13.10.2014

ZeitgeschichteFalsche Opfer

Aufnahmen von der Flucht der Deutschen aus dem Osten 1945 sind in Wahrheit aus anderen Zeiten. Eine Studie deckt auf, wie schlampig die Authentizität der Bilder geprüft wurde.
Die Fotos sind leise und doch intensiv: Sie zeigen Frauen in winterlicher Landschaft, Frauen, die Kinder innig an sich drücken oder mit ihnen wortlos an Bahngleisen entlanglaufen. Die Aufnahmen zählen zu den Ikonen der Erinnerung an Flucht und Vertreibung Millionen Deutscher aus den ehemaligen Ostgebieten. Hunderttausendfach sind die Bilder gedruckt worden, in Magazinen wie Geo, Zeitungen wie der Süddeutschen (SZ) oder Bild, auf Einbänden von Büchern.
Die stillen Szenen passen zu den Geschichten von Müttern, die ihre unschuldigen Kinder vor Eis und Schnee schützten, auf der Flucht vor der Soldateska der Roten Armee im Kriegswinter 1944/45 oder später vertrieben von rachsüchtigen Polen und Tschechen.
Der Fotograf Fred Ramage (1900 bis 1981), der als "embedded journalist" die 9. US-Armee auf ihrem Vormarsch nach Magdeburg begleitete, hat die Bilder gemacht. Die Rechte an den Aufnahmen des Briten liegen bei der Agentur Getty Images in London; einer Beschriftung der Bilder vom Dezember 1945 im dortigen Archiv zufolge, die vermutlich auf Ramages Angaben zurückgeht, handelt es sich bei den Frauen und ihren Kindern um "Displaced Persons", die aus Lodz nach Berlin gekommen sind. So bezeichneten die Alliierten überlebende KZ-Häftlinge, ehemalige Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene der Wehrmacht in Deutschland.
Zeigen die winterlichen Fotos also nicht deutsche Opfer, sondern Opfer der Deutschen? Der Historiker Stephan Scholz von der Universität Oldenburg hat diese Frage jetzt in der Fachzeitschrift Zeithistorische Forschungen gestellt. Und es ist nicht der einzige Zweifel, den der Bildexperte äußert.
Scholz hat mehrere bekannte Aufnahmen zum Thema Flucht und Vertreibung identifiziert, die seit Jahrzehnten bei ARD und ZDF gezeigt oder in Zeitungen, Zeitschriften, Sach- und sogar Schulbüchern veröffentlicht wurden - und die möglicherweise, offenkundig oder eindeutig Menschen abbilden, die keine deutschen Opfer waren. "Gerade bei diesem Thema ist der vorliegende Bildbestand besonders heikel", sagt Scholz.
Da gibt es etwa ein Foto aus dem Jahr 1927, das einige Männer, Frauen und Kinder auf einem Wagen zeigt. Es bewarb als Kino-Aushang den Film "Land unterm Kreuz"; der Regierungspräsident der Provinz Oberschlesien hatte den revisionistischen Streifen in Auftrag gegeben. Der Film schildert die Geschichte des östlichen Oberschlesiens, das die Weimarer Republik 1921 an Polen abtreten musste.
Achtzig Jahre später tauchte das Werbefoto wieder auf: als Standbild bei Guido Knopps ZDF-Dokumentation "Die große Flucht", im Begleitbuch einer ARD-Dokumentation zum gleichen Thema, in zwei Schulbüchern und auf dem Titel von Geo.
Auch Propagandaaufnahmen der Nazis, die Jahre vor dem Untergang des "Dritten Reichs" entstanden, schafften es nach 1945 auf Buchcover und in bundesdeutsche Medien, wenn es um Flüchtlingsschicksale ging. Die Bilder stammten von 1940. Hitler hatte damals für sein Ziel eines Rasseimperiums mehrere Hunderttausend "Volksdeutsche", die in osteuropäischen Staaten lebten, "heim ins Reich" holen lassen; und die Nazis feierten die sogenannte Umsiedlung in der " Wochenschau", mit Publikationen ("Deutscher Osten - Land der Zukunft") und mit dem Propagandafilm "Der große Treck". Denn einige Umsiedler kamen in der Tat mit Pferd und Wagen.
Schon die NS-Führung schätzte die in diesem Zusammenhang entstandenen Aufnahmen. Als der Maler Leo von Welden eines der Motive in Öl fasste, kaufte Hitler das Gemälde für 1600 Reichsmark an.
Später fanden sich die Fotos von 1940 wieder: auf Einbänden von Büchern wie "Letzte Tage in Ostpreußen", in Zeitschriften, im Fernsehen.
