28.07.2014

HumorGroße Depression

Comedians und Kabarettisten brechen in ihren Shows die letzten Tabus. Ihre Späße über psychische Erkrankungen und körperliche Behinderung sollen nicht verletzen, sondern Ängste abbauen. Sogar der Tod macht Bühnenkarriere.
Typisch Tod, kommt wie immer im Leben zu früh. Im Treppenhaus steht er plötzlich vor einem. Er trägt eine schwarze Kutte und hat eine Sense dabei. Seine Hand ist warm, der Händedruck weich. "Ich habe Kaffee gekocht", sagt er mit hoher Stimme und bittet ins Büro seines Agenten.
Überhaupt ist der Tod ein prima Kerl, zuvorkommend und empfindsam. Das könnte daran liegen, dass er noch in der Ausbildung ist. Denn der Tod ist eigentlich ein Familienunternehmen, so erklärt er es, und er, der Junior, soll allmählich ins Geschäft hineinwachsen.
Wie es ihm dabei ergeht, erfährt man bei seinen Bühnenshows und im Buch "Mein Leben als Tod". Auf seinem YouTube-Kanal treibt er mit seiner Praktikantin Exitussi sein Unwesen, die Serie heißt "Todis Welt".
Seinen Job definiert er so: "Einer muss es ja machen, sonst würde die Erde vor Überbevölkerung explodieren. Immerhin hat man mit Menschen zu tun und kommt viel rum." Wer mit ihm die letzte Reise antritt, kann wählen zwischen Floß und Tunnel. Zuvor wird die "Best-of-your-life-Rückfilmschau" abgespult.
Man möchte dem Tod gern ins Gesicht lachen, aber er zeigt es an diesem Nachmittag nicht. Während der anderthalb Stunden, die das Gespräch mit ihm dauert, legt er die Kutte nicht ab und auch nicht die Strumpfmaske mit den Sehschlitzen, wie sie die Bankräuber bei "Aktenzeichen XY ... ungelöst" tragen.
Das Treffen in Berlin findet statt unter der Maßgabe, dass der Name des Comedians, der sich unter dem Kostüm verbirgt, nicht öffentlich wird. Von wegen Mythos und so. Bekannt werden darf: Er ist um die dreißig, den Tod spielte er erstmals 2011.
So lange dauerte es, bis sich ein deutscher Comedian anschickte, in dieser Rolle Karriere zu machen. Zwar gehört der Tod zu den ältesten Erfahrungen des Menschen. Aber in westlichen Gesellschaften wird er noch immer verdrängt.
Nun endlich darf der Tod lustig werden, der Weg ist frei, denn eine Reihe radikaler Komiker hat in den vergangenen Jahren die Humorgrenzen der Deutschen gesprengt.
Sozialer Stand, Religion, Herkunft - nichts scheint mehr unantastbar. Cindy aus Marzahn brachte die Unterschicht auf die Bühne, der jüdische Komiker Oliver Polak machte sich über den Umgang mit dem Holocaust lustig, Migranten-Comedians kübelten ihren Zuschauern die Vorurteile vor die Füße, mit denen sie sich täglich konfrontiert sehen.
Zu den verbliebenen Tabus gehörten Krankheit, Behinderung und Depression. Nun werden auch sie zum abendfüllenden Spaß, und mit ihnen der Tod, der ja nachweislich das Allerletzte ist. Der Comedian, der ihn spielt, setzt sich auch ernsthaft mit ihm auseinander. Besonders fasziniert ihn die mexikanische Tradition, für die Verstorbenen ein ausgelassenes dreitägiges Volksfest zu feiern, aus Dankbarkeit für die gemeinsam verbrachte Zeit. Seine Darstellung des Todes sieht er als Imagekampagne. Manchmal spielt er auch auf Betriebsfeiern von Bestattungsunternehmern.
Die Idee, aus dem Tod eine Comedy-Figur zu erschaffen, war ihm vor drei Jahren in einer Kinderkrebsklinik gekommen, als er die Tochter einer Bekannten besuchte. "Die Kinder malten Bilder vom Tod. Eines stellte ihn sich als goldenen Drachen vor. Ein anderes zeichnete ein Prinzessinnenschloss, so sah für sie das Paradies aus."
