25.08.2014

KinoBefehl und Ungehorsam

Vor 70 Jahren, am 25. August 1944, wurde Paris befreit. Volker Schlöndorff hat das historische Geschehen als fiktives Psychodrama verfilmt.
Es ist kurz nach vier Uhr morgens. Der General, in den Händen eine Zigarette und eine Tasse Kaffee, steht im Gegenlicht auf dem Balkon seiner Suite des Hotels Meurice an der Rue de Rivoli und blickt auf den Tuileriengarten gegenüber. Ihm bleiben nur etwa elf Stunden bis zur Kapitulation. Wenn er das ahnt, lässt er es sich nicht anmerken. Noch strotzt er vor Selbstbewusstsein.
Dietrich von Choltitz scheint an diesem 25. August 1944 Herr über das Schicksal von Paris zu sein. Seit gut zwei Wochen residiert er als Stadtkommandant in Zimmer 213 des plüschigen Luxushotels. Die 1525 Tage dauernde Besetzung der französischen Hauptstadt durch die Deutschen neigt sich dem Ende zu. Am 23. August hat Choltitz den entscheidenden Befehl Nummer 772989/44 zur "Verteidigung des Brückenkopfes Paris" aus dem Oberkommando der Wehrmacht empfangen. Der letzte Satz lautet: "Paris darf nicht oder nur als Trümmerfeld in die Hand des Feindes fallen."
Der General, 49 Jahre alt, ein Veteran schon des Ersten Weltkriegs, hat an nahezu allen Fronten gekämpft, in Russland, in Italien und in der Normandie. Er will seine "Pflicht tun", wie er sagt, und benutzt die Ausrede aller Machtbeladenen, die vor der persönlichen Verantwortung fliehen: "Ich habe jetzt keine Wahl mehr."
Der Verlust von Paris, so steht es im Befehl, habe in der Geschichte bisher immer den Fall von ganz Frankreich bedeutet. Aber was hätte die Zerstörung von Paris in der Geschichte bedeutet? Choltitz muss sich entscheiden, so oder so werden die Pariser, ja wird die Welt sich an ihn erinnern - als Henker oder als Retter der "Stadt des Lichts", die für die deutschen Soldaten vier Jahre lang der schönste Standort im ganzen Krieg war, ein Ruhepol und ein Erholungszentrum inmitten des in Ruinen zerfallenden Europa.
"Diplomatie", das Historiendrama des Oscar-Preisträgers Volker Schlöndorff, das diese Woche in die deutschen Kinos kommt, zeigt die letzten Stunden vor der Befreiung von Paris. Der Film besteht fast nur aus einem Dialog zwischen zwei Männern, den es in Wirklichkeit so nicht gegeben hat: dem Stadtkommandanten Choltitz und seinem Überraschungsbesucher, dem schwedischen Konsul Raoul Nordling, der den deutschen General mit dessen Gewissenskonflikt konfrontiert und ihm die bequeme Berufung auf den Befehlsnotstand - die Entschuldigung unzähliger Kriegsverbrecher - Zug um Zug verbaut.
Am Ende setzt der Diplomat den Militär schachmatt - aber nur, weil dieser die Hilfestellung seines Gegenübers braucht, um sich aus seinem Dilemma zu befreien. Als Choltitz den Konsul barsch wegschicken will ("Ich habe noch nie einen Befehl infrage gestellt"), erleidet er einen Anfall von akuter Atemnot, Folge eines Lungenemphysems, das sich während des Kriegs verschlechtert hat, und hält Nordling damit zurück, als hätte sein Unterbewusstsein revoltiert. Die Menschlichkeit siegt über die Vorschriften.
In einen Helden verwandelt sich der General deswegen nicht. Er wird noch nicht einmal zur tragischen Figur. Er bleibt ein von Anfang an Geschlagener, der vor dem Unvermeidlichen resigniert, statt sich in einem Wahnsinnsakt des Trotzes gegen die Niederlage aufzubäumen.
