01.09.2014

InternetGegen das Monopol

Robert Darnton, Chef der ehrwürdigen Bibliothek von Harvard, erforschte bislang alte Enzyklopädien. Nun will er eine digitale Weltbücherei schaffen.
Robert Darntons erster Artikel erschien in der New York Times, da war er vier Jahre alt. Ein mit seinen Eltern befreundeter Reporter spazierte damals mit ihm durch Washington und notierte, was der kleine Robert so plapperte. Das Pentagon zum Beispiel nannte er "Penny-gone": Pfennig-Futsch. Das war im Jahr 1943.
Siebzig Jahre später ist Robert Darnton ein renommierter Historiker, spezialisiert auf die Geschichte der Bücher. Beherzt mischt er sich ein in den Kampf gegen die Marktmacht von Amazon und Google: "Nach den klassischen Stahl- und Eisenbahnmonopolen droht nun ein Informationsmonopol", sagt Darnton. Er nimmt Platz auf dem Bürosofa vis-à-vis des Kamins, an dem sich George Washington einst wärmte, noch bevor er der erste Präsident der USA wurde.
Das Holzhaus, in dem Darnton residiert, gehört zu den ersten Gebäuden der Harvard University. Hier leitet der Forscher die älteste Bibliothek der USA, gegründet 1638, mit heute mehr als 18 Millionen Büchern, plus eine Million E-Books.
Darnton ruft nicht nach einem Amazon-Boykott oder nach staatlicher Intervention gegen Google. Stattdessen sucht er Mitstreiter für seinen Traum von einer neuen Welt des Wissens: eine digitale, weltumspannende Bibliothek, die Digital Public Library of America (DPLA, www.dp.la).
Einmal tippen, und es öffnet sich die Lese-App auf Darntons iPad. Die DPLA verlinkt die Bestände von 1300 Einrichtungen, einschließlich der Smithsonian Institution und der New York Public Library.
Wer "George Washington" eingibt, findet 7262 digitalisierte Bücher, Bilder und andere Dokumente, darunter auch 29 von der Kentucky Digital Library. Noch vor wenigen Jahren hätte man für eine derartige Suche wohl Tage gebraucht. "Ein Neuntklässler aus Dallas könnte für sein Referat Manuskripte aus Chicago und Los Angeles vergleichen", schwärmt Darnton.
Anstoß für das Projekt war ausgerechnet Google. Die Firma begann 2004 damit, an Universitäten wie Harvard, Oxford oder Stanford die Buchbestände mit Scan-Robotern zu digitalisieren.
Anfangs war Darnton begeistert von der Mobilmachung des Wissens, doch dann kamen ihm Zweifel. "Die Bibliotheken sollten Google die Bücher kostenlos überlassen", erzählt er. "Ich befürchtete, dass sie dann den Zugang zum Digitalarchiv mit einem Abo zurückkaufen müssten, dessen Preis Google festsetzt."
Auch Amazons Gigantomanie missfällt dem Chefbibliothekar; die DPLA sieht er als Gegenmodell, gleichsam als Stadtteilbücherei fürs globale Dorf - dezentral, nicht kommerziell, weltweit nutzbar ohne Anmeldung, Leihfrist, Beschränkung. Seit 2010 verfolgt Darnton diese Idee.
Bekannt wurde der Harvard-Historiker mit seinen Büchern über die "Encyclopédie", die im vorrevolutionären Frankreich um 1750 das Wissen ihrer Zeit zusammentrug. Darnton stellte die Buchgeschichte vom Kopf auf die Füße, indem er nicht geniale Autoren beschrieb, sondern Buchhändler, Drucker, Zensoren, Leser.
Für seine Forschung wurde Darnton mit Preisen überhäuft, unter anderem wurde er zum Ritter der französischen Ehrenlegion ernannt. Unter Historikern trat er eine "Darnton-Debatte" los, in der seine Methoden teils als populistisch kritisiert wurden.
Das Bild, das er von der Aufklärung zeichnet, wirkt aktuell: ein Wissensmarkt im Umbruch, mit gierigen Geschäftemachern, hilflosen Regierungen und fallenden Buchpreisen. Chaotisch schwappt das Wissen aus Gelehrtenstuben auf die Straße und krempelt die Gesellschaft um.
Nun will Darnton selbst Buchgeschichte schreiben, diesmal nicht als Historiker, sondern als eine Art Start-up-Akademiker im Dienste seiner digitalen Weltbücherei. Der deutsche Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch vermutet, Darnton wolle sich als "Diderot seiner Zeit" inszenieren - der französische Philosoph war einst treibende Kraft hinter der "Encyclopédie".
Noch wirkt die DPLA recht unfertig, aber schon plant Darnton die Erweiterung zur Weltbibliothek, im Schulterschluss mit der Unesco, der Library of Congress und anderen. Der Princeton-Philosoph Peter Singer lobt diese Idee einer "Bibliothek von Utopia".
Doch dieser Traum kollidiert mit der Wirklichkeit: "Die größten Hürden sind weder technisch noch finanziell, sondern rein juristisch", sagt Darnton. Über ein Dutzend Bücher hat er selbst geschrieben - keines davon ist derzeit in der DPLA zu finden. Denn dort stehen nur "gemeinfreie" Werke zur Verfügung, deren Copyright abgelaufen ist. Das Wissen der Gegenwart dagegen bleibt weggesperrt.
"Fast alles, was seit 1923 veröffentlicht wurde, ist von uns aufgrund des Copyrights nicht nutzbar", sagt Darnton. Ständig wird es neu ausgelegt, derzeit schützt es Werke für 70 Jahre nach dem Tod der Urheber.
"Als 1710 das Copyright zur Zeit der Aufklärung in England eingeführt wurde, betrug die Schutzdauer 14 Jahre mit der Option, es einmal zu verlängern", erläutert Darnton. Damals sei genau abgewogen worden zwischen den Autorenrechten und dem Allgemeinwohl: "Wir sollten uns auf diese Tradition der Aufklärung besinnen."
Meist nütze die lange Schutzfrist nicht einmal den Autoren selbst, sagt er, denn kaum eine Neuerscheinung verkaufe sich länger als ein paar Wochen, geschweige denn ein Jahr. "Der Erlös eines meiner Bücher, das vor fast einem halben Jahrhundert erschienen ist, reicht aus, um meine Frau zum Essen einzuladen", sagt Darnton. "Aber nur alle zwei Jahre. Und nur dann, wenn sie ihre Hälfte selbst zahlt."
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 36/2014
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