15.09.2014

UmfrageBitte sitzen bleiben

Die Bundesbürger wünschen sich ein leistungsorientiertes Schulsystem - Ostdeutsche bevorzugen acht, Westdeutsche neun Jahre bis zum Abitur.
In der Frage, ob das Gymnasium acht oder neun Jahre lang dauern soll, ist Deutschland noch immer geteilt. Während in Ostdeutschland 52 Prozent der Bundesbürger eine achtjährige Gymnasialzeit bevorzugen, sind es im Westen nur 25 Prozent. Bundesweit ergibt sich eine deutliche Mehrheit für das G9, eine Wahlmöglichkeit zwischen beiden Gymnasialformen ist unpopulär.
Die Zahlen entstammen einer Studie, die das Ifo-Institut in München in dieser Woche veröffentlicht. Ein Team um den Bildungsökonomen Ludger Wößmann ließ die Meinung der Bundesbürger zu diversen Aspekten der Bildungsdiskussion ermitteln. Für das erste Ifo-Bildungsbarometer befragte TNS Infratest mehr als 4000 erwachsene Deutsche, per Internet und in persönlichen Interviews.
Durch die Ergebnisse wird deutlich, dass die Deutschen viele Strukturreformen in der Schule, wie einige Bildungsforscher und Schulpolitiker sie vorschlagen, mehrheitlich ablehnen. So sind jeweils mehr als drei Viertel der Befragten dagegen, Schulnoten oder das Sitzenbleiben abzuschaffen - Vorhaben, die beispielsweise die Landesregierung von Schleswig-Holstein verfolgt.
Die Zahlen zeigten, so schreiben die Autoren des Bildungsbarometers, "dass den meisten Deutschen eine klare Leistungsorientierung in den Schulen wichtig ist". Für mehr als drei Viertel der Befragten zählt dazu, dass deutsche Schüler in internationalen Leistungsvergleichen wie Pisa gut abschneiden. Und eine große Mehrheit von 85 Prozent fordert deutschlandweit einheitliche Abiturprüfungen - davon sind die Kultusminister trotz Aufbau eines Pools vergleichbarer Aufgaben in den Kernfächern noch weit entfernt.
Die Schulpolitiker bekommen von ihren Bürgern nur ein mittelmäßiges Zeugnis ausgestellt. Lediglich ein Prozent gibt der Bildungspolitik im eigenen Bundesland eine Eins als Zensur, über die Hälfte die Schulnote Drei, ein Viertel sogar schlechter. Nach den Schulen vor Ort befragt, sind die Wertungen allerdings deutlich besser - ein Gegensatz zum vermeintlich schlechten Gesamtzustand. Auch die Arbeit der Lehrkräfte vor Ort wird besser bewertet.
Die Befragungen offenbaren auch, dass die öffentliche Meinung in Sachen Bildung teils widersprüchlich und leicht zu beeinflussen ist. So fordern über zwei Drittel der Bürger mehr staatliche Ausgaben für Schulen, auch wenn nur eine Minderheit dafür höhere Steuern in Kauf nehmen möchte. Mit der Höhe der Bildungsausgaben konfrontiert (durchschnittlich 6400 Euro pro Schüler im Jahr), sinkt die Zustimmung deutlich.
Das Bestreben des Staates, verstärkt in die Kinderbetreuung zu investieren, stößt hingegen auf breite Zustimmung. Zwei Drittel der Befragten fordern, den Kindergartenbesuch verpflichtend zu machen, vorzugsweise in kostenfreien Einrichtungen.
Von Jan Friedmann

DER SPIEGEL 38/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 38/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Umfrage:
Bitte sitzen bleiben