01.09.2014

LiteraturDer proletarische Zauberberg

Der Dichter Lutz Seiler beschreibt in seinem ersten Roman, wie Bewohner der Insel Hiddensee beinahe das Ende der DDR verschlafen. Eine große tragikomische Geschichte. Von Elke Schmitter
Dies, Leser, ist kein appetitliches Buch. Es handelt von der Auflösung von Speiseresten im Spülwasser und von Leichen im Meer, von der Auflösung von Materie, von innerer Zeit und äußeren Grenzen und schließlich von der Auflösung eines Staates in einem langsamen Zerfallsprozess, der dem Aufweichen und Zerfasern eben der Speisereste im Spülwasser gleicht, wie es der Held des Romans, ein nicht ganz schlichter junger Mann namens Ed, an seinem Arbeitsplatz als Abwäscher in einem Ausflugslokal auf Hiddensee erlebt: Anfangs ekelt er sich vor dieser Arbeit, doch irgendwann löst sich der Ekel auf, es bleiben ein waches Bewusstsein für Details und der helle Gleichmut einer fraglosen Unermüdlichkeit.
Dies ist kein appetitliches Buch, und es spielt nicht unter noblen, kosmopolitischen Moribunden; sein gastronomisches Angebot ist schmal, seine Kulissen sind armselig, sein Personal ist proletarischen Temperaments - und doch ist "Kruso"(*) das erste würdige Gegenstück der deutschen Literatur zu Thomas Manns "Zauberberg", dem Lebensroman des jungen Hans Castorp am Vorabend des Ersten Weltkriegs, in dem die alte Welt in einer Orgie aus Dummheit, aus Hass und Gewalt zugrunde geht, während seine Figuren, fernab vom historischen Geschehen, mit Husten, Liebeleien und philosophischem Gezänk beschäftigt sind. Nur dass hier, in Lutz Seilers "Kruso", die Deutsche Demokratische Republik und mit ihr die Welt des Kalten Krieges lautlos in sich zusammenfällt - sie schmilzt, sie gammelt, sie bröckelt dahin wie die Materie in diesem Roman, aber beinahe unmerklich oder jedenfalls unbemerkt, im Rücken der Protagonisten dieser großen Erzählung über das Ende der letzten Welt.
"Kruso" ist Lutz Seilers erster Roman. Der 51-Jährige war bislang Lyriker und Erzähler der kürzeren Form. Mit den Romanen (ein zweiter ist schon entworfen) hat es so lange gedauert, weil das Scheitern in diesem Genre, wenn es denn vor Drucklegung eingesehen wird, auch viel mehr Zeit in Anspruch nimmt als bei den kürzeren Formen der Literatur. An einem Vorläufer zu "Kruso" ist Seiler, wie er erzählt, quälend langsam gescheitert. Sicher nicht an jedem einzelnen Satz, wie man anneh-
men will, weil bei Seiler der einzelne Satz immer Markanz hat ohne Kraftmeierei, immer direkt gebunden ist an eine genaue Beobachtung erlebter Realität und mit großer Zuverlässigkeit melodisch und rhythmisch stimmig ist. Aber doch an der Konstruktion, die bei einem Roman eben halten muss wie die Treppen und Wände in einem Haus, die man vergisst, wenn man darin wohnt. Eine Falltür, ein unzugängliches Speichereck darf es schon geben - und so etwas gibt es auch in Seilers Romandebüt. Man muss nicht jeden Winkel ausleuchten können, aber man darf sich die Stirn eben nicht stoßen an der Architektur.
