18.08.2014

TV-FilmeWürstchen an der Macht

US-Serien zeigen Politik als episches Drama. Im deutschen Fernsehen taugen die Regierenden meist nur zur Klamotte - wie jetzt bei Veronica Ferres als Kanzlerin.
Dieser Frau würde man nicht einmal einen Kaktus zur Pflege anvertrauen, dennoch trägt sie Sorge für ein ganzes Land. Wie sie an dessen Spitze gelangen konnte, ist ein Rätsel. Offenbar auch für sie selbst.
Wenn Bundeskanzlerin Anna Bremer über ihr Amt spricht, klingt das wie die Erklärung einer Dreijährigen: "Mein Beruf ist vielleicht etwas ungewöhnlich, zumindest gibt es ihn im ganzen Land nur einmal."
Was in der Welt los ist, erfährt Kanzlerin Bremer nicht etwa dank diplomatischer Beziehungen, sondern aus den Sat.1-Nachrichten. Erschreckt sie etwas, fällt ihr schon mal die Kaffeetasse aus der Hand. Ihr politisches Handeln besteht darin, im Gehen Briefe und Akten abzuzeichnen oder markige Sätze zu sagen wie: "Wir ziehen die Energiewende durch. Jetzt."
Die meiste Zeit jedoch zieht Kanzlerin Bremer gar nichts durch, sondern verläuft sich auf der Suche nach sich selbst. Ihr Ziel ist es, Beruf und Privates zu vereinen. Doch privat ist da nichts. Schon gar kein Mann. Als endlich einer aufkreuzt, ist der natürlich nicht irgendwer, sondern der französische Präsident, ein Schönling mit Pierre-Brice-Akzent, wodurch die TV-Komödie "Die Staatsaffäre" vollends zur Klamotte wird. In der Hauptrolle: Veronica Ferres, die Tränendrüse der Nation. Zu sehen im September auf Sat.1.
Man könnte über dieses peinliche Stückchen Fernsehkunst diskret hinwegsehen, wäre es nicht so symptomatisch für die Art, wie in deutschen TV-Filmen und Serien Macht dargestellt wird. Wie das hiesige Fernsehen sich gern um die Herausforderung herummogelt, etwas Substanzielles zur Gegenwart zu sagen. Und wie es erzählerisch kapituliert.
Im amerikanischen Fernsehen dürfen die fiktiven Präsidenten Schurken und Helden sein, echte Heilige und wahre Teufel - nur eines nicht: harmlos.
Kevin Spacey spielt seinen Frank Underwood in der Serie "House of Cards" als neomachiavellistisches Genie. Martin Sheen gab in "West Wing" seinen Josiah Bartlet als Ikone der Gerechtigkeit. Die verschiedenen Präsidenten in den acht Staffeln von "24" waren beides: mal kluge Retter der Nation wie Dennis Haysbert; mal Irre, die mit dem Leben von Millionen spielten.
Deutsches Fernsehen dagegen zeigt Kanzler und Kanzlerinnen, ja Politiker allgemein, als arme Würstchen. Bestenfalls handelt es sich um ein Würstchen in Dauererektion, so hatte der Schauspieler Matthias Brandt seinen weibstollen Bundespräsidentenanwärter neulich im ARD-Film "Männertreu" angelegt. Meist aber werden ahnungslose und blasse Gestalten präsentiert, die beim Zuschauer nicht einmal Ärger hervorrufen.
An den Darstellern allein liegt es sicher nicht. Denn egal, ob nun Manfred Zapatka im ARD-Drama "Spiele der Macht" (2005) den Regierungschef gab, Robert Atzorn in der ARD-Schmonzette "Küss mich, Kanzler"(2004) oder Klaus J. Behrendt in der ZDF-Serie "Kanzleramt" (2005). Ob 2007 Iris Berben die Kanzlerin spielte im Sat.1-Film "Frühstück mit einer Unbekannten" oder nun eben Ferres: Das Ergebnis ist stets dasselbe.
