25.08.2014

PsychiatrieFlattern, quieken, zucken

Seit Jahren steigt in Amerika die Zahl der Autisten. Neurobiologen hoffen, das rätselhafte Syndrom könne helfen, das Hirn zu verstehen. Soziologen argwöhnen, die Epidemie werde von den Eltern geschürt.
Es ist stets die gleiche Postkarte, die Maureen Brenner von ihrem ehemaligen Schüler Andrew erhält. Erst erkundigt er sich artig, wie es stehe an der Riverview School. Dann kommt Andrew zu der Frage, die ihm wirklich wichtig ist: Welchen Kilometerstand ihr roter Volvo denn jetzt auf dem Tacho habe?
Brenner arbeitet an einer ungewöhnlichen Schule, die, umgeben von Wiesen und Bäumen, auf der Halbinsel Cape Cod südlich von Boston gelegen ist. Für 73 000 Dollar im Jahr können hier betuchte Eltern ihre Kinder abgeben, auf dass Riverview ihnen den Weg ins Leben ebne. Einzige Voraussetzung: Der Intelligenzquotient der Zöglinge muss unter 95 liegen. Der Begriff "geistig behindert" wird gemieden. Lieber sprechen die Lehrer von den "Schwächen" der Schüler - und den "Stärken", die es zu entdecken gelte.
Riverview beherbergt zum Beispiel Schüler, die sich wie Andrew sehr genau auskennen mit Kennzeichen, Kilometerstand und Inspektionsplaketten von Autos. Andere sind besessen von Brücken, Landkarten, Zugfahrplänen, oder sie wissen alles über den amerikanischen Bürgerkrieg. Es sind dies Kinder, zumeist Jungen, die als Autisten diagnostiziert wurden, und ihr Anteil an der Schülerschaft in Riverview wächst; inzwischen liegt er bei etwa 40 Prozent.
Auch eine Leidenschaft für Disneyfilme, sagt Brenner, sei unter diesen Schülern weit verbreitet. Viele von ihnen liebten den Löwen Simba, den Bären Balu und Arielle, die Meerjungfrau. Jeden Samstag trifft sich der von den Schülern selbst verwaltete Disneyclub. Aber das, beeilt sich Brenner zu betonen, bedeute keineswegs, dass Riverview eine Disneyschule sei. Das nämlich dächten viele, seit Ron Suskind im Frühjahr sein Buch veröffentlicht hat.
Suskind ist Pulitzerpreisträger und freier Reporter. Sein jüngstes Buch jedoch befasst sich nicht mit US-Politik und Machtintrigen(*). Es erzählt die Geschichte seines Sohnes, der soeben seine Ausbildung an der Riverview School beendet hat. Owen ist 23, Autist, sein Lebensbericht ist ein Bestseller.
Es begann mit einem Schock für die Eltern. "Unser Sohn verschwand", so formuliert es der Vater. Das Einzige, was von diesem Kind blieb, war das Video eines fröhlichen Zweieinhalbjährigen, der seinen Vater im Schwertkampf besiegt, und die Erinnerung daran, wie Owen aus den typischen Drei-Wort-Sätzen der Kleinkinder erste kleine Geschichten komponierte.
Im Trubel des Umzugs von Boston nach Washington war den Eltern zunächst nicht
aufgefallen, wie ihr Sohn die Sprache verlor. Als sie es merkten, war sein Wortschatz schon stark geschrumpft. Einen Monat nach der Videoaufnahme war ihm nur noch ein Wort geblieben. Owen wiederholte es, immer und immer wieder, ohne jeden erkennbaren Sinn: "juice", Saft.
Die Eltern gingen mit ihrem Sohn zum Kinderarzt, zum Genetiker, zum Verhaltenstherapeuten. Bald war ein ganzes "Team Owen" mit Diagnose, Betreuung und Behandlung des Jungen beschäftigt. Auf 90 000 Dollar beziffert der Vater die jährlichen Kosten.
Am Ende aber waren es nicht die Therapeuten, die Owen die Sprache zurückgaben. Es war die Rückspultaste des Videorecorders.
