29.09.2014

IntegrationDie Kraft der Musik

Syrische Flüchtlinge üben in Oberschwaben Mozarts Oper „Così fan tutte“ ein - dabei begegnen sich Deutsche und Migranten auf Augenhöhe.
Nie hätte sie sich vorstellen können, einmal mit einem Kopftuch durch ein Dorf in ihrer Heimat zu gehen. Aber an einem Sommertag in diesem August hat die Schwäbin Cornelia Lanz diese Erfahrung gemacht - mit erstaunlichen Folgen.
Nicht, dass die Bewohner von Oggelsbeuren feindselig reagiert hätten; sie waren einfach etwas reservierter. Der Bauer, mit dem sie zuvor immer über das Gedeihen der Salatköpfe geplaudert hatte, beließ es bei einem schlichten "Grüß Gott!"
Cornelia Lanz, Sängerin von Beruf, hatte nach ihrer Probe, eher unbedacht, das Kopftuch aufbehalten. Und was die Einheimischen irritierte, gab den Menschen aus dem Flüchtlingswohnheim von Oggelsbeuren ein Gefühl von Nähe und Vertrauen.
Schon monatelang kümmerte sich Lanz um die rund 70 Flüchtlinge aus Syrien, aber seit diesem Tag ist vieles anders. "Dass die älteren Frauen mich mit bedecktem Haar sahen, war der Durchbruch", erzählt die 33-Jährige. Fortan sei sie von der Gruppe akzeptiert worden. Und die Töchter der syrischen Familien hätten sie in einen Nebenraum gezogen, um mit ihr über das Verhältnis der Geschlechter in Deutschland zu plaudern - bei abgelegtem Kopftuch.
Rollenverwirrungen und überraschende Einblicke in den Alltag der Integration - das alles liefert ein Projekt, das derzeit im oberschwäbischen Dorf Oggelsbeuren läuft. Rund 30 Männer, Frauen und Kinder aus der Flüchtlingsunterkunft üben dort mit deutschen Sängern und Musikern eine Oper ein: Mozarts "Così fan tutte". Der künstlerische Anspruch ist hoch, die Inszenierung wird im Herbst an sechs Bühnen zu sehen sein, unter anderem am Gasteig in München. Am Sonntag ist Premiere im Theaterhaus Stuttgart.
Die syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge besetzen den Chor, die Handlung der 1790 uraufgeführten Oper übertrug der Regisseur Bernd Schmitt in den Migrantenalltag der Gegenwart. Zusätzlich singen die Flüchtlinge ein Lied mit dem Titel "Dschanna" (Paradies), eine Hymne auf die Schönheit ihres Landes - und spielen während der Ouvertüre ihr neues Leben im Heim nach: Die Frauen putzen und trinken Kaffee, die Männer rauchen, spielen Karten oder wandern mit dem Mobiltelefon umher, auf der Suche nach Netzempfang.
Im Original ist "Così fan tutte" ("So machen's alle") eine Komödie über die Untreue der Frauen: Der Zyniker Don Alfonso bringt seine Freunde Guglielmo und Ferrando dazu, in einer Wette die Treue ihrer Verlobten Fiordiligi und Dorabella zu testen. Dazu ziehen die beiden Männer angeblich in den Krieg. Sie kehren aber verkleidet zurück, um über Kreuz und unter anderem Namen den zurückgelassenen Damen den Hof zu machen. Sie sind erfolgreich, ihre Frauen sind beschämt, die Männer um eine Illusion ärmer.
In der Inszenierung von Oggelsbeuren spielt die Wette in einem Flüchtlingsheim anno 2014. Fiordiligi und Dorabella (gesungen von Lanz) wohnen dort, ihre verkleideten Männer geben sich als Deutsche aus und locken mit einem deutschen Pass.
Sie habe den neu angekommenen Flüchtlingen helfen wollen, erzählt Lanz, aber sie wusste anfangs nicht, wie. Auf den ersten Blick haben es die Entwurzelten, die von Beirut mit dem Flugzeug nach Deutschland kamen und nun in einem ehemaligen Franziskanerinnenkloster wohnen, ja auch gut angetroffen. Viermal am Tag fährt der Bus ins zwölf Kilometer entfernte Biberach an der Riß, wo die Kinder zur Schule und die Erwachsenen in den Sprachkurs gehen. Ein Bauer bringt regelmäßig Obst vorbei, nachdem es Ärger gab, weil einige Syrer Pflaumen von den Bäumen pflückten. Bei aller Fürsorge jedoch bleiben: das Trauma der Flucht und die Sorge um die Zukunft.
Ein junger Mann zeigte der Sängerin auf seinem Handy das Video eines Hubschrauberangriffs, andere berichteten von Folter und Mord.
Cornelia Lanz vertraute auf die Kraft der Musik. "Mozart erzählt uns, wie kompliziert die Liebe ist. Das verstehen alle."
Und die Gruppe erlebte die Kompliziertheit durchaus selbst. Während der Proben stritten die Paare im Heim häufig: Einige Männer wollten nicht, dass ihre Frau bei den Auftritten fotografiert wird. Manche Frauen wünschten, dass sich ihr Mann von den professionellen Sängerinnen fernhält - es war zuweilen wie im Theater. "Liebe und Leidenschaft sind bei ihnen genauso Thema wie bei uns", sagt Lanz.
Einmal habe sie die Arbeit fast abbrechen müssen, erzählt die Opernsängerin, nachdem die Männer im Internet unter "Così fan tutte" einen Sexfilm gefunden hatten. Danach lachten alle über das Missverständnis.
Das Amateurensemble schwankt zwischen der Tradition seiner Heimat und den Impulsen aus dem Gastland, und die mehr als 200 Jahre alte Oper transportiert die Orientierungssuche der Akteure. Zu einer Aufführung des Paradies-Liedes kamen vorvergangene Woche knapp 400 Zuschauer in die Stadthalle Biberach. Noch vor dem letzten Ton begannen die alten Mütter auf der Bühne zu weinen, während ihre Kinder und Enkel danach stolz in den minutenlangen Applaus hinein lachten und winkten.
Maysa Shemali, 18, die mit ihrer älteren Schwester in Oberschwaben gestrandet ist, genoss den Augenblick. "Vorher haben wir uns wie tot gefühlt", rief sie auf Englisch ins Publikum, "die Oper hat uns wieder zum Leben erweckt."
Von Jan Friedmann

DER SPIEGEL 40/2014
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