All diese Produktionen bleiben bei der Hälfte ihrer Möglichkeiten stecken. Entweder imitieren sie die Realität im Setzkastenformat, wie im ZDF-"Kanzleramt", in dem Behrendt das jovial-kumpelige Auftreten von Gerhard Schröder imitierte, allerdings ohne dessen unbändige Lust auf Macht. Oder sie unterbinden jegliche Fallhöhe, indem sie die Räume der Macht als Kulisse für eine handelsübliche Komödie missbrauchen.
Gutes Fernsehen erzählt immer auch von seinem Publikum, es berührt seine Emotionen, weiß von seinen Ängsten und Sehnsüchten. Gutes Fernsehen, das von Politik handelt, wüsste eben auch davon zu erzählen, wie wir Deutschen uns die Macht und die Mächtigen wünschen oder was wir an ihr und an ihnen fürchten. Die deutschen Filme wagen sich nicht einmal in die Nähe dieser Fragen.
Das hat viel zu tun mit der Körperlichkeit der Macht. Man muss sich nur ansehen, wie in den amerikanischen Produktionen die Kamera an den Präsidenten heranfährt, wie sie ihn nicht einfach nur im Oval Office, im räumlichen Zentrum der Macht, herumstehen lässt, sondern ihn selbst, seinen Körper, als eigentliches Zentrum der Macht anblickt. Wenn sich Kevin Spacey als Frank Underwood am Ende der zweiten Staffel von "House of Cards" hinter dem Schreibtisch aufrichtet, erhebt sich in ihm die gesamte Staatsgewalt.
Dieses Fernsehbild des 21. Jahrhunderts ist wie ein Nachhall der Theorie von den zwei Körpern des mittelalterlichen Königs, wie sie der deutsche Historiker Ernst Kantorowicz beschrieben hat. Der Herrscher ist demnach einerseits sterblicher Mensch wie alle, zugleich aber in seinem Amt auch die konkrete, anfassbare Verkörperung des Staates.
Auch im demokratischen Staat ist diese Spannung zwischen Funktion und Person der Ursprung aller Dramen. Der Mächtige, der sich selbst mit der Macht verwechselt, ihr nicht gewachsen ist oder von ihr nicht lassen kann, weil er ohne sie ein Niemand ist.
Im US-Fernsehen ist diese Spannung spürbar. Im deutschen Fernsehen ist sie nicht einmal zu erahnen. Übrig bleibt nur der sterbliche Teil des Mächtigen, der private, kleine, potenziell peinliche.
Das ist sogar dort so, wo aus realen Ereignissen Spielfilme destilliert werden. Etwa in den Sat.1-Produktionen über Karl-Theodor zu Guttenberg und Christian Wulff aus den vergangenen Jahren. Es sind zwei Verlierergeschichten, aber auch zwei Geschichten von Männern, die in ihren Ämtern sich selbst verlieren.
Wie Christian Wulff fröstelnd mit hochgeschlagenem Mantelkragen durch den Park stakst und mit einer PR-Beraterin über seine Zukunft räsoniert, die längst Vergangenheit ist; wie Guttenberg, im Film heißt er Donnersberg, am Frühstückstisch von einer Freundin Margarine ins Haar geschmiert bekommt und so zu seiner typischen Frisur kommt - das ist die Vorführung des Politikers als Flitzpiepe.
Natürlich haben es amerikanische Produzenten einfacher. Das Amt des US-Präsidenten ist eine verschwenderische Inszenierung, sie wird aufgeführt in herrschaftlichen Kulissen: im Oval Office, in der Präsidentenmaschine Air Force One, im Situation Room als Ort der verschlüsselten Kommunikation, im Sommersitz Camp David. Das Bild der deutschen Macht besteht fast nur aus Pressekonferenzen im Kanzleramt. Der Rest ist Talkshow.