Stur und unbeirrbar sah sich der Junge Disneyfilme an. Wieder und wieder spulte er zu denselben Szenen zurück. Und irgendwann begann er zu sprechen: mit der Stimme Moglis, Rafikis oder des Papageis Jago. Viele Abende verbrachte die Familie Suskind nun damit, Disneydialoge nachzuspielen. Owen kannte sie alle.
Auch begann er zu zeichnen. Meisterhaft malte er den Fuchs Cap und seinen Freund Capper, den Zauberer Merlin, den Elefanten Dumbo und all die anderen Disneycharaktere. Ja, sogar das Lesen lernte Owen dank Disney - indem er in vielstündigen Sitzungen wieder und wieder die Abspänne der Filme studierte.
Doch allen Erfolgen zum Trotz kam Owen in der Schule nicht zurecht. Beim IQ-Test erzielte er einen Wert von 75, er blieb unnahbar und in sich gekehrt. Dem Vater fiel es schwer, die Behinderung seines Sohnes zu akzeptieren. "IQ-Tests bei solchen Kindern sollten verboten werden", meint er grimmig. "Wie zum Beispiel geht in einen solchen Test ein, wenn ein Kind es schafft, seine Sprache nur aus 30 Stunden Disney zu erschaffen?"
Am Ende sahen sich die Suskinds trotzdem vor jener Frage, die Tausende Eltern plagt: Was tun mit einem autistischen Sohn, der erwachsen ist und doch unfähig, ein eigenes Leben zu führen? Sie suchten Hilfe in der Riverview School, die Schüler auch noch jenseits des Highschool-Alters aufnimmt, um mit ihnen systematisch den Alltag zu üben.
Unterstützt von seinen Eltern gründete Owen dort seinen Disneyclub, dem er selbst als Präsident vorstand. Die Idee schlug ein: "Anfangs haben 6 oder 7 Kinder mitgemacht", erzählt Schulleiterin Brenner. "Am Ende waren es 32."
Ungewiss bleibt nur, ob Owen dieser Erfolg helfen wird, das Leben zu meistern.
Wie eine Seuche geht der Autismus um in Amerika. Ältere Psychiater erinnern sich noch daran, wie ihnen im Studium Autisten als seltenes Kuriosum vorgestellt wurden. Heute ist in fast jeder Straße ein Patient mit dieser Diagnose zu finden. Eines von 88 Kindern, so mahnte vor zwei Jahren das US-Seuchenkontrollzentrum, leide unter dem unheimlichen Syndrom.
Seit März dieses Jahres gilt auch diese Zahl nicht mehr. Die Seuchenwächter aus Atlanta haben noch einmal nachgezählt. Ihr neuer Befund: Eines von 68 Kindern ist autistisch - ein Anstieg um 30 Prozent.
Und noch deutet nichts darauf hin, dass der Zenit der Epidemie erreicht wäre. "Autism Speaks", die einflussreichste der vielen Autismus-Lobbygruppen, verweist auf eine besonders gründliche Erhebung aus Südkorea. Dort wurde jedem 38. Kind das Leiden attestiert.
Autismus ist ein rätselhaftes, ein verstörendes Phänomen. Über kaum eine seelische Erkrankung wird so viel geforscht, und doch ist kaum eine so wenig verstanden. Was läuft falsch im Gehirn dieser Kinder? Warum steigt die Zahl der Patienten so rasant? Und was tun, um die Not der betroffenen Familien zu lindern?
Die Symptome sind vielfältig, und sie betreffen fast alle Aspekte des Verhaltens. Viele Autisten sprechen stockend und tonlos, einigen fehlt jedes Sprachvermögen, oder sie wiederholen nur sinn- und zusammenhanglos einzelne Sprachfetzen ("Echolalie"). Ihre Bewegungen wirken steif und ungelenk, oft sind sie von großer Unruhe beherrscht, wiegen den Oberkörper oder rudern mit den Armen. Manchmal finden sie tagelang keinen richtigen Schlaf.
