15.09.2014

LiteraturSchrates Bruder

Robert Seethalers erfolgreicher Roman „Ein ganzes Leben“ gleicht verblüffend einem Kultbuch des Amerikaners Denis Johnson. Ein Plagiat? Von Wolfgang Höbel
Ein guter Schriftsteller sei keineswegs für die Figuren verantwortlich, über die er schreibe, hat der 1949 geborene US-Schriftsteller Denis Johnson mal behauptet, er beobachte sie nur, "ohne sie sympathischer erscheinen lassen zu wollen, als sie sind". Diesem Lehrsatz kann der 1966 geborene österreichische Schriftsteller Robert Seethaler vermutlich zustimmen.
Seethaler erzählt in dem schmalen Buch "Ein ganzes Leben" von einem Helden, dem seiner vielen Lebtage lang eine Menge Übel begegnen, ohne dass er klagt oder jubelt oder sonst herumlärmt(*).
Dieser Romanheld heißt Andreas Egger und ist ein wortkarger Kerl. Er lebt in den Alpen. "Es gibt in der Gegend keinen besseren Arbeiter als mich", behauptet er. Man hält ihm vor: "Aber du hinkst." Egger antwortet: "Im Tal vielleicht. Am Berg bin ich der Einzige, der gerade geht."
Der Lebenslauf des Arbeiters Egger, den Seethaler skizziert, ist leicht als ein symbolischer zu begreifen: In ihm spiegeln sich viele Hoffnungen und Enttäuschungen des 20. Jahrhunderts. "Ein ganzes Leben" berichtet kühl und knapp von der Grausamkeit einer ungezähmten Welt, vom technischen Fortschritt und von der Lieblosigkeit der Menschen, aber auch der Selbstgenügsamkeit seines Helden. Der Mann fühlt sich "als Teil von etwas Großem".
Seethalers kurzes Buch über das furchtbar traurige Leben und Sterben des Andreas Egger ist ein schöner Erfolg bei Lesern und Kritikern. Seit Wochen ist das Werk in der Bestsellerliste notiert, in vielen Besprechungen wird es als Spiel mit dem Genre des Heimatromans gelobt und als kluges, vielschichtiges Kunststück. Der Rezensent der taz pries Seethalers "komplett unaufgeregten Stil", erkannte einen "Sprache gewordenen Fatalismus" und nannte "Ein ganzes Leben" gar ein Buch, das "so ergreifend und erschütternd ist, wie man es lang nicht mehr lesen durfte".
Tatsächlich konnte man vor längerer Zeit eine auffallend ähnlich ergreifende Lebensstory lesen, in Denis Johnsons "Train Dreams"(**). Auch bei Johnson geht es um einen Mann, den es in früher Kindheit mutterseelenallein in die Wildnis verschlägt und der sich als Holzfäller und Arbeiter verdingt; nicht beim Seilbahnbau wie Seethalers Held, sondern bei der Eisenbahn. Auch diesem Mann wird nur für kurze Zeit das Glück der Liebe zuteil, weil seine Frau durch rohe Naturgewalten zu Tode kommt. Der Held aber verliert nicht viele Worte und schuftet weiter. Seinen Mitmenschen gilt er als Schrat, der die späten Jahre seines Lebens in einer einsamen Hütte zubringt. Als er dort stirbt, heißt es: Er lag "den ganzen Winter hindurch tot in seiner Hütte, und niemand vermisste ihn".
Wie von dem österreichischen Arbeiter Andreas Egger, dessen Leiche "sich bei winterlichen Temperaturen gut gehalten" hat und der erst nach Tagen gefunden wird, lässt sich auch vom amerikanischen Arbeiter Robert Grainier sagen, dass er ein exemplarischer Held des 20. Jahrhunderts ist. Robert Grainier ist die Hauptfigur in Denis Johnsons Novelle.
"Train Dreams" beginnt mit den Worten: "Im Sommer 1917 beteiligte sich Robert Grainier an dem Versuch, einen chinesischen Arbeiter ums Leben zu bringen ..."
"Ein ganzes Leben" fängt gleichfalls mit der Gegenwart des Todes, mit dem Namen des Helden und mit einer Jahreszahl an: "An einem Februarmorgen des Jahres neunzehnhundertdreiunddreißig hob Andreas Egger den sterbenden Ziegenhirten Johannes Kalischka ... von einem stark durchfeuchteten ... Strohsack ..."
Mit Johnsons finsterer Biografie hat "Ein ganzes Leben" viele Motive gemein. Die Brutalität, der ein fast sprachloser Held begegnet; die erste Begegnung mit Film- respektive Fernsehbildern, die jeweils eine ungeheure Wirkung auf ihn haben; die manische, schweigsame Erkundung der Schrecken und der Schönheit der Natur. Verblüffend ähnlich ist auch der Ton beider Bücher. Staunend kann man hier die schwermütige Seelenruhe zweier Erzählerstimmen bewundern.
Erfüllt all das den Tatbestand des mutwilligen Abkupferns, sogar eines Plagiats?