Doch die deutschen TV-Filme bemühen sich nicht, die Strukturen hinter der Inszenierung erzählerisch ernst zu nehmen. Dabei funktionieren politische Serien nicht nur, wenn sie von einer Weltmacht handeln und die Hauptperson Flugzeugträger verschieben kann anstatt nur Beitragsbemessungsgrenzen. Dänemark hat mit "Borgen" eine exzellente Politikserie hervorgebracht. Und der dänische Regierungschef befehligt keine Arsenale von Atomraketen.
Doch "Borgen" nimmt die Macht ernst, es zeigt die Spannung zwischen Privatperson und Amt. Die Hauptperson Birgitte Nyborg ist ein glaubwürdiger politischer Charakter, der sich auf dem Weg zur Macht und durch die Macht verändert. Das eigentliche Wagnis aber ist, dass die Geschichte als politisches Märchen beginnt. Als eines, das die Sehnsüchte des Publikums nach einer anderen Art des Politikgeschäfts berührt.
Das wird einfach, aber intelligent erzählt. Nyborg gewinnt eine Wahl, weil sie im entscheidenden TV-Schlagabtausch die vorbereiteten Texte ihres PR-Strategen verwirft und eine ehrliche Rede hält. Und "Borgen" bleibt nicht beim Märchen, es wird zum Drama von Ideal und Wirklichkeit in der Politik.
In den deutschen Tralala-Filmen à la "Die Staatsaffäre" oder "Küss mich, Kanzler" sind am Ende immer alle verliebt, alle glücklich, haben für alles Verständnis. Die Kanzlerin bekommt den französischen Präsidenten, der Kanzler seine kasachische Putzfrau. Nur die Politik ist ihnen seltsam schnurz.
In "Borgen" verändert die Macht dagegen alles. Die Ehe der Politikerin zerschellt an der Realität des Amtes. Selbst für die idealistisch gestartete Nyborg geht es irgendwann nur noch um die Macht.
Zwar kennt auch die amerikanische Kultur das Genre der Präsidenten-Schmonzette, wie "Dave" oder "Hello, Mr. President", doch stehen ihnen viele Filme entgegen, die weit darüber hinauswachsen. Deutsche Fernsehfiktionen über die Macht dagegen werden ausnahmslos nach dem Würstchen-Prinzip gebaut.
Mit das Frappierendste ist, dass die deutschen Fernsehmacher regelmäßig beweisen, dass sie den filmischen Umgang mit den Dramaturgien der Macht beherrschen - wenn es ein wenig historischen Abstand gibt.
Da darf ein Kanzler Schmidt dann auch in deutschen Fernsehfilmen Stärke zeigen. Die Entführung Hanns Martin Schleyers und der Lufthansa-Maschine "Landshut", die Erpressung des Staats durch die RAF - das waren Stoffe für Heinrich Breloers Drama "Todesspiel" oder den ARD-Thriller "Mogadischu".
In Filmen wie "Deutschlandspiel" durfte Helmut Kohl im Ringen um die deutsche Einheit weltmännische Cleverness zeigen.
Doch wenn es um die Gegenwart geht, ringen Kanzler im Abendprogramm um nichts. Außer vielleicht um ihre Ehe oder die Vertuschung einer Affäre.
In den US-Politikserien wird in der Figur des Präsidenten stets die Frage mitverhandelt, wie sich Amerika selbst in der Welt sehen möchte. Meist lautet die Antwort: als starker Retter.
Die deutsche Antwort auf diese Frage war lange: Niemand soll mehr Angst vor Deutschland haben.
Und vielleicht zieht sich das deutsche Fernsehen immer wieder auf diese schmalbrüstigen Kanzlerfiguren und lebensuntüchtigen Kanzlerinnen zurück, weil es Deutschland vor allem als ungefährlich zeigen will.
Politisch mag das sympathisch sein, doch es ist dramaturgisch öde - und wahrscheinlich ist dieses Selbstbild nicht einmal mehr ehrlich.
In Wahrheit ist die Frage nach der Macht der Deutschen gerade eine der spannendsten. Die ökonomische Dominanz der Deutschen empfinden etwa die Länder Südeuropas schon länger als bedrohlich. Eine Kanzlerin, die als mächtigste Frau des Planeten gilt und mit dem russischen Präsidenten auf Konfrontationskurs geht, ist alles andere als harmlos. Und der Einsatz deutscher Soldaten in Kriegsgebieten ist jedenfalls kein Tabu mehr.