Die ARD-Dokumentation "Die Vertriebenen" oder der ZDF-Mehrteiler "Die Gustloff" übernahmen sogar Sequenzen der "Wochenschau" von 1940 und taten so, als zeigten die Aufnahmen das Geschehen am Ende des Weltkriegs.
Auf den SPIEGEL ist Scholz bei seinen Recherchen nicht gestoßen. Doch das SPIEGEL special "Die Flucht der Deutschen" (2002) enthält ebenfalls fehlerhafte Bilder: Eine Aufnahme stammt aus dem Spielfilm "Kinder, Mütter und ein General" von 1955. Eine andere zeigt die Umsiedlung von Deutschbalten 1939 - sechs Jahre vor der großen Flucht.
Historiker Scholz rechnet mit weiteren Korrekturen. Denn jahrelang wurde Bildern geringer Quellenwert zugemessen; sie sollten einen Text illustrieren, mehr nicht. Erst seit der "Wehrmachtsausstellung" des Hamburger Instituts für Sozialforschung sind Wissenschaftler und Journalisten umsichtiger. Die Bilderschau über Verbrechen der Wehrmacht wurde 1999 geschlossen und überarbeitet, weil sie auch Aufnahmen von Leichen zeigte, die nicht auf Hitlers Wehrmacht, sondern auf die sowjetische Geheimpolizei zurückgingen.
Vordergründig geht es um wissenschaftliche und journalistische Standards. Viele Historiker glauben allerdings auch, die kollektive Erinnerung werde inzwischen "zentral über Bilder gesteuert" (Historiker Gerhard Paul). Umso wichtiger sei Sorgfalt bei deren Auswahl.
Wissenschaftler wie Scholz halten es nicht für einen Zufall, dass beim Thema Flucht und Vertreibung jahrzehntelang Mütter mit Kindern gezeigt wurden, was Unschuld und Wehrlosigkeit der Opfer unterstreichen sollte. Prompt geriet in den Hintergrund, dass viele Deutsche - Frauen wie Männer - das NS-Regime bis zum Schluss unterstützten. Beliebte Motive waren auch Trecks; dabei musste ein beträchtlicher Teil der Ostdeutschen die Heimat mit der Eisenbahn verlassen.
Andererseits liegen nur wenige Bildserien professioneller Fotografen über die Flucht der Deutschen vor, und bis Mai 1945 standen die Bildjournalisten zumeist im Dienst der NS-Propaganda, die den Eindruck zu erwecken versuchte, der "Führer" habe alles im Griff. Die Aufnahmen zeigen auffällig geordnete Trecks, manchmal lachen Flüchtlinge sogar in die Kamera.
Keines der hier genannten Medien bestreitet den von Scholz monierten Sachverhalt. Oft gehen fehlerhafte Zuschreibungen darauf zurück, dass Aufnahmen einst in Bildarchiven falsch beschriftet und die Angaben dann fortgeschrieben wurden. So datierte der SV-Bilderdienst die Werbefotos von "Land unterm Kreuz" irrtümlich ins Jahr 1945.
Das Problem stellt sich auch den Filmemachern bei ARD und ZDF. Möglicherweise wussten sie nicht, dass die " Wochenschau"-Aufnahmen, die sie in ihre Dokumentationen einbauten, von 1940 stammten.
Nicht immer lässt sich eindeutig klären, wo das Versäumnis liegt. So hat die Süddeutsche Zeitung eine der berühmten Aufnahmen des Fotografen Ramage von Frauen mit Kindern in Berlin gedruckt und verweist darauf, dass die Bildlegende von Getty Images keinen Hinweis auf "Displaced Persons" enthalte.
Wissenschaftler Scholz kennt diese Argumentation. Andererseits fand er dasselbe Bild noch zweimal in Datenbanken - und jeweils mit einem anderen Text. Das könnte skeptisch machen.
Wie viel Recherche ist also genug?
Scholz ist bei aller Kritik vorsichtig in der Bewertung. Auch er weiß bei vielen Fotos nicht mit letzter Gewissheit, wen oder was sie zeigen - und beschränkt sich in diesen Fällen darauf, Widersprüche zu benennen.
Etwa bei einer weiteren Aufnahme von Ramage: Nach Angaben von Getty Images handelt es sich um Frauen in Aachen im Oktober 1944, die aus der umkämpften Stadt herausgebracht werden sollen. Der Econ-Verlag machte die Szene dennoch zum Titelbild für Guido Knopps Begleitbuch zur Serie "Die große Flucht".
Scholz nennt eine solche Vorgehensweise "umcodieren". Das klingt akademisch harmlos.
Allerdings reimt es sich auf "manipulieren".
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 42/2014
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