Hier geht sie auf, die tragikomische Konstruktion. Sie umfasst Sommer und Herbst des Jahres 1989, und sie spielt, nach ihrem Auftakt im Berliner Ostbahnhof, an einem Ort am äußersten Rand der DDR: auf dieser winzigen Insel, "Versteck im See, geheime See, Hiddensee ...", einem sagenumwobenen Eiland, bevölkert von trutzigen Immer-schon-hier-Gewesenen - "Der Naturalist Gerhart Hauptmann hatte behauptet, auf der Insel hießen alle Menschen Schluck und Jau, eigentlich gäbe es nur diese beiden Familien" -, von Gestrandeten, Aussteigern, Künstlern - und von "Grenzschützern" selbstverständlich, von Polizei und Staatssicherheit. Denn von hier aus, vom Strand am offenen Meer, wo man an etwa 30 Tagen im Jahr die dänische Insel Møn am Horizont ausmachen kann, finden auch immer wieder Fluchtversuche statt. Hier gilt es, mit Nachtsichtgerät, mit Suchscheinwerfern und Maschinenpistolen die realsozialistische Grenze vor ihrer Perforation durch potenzielle Ausbrecher zu schützen.
Aus diesem Grund war Hiddensee ein exklusiver Urlaubsort: für ordentliche Ferien nur gesinnungstreuen Bürgern zugänglich, für alle anderen ein ersehntes Tagesziel. Damals wie heute entstiegen Gruppen meeresfroher Ausflügler am Hafen Kloster einem weißlackierten Doppeldecker mit Gedeckverköstigung, flanierten durch den idyllischen Ort und nahmen den Anstieg zur Steilküste auf einem gut zwei Kilometer langen Plattenweg, um dort oben, auf der Terrasse des Gasthofs Zum Klausner, Fisch zu essen oder einen Eisbecher zu verzehren, umtost von Meeresrauschen und dem Wind im landschaftstypischen Mischwald. Und noch heute lässt sich gut nachfühlen, welch berauschendes Gefühl von Freiheit und Unbelangbarkeit hier entstanden sein muss, in diesem Haus mit holzverkleidetem Giebel und Anbauten: "Auf den ersten Blick erinnerte es an einen Mississippidampfer, einen gestrandeten Schaufelraddampfer, der versucht hatte, durch den Wald das offene Meer zu erreichen. Ringsum ankerten einige kleinere Blockhütten, die das Mutterschiff wie Rettungsboote umgaben."
Der Gasthof Zum Klausner, den es also wirklich gibt, wird in "Kruso" zum literarischen Ort, hier strandet und landet schließlich der Held dieses Romans, der Germanistikstudent Edgar Bendler aus Halle. Seine Freundin ist fort, sein Kater verschwunden, sein Leben am toten Punkt. Als Unter-unter-unter-Mieter einer Wohnung zum Hof, "ein Kummer aus Moder und Kohle", als letzter Name auf der Tür unter "Stengel, Kolpacki, Augenlos und Rust" machte er vorläufig Schluss mit seiner Existenz, verbrannte seine Gedichtmanuskripte. Er schraubte die Sicherungen heraus und stellte sie sorgsam auf den Zähler, schob den Schlüssel unter die Matte und ging. "Wissen war nicht sein Problem. Und Prüfungen ebenfalls nicht."
Das Leben ist das Problem. Der begabte Student Edgar Bendler weiß nicht, wohin mit sich in der verwalteten Welt; er ist nicht dafür, er ist nicht dagegen, es ist schlimmer als das: Er gehört nicht dazu. Also macht er sich auf in die Fremde, wie alle Taugenichtse vor ihm, die sich nicht vollends niederschlagen ließen von der Depression der Adoleszenz: Er geht auf Pilgerfahrt, zu jenem legendären Ort, an dem andere Gesetze gelten, so hat er es gehört, an dem "die Märchen und Mythen des Festlands" haften, weil dieser Ort so unbegreiflich weit fort ist von jeder banalen Realität wie vor gut einem Jahrhundert der "Zauberberg" für alle Flachlandbewohner, wie man in den Schweizer Bergen die Kolonnen der Normalität charakterisierte.