Es besteht kein Zweifel, dass der wahre Choltitz beträchtliche Schäden hätte anrichten können, vor allem durch eine Sprengung der Brücken über die Seine. Aber die Stadt dem Erdboden gleichmachen, den vorrückenden Alliierten und der französischen Résistance in den Ruinen von Paris einen Endkampf wie in Stalingrad liefern - das war eine Untergangsfantasie, für deren Verwirklichung ihm die militärischen Mittel fehlten.
Die Amerikaner, die die Normandie-Front durchbrochen hatten, betrachteten Paris gar nicht als strategisches Ziel. Sie wollten die Stadt umgehen, um die Wehrmacht so schnell wie möglich zur deutschen Grenze zurückzudrängen. Charles de Gaulle, der Chef des freien Frankreich, musste den US-Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower in einem Brief vom 21. August erst eindringlich um Erlaubnis bitten, die zweite französische Panzerdivision unter General Philippe Leclerc die Stadt einnehmen zu lassen. Die Franzosen sollten ihre Hauptstadt zumindest symbolisch selbst befreien und den Wechsel auf die Siegerseite aus eigener Kraft schaffen, die Schmach der Unterwerfung und oft genug der Kollaboration in einem Akt kathartischer Selbstreinigung tilgen.
Am 22. August stimmte Eisenhower dem Einmarsch zu, vor allem wohl auch deshalb, weil Paris sich in offenem Aufruhr befand. Der Widerstand, der unter vorwiegend kommunistischer Führung über einige Tausend Kämpfer verfügte, hatte den Deutschen bereits drei Viertel des Stadtgebiets entrissen. Mit seiner Garnison kontrollierte der Stadtkommandant lediglich die wichtigsten Straßen und Gebäude im Zentrum. Eine frühe Sprengung der Brücken hätte den Durchmarsch der eigenen zurückflutenden Truppen behindert. Die deutschen Kolonnen wurden an allen möglichen Punkten der Stadt von der Résistance in Scharmützel verwickelt. Über tausend Gedenktafeln an den Häusern und Plätzen erinnern heute an die französischen Gefallenen dieser Kampfhandlungen; sie werden jedes Jahr zum Tag der Befreiung von der Stadtverwaltung mit einem kleinen Blumenstrauß geschmückt.
Seit dem 19. August hielten Aufständische die Polizeipräfektur und das Rathaus besetzt. Damit fand Choltitz sich ab, er stimmte sogar einer Art inoffiziellem Waffenstillstand zu, um zu vermeiden, dass die deutschen Truppen bei der Durchquerung der Stadt immer wieder in einen Hinterhalt gerieten. Auch ließ er französische Häftlinge frei. Bei diesen Kontakten zum Widerstand und zu den Alliierten war Nordling als Mittelsmann tätig. Der Konsul traf sich in den Tagen vor der Befreiung mehrmals zu Gesprächen mit dem Stadtkommandanten.
Zum Äußersten schien Choltitz demnach nicht entschlossen. Die entscheidende Wende erfolgte am 22. August. Der ohnehin brüchige Waffenstillstand endete am Nachmittag. In der ganzen Stadt entstanden Hunderte Barrikaden, es herrschte eine Atmosphäre wie während der Februarrevolution 1848 und der Kommune 1871.
"Die machen mit Ihnen kurzen Prozess", mahnt Nordling (glänzend gespielt von André Dussollier) im Film. Drei Millionen Zivilisten, "was ist das schon?", entgegnet Choltitz (Niels Arestrup): "Heiße Luft. Die zerquetsche ich mit einer Hand." Dafür war es jedoch zum Zeitpunkt der fiktiven Unterredung im Morgengrauen des 25. August eindeutig zu spät. Choltitz wäre in Wirklichkeit während seiner kurzen Dienstzeit wohl nie in der Lage gewesen, den Aufstand so niederzuwerfen, wie es die SS vorher in Warschau getan hatte.