Einige beißen sich in die Hand, schlagen sich den Kopf blutig oder schmieren Kot an die Wände. Andere beherrschen komplexe Kalender oder Zugfahrpläne, erreichen beim IQ-Test Rekordwerte oder vollbringen sogar mathematische Ausnahmeleistungen, versagen aber in einfachen Alltagssituationen.
Vor allem jedoch ist das soziale Verhalten der Autisten gestört. Es scheint ihnen unmöglich zu sein, Augenkontakt zu halten. Sie spielen nicht, erkennen die Gefühlsregungen ihrer Mitmenschen nicht, Freundschaften bedeuten ihnen offenbar nichts. Auch Ironie, Humor und Sarkasmus begreifen sie nicht.
Gerade die emotionale Taubheit ihrer Kinder macht Autismus für die Eltern so unerträglich. Was ist schwieriger, als Liebe zu geben, die nicht erwidert wird?
Am schlimmsten ist es, wenn die Kinder "regredieren", wie die Fachleute sagen. Wenn sie Sprachvermögen und Emotionalität, die sie als Kleinkinder bereits erworben hatten, wieder verlieren. Hilflos bleiben die Eltern dann mit Fragen zurück, auf die niemand die Antwort kennt: Wo ist das Kind geblieben, das sie doch zu kennen glaubten? Kann es wenigstens noch Zuwendung spüren?
Gierig verschlingen solche Eltern Berichte wie jenen über Owen, der dank Disney die Sprache wiederfand. Sie klammern sich an die Geschichte vom Rain Man, dem Autisten im gleichnamigen Hollywood-Film, der irgendwann doch die ungestüme Zuneigung seines Bruders Charlie spürte. Oder sie verklären den Autismus gar zu einer eigenen Daseinsform, die Außergewöhnliches hervorbringen könne. Denn auch Mozart, Einstein, Darwin und Jefferson werden autistische Züge nachgesagt.
Vor allem aber kämpfen diese Eltern. Sie kämpfen um Aufmerksamkeit und Anerkennung, für bessere Förderung und Bildungsangebote, Kostenübernahme durch die Krankenversicherungen und für mehr Forschungsgelder.
Und der Kampf zeigt Wirkung: Milliarden werden inzwischen in die Erforschung des seltsamen Leidens investiert. In Washington wird ihm hohe Priorität eingeräumt. "In Sachen Autismus bekommen wir mehr Anrufe aus dem Weißen Haus als zu allen anderen Themen zusammengenommen", sagte Thomas Insel, der Chef des National Institute of Mental Health.
In Amerikas Labors haben die Fördergelder ein regelrechtes Autismusfieber ausgelöst. Kaum lässt sich noch ein Hirnforschungsinstitut finden, an dem nicht das Hirn autistischer Kinder mit Elektroden untersucht, Videoaufzeichnungen ihrer sparsamen sozialen Regungen studiert oder Gene sequenziert würden. Mehr als jede andere psychiatrische Störung, so hoffen die Forscher, werde ihnen der Autismus über die Geheimnisse des menschlichen Gehirns verraten.
Denn die Störung betrifft so faszinierende Phänomene wie Sprache, Gefühlsempfinden und den Sinn für das Miteinander. "Wenn wir den Autismus verstehen", so formulierte es der New Yorker Neurobiologe und Nobelpreisträger Eric Kandel, "dann können wir auch das Gehirn verstehen."
Davon allerdings sind Ärzte und Forscher weit entfernt. Schon bei der Diagnosestellung gehen die Meinungen auseinander. Zwar gibt es von der einfachen Autismus-Checkliste bis hin zum umfänglichen Sieben-Stunden-Interview mindestens ein halbes Dutzend verschiedener Instrumente, um die Krankheit zu erkennen. Trotzdem hängt das Ergebnis am Ende allzu oft von der Person des Untersuchers ab.