Zwei erfolglose Tage bringt Bendler hinter sich mit der Suche nach Arbeit als saisonale Aushilfskraft, zwei Nächte dämmert er unter freiem Himmel dahin, bis er im Küstengebüsch eine Treppe findet, die ihn zum Ort seiner Zuflucht bringt. "Am Ende zählte Ed fast dreihundert Stufen (jede dritte verfault oder zerbrochen), verteilt über verschiedene Abschnitte und Absätze bis auf das fünfzig oder sechzig Meter hohe Kliff." Der Direktor dieses Instituts zur Versorgung von Tagestouristen empfängt ihn freundlich, stellt sibyllinische Fragen und lässt ihn wissen, dass er sich zu bewähren hat in dieser verschworenen Gemeinschaft, "gesund und befreit von der Vergangenheit".
Die Bewährung besteht in Zwiebelschälen und Schweigen, "bis Crusoe zurückkehrt", der dann die Entscheidung fällt, ob die Aushilfskraft Edgar Bendler in die Truppe aufgenommen wird. Kruso, den der gebildete Direktor "Crusoe" nennt, ist die Macht hier oben auf dem Kliff; ein Charismatiker, ein Dichter und Sonderling, aber auch ein gewiefter Verschwörer, der die Aussteiger, die Illegalen und die Suchenden auf dieser Insel um sich zu sammeln und zu schützen weiß. Vor Krusos Augen muss Ed bestehen, dessen Vertrauen muss er gewinnen.
Wie das geschieht, wie die Verbindung der beiden Jungmänner sich knüpft bis zur Blutsbrüderschaft, ist das eine große Thema dieses deutschen Bildungsromans. Nähe zwischen diesen Männern stiftet die Literatur mit ihren wilden, gequälten Seelen Rimbaud, Artaud und Trakl, Nähe stiften Verlorenheit und der Verlust einer großen Liebe. Nähe stiftet die Situation, das Leben hart an der Grenze zum Meer, das Freiheit und Todesgefahr bedeutet, und an der Grenze zu vielem, was in diesem Staat verboten oder gefährlich war. Nähe stiftet aber auch ein Ethos, das alle im Klausner teilen und das Stolz auf die Arbeit der Hände einschließt, aufs Durchhalten, auf die Erschöpfung nach vollbrachtem Dienst und auf die Entgrenzung im Feiern danach - ein proletarisches Ethos.
Und eben darin findet Ed wieder zu sich zurück. Die niederste Arbeit, die er im Klausner verrichtet und der Seiler wenig appetitliche, jedoch großartige Beschreibungspassagen widmet, das Abspülen des Geschirrs, hilft ihm heraus aus seiner Depression: durch die sinnliche Überwältigung von Hitze und üblen Gerüchen, von schmerzenden Füßen und ertaubenden Händen, durch Konzentration auf das Unmittelbare und durch das gewissermaßen sachliche Vergehen der Zeit.
Und erst als er wieder bei sich ist, als das Dumpf-Depressive der "Müdseligkeit" weicht, kann er das soziale Glück spüren, Teil dieser Truppe zu sein, diesen "Funkenflug einer unfassbaren Brüderlichkeit". Und er kann, inmitten dieser familiären Horde, wieder zu einer Persönlichkeit werden, die handelt und liebt, die schwärmt und reflektiert, die ihrer Witterung vertraut und kämpft.
"Kruso" ist ein Buch über Ost und West, der Westen ist hier kein Ort der Verheißung, sondern eher eine Gefahr - des Flachdenkens und der Vereinnahmung durch den Konsum. Der Tippelschritt der Bedürfnisse, vom Schokoriegel zum Eigenheim, kurz angebunden "an den Pflock des Augenblicks", wie es bei Nietzsche heißt, ein Leben in diesem Rhythmus ist nicht das Ziel der hier miteinander Verschworenen. Der Westen hat hier überhaupt nur einen, aber besonderen Platz: Er thront unerreichbar auf einem Bord in der Küche und spricht ohne Unterlass; es ist ein altes Radio, Viola genannt, auf die Frequenz des Deutschlandfunks eingestellt und längst schon ohne funktionierende Tastatur. Und lange schon vor dem Ende allen Geschehens verstummt diese letzte Verbindung nach draußen, ist das Radio zerschlagen von einem im Zorn geworfenen Glas. Nun gibt es keine Nachrichten mehr von anschwellenden Demonstrationen, von Picknicks an offenen Grenzen, vom Ende der alten Welt, nun gibt es nur noch den Osten im letzten Kampf der Selbstverteidigung.
