18.08.2014

Global VillageFerien in Sellamsi

Wie ein österreichischer Urlaubsort mit dem Ansturm arabischer Gäste zurechtkommt
Das Wetter sei grauslich, das gibt Frau Hörl gern zu, es schüttet seit Tagen, ein Tief von England, da kommt's ja her, das schlechte Wetter, und so prasselt es vom Himmel, tropft von den gelben Markisen am Café Moßhammer. Nebel hängt über dem See, und die Berge auf der anderen Uferseite, der Ronachkopf, der Hundstein, sie sind verschwunden hinter einer Wolkenwand. Die wenigen deutschen Urlauber werden verdrießlich; Dauerregen im Ferienort, eine Katastrophe, eigentlich.
Aber für manche Gäste nicht. "Für unsere arabischen Touristen", sagt Frau Hörl, "ist unser Klima wunderbar, die Kühle, das Grau, der Regen." Sabine Hörl ist Hotelchefin in Zell am See, stattlich, klug und warmherzig. Sie liebe ihre Arbeit, sagt sie, es gebe übrigens, bei 80 Zimmern und Vollauslastung, immer genug davon. "Vor allem in der Sommersaison, die ist a Volltreffer."
Zell am See ist ein adretter Ferienort im Salzburger Land, 9900 Einwohner, der Anteil der Wertschöpfung aus dem Tourismus liegt bei 75 Prozent. Der Schnee droben, der See drunten, deshalb kämen die Leute, sagt Sabine Hörl, eine heile Welt, jedenfalls auf den ersten Blick. Auf den zweiten ist Zell am See mehr als das, nämlich ein europäisches Multikulti-Labor - auf 9900 Einwohner kommen jeden Sommer, nach Ende des Ramadan, rund 70 000 arabische Touristen, und es stellt sich die Frage, wie das gehen kann. Und ob es gut geht. Oder ob die nette Frau Hörl nicht in einer Falle sitzt, an der sie selbst mitgebaut hat.
Die Gäste kommen aus Abu Dhabi und Dubai, aus Katar, Kuwait und Saudi-Arabien - und machen Zell am See einige Monate lang zu einer orientalischen Stadt. Arabische Kinder patschen durch Pfützen und fotografieren die schäumenden Gullys. Ihre Mütter umringen den Crêpes-Stand, tragen schwarze Burkas oder zumindest Kopftücher, beim Moßhammer sitzen saudische Männer in Galabija und Kufija. Und im Stadtmuseum stehen die arabischen Familien ratlos vor einer altertümlichen Skiausrüstung, die Kinder fragen den Vater nach dem Sinn dieser Dinger. Der weiß es aber auch nicht.
Abends gehen die Männer zum Teehaus "Istanbul", um eine Schischa, eine Wasserpfeife, zu rauchen. Etwas kühnere stehen kichernd vor dem "Dolls", der Tabledance-Bar an der Loferer Straße. Oder sie ziehen zum Kreml-Edwin in den "Kupferkessel", wo sie eine Flasche Chivas Regal bestellen. Der Kneipier, verblüfft, hat unlängst seine Gäste zu deren Alkoholkonsum befragt. "Sie sagten, wenn die Luft schwarz ist, also nachts, dann sieht Allah nicht, was man tut, und so kann man's natürlich mit dem Islam bequem aushalten!"
Es ist, als würden zwei Filme gleichzeitig aufgeführt: "Im weißen Rößl" und "Lawrence von Arabien". Aus dem Ortsnamen machen die arabischen Gäste übrigens "Sellamsi", guttural ausgesprochen und mit Betonung auf der zweiten Silbe.
"Wir haben hier eine Sommersaison geschaffen, aus dem Nichts, nur durch Mundpropaganda in den arabischen Ländern", sagt Sabine Hörl. "Natürlich haben wir auch Konflikte, aber ich sag immer, Konflikte san zum Lösen da."
Und es gibt tatsächlich welche. "Ich dachte eigentlich, ich mache Urlaub in Europa", sagt ein Deutscher; seine Frau fügt hinzu, sie komme sich fast nackt vor in ihrem kurzen Rock. Sie seien, so beide, das letzte Mal hier.
Die einheimischen Kritiker äußern sich nur vorsichtig, der Rassismus-Vorwurf liegt nah. Wenn man aber verspricht, ihren Namen nicht zu erwähnen, erzählen sie von der Arroganz der arabischen Gäste, die alle Verkehrsregeln missachteten, die sich im Restaurant ungehobelt benähmen, das Stadtbild veränderten. "Was nützt mir Profit, wenn ich mei' Heimat nit mehr erkenne?", so einer von ihnen.
Sabine Hörl kennt die Vorwürfe. Globalisierung brauche eben Zeit, sagt sie. Und überhaupt, die arabischen Touristen seien dankbar, wenn man ihnen die Regeln erkläre - "woher soll'n sie's denn sonst wissen?"
Asis Bin al-Schib zum Beispiel. Er sitzt teetrinkend auf der Terrasse des Grandhotels, mit seiner jungen Frau. Sie kommen aus Dschidda, Saudi-Arabien, es ist ihre Hochzeitsreise, ihre erste Reise in den seltsamen Westen.
Bin al-Schib ist 27 Jahre alt, Lehrer, ein freundlicher Mann mit schwarzem Vollbart. An Sellamsi, sagt er, liebe er das kühle Wetter - und dass seine verschleierte Frau nicht feindselig angeschaut werde. Sie sagt während des Gesprächs kein Wort. Sie sei übrigens seine erste Frau, erzählt Bin al-Schib, und wenn er eine zweite oder dritte Ehe eingehe, womit hoffentlich zu rechnen sei, werde er zur Hochzeitsreise wieder herkommen. Er sagt das ohne Zögern. Sie senkt den Blick.
Und so stellt sich in dem kleinen Zell am See eine große Frage - wie viel Fremdheit hält Europa aus?
Darauf hat Sabine Hörl ausnahmsweise keine Antwort. Dafür erzählt sie von Paaren, die nun bereits im fünften, sechsten Jahr kämen. Mit jedem Jahr seien sie lockerer geworden, die Frauen hätten jedes Mal mehr von ihrem Gesicht gezeigt. In diesem Jahr hat sie sogar ein Paar gesehen, das Händchen hielt, beim Spazierengehen. "Klingt wie gar nichts, i weiß", sagt Hörl, "aber Händchenhalten ist scho' a Riesenfortschritt."
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 34/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 34/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Global Village:
Ferien in Sellamsi

  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen
  • Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling