13.10.2014

GewerkschaftenWie du mir, so ich dir

Der Tarifstreit bei der Bahn dreht sich nur vordergründig um höhere Löhne. Dahinter steht der erbitterte Machtkampf zweier Standesvereinigungen.
Das Gerücht entstand in einem Zugabteil. Es breitete sich über den Bahnsteig aus, kroch die Treppe hinunter und suchte sich seinen Weg durch die Fahrgasthalle. Um elf Uhr an diesem Morgen erreicht es das Büro von Andreas Rühle, als eine Kollegin die Tür aufreißt und brüllt: "Die Lokführer wollen morgen wieder streiken. Das sagen alle!"
Rühle atmet tief durch, streicht seinen Zopf glatt, nimmt die rote Bahnmütze vom Haken und sagt: "Dann man los."
Im Berliner Ostbahnhof ist Rühle der Mann, der dafür sorgen muss, dass alles läuft, wenn nichts mehr fährt. Der 57-Jährige arbeitet als Kundenservicemanager bei der Deutschen Bahn. Für gleich elf Berliner Bahnhöfe organisiert er mit seinen Kollegen die "drei S", wie er selbst sagt: Service, Sicherheit, Sauberkeit.
Wenn die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) einen Streik ausruft, dann rückt Rühle mit seiner Mütze zum Einsatz aus. So wie in der Nacht vom vergangenen Dienstag. Er hatte 30 Kollegen aufgetrieben, die sich rote Westen mit der Aufschrift "Service" überzogen und genervte Fahrgäste beruhigten. Er kümmerte sich darum, dass für gestrandete Reisende ein beheizter ICE bereitgestellt wurde, in dem sie sich ausruhen konnten. Und er sorgte dafür, dass wartende Passagiere genug Wasser zu trinken hatten.
In gewisser Weise kehrt Rühle die Scherben auf, die die Lokführer hinterlassen. Man sollte besser sagen: die Konkurrenz. Denn auch Rühle ist seit fast 40 Jahren Gewerkschafter. Allerdings ist er Mitglied bei der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Doch während die einen Gewerkschafter streiken, halten die anderen den Betrieb aufrecht. Für die Stimmung sei das "nicht gerade förderlich", wie Rühle sagt.
Für das Klima unter den Kollegen auch nicht. "Ich fürchte um meine Eisenbahnerfamilie", sagt Rühle, "um die Einheit der Belegschaft." Und das mit der Familie ist für ihn ein großes Wort. Rühles Großvater war Eisenbahner. Rühles Vater war Eisenbahner. Und seine Brüder waren es in ihrem Berufsleben auch.
Das Land erlebt derzeit einen der ungewöhnlichsten Arbeitskämpfe seit Jahrzehnten. Vordergründig geht es um Beschäftigte, die für höhere Löhne oder kürzere Arbeitszeiten bei der Deutschen Bahn AG eintreten. Tatsächlich aber geht es um zwei Gewerkschaften, die sich spinnefeind sind und einander erbittert bekämpfen.
Die rund 34 000 Mitglieder zählende GDL fordert fünf Prozent mehr Lohn sowie zwei Stunden weniger Wochenarbeitszeit und ist längst in den Arbeitskampf gestartet. Die Eisenbahnergewerkschaft EVG, die 240 000 Mitglieder hat, verlangt sechs Prozent mehr Lohn, mindestens aber 150 Euro für ihre Mitglieder bei der Bahn. Noch verhandelt sie mit dem Arbeitgeber. Was die Lage vertrackt macht: Die Bahn lehnt unterschiedliche Verträge für gleiche Berufsgruppen strikt ab.
Allerdings scheint es ausgeschlossen, dass die beiden Gewerkschaften kooperieren. Alle Gespräche darüber scheiterten in den vergangenen Wochen kläglich. Dahinter steht ein Machtkampf. In dieser Tarifrunde will GDL-Chef Claus Weselsky erstmals einen Vertrag unterschreiben, der nicht nur für die Lokführer, die den Kern seiner Gewerkschaft bilden, sondern für weitere fünf Berufsgruppen gelten soll - vom Zugbegleiter bis zum Rangierführer. Für den EVG-Vorsitzenden Alexander Kirchner ist das nicht akzeptabel. Deshalb will nun die EVG, die in allen anderen Bereichen die Mehrheitsgewerkschaft ist, ihrerseits für ihre Lokführer verhandeln. Wie du mir, so ich dir.
Der Streit erreicht längst auch eine politische Dimension. Im Jahr 2010 hatte das Bundesarbeitsgericht die Rechte der kleinen Gewerkschaften gestärkt und sich von dem zuvor mehr als 50 Jahre gültigen Prinzip der Tarifeinheit verabschiedet. Seitdem sind auch mehrere Tarifverträge für gleiche Berufsgruppen in einem Betrieb möglich. Arbeitgeber und die großen DGB-Gewerkschaften, die um ihren Einfluss fürchteten, drängten die Politik, sie solle die neue Vielfalt wieder einschränken. Ausgerechnet mitten im Bahn-Tarifstreit will Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) den umstrittenen Gesetzentwurf vorlegen.
Die kleinere, aber lautstarke GDL fürchtet um ihren Einfluss. Ihr streitbarer Vorsitzender Weselsky stilisiert die Tarifrunde zum Überlebenskampf seiner Gewerkschaft gegen eine finstere Koalition aus Politik, Unternehmen und EVG: "Der Bahn wirtschaftlichen Schaden zufügen" hat er als ein Streikziel ausgegeben, die Kollegen der EVG als "Hausgewerkschaft" abgetan - für Gewerkschafter eine Beleidigung, weil sie unterstellt, man sei nur williger Erfüllungsgehilfe des Kapitals. "Wir fahren keinen Kuschelkurs", empört sich Kirchner.
Der Riss zwischen den Gewerkschaften zieht sich bereits auch tief durch die Belegschaft. In der Streiknacht packte selbst Rühle die Wut. Dabei ist er nur schwer aus der Ruhe zu bringen. Das gehört zur Voraussetzung für den Job als Kundenbetreuer. GDL-Kollegen hatten ihre Loks in den Ostbahnhof gefahren. Als der Streik begann, kletterten sie aus ihren Fahrerhäuschen, löschten das Licht, verschlossen die Tür - und verschwanden. "Ich habe die noch gebeten: Dann erklärt den Fahrgästen doch wenigstens, wofür ihr hier streikt", sagt er. Am Ende hätten auch EVG-Mitglieder den Kunden erklären müssen, worum es beim Streik der Konkurrenz geht. "Ich habe das nicht als sehr kollegial empfunden", sagt Rühle.
Gewerkschafter berichten, dass es zwischen den Mitgliedern immer häufiger knirscht. Es gibt EVG-Lokführer, die lieber den Pausenraum verlassen, als sich mit einem GDL-Kollegen an einen Tisch zu setzen. Andersherum berichten EVG-Mitglieder, sie würden von der Konkurrenz als "Streikbrecher" verunglimpft.
In süddeutschen Betrieben stellten ihre Betriebsräte fest, dass ihre Schaukästen für Mitgliederinformationen mit großen Aufklebern verkleistert waren. Die Gewerkschafter waren entsetzt: Schließlich handelt es sich um einen Aufkleber, mit dem der DGB normalerweise rechtsradikale Hetzparolen unkenntlich macht. Ein EVG-Papier zur Tarifrunde warnt daher vor einer "regelrecht aggressiven Grundhaltung" zwischen den Mitgliedern beider Gewerkschaften. "Die Politik der Spaltung trägt Früchte", sagt EVG-Chef Kirchner.
Und die hat eine lange Vorgeschichte. Gern rühmt sich die GDL, die älteste Gewerkschaft Deutschlands zu sein, weil sie 1867 als "Verein Deutscher Lokomotivführer" gegründet wurde. Doch in der Bundesrepublik war sie jahrzehntelang vor allem eine Standesvereinigung stolzer Zugführer. Als Beamte aber durften sie nicht streiken, erst mit der Bahn-Privatisierung 1994 konnte die Gewerkschaft ins Tarifgeschäft um Löhne einsteigen.