So vielfältig sind die Erscheinungsformen des Autismus, dass die Zweifel wachsen, ob es sich überhaupt bei allen Patienten um ein und dasselbe Krankheitsbild handelt. "Vielleicht haben wir es auch mit Dutzenden verschiedener Syndrome zu tun und scheitern nur daran, sie auseinanderzuhalten", mutmaßt der Bostoner Autismusforscher Charles Nelson.
Über die Ursachen des Autismus ist wenig bekannt. Gefühlskalte Mütter, Mangelernährung und eine Entgleisung des Immunsystems standen unter Verdacht. Dann wurden, in einer bisweilen hysterisch geführten Debatte, Schutzimpfungen als Auslöser an den Pranger gestellt, doch nichts von alledem bestätigte sich. Gut belegt ist nur, dass das Risiko eines Kindes, autistisch zu werden, mit dem Alter des Vaters deutlich ansteigt. Auch erkranken Geschwister mit deutlich erhöhter Wahrscheinlichkeit.
Das spricht für einen großen Einfluss der Gene. Mit enormem Aufwand wird deshalb das Erbgut von Autisten und ihren Familien durchforstet. Hunderte Mutationen haben die Forscher bereits identifiziert, auf bis zu tausend schätzen sie die Zahl der Gene, die bei der Entstehung von Autismus eine Rolle spielen können.
Die Frage ist nur, ob diese Erkenntnis der Medizin weiterhilft. Denn jede einzelne der Genveränderungen betrifft nur wenige Fälle. Und bei keiner einzigen ist die genaue Auswirkung bekannt. Schon gar nicht wissen die Wissenschaftler, wie diese Risikogene interagieren.
Umso eifriger arbeiten sie an Theorien, die helfen sollen, das Phänomen des Autismus zu erklären. Manchmal freilich hat es den Anschein, als gebe es so viele Hypothesen wie Forscher. Und jeder vermutet die Lösung des Autismusrätsels in seinem eigenen Fachgebiet.
Wer sich zum Beispiel wie Sebastian Seung, Forscher am Massachusetts Institute of Technology (MIT), mit der Verdrahtung der Nervenzellen im Gehirn befasst, der wittert hier den Ursprung des Leidens. Der Autismus, so Seung, sei wahrscheinlich eine Art neurologischer Schaltfehler. Als Beleg für seine These führt er Tomografiebefunde an, die darauf hindeuten, dass die Neuronen in Autistengehirnen auf ungewöhnliche Weise miteinander vernetzt sind.
Seungs Kollege Pawan Sinha dagegen, der sich mit der Neurobiologie des Sehens beschäftigt, sieht im Autismus eine Form von Sinnesstörung. Er spielte mit autistischen Kindern das Computerspiel "Pong", das dem Tischtennis ähnelt. Sinha stellte dabei fest, dass die Augen von Autisten stets genau dem Ball folgen, während der Blick normaler Spieler dem Ball vorauseilt, um seine Bahn zu erahnen. Autisten, so die Schlussfolgerung des Forschers, sind gefangen im Hier und Jetzt. Es fehlt ihnen die Fähigkeit, ihre Wahrnehmung in komplexere Zusammenhänge einzuordnen.
Der britische Autismusforscher Simon Baron-Cohen wiederum sieht Hormone am Werk. Die unheilvolle Entwicklung hin zum Autismus werde durch eine Überdosis Testosteron im Mutterleib ausgelöst. Die Folge: Im Denkorgan werden männliche Eigenheiten überstark ausgeprägt. Es entstehe ein hypermännliches Gehirn, das vornehmlich Objekten zugewandt sei.
Der Psychologe Michael Tomasello glaubt gar, dass der Autismus das Wesen des Mensch-Seins an sich berühre. Am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie erforscht er, wie Hominiden im Verlauf der Menschwerdung die Fähigkeit erlangten, ihre Mitmenschen als eigenständig denkende Wesen zu begreifen. Genau diese urmenschliche Begabung aber, so Tomasellos Annahme, sei bei Autisten durch einen genetischen Defekt verloren gegangen - der auch für die anderen Absonderlichkeiten verantwortlich sein könnte.
