15.09.2014

IranVorsichtig positiv

Warum sich eine Teheraner Ärztin für Sexualaufklärung einsetzt und dabei an der Ängstlichkeit der Beamten scheitert
Wie erklärt man Aids, wenn vieles von dem, was zur Ansteckung führt, offiziell gar nicht existiert? Minu Mohras seufzt. Sie sitzt in einem cremefarbenen Ledersessel im Imam-Chomenei-Krankenhaus in Teheran und trinkt, bevor sie antwortet, lieber erst mal einen Schluck Schwarztee. Dann liest sie die Zahlen vor: 1,3 Millionen Drogenabhängige gibt es in Iran, 27 000 registrierte und geschätzt mindestens 70 000 unregistrierte Fälle von HIV-Infektionen.
Mohras ist die Leiterin der Aids-Abteilung. Die Krankheit wurde in Iran lange Zeit vor allem mit Drogensucht in Verbindung gebracht, doch viele von Mohras' Patientinnen stammen aus gutem Haus. Sie sind jung, gebildet - und wurden angesteckt vom Ehemann.
Doch das darf in der Islamischen Republik Iran nicht sein. Hier gibt es angeblich keinen Sex vor der Ehe und keine außerehelichen Beziehungen, schon gar nicht mit Drogensüchtigen, mit Prostituierten oder gar mit Männern, denn Schwule gibt es in Iran natürlich auch nicht.
Und so lehnten die Regierungsbeamten bisher stets ab, was Mohras ihnen vorschlug und was anderswo gängige Praxis ist: Fernsehspots zur Aids-Aufklärung, Kondome im Supermarkt, Sexualkunde in der Schule. Dabei sei das alles dringend notwendig, erklärt die Ärztin, denn viele Iraner wüssten nicht, wie HIV übertragen wird und wie sie eine Ansteckung verhindern können.
Es ist nicht so, dass sich die iranische Regierung um HIV-Infizierte nicht kümmert; im ganzen Land gibt es Behandlungszentren, die Vorbildcharakter in der Region haben. Nur unternimmt sie zu wenig, um die Ausbreitung der Krankheit aufzuhalten. Außerdem hat die Regierung kürzlich als Ziel ausgerufen, dass sich die Bevölkerung innerhalb weniger Jahrzehnte auf 150 Millionen Menschen verdoppeln soll - und überlegt daher, die Nutzung von Verhütungsmitteln einzuschränken.
Minu Mohras ist 68 Jahre alt, verheiratet, ihre beiden erwachsenen Kinder leben in den USA und in Australien. Auf dem Kopf trägt sie ein Seidentuch mit blauem Paisleymuster, an der Brusttasche ihres Arztkittels steckt eine Aids-Schleife aus roten Perlen, ein Geschenk von Freunden aus Afrika.
Im Wartezimmer ihrer Klinik, in der sich Bürger kostenlos auf HIV testen und behandeln lassen können, sitzen an diesem Tag drei junge Männer in Jeans und T-Shirt sowie eine Schönheit mit schwarzem Lidstrich und hochtoupiertem Haar unter einem safranfarbenen Schleier. Daneben warten zwei Frauen in der reizlosen Revolutionskluft: lange, dunkle Röcke und graue Hidschabs, die keine Haarsträhne hervorschauen lassen.
Bei den jungen Patienten, sagt Mohras, spiele oft Crystal Meth eine Rolle bei der Ansteckung. Auch in Teheran sei die Partydroge beliebt, sie steigere das sexuelle Verlangen. "Und dann laufen die Dinge aus dem Ruder."
Die Ärztin forschte in Australien, sie lud die besten Aids-Experten der USA nach Teheran ein. Viele ihrer Mitarbeiter sind Frauen, engagierte Ärztinnen und Krankenschwestern. Mohras sorgte dafür, dass Tausende HIV-infizierte Drogensüchtige, von denen viele auf der Straße lebten, behandelt wurden. In einem berüchtigten Drogenknast führte sie ein fortschrittliches Methadonprogramm ein und verteilte Kondome - seitdem sei die Zahl der Neuinfektionen dort drastisch zurückgegangen, erzählt sie. Und sie behandelt nicht nur Kranke, sie kümmert sich auch um deren Integration ins normale Leben. So hat sie den "Positiv-Club" gegründet, in dem 800 HIV-Infizierte zusammen musizieren, malen und sich austauschen.
All das funktioniert in Gefängnissen und Kliniken, aber in der Öffentlichkeit, dort, wo Prävention das Leben Tausender retten könnte, hat Mohras kaum eine Chance. Dabei sind ihre Gegner nicht die konservativen Mullahs. Die Religiösen seien "streng, aber nicht prüde", sagt sie. Nein, ihre Gegner sitzen in den Bürostuben der Teheraner Ministerien. Niemand dort traue sich, eine Kampagne zu erlauben, die erklärt, wie man sich bei Sex vor oder außerhalb der Ehe schützt.
Manche Religiöse sind da näher an der Wirklichkeit. Der frühere Präsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani, selbst ein Kleriker, predigte: "Wir glauben, es sei gut, uns in Geduld zu fassen und unsere sexuellen Bedürfnisse zu unterdrücken, aber das ist falsch. Gott hat im Menschen bestimmte Bedürfnisse geschaffen, und er will sie erfüllt wissen." Rafsandschani plädierte ausdrücklich für eine Lockerung der strengen Sexualmoral. Auch andere schiitische Kleriker lassen in ihren Schriften wenig ungesagt über den sexuellen Umgang; selbst für außereheliche Beziehungen und Prostitution fanden sie einen pragmatischen Ausweg: die Ehe auf Zeit, die auch nur eine Stunde dauern kann.
Doch es sei die öffentliche Verkrampftheit im Umgang mit dem Thema Sex, sagt Minu Mohras, die es den Bürokraten unmöglich mache, das Richtige zu tun. Vielleicht ist es also Zeit für eine Aids-Fatwa, die erklärt, dass zur Vervollkommnung der islamischen Revolution auch sexuelle Aufklärung gehört.
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 38/2014
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