise holt die Menschen ein, die Konflikte der Heimat sind mitgezogen. Das zeigt sich in der Sorge um die Freunde und Familien in Israel, aber auch bei den Gaza-Demonstrationen in deutschen Städten, auf denen Protestler antisemitische Slogans brüllen.
Die meisten im Ausland lebenden Israelis diskutieren nicht gern über Politik, viele sind ja gerade weggegangen, um nicht jeden Tag zu erleben, wie politische Fragen den Alltag bestimmen. Die Ansichten der Berliner Israelis sind so vielfältig wie ihr Hintergrund, trotzdem steht eine Mehrheit hinter der Regierung, auch in der Kriegsfrage. In Israel unterstützen laut Umfragen sogar zwischen 80 und 90 Prozent der Bevölkerung die Operation "Fels in der Brandung".
Ofri Ilany gehört zu jenen, die ein Ende des Einsatzes im Gaza-Streifen fordern. Am 16. Juli hat der Historiker an einer Gaza-Solidaritätsdemonstration in Berlin-Mitte teilgenommen. In der Facebook-Gruppe der Israelis in Berlin löste die Ankündigung, dass Landsleute eine Gaza-Solidaritätsdemo mitorganisieren, einen Schlagabtausch aus. Nicht wenige Nutzer legten den Organisatoren nahe, doch "gleich in den Gaza-Streifen zu gehen".
Ilany demonstrierte trotzdem. Er und seine Mitstreiter trugen Transparente, auf denen stand: "Nicht in meinem Namen" und "Wir weigern uns, Feinde zu sein". Am Hackeschen Markt hielten alle Demonstranten Blätter mit Namen getöteter Palästinenser hoch.
Solche Proteste wären in Israel im Moment kaum vorstellbar, sagt Ilany. Das erzählten ihm jedenfalls seine Freunde. In Haifa und selbst im liberalen Tel Aviv haben regierungsnahe rechte Schläger linke Demonstranten angegriffen. Regierungskritiker würden in Israel im Moment bedroht und geschmäht. In Berlin, sagt Ilany, gebe es für ihn und andere einen sicheren Raum für Kritik, der in seiner Heimat zunehmend verloren gehe. Er sagt, er fühle sich von rechter Gewalt in Israel mehr bedroht als von muslimischem Antisemitismus in Europa - vorgehen müsse man gegen beides.
Ilany hat über Bibelforschung in der deutschen Aufklärung promoviert und ist seit einem Jahr Postdoktorand an der Humboldt-Universität. Wenn sein Vertrag ausläuft, kehrt er wohl zurück, auch wenn seine Berliner Freunde davon abraten. "Die witzeln dann: ,Zurück nach Israel? Das ist doch Hardcore.'" Trotz der politischen Lage vermisst Ilany seine Heimat. "Ja, ich kritisiere viele Aspekte der israelischen Kultur", sagt er, "aber ich bin immer noch mit ihr verbunden. Ich bin ein Produkt Israels."
Wie viele Israelis geht Ilany gern zu einem Imbiss in der Neuköllner Sonnenallee. Im "Azzam" wird Hummus serviert, fast wie zu Hause. Der Besitzer ist Palästinenser, sein Lokal war noch nie frei von Politik, aber jetzt drehen sich die Gespräche nur um die Raketen, den von der Hamas verschleppten Soldaten, die Tunnel. Die Stimmung habe sich verändert, sagt Ilany.
Dana Rothschild, Studentin der jüdischen Religionsphilosophie in Potsdam, kommt noch immer gern ins Azzam. Die 35-jährige Israelin, die vor zwei Jahren nach Neukölln zog, war eine der Organisatorinnen der Solidaritätsdemo für Gaza. Sie sagt: "Ich bin gegen die Angriffe auf Gaza und auch gegen die Hamas. Das ist eine terroristische Organisation." Die israelische Regierung wolle mit den militärischen Aktionen von innenpolitischen Problemen ablenken. Sie habe Tel Aviv verlassen, weil sie sich das Leben dort trotz Vollzeitjob nicht mehr leisten konnte. Mieten und Immobilienpreise sind in den letzten Jahren explodiert. Die Siedlungspolitik der Regierung sei für die Misere der israelischen Mittelschicht verantwortlich, glaubt Rothschild. Die Steuern gingen in die besetzten Gebiete, der Rest des Landes leide.
Auch Etay Naor, 33, demonstrierte in Berlin-Mitte. In Israel hatte sich der Werbetexter für Hadasch engagiert, ein linkes jüdisch-arabisches Bündnis mit vier Sitzen in der Knesset. Heute lebt Naor in Neukölln und fordert eine entschlossene Bekämpfung jeglichen Antisemitismus. Er sagt aber auch, dass er in Israel für seine Haltung "schon mal mit Eiern beworfen und angespuckt wurde", die Gewalt gegen Leute mit seiner Einstellung habe seitdem noch zugenommen. Israel könne "sehr deprimierend sein, wenn man ein Linker ist", sagt Naor.
Vor vier Jahren zog er nach Berlin, um eine Pause von Israel zu machen. Er will noch bleiben.
Von Pavel Lokshin

DER SPIEGEL 31/2014
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