Das alles wäre genug Stoff für eine pralle Politserie, die das Verhältnis der Deutschen zur Macht neu auslotet. Ein Stoff, nach dem Fernsehmacher geradezu süchtig sein müssten. Und was macht das deutsche Fernsehen?
Der NDR arbeitet gerade an dem Film "Die Eisläuferin", der im kommenden Jahr ausgestrahlt werden soll. Iris Berben spielt darin zum zweiten Mal eine deutsche Regierungschefin. Der auf einem Roman basierenden Komödie gelingt das Kunststück, eine Staatsfrau zu zeichnen, die den geistigen Zustand der Ferres-Kanzlerin von Sat.1 noch dramatisch unterschreitet.
Schuld ist ein Bahnhofsschild, das der Kanzlerin im Urlaub auf den Kopf fällt, woraufhin sie ihr Gedächtnis verliert. Von da an müssen ihre Vertrauten ihr täglich neu erklären, was eigentlich ihr Job ist.
Von Markus Brauck und Alexander Kühn

DER SPIEGEL 34/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 34/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TV-Filme:
Würstchen an der Macht

Video 00:44

Zwischenfall in der NFL Pyromaschine fängt Feuer

  • Video "Toyota-Solarauto: Prototyp produziert Strom während der Fahrt" Video 01:07
    Toyota-Solarauto: Prototyp produziert Strom während der Fahrt
  • Video "Videoreportage zu Mobbing: Ganz oft haben welche zu mir 'Fette' gesagt" Video 08:28
    Videoreportage zu Mobbing: "Ganz oft haben welche zu mir 'Fette' gesagt"
  • Video "Videoumfrage zu Mobbing: Die haben mich bis nach Hause verfolgt" Video 03:43
    Videoumfrage zu Mobbing: "Die haben mich bis nach Hause verfolgt"
  • Video "US-Polizeivideo: Verfolgungsjagd endet im Mülleimer" Video 01:11
    US-Polizeivideo: Verfolgungsjagd endet im Mülleimer
  • Video "Unwetter in Spanien: Es war plötzlich alles überflutet" Video 01:32
    Unwetter in Spanien: "Es war plötzlich alles überflutet"
  • Video "Proteste in Hongkong: Die Briten sind moralisch dazu verpflichtet, zu helfen" Video 00:00
    Proteste in Hongkong: "Die Briten sind moralisch dazu verpflichtet, zu helfen"
  • Video "Webvideos der Woche: Truck landet auf Hausdach" Video 03:12
    Webvideos der Woche: Truck landet auf Hausdach
  • Video "Blaue Diät: Abnehm-Experiment mit Farben" Video 21:32
    Blaue Diät: Abnehm-Experiment mit Farben
  • Video "Automesse IAA: Klimaaktivisten blockieren Eingänge" Video 00:53
    Automesse IAA: Klimaaktivisten blockieren Eingänge
  • Video "Erosion an der Elfenbeinküste: Unsere Toten verlassen uns schon" Video 03:44
    Erosion an der Elfenbeinküste: "Unsere Toten verlassen uns schon"
  • Video "Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg" Video 02:13
    Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg
  • Video "Proteste gegen IAA: Tausende Demonstranten fordern klimaneutralen Verkehr bis 2035" Video 01:45
    Proteste gegen IAA: Tausende Demonstranten fordern klimaneutralen Verkehr bis 2035
  • Video "Volocopter: Flugtaxi-Versuch in Stuttgart geglückt" Video 01:40
    Volocopter: Flugtaxi-Versuch in Stuttgart geglückt
  • Video "Verblüffende Erklärung: Warum Trumps Gesicht (eigentlich nicht) orange ist" Video 02:01
    Verblüffende Erklärung: Warum Trumps Gesicht (eigentlich nicht) orange ist
  • Video "Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer" Video 00:44
    Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer