22.09.2014

SPIEGEL-Gespräch„Nach Auschwitz fahre ich erst wieder, wenn ich muss“

Oliver Polak hat einen Großteil seiner Familie in der Nazizeit verloren. Er wurde Komiker und begann, aus jüdischer Sicht Witze über den Holocaust zu machen. Dann bekam er Depressionen.
Zum Gespräch wartet Oliver P olak in der Bar des Hotels Frankfurter Hof, es ist drei Uhr nachmittags, er hat sich einen Gin Tonic bestellt. Er sagt, er sei im Urlaub, es gehe ihm besser, er setze gerade die Medikamente ab. Ausschleichen nennt man das in der Psychiatrie. Polak, 38, ist als ein jüdischer Stand-up-Komiker bekannt geworden, dessen Witze mit dem verkrampften Verhältnis der Deutschen zu den Juden spielen und auch vor dem Holocaust nicht haltmachen. Für Polak war dies ein Weg, mit seiner Familiengeschichte umzugehen. Ein großer Teil seiner Familie ist von den Nazis ermordet worden, sein Vater überlebte das Konzentrationslager. Polak nannte sein Comedy-Programm "Jud süß-sauer", absolvierte mehr als hundert Auftritte pro Jahr und schrieb ein Buch mit dem Titel "Ich darf das, ich bin Jude". Im Jahr 2012 begann Polak unter Depressionen zu leiden und begab sich für mehrere Monate in eine psychiatrische Klinik in Berlin. In dem neuen Buch "Der jüdische Patient" (ab 2. Oktober bei Kiepenheuer & Witsch) sucht Polak nun nach Zusammenhängen zwischen seiner Familiengeschichte, seiner Rolle als jüdischer Komiker und dem Ausbruch der Krankheit.
SPIEGEL: Herr Polak, in Ihrem Buch erzählen Sie, dass Sie ein paar Wochen nach der Einweisung in die Klinik diese gegen den Rat der Ärzte für einen Abend verlassen, um einen Auftritt im Berliner Quatsch Comedy Club zu absolvieren. Wie kommt man auf so eine Idee?
Polak: Ich brauchte das Geld. Vor der Einweisung in die Klinik hatte ich schon mehrere Monate nur vegetierend zu Hause auf dem Bett verbracht und nicht gearbeitet. Aber ja, auch mein Arzt sagte: Herr Polak, Sie sind hier in der Psychiatrie, dafür gibt es einen Grund - Sie stehen unter schweren Beruhigungsmitteln und können kaum den Krankenhausflur auf und ab gehen.
SPIEGEL: Ein Komiker, der schwer depressiv aus der Klinik abhaut und dann versucht, Leute zum Lachen zu bringen? Das kann doch nicht funktionieren.
Polak: Ich hatte ja mein Tavor.
SPIEGEL: Ein starkes, angstlösendes Beruhigungsmittel.
Polak: Man bekommt Tavor am Anfang in der Klinik, bis das eigentliche Antidepressivum eingepegelt ist. Tavor stellt dich komplett ruhig. Also super. Als ich es nach einigen Wochen absetzen musste, bin ich allerdings die Wände hochgegangen. Mit dem Tavor aber habe ich die Auftritte hingekriegt. Es waren sogar vier Abende hintereinander. Ich bin mit dem Taxi aus der Klinik zum Friedrichstadtpalast gefahren, habe Tavor eingeschmissen, den Auftritt absolviert, danach sofort mit dem Taxi zurück in die Klinik. Das ging, erst beim letzten Auftritt kam es zum Eklat. Da saßen Heckler in der ersten Reihe.
SPIEGEL: Wer saß da?
Polak: Heckler. So nennt man in der Stand-up-Comedy Leute, die reinrufen. Für den Umgang mit einem Heckler gibt es folgende Regel: Entweder du ignorierst ihn, oder du hast eine Punchline, eine Pointe, und zerstörst ihn. Die Stimmung war also aufgeheizt. Es kamen immer mehr Buhs.
SPIEGEL: Und Sie hatten schwere Depressionen und waren auf Tavor.