Außerdem wollte er allen Regisseuren, mit denen er gearbeitet hatte, zeigen, dass sie falschlagen. Die Mimik sei das Wichtigste, hatten sie immer gepredigt. Er wollte beweisen, dass es auch ohne geht.
Seiner Medienkarriere steht das allerdings im Weg. Talkshows wissen wenig mit ihm anzufangen. Die Redaktionen von Markus Lanz und Bettina Böttinger hatten sich zwar für ihn interessiert. Doch kam es nie zu einem Auftritt, weil der Tod sich weigert, ohne Maske aufzutreten.
Sein Manager, der auch Sarah Kuttner und Klaas Heufer-Umlauf betreut, fragt alle paar Monate bei ihm nach, ob er sich nicht doch mal ohne Verkleidung ins Fernsehen wagen wolle. Er sagt, er wolle das möglichst lange durchhalten; ähnlich wie der Sänger Cro, der bis heute nur als Panda maskiert auf die Bühne geht.
Zu seinen eindrücklichsten Erlebnissen zählt der Tod seine Auftritte in Hospizen. Er sagt, die Stimmung unter den Sterbenskranken sei jedes Mal gelöst. "Sie sind froh, wenn sie ihre letzten Tage auch fröhlich verbringen können."
Eine ähnliche Erfahrung hat Nico Semsrott gemacht. Wenn er nach seinen Auftritten mit Zuschauern spricht, verabschieden manche sich schon mal mit dem Hinweis, sie müssten zurück auf ihre psychiatrische Station. Vor einigen Wochen hat er zum ersten Mal auf Einladung einer psychiatrischen Klinik gespielt, im hessischen Eltville.
Semsrott, 28, macht Depressions-Comedy. Der Hamburger steht dann einen Abend lang wie geprügelt auf der Bühne, die Augen traurig, die Stimme monoton, und sagt Sätze wie: "Freude ist nur ein Mangel an Information." Oder: "Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber sie stirbt."
Manchmal erreichen ihn auch empörte Zuschriften. Witze über psychische Leiden seien unanständig, heißt es darin. Einer schrieb, er könne darüber gar nicht lachen: Er kenne jemanden, der sich umgebracht habe. Depressive allerdings beschwerten sich selten, sagt Semsrott. Sie empfänden seinen Humor als befreiend.
"Darf man über Depression Witze machen?", fragt er in seinem Bühnenprogramm. Und antwortet: "Nein, man darf nicht. Man muss." Psychische Leiden seien schlimm. "Das Schlimmste ist aber, wenn man depressiv ist und keinen Humor hat."
Entstanden ist seine Show in einer Zeit, als er selbst unter Depressionen litt. "Ich lag nur im Bett und wusste nicht, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Ich fühlte mich schwach, einsam und ungeliebt."
Für einen Poetry-Slam, einen Dichterwettstreit auf offener Bühne, packte er alle Schwermut seines Lebens in einen Text. Auch Selbstmordgedanken kamen darin vor. Anfangs deklamierte er mit großem Ernst. Weil sich das so schrecklich anhörte, gab er dem Ganzen nach den ersten Auftritten einen lustigen Drall. Plötzlich war er Comedian, wurde in die ZDF-Satireshow "Neues aus der Anstalt" eingeladen und zu Stefan Raab. Eine eigene YouTube-Serie hat er in Vorbereitung.
Die Kapuze, die Semsrott bei jedem Auftritt trägt, war zunächst ein Schutz gegen seine große Unsicherheit. "Am Anfang war ich mit dieser ängstlichen Figur identisch. Heute bin ich privat glücklicherweise weit von ihr entfernt."
Auch die Chronologie seines Scheiterns hat ein Ende gefunden. "Früher habe ich immer alles gleich abgebrochen", sagt er. Sein Studium der Geschichte und Soziologie beendete er nach sechs Wochen. Praktika bei Zeit online, Spiegel online und der NDR-Satiresendung "Extra 3" zog er durch, innerlich hatte er aber bereits nach wenigen Tagen gekündigt.
