13.10.2014

KapitalAtomfrage der Ökonomie

Um Finanzkrisen vorzubeugen, wollen Volkswirte den Banken das Privileg entziehen, Geld zu schöpfen. Der Plan findet prominente Unterstützer.
Große Revolutionen fangen oft klein an, beispielsweise in einer Galerie im Berliner Stadtteil Schöneberg. Auf hölzernen Klappstühlen sitzen acht Männer und eine Frau, einige halten Block und Kugelschreiber in der Hand, andere nippen an ihrer Wasserflasche.
Neben einem Projektor sitzt Klaus Karwat, ein freundlicher Mann mit grauem Haar und Hakennase, und versucht, seinem Publikum das Finanzkauderwelsch auf seinen Schaubildern nahezubringen. Von "Sichteinlagen" ist die Rede, von "Terminguthaben", vom "Leverage-Effekt". Es herrscht die angestrengt-konzentrierte Atmosphäre eines Marx-Engels-Arbeitskreises der Siebzigerjahre, nur ist die Botschaft eine andere als damals. "Wir wollen nicht die Banken enteignen", sagt Karwat, "wir wollen das Geld verstaatlichen."
Der Berliner Kunsthändler ist Vorkämpfer einer Bewegung, die derzeit in Industrieländern von Großbritannien bis zur Schweiz an Anhängern gewinnt. Überall hat die Finanzkrise Schäden hinterlassen, überall wird an schärferen Regeln für die Geldhäuser gearbeitet.
Doch einer wachsenden Zahl von Bankenkritikern reicht das nicht aus, sie wollen den Instituten ihr wertvollstes Privileg nehmen: das Recht, Geld zu schaffen. So wird es diese Woche auch ein ganz besonders namhafter Konvertit fordern, der frühere Chefvolkswirt der Deutschen Bank Thomas Mayer.
Der Finanzexperte will eine ganz eigene Geld-Alternative vorstellen, und auch das passt ins Bild. Denn wie es sich für ordentliche Umstürzler gehört, hat sich die revolutionäre Bewegung längst wieder in zahlreiche Sekten gespalten. In der Schweiz sammelt eine Bürgerinitiative Unterschriften, um eine Volksabstimmung zum Thema herbeizuführen. In Frankfurt am Main ruft die Aktion "Geldhahn zu" zum Kreditstreik auf. Und in Berlin fordert der Verein "Monetative" eine grundlegende Währungsreform: Der Staat soll die Hoheit über die umlaufenden Zahlungsmittel wieder in die eigenen Hände nehmen.
Den Vorsitz der Initiative führt Karwat, der sich schon in seiner Zeit als grüner Kommunalpolitiker gern mit Fragen beschäftigte, die anderen esoterisch vorkamen. Während seine Kollegen für höhere Zuschüsse zu Solaranlagen kämpften, vertiefte sich Karwat in die Abgründe des kommunalen Finanzausgleichs oder studierte den Konzessionsvertrag mit dem örtlichen Energieversorger. "Mich haben schon immer alle Fragen fasziniert", sagt er, "wo es um das ganz große Geld ging."
Und so ist es kein Wunder, dass Karwat sofort elektrisiert ist, als er Anfang des Jahrtausends zufällig einen Vortrag des Berliner Wirtschaftsprofessors Bernd Senf hört. "Die Banken", doziert der, "schaffen das Geld aus dem Nichts."
Wie bitte, fragt sich Karwat, aus dem Nichts? Hat er nicht im Studium gelernt, dass die Zentralbanken das Geld in Umlauf bringen und die Kreditinstitute lediglich verleihen, was ihnen die Bürger zuvor an Ersparnissen anvertraut haben?
Karwat studiert die einschlägige Literatur, kämpft sich durch Veröffentlichungen der Bundesbank und begreift rasch, dass Senf recht hat. Die Banken schaffen das Geld tatsächlich mit einem Federstrich, wenn sie Kunden einen Kredit geben und den Gegenwert einem Girokonto gutschreiben. Karwat lernt auch, dass die Banken dabei einen Extragewinn einstreichen, weil sie das Geld zu höheren Zinsen verleihen, als sie für das Guthaben zahlen müssen. Und er lernt, dass die Methode große Risiken aufweist - ist die Kreditsumme doch in aller Regel größer als die eingezahlten Ersparnisse.
Zum Problem kann das vor allem in einer konjunkturellen Flaute werden. Fallen zu viele Darlehen aus, weil die Schuldner in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, fehlen den Instituten womöglich die Mittel, wenn die Sparer ihr Geld zurückfordern. Dann werden Banken gestürmt, Institute in den Bankrott getrieben und das gesamte Zahlungssystem gefährdet, wie in der jüngsten Finanzkrise, als nicht nur Karwat vorsichtshalber Bargeld unter sein Kopfkissen stopfte.