Polak: Dann entdeckte ich in der dritten Reihe ein siebenjähriges Mädchen, das mit so einem dubiosen Typen da war. Eine Siebenjährige in einer Late-Night-Show! Das kann ich als Komiker nicht liegen lassen. Ich sagte der Kleinen, dass ich für sie hoffte, der Typ neben ihr sei ihr Vater - "sonst könntest du nachher auf dem Heimweg noch richtige Probleme kriegen". Dann fragte ich sie, wie alt sie sei. Sieben, sagte sie. Ach, leider zu alt für mich.
SPIEGEL: Oje.
Polak: Superschäbiger, mieser Gag, ich weiß, aber ich mag den. Das Publikum hat gebuht wie verrückt. Ich ging von der Bühne, und der Moderator entschuldigte sich anschließend für mich.
SPIEGEL: Sie sind bekannt geworden als ein deutscher jüdischer Komiker, der Witze über den Umgang der Deutschen mit dem Holocaust macht, obwohl in Ihrer Familie väterlicherseits bis auf Ihren Vater und seine Schwester alle im Holocaust umgekommen sind. Sie waren damit sehr erfolgreich, führen in Ihrem Buch die Depressionen aber auch auf das Unverständnis zurück, das Ihnen teilweise entgegenschlug.
Polak: Ich habe schnell gemerkt, dass mindestens 20 Prozent meiner Witze wirklich niemand lustig fand, weil sie für das Publikum zu hart waren.
SPIEGEL: Welche waren das?
Polak: Zum Beispiel: "Ich bin Jude, wir sollten zusehen, dass wir uns hier gut verstehen. Deswegen schlage ich vor: Ich vergesse die blöde Sache mit dem Holocaust, ihr verzeiht uns Michel Friedman." Das war kein Witz auf Kosten des Holocaust, sondern auf Kosten von Friedman.
SPIEGEL: Na ja. Man relativiert den Holocaust schon, wenn man ihn mit Michel Friedman vergleicht. Fand Ihr Vater diese Gags in Ordnung? Es gibt ja auch den, wo Sie zu Anfang der Show sagen, dass Sie mit der Eisenbahn gekommen seien, das habe Tradition in Ihrer Familie. Ihr Vater, der jahrelang in mehreren Konzentrationslagern war, hat vermutlich selbst in diesen Zügen gesessen, als er deportiert wurde.
Polak: Er ist heute 88 Jahre alt. Er war in vielen Shows, und er hatte nie ein Problem. Nur bei meinem ersten Buch machte er sich Sorgen, dass ich so viel über die Katholiken rede. Nicht, dass das Ärger gebe.
SPIEGEL: Wie begannen die Probleme?
Polak: Die meisten Auftrittsorte für Komiker sind Kabarettläden. Dort habe ich dann meine Shows gespielt. Das Kabarettpublikum freute sich auf ironischen jüdischen Witz à la Woody Allen, aber dann kam ich auf die Bühne. Ich habe jahrelang vor falschem Publikum gespielt. Entweder das Publikum hat es gehasst, oder, schlimmer noch, junge deutsche Pärchen kamen nach dem Auftritt zu mir und sagten: Sie hätten sich immer ein bisschen schlecht gefühlt, weil ihre Familie irgendwie ins "Dritte Reich" verstrickt war. Deswegen habe ihnen die Art, wie locker ich das alles nähme, so gut gefallen. Jetzt fühlten sie sich besser. Die Leute therapierten sich an mir.
SPIEGEL: Das hat Sie deprimiert?
Polak: Ich kam mir bei meiner Arbeit irgendwann vor wie auf Kriegsschauplätzen. Und nach den Auftritten fühlte ich mich wie eine Nutte, die gerade von 20 Freiern durchgenommen wurde. Am Ende liegst du da und kannst nicht mehr. Ich war zwar Bestsellerautor und hatte ausverkaufte Shows, aber es blieb Leere.
SPIEGEL: Wie kamen Sie auf die Idee, das Jüdische und auch das Leid, das den Juden in Deutschland zugefügt wurde, in den Vordergrund Ihrer Show zu stellen?
Polak: Ich hatte vorher jahrelang in schlechten deutschen Serien mitgespielt und den "Disney Club" moderiert. Aber dieser Fernsehscheiß war jämmerlich. Ich wollte Stand-up probieren, nach amerikanischem Vorbild. Das gab es in Deutschland ja kaum. Amerikanisches Stand-up ist derb, krass, echt und geht an die Schmerzgrenzen. Also habe ich mir überlegt, wer ich bin: Ich bin Oliver Polak, komme aus Papenburg im Emsland, und ich bin jüdisch - aber Sie müssen nur lachen, wenn es Ihnen gefällt. Das war der Grundgedanke der Show.
SPIEGEL: Funktionierte das auf Anhieb?
Polak: Es gab zwei Probleme: Deutschland hat keine wirkliche Stand-up-Kultur. Und hier gibt es ja auch kaum eine jüdische Kultur. Du kannst in Deutschland nicht wie in Amerika auf die Bühne kommen und sofort einen Witz über einen beschnittenen Penis machen. In Amerika wissen alle Bescheid. In Deutschland musst du erst mal den kulturellen Rahmen schaffen, weil in diesem Land das Wissen über jüdische Kultur ausgelöscht wurde.
SPIEGEL: Welches Wissen zum Beispiel?
Polak: Zum Beispiel das Klischee der jüdischen Mutter. The Jewish Mother! Das kennt in Amerika jeder. Hier musst du es erst erklären.
SPIEGEL: Was ist denn gemeint?
Polak: Ich erkläre es so: Wenn der christliche Gott alles weiß, alles sieht, immer da ist, dann ist er bei meiner Mutter in die Lehre gegangen. Sie war immer da.
SPIEGEL: Sind das nicht alle Mütter?
Polak: Als ich mit meiner ersten Freundin in Urlaub fahren wollte, erstmals ohne meine Mutter, sagte sie: Oliver, das kannst du machen, wenn du 18 bist. Ich sagte: Mama, ich bin 23. Tja, mein Sohn, sagte sie, dann hast du die Chance verpasst. Wenn sie Israel ist, dann bin ich Palästina. Meine Pubertät war die erste Intifada, mein Auszug zu Hause die zweite. Was ich sagen will: In meinen frühen Shows stand das Jüdische so im Vordergrund, weil ich erst das kulturelle Set-up bauen musste, bevor ich Witze machen konnte.
SPIEGEL: Ist doch interessant.
Polak: Irgendwann haben sich alle nur noch auf das Jüdische gestürzt: Da ist endlich mal ein sympathischer Jude, nicht so einer wie Friedman oder Broder. Ich war der "Berufsjude". Der Herr Jude. Alle kamen auch noch mit einem Judenwitz um die Ecke, schlimmes Wort übrigens. Und dann habe ich zu hören bekommen, ich sollte mich nicht beschweren, ich hätte doch damit angefangen. Der Tenor meiner nächsten Show "Jud süß-sauer" war dann: 35 Jahre blöde Fragen - jetzt gibt's die dummen Antworten.
SPIEGEL: Wann haben Sie gemerkt, dass Sie krank sind?
Polak: Ich hatte immer eine gewisse Grundtraurigkeit. Schon als Kind in diesem schrecklichen Papenburg habe ich viel mit mir allein gespielt. Ich erinnere mich, als ich zwölf war, hat meine Mutter meinem Vater einen Stammbaum der Familie geschenkt und feierlich enthüllt. Doch fast alle Äste liefen ins Leere. Die meisten Verwandten waren umgebracht worden. Da haben alle geweint.
SPIEGEL: Wurde viel über das Familienschicksal gesprochen?
Polak: Nicht direkt, indirekt war es immer da. Mein Vater hat früher gern die Fernsehshow "Melodien für Millionen" geguckt. Da ging es darum, dass Menschen, die sich 40 Jahre nicht gesehen hatten, in der Sendung wieder zusammengeführt wurden. Plötzlich ging da eine Tür auf, und ein vermisster Verwandter kam durchgetapert. Meinen Vater hat das immer sehr bewegt. Und mir wurde klar, dass für meinen Vater diese Tür immer leer bleiben würde, weil seine Verwandten alle nicht mehr da waren.
SPIEGEL: Unterschwellig war der Holocaust jeden Tag präsent?
Polak: Samstags nicht. Da ist ja Sabbat. Er war nicht in der Weise präsent wie bei Charlotte Knobloch, die den ganzen Tag mahnt. Oder wie bei dem Schriftsteller Maxim Biller, der den Antisemitismus an jeder Ecke sucht, sodass man schon denkt, er habe eine Detektei dafür. Bei uns war eher ein Gefühl vorhanden, dass in unserer Familie etwas fehlt. Die einzige andere Überlebende war meine Tante, die, anders als mein Vater, nach dem Holocaust nach New York gezogen war. Wenn sie zu Besuch kam, war das wie ein Bierdeckel unter einem kaputten Tisch. Ein Teil, der gefehlt hat, war plötzlich wieder da.
SPIEGEL: Hat Ihr Vater über seine Erfahrungen im Konzentrationslager gesprochen?
Polak: Nicht besonders. Er war in mehreren Lagern. Erst im Arbeits-, dann im Konzentrationslager. Er hat irgendwie überlebt, das Lager wurde von den Russen befreit. Aber die haben ihn mit nach Russland genommen. Er hat Russisch gelernt und später als Dolmetscher gearbeitet. 1948 hat er einen Brief nach Papenburg geschickt, um zu erfahren, ob dort jemand überlebt hat. Seine Schwester hat ihm zurückgeschrieben, dass außer ihr alle tot seien. Sie hat in Papenburg auf ihn gewartet. Nach seiner Rückkehr wollten sie Papenburg gleich in Richtung USA verlassen. Aber die Behörden haben ihn nicht ausreisen lassen, weil er im KZ Typhus und Tuberkulose hatte und immer noch Flecken auf der Lunge festgestellt wurden. Ich glaube, auf den Ämtern saßen einfach immer noch Nazis. Die haben ihm kein Gesundheitszeugnis ausgestellt. Er hat meiner Tante gesagt, fahr du schon mal vor, ich komme nach. Ist er aber nicht.
SPIEGEL: Weil er nicht wollte?
Polak: Ich glaube, wenn du das erlebt hast, dann willst du erst mal nur noch Ruhe. Mein Vater ist zwei Jahre lang nur angeln gegangen. Weil auch wenige Leute mit ihm
geredet haben. Niemand in Papenburg wollte mit dem Leid, für das mein Vater ein wandelndes Mahnmal war, etwas zu tun haben. Er war mit 12 abgeholt worden und kam mit 21 wieder.
SPIEGEL: Haben Sie verstanden, dass er Deutschland nicht verlassen hat?
Polak: Ich habe es akzeptiert. Ihm ging es um Harmonie. Manchmal kamen jüdische Bekannte zu Besuch. Eine Frau, die in der Nähe wohnte und Auschwitz überlebt hatte. Natürlich haben sie dann über ihre Erlebnisse geredet, während ich mit meinem Playmobil-Zirkus spielte. Da habe ich schon einiges mitbekommen. Ich war sehr jung, ich hatte gar nicht so das Bedürfnis.
SPIEGEL: Nein?
Polak: Nö. Ich habe mir auch noch nie ein Konzentrationslager angeguckt.
SPIEGEL: Interessiert Sie nicht?
Polak: Was soll ich da? Ich muss mir das nicht reinziehen. Ich würde erst wieder hinfahren, wenn ich muss.
SPIEGEL: Haben Sie diesen Witz gerade zum ersten Mal gemacht?
Polak: Ich schwöre. Aber er gefällt mir. Kann ich vielleicht irgendwo einbauen.
SPIEGEL: Wie jüdisch sind Sie aufgewachsen?
Polak: Mein Elternhaus war mein Judentum. Meine Mutter hat uns die Basics mitgegeben. Eine Zeit lang haben wir uns sogar koscheres Fleisch aus Frankfurt schicken lassen. Das wurde dann aber zu teuer. Ich hatte Bar-Mizwa, und am Sabbat gingen wir in die Synagoge. Das Blöde war nur, dass die nächste Synagoge erst in Osnabrück war. Also musste man den Sabbat brechen und mit dem Auto hinfahren. So ist Judentum heute in Deutschland. Man muss viele Kompromisse machen.
SPIEGEL: Kam es Ihnen merkwürdig vor, als jüdische Familie nicht in Frankfurt oder Berlin, sondern im Emsland zu leben?
Polak: Grauenhaft. Papenburg ist konservativ und katholisch, eine Entnazifizierung hat dort meines Wissens nicht stattgefunden. Wenn dort der Hund stirbt, sind Leute trauriger, als wenn ein Verwandter stirbt. Ich fühlte mich nicht zugehörig. Aber genauso wenig wollte ich etwas zu tun haben mit den reichen jüdischen Kids aus Frankfurt in ihren Ralph-Lauren-Hemden. Mit einer Gruppe von denen musste ich mit 13 mal in die Ferien fahren. Nur Louis-Vuitton-Taschen. Mit 17 bin ich aus Papenburg weggegangen, nach England, auf ein jüdisch-orthodoxes Internat.
SPIEGEL: Warum orthodox?
Polak: Es gab nur diese jüdische Schule, und die war orthodox: Kippa, Beten, koscheres Essen, und am Sabbat gab es keinen Strom. Aber zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, ich sei da richtig. Alle waren leicht durchgeknallt und hatten durch das Judentum etwas gemeinsam. Zum ersten Mal durchatmen. Endlich war ich nicht mehr der Jude. Nicht mehr Oliver Polak, der Sohn von Wilhelm Polak, der ein sehr großes Bekleidungsgeschäft in Papenburg hatte. Das jüdische Bonzenkind.
SPIEGEL: Das Vorurteil gab es?
Polak: Das und ein anderes: Weil ich ja auch so dunkel bin, hörte ich in Papenburg immer wieder, ich sei doch wohl auch nicht von hier. Darauf sagte ich: Mein Vater ist deutsch, meine Mutter russisch, und ich bin jüdisch. Die Leute reagierten aggressiv und fragten mich, warum ich betonen müsse, dass ich jüdisch sei. Sie würden ja auch nicht sagen, dass sie evangelisch sind.
SPIEGEL: Und, warum mussten Sie?
Polak: Wenn ich gefragt werde, was meine Wurzeln sind, gehört das Jüdische dazu. Durch die Sonderrolle in Deutschland, mit diesem ganzen Ballast, der ständig da ist, wurde es Teil meiner Identität.
SPIEGEL: Nach dem Holocaust sind nur wenige Juden in Deutschland geblieben. Viele von ihnen, die heute in der Öffentlichkeit stehen, sind eher extrovertierte Persönlichkeiten: der Schriftsteller Maxim Biller, Michel Friedman, Henryk M. Broder, und auch Marcel Reich-Ranicki war nicht gerade zurückhaltend.
Polak: Würden Sie mich auch in diese Reihe stellen?
SPIEGEL: Na ja. Sie machen aus Ihrer Depression ein öffentliches Thema.
Polak: Die anderen sind sicher auch depressiv geworden, haben es aber nie zugegeben.
SPIEGEL: Und warum tun Sie das?
Polak: In der Klinik habe ich mich das immer wieder gefragt: Liegt es am Holocaust und am Schicksal meiner Familie? Liegt es an der Provinz, aus der ich komme und wo ich immer Außenseiter war? Oder liegt es an der Sinnlosigkeit, über all das Witze zu machen, die die Leute nicht verstehen? Aber ich habe gelernt, dass das auch Teil der Krankheit ist: diese Redundanz. Sich wieder und wieder zu fragen und doch keine Antwort zu finden.
SPIEGEL: 2012 bekamen Sie erstmals Mirtazapin, ein Antidepressivum.