Dieser Osten, wie Seiler ihn auferstehen lässt, ist nicht ohne Brutalität. Ein Jahr vor Eds Ankunft auf Hiddensee haben Wildschweine den Garten des Klausner verwüstet und sich an den Pilzen und "heiligen Kräutern" gütlich getan, die zu orgiastischen Zwecken dort angebaut waren. "Danach", so berichtet Kruso, "fühlten die Schweine sich vollkommen frei, frei von allem. Sie sind etliche Runden geschwommen, rund um die Insel, und haben Gefechtsalarm ausgelöst." Die vermeintlichen Flüchtlinge wurden exekutiert, ihr Blut färbte den Sand. "Koch-Mike hat natürlich versucht, ein bisschen frisches Fleisch für den Klausner abzustauben, aber da führte kein Weg rein; Flüchtlinge werden wie Flüchtlinge behandelt: Es gibt sie nicht, und also gibt es keine Leichen - sie existieren einfach nicht."
Die DDR ist brutal, vor allem aber banal: Gedanken grau wie Uniformen. Sie ist ein Gefängnis der Planerfüllung, der Abstumpfung und Trostlosigkeit. Der wahre Osten, der Rettung verheißt, wie der russischstämmige Kruso sie für alle Menschen ersehnt, ist ein metaphysisches Gelände, in dem "die verlorene Seite" des Daseins, der Sinn des Lebens gehütet wird. Um diesen Osten kämpfen die Letzten der Truppe auf diesem Zauberberg, während in ihrem Rücken tobt, was Geschichte heißt.
Im Epilog zu Seilers tragikomischem Roman über den Zerfall der alten Welt forscht der Erzähler dem Schicksal seiner Figuren nach. Was ist aus Kruso geworden, der, hochfiebernd und schwer krank, in einer mythisch-expressionistischen Szene von einem russischen Schiff geborgen und fortgebracht wird? Was geschah mit Flüchtlingen wie dem Abwäscher, dessen Zimmer mit den grauen Laken Ed übernommen hat? Wer registrierte die Leichen, die an der dänischen Küste geborgen wurden? "Diese Menschen", sagt Seiler im Rückblick auf seine Recherche, "gingen im Grunde dreimal verloren: einmal vor ihrer Flucht, wenn sie alle Spuren verwischten, um niemanden zu belasten. Einmal auf ihrer Flucht, im Meer. Und schließlich als Tote, die ohne Namen bestattet werden mussten."
In vielen Details gibt Seilers Roman ein realistisches Bild der DDR in den letzten Jahren, aber darin erschöpft sich sein Anspruch nicht. "Kruso" ist auch ein gut durchkomponierter, fesselnder Roman über eine verschworene Truppe sinnsuchender Männer und (sehr weniger) Frauen in einem Augenblick historischer Turbulenz. Vor allem aber ist "Kruso" eine gleichnishafte Erzählung über die Gegenwärtigkeit des Erlebens, über "Lebenszeit und Weltzeit", wie der Philosoph Hans Blumenberg die Spannung zwischen dem historischen Geschehen und der persönlichen Erfahrung nennt. Und wie jede große Dichtung gibt der Roman mehr Rätsel auf, als er löst - nur dass es nicht nur quälende, sondern auch beglückende Rätsel sind.
* Lutz Seiler: "Kruso". Suhrkamp Verlag, Berlin; 488 Seiten; 22,95 Euro.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 36/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 36/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Literatur:
Der proletarische Zauberberg