Den Golfplatz von Forest im US-Staat Mississippi besucht regelmäßig ein schrulliger älterer Herr mit seltsamem Abschlag. Stets leckt er seine Finger, ehe er den Schläger himmelwärts hebt. Mehrfach wiederholt er diese Prozedur, bis er den Ball schließlich auf die Bahn befördert. Sodann hoppelt er in ungelenken Sprüngen hinter ihm her.
Spätestens seit die Zeitschrift Atlantic vor vier Jahren die Geschichte dieses Mannes publizierte, wissen die Menschen in Forest: Hier handelt es sich um Donald Triplett. Er ist 80, und er hat Medizingeschichte geschrieben.
Seine Eltern hatten sich damals, als er klein war, nicht mit der Diagnose "geistig behindert" abfinden wollen. Sie stellten ihn Leo Kanner vor, einem Experten für seelische Krankheiten im Kindheitsalter.
Der Psychiater stellte 1943 "Donald T." als "Fall 1" eines völlig neuen Krankheitsbildes der Weltöffentlichkeit vor, das er "Autismus" nannte.
Leo Kanners Diagnose war entscheidend geprägt von einem akribischen 33seitigen Bericht, in dem Donalds Vater den Zustand seines Sohnes beschrieben hatte. Durch seine minutiösen Beobachtungen prägte der Vater das Bild von der neu geschaffenen Krankheit maßgeblich mit.
Inzwischen ist aus dem bizarren Einzelfall eine Heerschar von in sich verschlossenen Kindern geworden. Eines aber gilt heute wie damals: Eltern bestimmen mit darüber, wie Amerikas Öffentlichkeit über Autisten denkt.
Für viele von ihnen ist die Betreuung ihres autistischen Kindes zum Lebensinhalt geworden. Sie haben sich ein eigenes Universum erschaffen, mit speziellen Bildungs- und Therapieangeboten, mit Selbsthilfegruppen und einem eigenen Jargon. Auch in der Wissenschaft reden die Eltern mit. Inzwischen kommt kaum ein Arzt oder Therapeut bei der Behandlung eines Autisten an den Eltern vorbei.
Manchmal melden sich in der öffentlichen Debatte auch die Patienten selbst zu Wort. Seit die Definition des autistischen Spektrums auch die Fälle vom Asperger-Typ einschließt, die sich oftmals durch normale oder sogar überdurchschnittliche Intelligenz auszeichnen, sind solche Äußerungen vernehmbarer geworden.
Denn manch einer dieser Autisten bestreitet, überhaupt an einer Krankheit zu leiden. Der Autismus sei vielmehr eine Eigenheit, ein Bestandteil der Persönlichkeit wie etwa Schüchternheit, Linkshändigkeit oder Musikalität.
"Autismus ist nicht eine Schale, in der eine Person gefangen ist", erklärt zum Beispiel Jim Sinclair vom Autism Network International. "Er ist eine Form der Existenz. Er färbt jede Erfahrung, jede Empfindung, jede Wahrnehmung, jeden Gedanken und jedes Gefühl. Es ist unmöglich, ihn von der Person zu trennen."
Viele Eltern in den Aktivistenverbänden empfinden solche Aussagen als Affront, als Angriff auf ihre mühselige Lobbyarbeit. Denn wo keine Krankheit ist, besteht keine Notwendigkeit, sie zu heilen. Und wo diese Notwendigkeit fehlt, fällt es schwer, Forschungsgelder einzuwerben.
Sinclair und seine Mitstreiter ficht das nicht an. Linkshändigkeit, so argumentieren sie, versuche auch niemand zu heilen. Gewiss, Autisten fielen durch mancherlei auffälliges Verhalten auf: "Wir flattern, schnippen, schaukeln, klatschen, hüpfen, krümmen und scheuern uns, wir quieken, summen, schreien, zischen und zucken", unglücklich aber seien sie deshalb noch lange nicht.
Medizinisch sei er kein Fachmann und deshalb nicht zu psychiatrischen Urteilen berufen, sagt Gil Eyal von der Columbia University in New York. Er ist Soziologe und als solcher an den gesellschaftlichen Aspekten der Autismusepidemie interessiert.