Polak: Das hatte mein Hausarzt mir verschrieben. Und ich habe in der Zeit auch begonnen, einmal in der Woche zur Therapie zu gehen. Aber keiner hat richtig bemerkt, wie schlecht es mir wirklich ging. Eigentlich hätte ich viel früher in eine Einrichtung gemusst.
SPIEGEL: Das Antidepressivum half nicht?
Polak: Mein Zustand wurde immer schlimmer. Das Mirtazapin hat nur meine Sexualität abgetötet und die Verdauung zum Erliegen gebracht. Ich habe in ein paar Monaten 35 Kilo zugenommen. Ich war da schon in einer Phase, in der eine normale Therapie nicht mehr an mich herankam. Im Krankenhaus durfte ich in den ersten Wochen nur Wassergymnastik auf Tavor machen, sonst nichts. Dann kamen ganz vorsichtige Gespräche mit dem Arzt. Dann wurde behutsam das Elontril angesetzt, ein anderes Antidepressivum. Erst nach Wochen durfte ich zur Psychodrama-Gruppe bei einer circa 75-jährigen Therapeutin. Das hat wirklich etwas gebracht. Aber du musst vorher erst in einen Zustand gebracht werden, dass man anfangen kann, dich zu therapieren.
SPIEGEL: Nehmen Sie noch das Elontril?
Polak: Ja.
SPIEGEL: Sie haben das Buch auf Elontril geschrieben?
Polak: Musste ich, klar.
SPIEGEL: Das geht?
Polak: Das Medikament ist wie ein Netz. Es fängt mich auf. Ich kann nicht mehr ganz abrutschen. Die Kehrseite ist, dass es mich auch nach oben limitiert. Es pegelt mich in einer merkwürdigen Mitte ein. Und ich habe Gedankenaussetzer. Es kann passieren, dass ich etwas zu Ihnen sage, und eine Sekunde später ist es weg. Lesen fällt mir auch schwerer, ich verliere schnell den Faden. Deswegen war es zeitweilig mühsam, das Buch zu schreiben, weil ich immer wieder den Überblick verlor.
SPIEGEL: Hat man Sie im Krankenhaus erkannt?
Polak: Das war meine größte Sorge. Dass ich plötzlich lustig sein muss. Oder ein Journalist mich da sieht. Aber im Fahrstuhl sagte dann tatsächlich einer: "Das ist doch der kranke Judenkomiker."
SPIEGEL: Herr Polak, ein Jude in Deutschland, dessen Verwandte von den Nazis ermordet wurden, wird Komiker und berühmt dafür, dass er Witze über den Holocaust macht. Das Publikum erwartet Woody Allen, bekommt das nicht und ist irritiert. Und der jüdische Komiker wird depressiv. Klingt das nicht zu gemalt?
Polak: Das ist meine Geschichte. Ich habe wahrhaftig über die eigene Identität gesprochen und bin depressiv geworden. Ob es da einen Zusammenhang gibt? Müssen die Ärzte beurteilen. Wenn ich darüber nachgedacht habe, ist mir immer wieder eingefallen, was Dave Attell, der jüdische amerikanische Stand-up-Comedian, einmal zu mir gesagt hat, als ich ihm im Comedy Cellar in New York vorgestellt wurde. Jemand sagte: "Das ist Oliver. Er ist auch Comedian, und er kommt aus Deutschland." Das war schon mal ein Lacher. Und dann: "Und er ist jüdisch!" Noch ein Lacher. Dann sagte Dave Attell: "Ich nenne dir sechs Millionen Gründe, warum das nicht funktionieren kann."
SPIEGEL: Setzen Sie das Elontril jetzt ab?
Polak: Ich bin gerade dabei, es auszuschleichen. Auch die Gesprächstherapie läuft langsam aus. Ich bin seit anderthalb Jahren aus der Klinik wieder raus. Es gibt keine Garantie, dass ich geheilt bin. Wenn dieses Interview erscheint, werde ich medikamentenfrei sein. Mal gucken, wie es mir geht, wenn ich es lese.
SPIEGEL: Herr Polak, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Mit Redakteur Philipp Oehmke in Frankfurt am Main.
Von Philipp Oehmke

DER SPIEGEL 39/2014
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