28.07.2014

VerbrechenPerfektes Zeugnis

Eine Hebamme in München soll versucht haben, vier Mütter zu töten. Dass sie schon früher auffällig war, nahm niemand ernst genug.
Vier Frauen sind es, denen die moderne Geburtshilfe im Münchner Universitätsklinikum Großhadern zum Mutterglück verholfen hat. Frauen, von denen einige nicht gewusst hatten, ob sie jemals ein Kind würden austragen können, da ihr Blut nicht so rasch gerinnt wie bei gesunden Menschen.
Die Gynäkologen an der Uni-Klinik konnten helfen. Mit Medikamenten und häufiger Kontrolle schafften es alle vier bis zur Entbindung in diesem Frühjahr, eine Frau war mit Zwillingen schwanger. Die Mütter kamen in den Kreißsaal, wegen der Risikoschwangerschaften war bei allen ein Kaiserschnitt nötig.
Doch dort sollen sie, so behauptet es die Münchner Staatsanwaltschaft, jener Frau begegnet sein, die sie ermorden wollte. Vor dem Kaiserschnitt soll die 33-jährige Hebamme Regina K. heimlich den Gerinnungshemmer Heparin in eine Infusionsflasche der Patientinnen gespritzt haben, in einem Fall 25 000 Einheiten. Als die Ärzte ihren Schnitt setzten und das neue Leben ans Licht holten, floss das Blut in Strömen und hörte nicht mehr auf.
Dass alle vier Mütter überlebten, dass ihre Kinder inzwischen gesund und munter zu Hause sind, ist dem raschen Handeln der Mediziner zu verdanken.
Stimmen die Erkenntnisse von Klinik und Staatsanwaltschaft, dann handelte die Täterin auf seltene Weise kaltblütig und perfide. Sie hätte in dem Moment zugeschlagen, in dem die Frauen ihr am meisten vertrauten und ihr wehrlos ausgeliefert waren. Regina K. wurde vorvergangenen Freitag verhaftet. Sie bestritt die Vorwürfe, später teilte sie auf Anraten ihrer Anwältin mit, sie werde sich nicht mehr äußern.
Die Ergebnisse der bisherigen Untersuchungen deuten darauf hin, dass zwei Mütter mit Blutplättchenmangel und zwei Frauen, deren Plazenta vor den Muttermund gewachsen war, von April bis Ende Juni Opfer von gefährlichen Heparingaben wurden. Bei ihnen soll der Stoff, den einige Schwangere als Thromboseprophylaxe bekommen, so starke Blutungen verursacht haben, dass bei einer Patientin über Nacht ein Tuch in der Bauchwunde platziert wurde, um das Blut aufzusaugen. Zwei Mütter konnten nur durch zahlreiche Transfusionen überleben.
Am 20. Juni war der Anästhesist Lorenz Frey misstrauisch geworden. Bei der dritten Patientin innerhalb weniger Wochen wollten sich Blutungen kaum stoppen lassen. Frey nutzte das Wochenende, um nachzuforschen, und ließ Blutproben der Mutter untersuchen. Die Werte nährten den Verdacht, dass ihr jemand Heparin verabreicht hatte.
In der Datenbank des Perinatalzentrums stießen Frey und der Leiter der Geburtshilfe, Uwe Hasbargen, auf zwei weitere Kaiserschnittpatientinnen, bei denen die Blutgerinnung ebenfalls lebensgefährlich gestört war. Sie verglichen die Dienstpläne und sahen, dass nur eine Person bei allen drei Operationen im Kreißsaal war: die Hebamme Regina K. Noch bevor die Ärzte ihren Verdacht erhärten konnten, ereignete sich der nächste Fall.
Am 25. Juni wäre eine Gebärende bei einem Kaiserschnitt erneut fast verblutet. Wieder war Hebamme K. im Kreißsaal dabei. Hasbargen ließ alle Schläuche, Infusionsflaschen und Proben sichern.
Kurz darauf befassten sich Rechtsmediziner mit den Beweismitteln. Da war Regina K. bereits in den Urlaub gereist. Ein Speziallabor in Frankfurt am Main lieferte schließlich den Beweis für die Manipulation mit dem Gerinnungshemmer. Heparin war einem Antibiotikum beigemischt worden.
Die Klinik erstattete Strafanzeige gegen Regina K. Die Staatsanwaltschaft prüft derzeit, ob der Vorwurf des vierfachen versuchten Mordes auf neun Fälle erweitert werden muss. Denn dass die Neugeborenen durch die Manipulationen ebenfalls in Lebensgefahr gerieten, ist nicht ausgeschlossen. Normalerweise verhindert eine Schranke im Mutterkuchen, dass Heparin vom Blutkreislauf der Mutter auf den Kreislauf des Kindes übergeht. Die Babys hätten jedoch durch einen Blutungsschock der Mutter sterben können.
Im Klinikum Großhadern, einer der größten Geburtskliniken Deutschlands mit rund 4500 Entbindungen jährlich, stehen Ärzte, Hebammen und Pfleger unter Schock. Denn obwohl die verantwortlichen Mediziner das Verbrechen durch kriminalistische Kleinarbeit selbst aufdeckten und zusammen mit Polizei und Staatsanwälten die Ermittlungen vorantrieben, gibt es massive Kritik an der Klinik.
Denn Regina K., die 2012 nach München kam, war bereits an ihrer früheren Arbeitsstelle einer unzulässigen Medikamentengabe an Gebärende beschuldigt worden. Damals, sagt Hasbargen, habe es sich aber um eine "andere Substanzklasse" gehandelt. Das Medikament sei ohne Indikation eingesetzt worden. Wäre die Wirkung "nicht korrigiert" worden, hätte auch dort Gefahr für das Leben von Mutter und Kind bestanden.
Die Vorgesetzten von Regina K. an jener Klinik untersuchten den Vorfall damals. Es gab ein internes Verfahren, der Hebamme konnte jedoch keine Verfehlung nachgewiesen werden.
K. legte in München ein "perfektes Zeugnis" vor, wie die Uni-Klinik behauptet. Dennoch, die Vorgeschichte wurde vor eineinhalb Jahren in Großhadern bekannt. Die Leiter der Geburtsabteilung baten K. daraufhin zum Personalgespräch. Dabei, so der Direktor der Frauenklinik Klaus Friese, habe sie alle Bedenken ausräumen können. K. habe argumentiert, dass sie ja wohl kaum ein derart gutes Zeugnis bekommen hätte, wenn die Vorwürfe gestimmt hätten. Das überzeugte offenbar die Vorgesetzten in Großhadern.
Ob sie bei früheren Arbeitgebern, unter anderem Kliniken in Bad Soden und in Kiel, nachgehakt haben, wollen die Münchner Ärzte nicht sagen. Das macht nun die Staatsanwaltschaft.
Von Conny Neumann und Antje Windmann

DER SPIEGEL 31/2014
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