29.09.2014

Herbst der Inselbegabten

In der Finalauswahl des Deutschen Buchpreises finden sich mehrere Bücher, die auf Inseln spielen. Hat das etwas zu bedeuten?
Wer im eigenen Schrebergarten ein Riese ist, wirkt in der großen Welt oft wie ein Zwerg. Deutschsprachige Romane, die sich zu Hause blendend verkaufen, erweisen sich auf dem internationalen Buchmarkt häufig als Ladenhüter. Wie kommt's? Das schnörkellose, schnurgerade Erzählen nach US-amerikanischen Standards gelinge den deutschsprachigen Erzählern einfach nicht, sagen viele Schlaumeier, weil die Autoren besessen seien von Nabelschau und Innerlichkeit - getreu der hölderlinschen Devise: "Was kümmert mich der Schiffbruch der Welt, ich weiß von nichts als meiner seligen Insel."
Der deutsche Schriftsteller Maxim Biller hat erst im Februar dieses Jahres in einem Wutanfall in der Zeit die Ignoranz deutscher Kritiker und Verleger gegenüber deutschsprachigen Autoren mit Migrationshintergrund beklagt. Ohne die Auffrischung durch Autoren, die in und mit einer anderen Erstsprache aufgewachsen seien und stolz von ihrem Anderssein erzählten, sei die deutsche Literatur "kraftlos und provinziell", so Biller, ähnlich dem "todkranken Patienten, der aufgehört hat, zum Arzt zu gehen, aber allen erzählt, dass es ihm gut geht".
Es hat, mal wieder, niemand auf Maxim Biller gehört. Auf der Shortlist der sechs Autoren, die mit ihren Büchern um die populärste deutsche Literaturauszeichnung konkurrieren, den Deutschen Buchpreis, stehen eine Schweizerin, ein Österreicher, drei deutsche Männer und eine deutsche Frau; lauter deutsche Muttersprachler, soweit man weiß, ohne nennenswertes Migrantenflair. Und keiner der Nominierten scheint auch nur darum bemüht, sich am Format amerikanischer Erzählkunst zu orientieren.
Gertrud Leutenegger ("Panischer Frühling"), Angelika Klüssendorf ("April"), Heinrich Steinfest ("Der Allesforscher"), Thomas Melle ("3000 Euro"), Thomas Hettche ("Pfaueninsel") und Lutz Seiler ("Kruso") sind trotz der Verschiedenheit ihrer Bücher allesamt verbohrte Eigenbrötler. Von keinem lässt sich sagen, dass sie oder er sich am Ideal eines großen europäischen Romans abarbeite, wie es viele US-amerikanische Autoren mit Sehnsuchtsblick aufs Format der sogenannten Great American Novel tun. Im Deutschen-Buchpreis-Pool ist die Bescheidung auf ein übersichtliches Terrain der kleinste gemeinsame Nenner aller Bücher und Autoren. Wenn man so will: total provinziell.
Steinfests "Allesforscher" wählt die heitere Beschränkung auf ein Genre, das des fantastischen Abenteuerromans, dessen Held praktisch rund um den Globus rast. Melles "3000 Euro" vermisst die Grenzen der Gattung Sozialporno und hetzt in furiosem Gegenwartsdeutsch durch die Lovestory eines Berliner Verlierertypen und einer Lidl-Kassiererin mit Sexdreh-Erfahrung.
Die übrigen vier Kandidaten suchen sich schon geografisch sehr übersichtliche Erzählräume: allesamt in Insellage.
Leuteneggers "Panischer Frühling" berichtet von den Tagen, an denen auf der Insel Island ein Vulkan Asche spuckte, und von der Verwirrung, die deshalb auf der britischen Insel, in London, herrscht: "England war wieder ein Inselreich." Klüssendorfs "April" und Seilers "Kruso" spielen in der sterbenden DDR, einer Insel der Zwangsbeglückten. Und Hettches "Pfaueninsel" handelt von jenem arkadischen Eiland in der Havel bei Potsdam, auf dem sich Preußens Könige vor über 200 Jahren ein künstliches Paradies einrichteten.
Mit den symbolischen und literaturdiskursiven Möglichkeiten einer Insel spielen vor allem Seiler und Hettche virtuos.
In "Kruso" reist ein Germanistikstudent namens Ed, dessen Freundin mindestens fort oder sogar tot ist, im Jahr 1989 auf die Insel Hiddensee. Ein Ort der Verheißung, der Verbannung und der als republikflüchtig Verdächtigen, an dem man die biedere DDR "verlassen hat, ohne die Grenze zu überschreiten".
In "Pfaueninsel" wird im Jahr 1806 das zwergwüchsige Geschwisterpaar Christian und Marie Strakon auf Geheiß Friedrich Wilhelms III. auf die Pfaueninsel verbracht, wo die Kinder im Schatten eines Lustschlosses neben Kängurus und einem Löwen herangezogen werden, zur Ergötzung der Hofgesellschaft, an einem Ort fern des Berliner Großstadtschmutzes und des "modernen Geists", wie es im Buch heißt.
Bei Seiler findet Ed einen Hilfsjob in einer Gastwirtschaft und freundet sich mit Kruso an, einem freigeistigen Halbrussen, dessen Vater angeblich General bei den Sowjettruppen ist. Er lernt von Kruso, dem Robinson-Wiedergänger, dass man auf Hiddensee all jene, die der DDR schwimmend in Richtung Dänemark entkommen wollen, "Schiffbrüchige" nennt. Und dass eine größere Freiheit als die im Westen möglicherweise hier auf der Insel zu suchen ist, im Rausch und im Sex, in einer Clique aus Künstlern und Aussteigern, die glückselig sind im "Funkenflug einer unfassbaren Brüderlichkeit".
Bei Hettche fühlt sich die zwergwüchsige Marie schon in jungen Jahren mit dem Makel behaftet, ein "Monster" zu sein, brav fügt sie sich in das Los einer königlichen Sexsklavin. Sie verstrickt sich in ein Liebesunglück, verliert ihren Bruder und muss das Kind, das sie zur Welt bringt, weggeben. Trotz allen Leids aber begreift Marie die Insel als Zuflucht der Freaks und Enthemmten, nur ein einziges Mal verlässt sie den Ort der Freiheit und des "Ausnahmezustands".
Natürlich erweist sich in beiden Romanen die Vorstellung, dass das insuläre Idyll freisinnige Lebensentwürfe außerhalb der Zeit erlaube, als trügerisch. Ganz im Gegenteil: Im Mikrokosmos der maximalen Weltferne lässt sich jeweils besonders genau beobachten, wie politische Umstürze und technischer Fortschritt die Verhältnisse auf den Kopf stellen. Als erlaube die Insellage den Helden besondere Klarsicht, vielleicht dank des Winds, "der immer wehte, geradewegs durch die Augen in den Kopf, und das Denken befreite", wie Seiler schreibt.
Während Hettches Roman klirrt vor Kälte und Konstruiertheit, verzaubert Seilers Roman mit hitziger lyrischer Sprachkraft. Beide aber erzählen so kunstvoll und selbstbewusst von deutscher Geschichte und deutscher Wirklichkeit, dass man für die deutsche Literatur vielleicht doch hoffen darf. Es ist noch Leben im Inselreich der totgesagten Seligen.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 40/2014
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