Seine Komik versteht er als Systemkritik. Ebenso die ihr zugrunde liegende Krankheit. "Wenn man in dem kapitalistischen Betrieb vereinsamt, ist Depression die einzige Möglichkeit, sich zu wehren."
Ein neues Geschäftsmodell hat er im Kapitalismus dennoch entdeckt: Der Trübsalbläser verkauft jetzt Unglückskekse. Auf Zettelchen finden sich darin Weisheiten wie "Das Leben ist eine Krankheit, die per Sex übertragen wird und in jedem Fall tödlich endet." Oder: "Das Licht am Ende des Tunnels kann auch ein Zug sein."
Rainer Schmidt hingegen ist schon von Berufs wegen Optimist. Er ist evangelischer Pfarrer, leitete früher eine eigene Gemeinde. Seit 2010 arbeitet er am Pädagogisch-Theologischen Institut in Bonn, wo er Vorträge über die Teilhabe Behinderter am Gemeindeleben anbietet.
Schmidt, 49, kam ohne Unterarme zur Welt und blickt auf eine erfolgreiche Laufbahn als Sportler zurück. Bei den Paralympics gewann er viermal Gold im Tischtennis. Inzwischen ist er auch Kabarettist. Entstanden sind die Nummern aus seinen Vorträgen über das Zusammenleben mit Behinderten, die er derart launig gestaltet hatte, dass Zuhörer sich danach für das "tolle Kabarett" bedankten. Daraus entwickelte er ein abendfüllendes Programm.
Der Titel: "Däumchen drehen". Schmidt hat keine Finger. Nur einen Daumen, links. Gläser und Flaschen trägt er mit den Armstümpfen, so schreibt er auch. Sein Handy holt er mit dem Mund aus der Tasche.
Zu Beginn seiner Auftritte lässt er Zuschauer raten, was er ohne Hilfe nicht kann. Ruft jemand vorsichtig: "Kämmen?", zieht er einen Kamm heraus und frisiert sich. Bei "Allein anziehen?" kramt er einen Metallstab hervor mit zwei Krallen, die einen Reißverschluss öffnen können.
Bisweilen sind die Leute davon so ermutigt, dass sie rufen: "Den Hintern abwischen?" Schmidt versichert dann, auch dafür gebe es eine Hilfskonstruktion, auf die Vorführung bitte er zu verzichten.
Schmidts Programm besteht aus fiktiven Geschichten aus seinem Leben. Über seine Geburt sagt er: "Wenn du keine Arme hast, geht das wie der Korken aus der Sektflasche." Seine Oma habe ausgerufen: "Handwerker wird der mal nicht!"
Um Menschen die Angst im Umgang mit Behinderten zu nehmen, spielt er den Verschmitzten, der seine Defizite ausnutzt: "Früher habe ich mich manchmal mit dem Hut auf die Straße gesetzt. Nach einer Viertelstunde hatte ich so viel zusammen, dass ich alle meine Freunde zum Pizza-Essen einladen konnte."
Schmidt, der Theologe, sagt, Tabus seien eigentlich etwas Heiliges. Die verbotene Stadt. Der Harem des Sultans. "Absolute Tabus gibt es heute nicht mehr. Aber situative Tabus." Wenn ihm Zuschauer nach seiner Show einen Behindertenwitz erzählten, sei das okay. Wenn sich jemand einfach so über einen Behinderten lustig mache, natürlich nicht.
Vielleicht sind Schmidt und Kollegen ja ein Zeichen dafür, dass Deutschland im Umgang mit menschlichem Leid Fortschritte macht. Späße über Tod, Depression und Behinderung sollen ja nicht ausgrenzen. Sie machen nicht Personen lächerlich, sondern die Umstände, unter denen sie leben. Es gilt der Satz des Entertainers Thomas Hermanns: "Je größer ein Tabu, desto besser muss der Witz sein."
Ein Kabinettstückchen von Rainer Schmidt geht so, dass er sich auf der Bühne Handschuhe über die Armstümpfe streift. "Diese Möglichkeit habe ich erst im letzten Winter entdeckt", sagt er dazu. Seit er die Hände falten könne, würden auch beinahe all seine Gebete erhört.
Von Alexander Kühn

DER SPIEGEL 31/2014
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