11.08.2014

PresseAllein gegen den Mogul

Ein britischer Reporter brachte das Medienreich Rupert Murdochs ins Wanken - nun hat er darüber ein Buch geschrieben.
Fast alle guten Journalisten, sagt Nick Davies, seien getrieben von dem Bedürfnis, irgendein Trauma in ihrer Kindheit oder Jugend zu kompensieren. Bei ihm waren es die Schläge von Älteren. Seitdem verspürt er den Drang, durch Recherchen zurückzuschlagen, wenn jemand Macht besitzt und sie missbraucht.
Davies tritt durch die Eingangsschleuse der Guardian-Redaktion in London. Über fünf Jahre lang hat er Rupert Murdoch attackiert, den mächtigsten Medienunternehmer der Welt und letzten Tycoon des 20. Jahrhunderts. Es war eine zähe Schlacht. Am Ende musste Murdoch eine seiner erfolgreichsten Zeitungen in Großbritannien dichtmachen, die News of the World, und zusehen, wie ein Teil seines Imperiums vor Gericht zerpflückt wurde. Andy Coulson, einer von Murdochs Chefredakteuren und später Berater von Premierminister David Cameron, wurde Anfang Juli zu 18 Monaten Haft verurteilt.
Es war die Hartnäckigkeit von Nick Davies, die Scotland Yard überhaupt dazu brachte, die Methoden in Murdochs Reich genauer zu untersuchen. Davies hatte 2009 aufgedeckt, dass weitaus mehr Prominente als angenommen zu Opfern der News of the World geworden waren, weil Mitarbeiter der Zeitung illegal Handymailboxen abhörten und daraus Storys strickten. Die Zahl der Betroffenen geht in die Tausende, darunter sind Mitglieder der Königsfamilie, Politiker und Angehörige von Mordopfern.
Über seinen Kampf gegen Murdoch hat Davies ein Buch geschrieben, das gerade in Großbritannien erschienen ist(*). Er zeichnet darin das Sittenbild einer politisch-medialen Elite, die durch Gier und Furcht zusammengeschweißt ist: die Gier nach Macht und die Furcht, diese Macht zu verlieren. Im Zentrum des Netzwerks thront Rupert Murdoch, der Mogul. Murdoch genoss die Nähe zur Politik, sagt Nick Davies, weil die Kontakte dem Geschäft nutzten. Seine Emissäre übten etwa Druck auf die Regierung aus, als Murdoch seinen britischen Fernsehkonzern Sky
mit dem Konkurrenten BSB fusionieren wollte.
Davies fing 1979 beim Guardian als News-Reporter an, verließ die Zeitung fürs Fernsehen, kehrte aber Ende der Achtzigerjahre zurück. Seitdem arbeitet er als freier Mitarbeiter für das Blatt. Davies trägt meistens Jeans und Lederjacke wie ein alternder Cowboy. In der Redaktion gilt er als aggressiver Wühler und Informationsbeschaffer, der nicht loslässt, wenn ihn eine Geschichte reizt. 2010 überredete er Julian Assange in einem Brüsseler Café, den Vorrat an diplomatischen Depeschen, die WikiLeaks zugespielt wurden, mit dem Guardian zu teilen. Auch der SPIEGEL war an der Auswertung beteiligt.
Den Aufstieg Rupert Murdochs in Großbritannien beobachtete Davies fast von Anfang an, es begann Ende der Sechzigerjahre. 1969 kaufte Murdoch die Sonntagszeitung News of the World und kurz darauf die schwächelnde Sun, die er mit Sensationsgeschichten und viel nackter Haut zum Lieblings-Revolverblatt der Briten ausbaute. Beide Zeitungen unterstützten mit großem Lärm den Wahlkampf Margaret Thatchers, die 1979 in die Downing Street einzog. Wenig später kaufte Murdoch die konservative Qualitätszeitung Times und die Sunday Times.
Murdoch habe seinen Einfluss nicht aus offenen Drohungen oder Hinterzimmer-Deals gezogen, sagt Nick Davies, sondern aus der schieren Größe seines Imperiums. In den Achtzigerjahren hatte die News of the World eine Auflage um fünf Millionen, bis zur Schließung 2011 war sie die bestverkaufte Sonntagszeitung im Land und hochprofitabel. Dazu kommen die Sun und die Times. "Wenn eine dieser Zeitungen beschließt, dass du deren Feind bist, werden sie dich angreifen, Tag für Tag", sagt Davies. Die meisten Politiker haben aber Angst davor, dass der Mogul ihnen seine Unterstützung entzieht.
Jede Regierung sucht die Nähe Murdochs, ob die Konservativen an der Macht sind oder Labour. Auch Tony Blair verbesserte nach anfänglichen Reibereien das Verhältnis. Als vor drei Jahren der Druck auf Rebekah Brooks, die frühere Sun- und News of the World-Chefin und Vertraute Murdochs, größer wurde, bot Blair ihr per SMS seine Hilfe an.
Nick Davies sagt, Murdoch habe dazu beigetragen, den politischen Konsens im Königreich nach rechts zu rücken. Seine Blätter propagieren Privatisierungen und die radikale Deregulierung der Märkte. "Murdoch ist von einem fast pathologischen Bedürfnis getrieben, mehr Geld, mehr Macht anzuhäufen", sagt Davies.
Davies gehörte nie dem zynischen Londoner Machtnetzwerk aus Journalisten, PR-Beratern und Politikern an. Er lebt auf dem Land in East Sussex und fährt nur selten in die Stadt. Für sein Buch beschäftigte er ein Team von Journalisten, die ihm halfen, Gespräche mit Informanten anzubahnen. Am Ende verfügte er allein über 30 Quellen, die aus dem Innenleben der News of the World berichteten. Den zentralen Figuren aus Murdochs Reich kommt er dadurch so nah wie niemand zuvor.
Davies traf das Imperium an einer empfindlichen Stelle, aber es kollabierte nicht. Murdoch greift immer noch nach Macht, auch wenn er vergangene Woche sein 80-Milliarden-Dollar-Angebot für den Time- Warner-Konzern zurückzog. In Großbritannien erreichen seine Sun und die Times jede Woche über diverse Kanäle schätzungsweise 16 Millionen Menschen. Nick Davies sagt, er müsse sich jetzt zunächst um andere Geschichten kümmern. Der Kampf ist aber nicht vorbei.
* Nick Davies: "Hack Attack: How the truth caught up with Rupert Murdoch". Chatto & Windus, London; 448 Seiten; 20 Pfund.
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 33/2014
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