Bei seiner Forschung ist Eyal auf eine höchst seltsame Gesetzmäßigkeit gestoßen: Konservative Gesinnung, so stellte er fest, scheint einen Schutz vor dem unheimlichen Leiden zu gewähren(**). Wie kann das sein?
Eyal hatte herausfinden wollen, warum die Häufigkeit des Autismus in den verschiedenen Bundesstaaten der USA so extrem weit auseinander liegt. Er wälzte Zahlenkolonnen und kam dabei zu dem Ergebnis, dass in der Autismus-Hochburg Maine die Wahrscheinlichkeit, an dem Syndrom zu erkranken, gut 20-mal so hoch zu sein scheint wie in Oklahoma. Umwelt, Klima, genetische Faktoren: Was könnte verantwortlich für diese drastischen Unterschiede sein?
Die deutlichste Übereinstimmung fand Eyal, als er das Wahlverhalten der Menschen mit den Autismusraten abglich: Wo immer die Republikaner bei den Wahlen gesiegt hatten, schienen die Kinder leidlich vor Autismus gefeit. In mehrheitlich demokratischen Bundesstaaten dagegen grassierte die Seuche weit schlimmer.
Wie ist solch ein Befund zu deuten? Schadet ein liberales Klima der seelischen Gesundheit von Kindern? Oder lassen sich die Ärzte bei der Diagnosestellung vom politischen Umfeld leiten?
Auch David Mandell von der University of Pennsylvania und Raymond Palmer von der University of Texas haben einen Zusammenhang entdeckt, der in eine politische Richtung deutet: Gute Schulen und eine ausreichende ärztliche Versorgung, so ihr Befund, leisten der Autismusepidemie Vorschub. Für je 1000 Dollar pro Schüler, die ein Bundesstaat jährlich zusätzlich in das Schulsystem investierte, stieg die Autismusrate um 0,02 Prozentpunkte; jeder zusätzliche Kinderarzt pro 1000 Kinder sorgte sogar für einen Zuwachs um 0,06 Prozentpunkte.
Es ist nicht ganz leicht, sich einen Reim auf diese erstaunlichen Daten zu machen. Eines aber scheinen sie zu offenbaren: Die Epidemie des Autismus ist weniger ein medizinisches als vielmehr ein gesellschaftliches und politisches Phänomen.
Eyal ist überzeugt davon, dass der Zuwachs des Autismus Ausdruck eines nationalen Umetikettierungsprozesses ist. Kinder, die einst als "geistig behindert" betrachtet wurden, bekämen nun die Diagnose "autistisch" verpasst.
Ehedem, so erklärt Eyal, wurden Kinder, die unfähig schienen, jemals ein eigenständiges Leben zu führen, ohne genauere Betrachtung ihrer Fähigkeiten oder Bedürfnisse in Heime gesteckt. Man glaubte, den Familien die unzumutbare Aufgabe der Versorgung solcher Kinder abnehmen zu müssen.
Als aber die Proteste gegen diese Form der oftmals menschenverachtenden Verwahrung wuchsen, wurden mehr und mehr Heime geschlossen, und die Behinderten blieben in ihren Familien zurück. Anders als das Heimpersonal waren die Väter und Mütter nicht bereit, das Schicksal ihrer Kinder als besiegelt zu betrachten.
Anfangs waren es besonders gebildete, sozial besser gestellte Eltern, die das Stigma der Behinderung loswerden wollten. Die Diagnose des Autismus bot ihnen die Möglichkeit, das Leiden ihrer Kinder in einem neuen Licht zu sehen: nicht als Makel, sondern als Andersartigkeit.
Womöglich schlummerte da, verschlossen hinter der Fassade der Behinderung, eine komplexe Persönlichkeit. Außerdem war es leichter, Unterstützung für die "Behandlung" eines Autisten einzufordern als für die bloße "Betreuung" eines Behinderten.