Als Johnson den Arbeiter Grainier in "Train Dreams" im Alter von mehr als 80 Jahren im Jahr 1968 sterben lässt, liest man: "Er war im Laufe seines langen Lebens in westlicher Richtung bis auf ein paar Dutzend Meilen an den Pazifik herangekommen, ohne den Ozean selbst je zu sehen ... Er hatte eine Geliebte gehabt - seine Frau Gladys -, hatte ein Stück Land, zwei Pferde und einen Wagen besessen. Er war nie betrunken gewesen. Er hatte sich nie eine Schusswaffe gekauft oder ein Telefon benutzt ... Er hatte keine Vorstellung, wer seine Eltern gewesen sein mochten, und er hinterließ keine Nachkommen."
Als Seethaler den Arbeiter Egger, wohl im Alter von 79 Jahren im Jahr 1977, sterben lässt, klingt es so: "Er hatte seine Kindheit, einen Krieg und eine Lawine überlebt ... Soweit er wusste, hatte er keine nennenswerte Schuld auf sich geladen, und er war den Verlockungen der Welt, der Sauferei, der Hurerei und der Völlerei, nie verfallen. Er hatte ein Haus gebaut, hatte in unzähligen Betten, in Ställen, auf Laderampen und ein paar Nächte sogar in einer russischen Holzkiste geschlafen. Er hatte geliebt. Und er hatte eine Ahnung davon bekommen, wohin die Liebe führen konnte ... Er konnte sich nicht erinnern, wo er hergekommen war, und letztendlich wusste er nicht, wohin er gehen würde."
Keinen Satz hat Robert Seethaler bei Denis Johnson abgeschrieben. Und doch wirkt sein Buch wie eine Übermalung, ein Remake - als hätte er den Helden des Johnson-Buchs aus der Waldeinsamkeit des US-Bundesstaats Idaho in die Alpen verpflanzt.
"Train Dreams", zuerst 2002 in der Zeitschrift The Paris Review veröffentlicht, wird von vielen Schriftstellern kultisch verehrt. Thomas Glavinic hat Johnsons Novelle "ein Meisterwerk" genannt. Clemens Meyer behauptete, Johnson habe in "Train Dreams" "Bilder geschaffen, die man nicht vergisst", und pries das Buch als "eine der besten Sachen, die ich je gelesen habe".
Ein Anruf bei Seethaler. Die Frage, inwieweit "Train Dreams" ihm als Vorlage für "Ein ganzes Leben" gedient habe. Seethaler wirkt verdutzt und aufrichtig erschrocken. Er finde, so sagt er, sein Roman sei durch andere Bücher, etwa "Die Elenden" von Victor Hugo, stärker beeinflusst worden. Aber klar habe er "Train Dreams" gelesen, gleich nach der Buchveröffentlichung in Deutschland, also 2004, vor vielen Jahren. Besonders genau erinnere er sich daran, "dass es mich fast umgeworfen hat, mit welcher Gewalt die Frau aus dem Leben des Helden gerissen wird". Seine Art zu schreiben sei intuitiv, sagt Seethaler, er mache sich bei der Schriftstellerarbeit keine Gedanken über Vorbilder oder waghalsige Konstruktionen, "das muss man sich bei mir als fast naive Schreibtischarbeit vorstellen".
Klingt so, als wären alle Ähnlichkeiten, welche die Story, die Motivwahl, den Aufbau und die Weltsicht von "Ein ganzes Leben" mit der Johnson-Novelle verbinden, im Kopf des Autors Seethaler entstanden, ohne dass er sich selbst darüber klar war. Natürlich unterscheiden sich die Geschichten, die in beiden Büchern erzählt werden, auch in zahlreichen Punkten. In Johnsons Novelle verliert der Held beispielsweise bei einem verheerenden Waldbrand Frau und Kind, in Seethalers Buch ist die Frau der Hauptfigur noch kinderlos und stirbt in einer Lawine. Bei Seethaler zieht der Held in den Zweiten Weltkrieg, bei Johnson nicht.
Ohne Zweifel ist Seethalers "Ein ganzes Leben" ein eigenständiger Roman. Dessen Held Andreas Egger aber ist ein Bruder des Johnson-Helden Robert Grainier.
Kein Plagiat also. Eine Nachempfindung - unbewusst? Klar, so etwas kann es geben. Schriftstellerei ist ein Alchimistenhandwerk. Kurios ist der Fall trotzdem.
So begegnen die Hauptfiguren im einen wie im anderen Buch eines Nachts einer Geistererscheinung. Eine "verschwommene Gestalt im Mondlicht", die "ein Fiepen wie von einem verängstigten Welpen" von sich gibt, ist es bei Johnson. Eine "völlig weiße" Gestalt, gleich einer "Nebelschwade", mit "bleichen Armen" und einem "Tuch, das fadenscheinig um ihre Schultern hing", ist es bei Seethaler. In beiden Fällen ist der Geisterspuk der späte erzählerische Clou des Buchs, der Einbruch der Metaphysik in eine prosaische, mitleidlose Welt.
Er schreibe über Figuren, die sich nach Erlösung sehnen, hat der Schriftsteller Denis Johnson einmal gesagt: Weil die Menschen tief in ihrem Inneren davon überzeugt sind, dass sie "für eine bessere Welt gemacht" seien. Diese bessere Welt aber liegt leider weder in Österreichs Bergen noch in den Wäldern Idahos.
* Robert Seethaler: "Ein ganzes Leben". Verlag Hanser Berlin, Berlin; 160 Seiten; 17,90 Euro. ** Denis Johnson: "Train Dreams". Deutsch von Bettina Abarbanell. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 112 Seiten; 8,95 Euro.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 38/2014
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