Anfang 2008 dann schloss die GDL ihren ersten eigenständigen Tarifvertrag für Lokführer ab, nach dem härtesten Streik in der Geschichte der Deutschen Bahn. Blaupause waren die Lufthansa-Piloten, die 2001 als Erste mit der Berufsgewerkschaft Cockpit ihre Streikmacht nutzten, um einen besseren Abschluss für ihre Mitglieder als für alle anderen Kollegen der Fluglinie herauszuschinden.
Der Streit beschreibt die Zukunftsfrage des Tarifsystems. Einheitsgewerkschaften wie die EVG stehen für das alte bundesrepublikanische Prinzip: "Ein Betrieb, eine Gewerkschaft". Ihr Ziel ist eine solidarische Tarifpolitik, bei der die Stärkeren auf mögliche höhere Abschlüsse verzichten, damit die Gewerkschaft für die Schwächeren bessere Ergebnisse erzielen kann. Berufsgewerkschaften wie die GDL oder Cockpit sehen sich zuallererst als Interessenvertreter ihres Standes, für den es das Maximum herauszuholen gilt.
Die Große Koalition hat sich für die Tarifeinheit entschieden. Voraussichtlich am 3. Dezember will Nahles den Gesetzentwurf ins Kabinett einbringen. Immer wieder wurde der Termin verschoben. Das Vorhaben ist kompliziert. Juristen wie der ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio halten ein solches Gesetz für verfassungswidrig, da die Koalitionsfreiheit für jedermann im Grundgesetz verankert ist.
Nahles will den Druck auf konkurrierende Gewerkschaften erhöhen, miteinander zu kooperieren. Wie schwierig das ist, zeigt der Blick auf die Bahn: Sechs Jahre lang hatten GDL und EVG einen solchen Grundlagentarifvertrag, der ihre Zuständigkeiten regelte. Nun ist er ausgelaufen und kein neuer in Sicht. Eine trautes Miteinander ist ferner denn je. Seit Weselsky vor Kurzem die Vereinigung der beiden Gewerkschaften Transnet und GDBA zur EVG 2010 mit den Worten diskreditierte, "wenn sich zwei Kranke miteinander ins Bett legen und ein Kind zeugen, da kommt von Beginn an was Behindertes raus", ist der offizielle Gesprächsfaden abgerissen.
Wenn, wie bei der Bahn, eine Einigung nicht gelingt, will die Große Koalition, dass ein Notar feststellt, wer die stärkste Gewerkschaft im Betrieb ist. Deren Tarifvertrag soll dann gelten. Doch das Problem beginnt schon mit der Frage, was ein "Betrieb" ist. Etwa die Deutsche Bahn als Konzern? Sind es die über 300 einzelnen Betriebe, aus denen sie sich in Deutschland zusammensetzt? Ist es ein ICE mit Belegschaft? Je nach Antwort könnte die GDL in einigen Betrieben Mehrheitsgewerkschaft sein - oder auch nicht.
Das erklärt Weselskys Taktik. Durch das harte Auftreten will er die GDL vergrößern und ihren Einfluss sichern. Setzt er sich durch, lockt das neue Mitglieder in die GDL - und schwächt die EVG. Vielleicht bleiben am Ende der Tarifrunde auch nur noch Verlierer zurück.
Wie groß die Sorge um den Riss in der Belegschaft ist, zeigt sich im Berliner Ostbahnhof auf dem Flur, der an die Pausenräume der Belegschaft grenzt. Die EVG hat hier Hinweise für ihre Mitglieder aufgehängt. Es sind Verhaltenstipps für den GDL-Streik: "Was muss ich tun, wenn ich mich durch eventuell emotionales Verhalten von streikenden Kollegen bedrängt fühle?", lautet eine der drängendsten Fragen.
"Zunächst ist es wichtig, Ruhe zu bewahren", empfiehlt das EVG-Flugblatt. "Wir sind alle Mitglieder der Eisenbahnerfamilie - und wollen auch später noch kollegial zusammenarbeiten."
Von Markus Dettmer und Cornelia Schmergal

DER SPIEGEL 42/2014
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