Bereits am Abend zuvor, dem 24. August, war eine Vorhut der freien französischen Streitkräfte unter Hauptmann Raymond Dronne bis zum Rathaus und zur Polizeipräfektur vorgestoßen. Leclercs Panzer rückten von der Porte d'Italie und dem Pont de Sèvres her Richtung Zentrum vor.
Der General beschränkte sich darauf, so etwas wie eine Ehrenkampfrunde um seine letzten Stützpunkte anzuordnen, wohl um seine Ankündigung wahrzumachen, kein Ultimatum zu akzeptieren. Gegen 15 Uhr ließ er sich im Hotel Meurice von den Siegern gefangen nehmen und abführen. Paris brannte nicht.
Dem in Paris verliebten Schlöndorff, der dieser Stadt mit seinem Film eine Hommage widmen wollte, kam es nicht so sehr auf historische Genauigkeit als auf das Psychodrama an: Die Mächtigen stehen auch heute immer wieder vor der Entscheidung zwischen Diplomatie und Gewalt, Ausgleich und Härte. Sie können nie sicher sein, das Richtige zu tun. Die einzig verlässliche Richtschnur des Gewissens ist nicht Gehorsam, sondern Menschlichkeit.
Was ihm ein Leben bedeute, fragt Nordling den General. Das versuchte der Gott des Alten Testaments zu klären, als er Abraham auf die Probe stellte und ihn aufforderte, seinen Sohn zu opfern. Und darauf verweist Nordling, der wahre Held des Films, den in seiner Befehlslogik eingemauerten Choltitz: Kein Notstand, kein Gesetz und keine höhere Instanz, nicht einmal die allerhöchste, rechtfertigt ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ein solches zu verhindern rechtfertigt aber sehr wohl die List der Vernunft, mit der der gewitzte Diplomat den schlichten Militär am Ende düpiert.
Das Sujet verführt naturgemäß zum Pathos, und zu viel Pathos gerät schnell an die Grenze des Kitschigen. Schlöndorff versucht, diese Gefahr zu unterlaufen, indem er Nordling bewusst an die verdrängte Gefühlswelt des Technokraten des Todes, als der Choltitz auftritt, appellieren lässt. Die dramaturgische Dichte, die die Einheit von Handlung, Ort und Zeit gewährleistet, hilft über einige Klischees (etwa: "In manchen Fällen ist der Tod dem Leben vorzuziehen") hinweg.
Der französische Kriegsfilm "Brennt Paris?" von 1966 mit Orson Welles in der Rolle des Konsuls Nordling und Gert Fröbe als General Choltitz bot eine viel detailliertere Rekonstruktion und ein sehr viel größeres Personaltableau der Ereignisse um die Befreiung von Paris als jetzt "Diplomatie". Der Film von 1966 beruhte auf der Romanvorlage der bekannten Thrillerautoren Larry Collins und Dominique Lapierre, der andere ist eine filmische Übersetzung des gleichnamigen Bühnenstücks von Cyril Gély, der auch am Drehbuch mitschrieb.
Dem Boulevardtheater verdankt "Diplomatie" die amüsanten Eingangsszenen: Nordling schleicht sich unbeobachtet über eine geheime Treppe und durch eine Tapetentür in die Hotelsuite des Generals und taucht plötzlich wie ein Geist in dessen Rücken auf. Angeblich benutzte den versteckten Aufgang einst Kaiser Napoleon III., wenn er eine Geliebte aufsuchen wollte. Die Straßen und die Palasthotels von Paris stecken voller Geschichten.
Vom Dach des Meurice, das unversehrte Panorama vor Augen, erteilt der General am Ende des Films seinen letzten Befehl: Das apokalyptische Feuerwerk ist abgeblasen. Paris wird nicht gesprengt. Wäre es
zerstört worden, glaubt Schlöndorff, hätte es die deutsch-französische Versöhnung und damit die Europäische Union nicht gegeben.
Choltitz wurde 1947 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und starb 1966 in Baden-Baden. Bei seiner Beerdigung erwiesen dem Mann, der Paris nicht in die Luft gejagt hatte, auch hohe französische Offiziere am Grab die letzte Ehre.
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 35/2014
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