Und mit der wachsenden Popularität des Autismus wurden die Kriterien, anhand derer die Psychiater ihre Diagnosen stellten, schrittweise aufgeweicht. Anfangs hatte der Autismus gar nicht als eigenständiges Krankheitsbild gegolten, sondern wurde als Erscheinungsform der kindlichen Schizophrenie begriffen.
Im Jahr 1980 führte der Katalog seelischer Erkrankungen (DSM-III) dann den Autismus erstmals als eigenes, zu den "tiefgreifenden Entwicklungsstörungen" zählendes Syndrom auf. Autisten zeichnen sich demnach durch drei charakteristische Merkmale aus: soziale Kontaktstörungen, Kommunikationsprobleme und repetitive, stereotype Verhaltensweisen.
In überarbeiteten Fassungen des Krankheitskatalogs wurden diese Merkmale immer vager formuliert, bis die Psychiater in der seit dem Jahr 2013 gültigen Version (DSM-5) schließlich ganz auf die Unterscheidung verschiedener Formen "tiefgreifender Entwicklungsstörungen" verzichteten. Sie alle werden nun innerhalb nur einer "Autismus-Spektrum-Störung" eingeordnet.
Eyal findet es wenig erstaunlich, dass die Zahl der Autisten im Zuge dieser systematischen Begriffsaufweichung explodierte. Tatsächlich, so betont er, sei die Zahl der geistig Behinderten in den USA im Takt der sich entfaltenden Autismusepidemie gesunken.
Und die rapide Eingemeindung der Kinder ins Reich des Autismus scheint noch längst nicht ihr Ende gefunden zu haben. Das jedenfalls ist der Befund von Phech Colatat, der am MIT nach Ursachen der Autismusepidemie sucht.
Der Soziologe hat sich dazu das Diagnoseverhalten von Ärzten im kalifornischen Silicon Valley angeguckt. Drei Kliniken nahm er ins Visier, deren einzige Aufgabe darin besteht, Kinder daraufhin zu untersuchen, ob sie die Kriterien des Autismus erfüllen. Zwei der Kliniken bescheinigten etwa jedem dritten Kind eine Autismusdiagnose, in der dritten dagegen lag die Rate fast doppelt so hoch.
Ärzte aller drei Kliniken jedoch hatten auf Grundlage derselben DSM-Kriterien geurteilt. Wie waren dann die gewaltigen Unterschiede zu erklären?
Um Antworten zu finden, befragte Colatat drei Ärzte, die innerhalb seines Untersuchungszeitraums die Klinik gewechselt - und im Handumdrehen ihr Diagnoseverhalten der neuen Umgebung angepasst hatten: Wer zuvor forsch beim Attestieren des Syndroms gewesen war, dem kamen im Umfeld zögerlicherer Ärzte nun Zweifel. Wer dagegen zuvor zurückhaltend diagnostiziert hatte, der erkannte, kaum dass er entsprechende Kollegen um sich wusste, plötzlich viel schneller die typischen Anzeichen des Autismus.
"Die Ärzte richten sich nach unausgesprochenen Regeln, die das Klima an einer Klinik bestimmen", resümiert Colatat. Wenn sich das öffentliche Bild eines Krankheitsbildes wandelt, dann passt sich das Klima in den Kliniken diesem an.
Und noch ein Phänomen stellte der Forscher bei seinen Befragungen fest: Im ersten Jahr nach dem Wechsel zeigten sich die Ärzte noch verunsichert, es regten sich bei ihnen Zweifel an der Aussagekraft ihrer Diagnosen. Schon im zweiten Jahr jedoch fassten sie mehr Zuversicht: Sie blieben zwar bei ihrem neuen Diagnoseverhalten, verflüchtigt aber hatten sich die Zweifel daran.
Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet.
* Ron Suskind: "Life Animated - A Story of Sidekicks, Heroes and Autism". Kingswell, New York; 358 Seiten; 26,99 Dollar.
** Gil Eyal et al.: "The Autism Matrix". Polity Press, Cambridge; 240 Seiten; 29,95 Dollar.
Von Johann Grolle

DER SPIEGEL 35/2014
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