13.10.2014

SeniorenStrip-Show im Altenheim

Die erste Generation Homosexueller, die weitgehend offen gelebt hat, wird pflegebedürftig. Nur wenige Heime sind darauf eingestellt.
Peter Sibley schreitet durch seinen Garten im Berliner Westen und erzählt, wie es dazu kam, dass er in eine Wohngemeinschaft für schwule Senioren zog. Sibley ist 72 Jahre alt, er hat seit seiner Jugend offen homosexuell gelebt. Dann erlitt er einen Schlaganfall und kam ins Krankenhaus. Dort merkte er schnell, was es heißt, alt und schwul zu sein. Die Krankenschwestern hätten seinen Freund beharrlich seinen Enkel genannt - obwohl sie es besser gewusst hätten, sagt Sibley. Im Altenheim, das erzählten ihm schwule Freunde, würde alles noch schlimmer. Einer berichtete ihm sogar davon, dass ein Pfleger sich geweigert habe, sein Zimmer zu betreten, er habe ja sicherlich Aids.
Sibley entschied, dass er keine Lust hatte, sich mit so etwas an seinem Lebensabend herumzuschlagen. Es ist schwer, sich ihn zwischen Häkeldeckchen und Porzellan vorzustellen. Der gebürtige Waliser hat seine schwarzen Haare zurückgekämmt, das gelbe Hawaiihemd trägt er weit aufgeknöpft, dazu eine lachsfarbene Hose und knallrote Nike-Turnschuhe. Die Fingernägel hat ihm die Pflegerin am Morgen noch dunkelblau lackiert. Sibley sieht aus wie ein in die Jahre gekommener Rockstar.
Der ehemalige Theatertechniker lebt in einem Haus in Berlin-Charlottenburg, das "Lebensort Vielfalt" heißt. Mit sieben schwulen Senioren teilt er sich eine Etage. Auch in den übrigen Stockwerken wohnen hauptsächlich homosexuelle Männer. Sibley darf hier bis tief in die Nacht feiern, einmal im Jahr gibt es die "Gay not Grey"-Modenschau. Das Zimmer des Seniors sieht aus wie das eines Studenten. Sein Freund kann zu Besuch kommen, wann er will, und niemand nennt ihn den Enkel.
Vielen homosexuellen Senioren geht es so wie Sibley vor einigen Jahren. Sie fürchten, im Heim Diskriminierung ausgeliefert zu sein. Wer jahrzehntelang schwul gelebt habe, sagt Sibley, für den komme ein konventionelles Altenheim kaum infrage. Aber das Angebot für homosexuelle Senioren ist auf wenige Orte begrenzt. In Frankfurt am Main haben zum Beispiel zwei Heime ein Konzept für schwule und lesbische Senioren, in München hat der Paritätische Wohlfahrtsverband eine Stelle geschaffen, die Heimleitungen und Pfleger für das Thema sensibilisieren soll. Das Kölner Herz-Jesu-Seniorenzentrum arbeitet mit einem Beratungszentrum für Lesben und Schwule zusammen. Auf dem Land sind hingegen keine entsprechenden Einrichtungen bekannt.
Der Kölner Sozialwissenschaftler Markus Schupp beschäftigt sich seit Jahren mit der Pflege für schwule Senioren. Zurzeit promoviert er zu dem Thema, er hat Dutzende Schwule befragt, die in Altenheimen leben und ihre sexuelle Orientierung geheim halten. Auf der Suche nach Gesprächspartnern für seine Doktorarbeit kontaktierte Schupp Heime im ganzen Land. Fast immer habe man ihm geantwortet: Bei uns gibt es keine Schwulen. Und auch die Forschung liegt brach, Schupps Arbeit soll die erste empirische Studie seit fast zehn Jahren werden.
Schupp nimmt an, dass es deutlich mehr als 100 000 homosexuelle Pflegebedürftige geben müsse. Fast alle lebten verdeckt, aber die Ansprüche, sagt Schupp, änderten sich: "Die 68er-Generation kommt jetzt ins Alter. Das ist die erste Generation, die weitestgehend offen gelebt hat, das auch im Alter tun möchte und Forderungen an die Pflege stellt."
Auf der Warteliste für den Berliner "Lebensort Vielfalt" stehen mehr als 200 Bewerber.
Viele Betroffene schieben das Thema Altenheim so lange auf, bis es zu spät ist. So lief es auch bei Bernhard Wenzel - der 68-Jährige wurde nach einem Schlaganfall in ein Heim eingewiesen, das er sich nicht selbst ausgesucht hatte. Er fühlte sich nicht akzeptiert. Als er den Pflegern von seiner Vergangenheit als Travestiekünstler erzählte, sei er auf Unverständnis gestoßen. "Als ich fragte, ob man ein solches Programm im Haus anbieten könnte, lächelten die Pfleger nur milde", sagt er. "Das könne ich vergessen, meinte einer."
Pflegeexperte Schupp sagt, dass viele ältere Schwule aus Furcht vor Diskriminierung in den Heimen ihre Männerliebe verschwiegen, selbst wenn sie sich vorher dazu bekannt hätten. "Die Betroffenen haben es in den Heimen mit Mitbewohnern zu tun, die genau wie sie in einer Zeit sozialisiert wurden, in der Homosexualität nach Paragraf 175 kriminalisiert wurde und Schwule verfolgt und verhaftet wurden", sagt Schupp.
Wenzel ist inzwischen umgezogen und wohnt jetzt im Julie-Roger-Haus, einem Heim für homosexuelle und heterosexuelle Senioren in Frankfurt am Main. Der Leiter Armin Blum ist selbst schwul, sein Haus zieht immer mehr homosexuelle Senioren an. Dieses Jahr zeichnete ein holländischer Verein Blums Team für den guten Umgang mit Schwulen und Lesben aus. Die Frankfurter sind stolz darauf.
Einmal im Jahr kommt ein Stripper zu den Senioren, ein muskulöser Mann, der sich bis auf den Tanga auszieht. Für Außenstehende sei es gewöhnungsbedürftig, wenn alte Männer jungen Kerlen auf den nackten Po starrten, sagt Blum. Ein Anwohner schrieb ihm: "Nur weil Sie eine schwule Präferenz haben, müssen Sie die Alten doch nicht mit halbnackten Typen belästigen." Aber Blum lässt sich davon nicht beirren. "Ich habe jedes Mal den Eindruck, dass Lahme plötzlich gehen können, so viele Rollatoren stehen bei den Strip-Shows in der Ecke."
Von Sebastian Kempkens

DER SPIEGEL 42/2014
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