"Wüssten die Menschen, wie das Geldsystem funktioniert", so wird der US-Unternehmer Henry Ford oft zitiert, "hätten wir eine Revolution vor morgen früh."
Namhafte Ökonomen waren auch früher schon dieser Meinung, der deutsche Gesellschaftsreformer Silvio Gesell zum Beispiel oder der US-Geldtheoretiker Irving Fisher. Daran knüpften Karwat und eine Gruppe von Mitstreitern an, als sie vor zwei Jahren ihre Reforminitiative gründeten: Nur noch die unabhängige Zentralbank ("Monetative") darf künftig Zahlungsmittel in Umlauf bringen, und die Banken müssen so viel Reserven bereithalten, dass sie ihre Kunden stets auszahlen können. So soll das Bankensystem sicherer gemacht und der Gewinn, der bei der Geldschöpfung entsteht, dem Staat zugewiesen werden.
Anfangs wurde der Vorschlag belächelt; doch inzwischen melden sich immer mehr Unterstützer zu Wort. Der Frankfurter Börsenhändler Dirk Müller ("Mister Dax") ist den Rebellen zur Seite gesprungen, der Internationale Währungsfonds hat eine freundliche Expertise abgegeben, und seit Neuestem gibt sich auch Martin Wolf, der Chefkommentator der Financial Times, als Vollgeld-Freund zu erkennen.
Noch spektakulärer aber ist, dass es nun auch Exbanker Mayer für zu gefährlich hält, seinem früheren Arbeitgeber die Hoheit über die Zahlungsmittel im Land zu überlassen. "Es ist wie bei der Atomenergie", sagt er. So wie man die Reaktoren durch immer dickere Betonhüllen sichern könne, lasse sich auch das Bankensystem durch zusätzliche Kapitalvorschriften oder gesetzliche Auflagen schützen. Nur eines sei klar, sagt er, "es bleibt immer ein Restrisiko".
Deshalb unterstützt Mayer neuerdings die Idee, die Zahlungsmittel besonders zu sichern. Allerdings soll die neue Hartwährung nach seinem Vorschlag nicht mehr allein von einer einzigen Notenbank verwaltet werden; auch private oder öffentliche Währungsinstitute sollen nach Mayers Konzept künftig Zahlungsmittel ausgeben, wenn sie garantieren können, dass die umlaufenden Mittel immer zu 100 Prozent gedeckt sind. "Die Bürger sind nicht mehr bereit, das Risiko weiterer Finanzkrisen in Kauf zu nehmen", sagt Mayer.
Tatsächlich war der Crash des Jahres 2008 ein Musterbeispiel für die Risiken des herkömmlichen Geldsystems. Als die Preise auf dem US-Immobilienmarkt abstürzten und viele Schuldner in Not gerieten, drohte der Wirtschaft buchstäblich das Geld auszugehen, weil sich die Banken untereinander keinen Kredit mehr gaben. Nur eine billionenschwere Rettungsaktion von Zentralbanken und Regierungen konnte den Kollaps verhindern, doch unter den Folgen leidet die Weltwirtschaft bis heute.
Würde den Banken ihr Geldprivileg genommen, könnte eine solche Kernschmelze des Finanzsystems verhindert werden. Aber, so wenden Kritiker ein, auch ein noch so gut abgesichertes Vollgeldsystem kann nicht jedes Risiko aus der Welt schaffen. Es kann nicht verhindern, dass Investitionsprojekte scheitern und Kredite platzen. Auch Bankenpleiten bleiben weiter möglich.
Viele Ökonomen haben weitere Vorbehalte gegen einen Systemwechsel. Müssten die Banken künftig jede Kundeneinlage zu 100 Prozent garantieren, würden Kreditvergabe und Innovationen behindert und die Zentralbanken wären überfordert. Für sie würde es künftig schwerer, die Menge der umlaufenden Zahlungsmittel an jede noch so kleine Konjunkturschwankung anzupassen.
Das sind starke Argumente, aber sie ziehen nur, solange das herkömmliche Geldsystem funktioniert. Davon aber kann derzeit längst nicht immer die Rede sein. In der Eurozone zum Beispiel sind viele Banken seit der Finanzkrise derart angeschlagen, dass sie die Konjunkturentwicklung eher behindern als befördern. Kann es da verwundern, dass eine wachsende Zahl von Fachleuten nach radikalen Alternativen sucht?
Reformer Karwat ist sich ohnehin sicher, dass die Zeit für ihn spielt. Mit der digitalen Revolution werde sich die Kreditvergabe per Crowdfunding ins Netz verlagern, sagt er, umso mehr könne sich die Zentralbank wieder dem Zahlungsverkehr widmen. "Das Vollgeld", sagt Karwat, "wird kommen."
Von Michael Sauga

DER SPIEGEL 42/2014
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