13.10.2014

PsychologieReife Strampler

Forscher ergründen eine verstörende Spielart der Sexualität: Warum finden es manche Erwachsene erregend, Windeln zu tragen?
Normalerweise erwarten Eltern, dass ihre Kinder zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr trocken werden. In manchen Fällen dauert es aber gar nicht lange, bis der größer gewordene Nachwuchs die Windeln aus freien Stücken selbst wieder anlegt.
Denn Menschen, die einen sogenannten Windelfetisch pflegen oder sich in Rollenspielen als Baby verkleiden, sind sich über ihre ungewöhnliche Neigung offenbar bereits früh im Klaren. Betroffene Jungen entdecken an sich durchschnittlich im zarten Alter von knapp elf Jahren das erotische Interesse an Kleinkind-Equipment; Mädchen, die sich als Frauen für Babyspiele begeistern, bekommen mit gut zwölf Jahren eine Ahnung von ihrer Vorliebe.
Mit diesen Ergebnissen wartet eine Studie auf, die im Fachmagazin Archives of Sexual Behavior veröffentlicht wurde. Die Autoren beleuchten eine Szene, die sich einer der bizarrsten und befremdlichsten sexuellen Spielarten hingibt - mit dieser Tatsache allerdings bemerkenswert locker und unbefangen umgeht.
Anders als auf den ersten Blick zu vermuten, ist der Windelfetisch harmlos und vor allem kurios: Die Betroffenen interessieren sich nicht für kleine Kinder, sondern wollen selbst welche sein.
In Internetforen tauschen sich Volljährige aus, die ohne ihren Schnuller kaum eine Nacht durchstehen können. Onlinehändler wie der AB-Versand haben sich mit Angeboten wie dem "Schaukelpferdchen Hotti" auf die Zielgruppe der reifen Strampler spezialisiert.
Vor knapp 80 Jahren widmete das Standardwerk "Verirrungen des Geschlechtslebens", das auf Studien des Psychiaters Richard von Krafft-Ebing beruhte, der Neigung zum Babyplunder nur wenige Zeilen. Beschrieben wird der Fall eines Tischlers, der mehrmals wegen der "Entwendung von Kinderbettzeug" verhaftet worden war: Der Anblick der Bettwäsche hatte "einen außerordentlich starken Eindruck auf ihn gemacht und lebhafte Erektion hervorgerufen".
Mitte der Sechzigerjahre schilderte das American Journal of Psychiatry den Niedergang eines 29-jährigen Milchmanns, der seine Töchter belästigt haben soll und eine Vorliebe für Gummihöschen und Windeln auslebte - schließlich landete der Mann in der Gefängnispsychiatrie. Die fraglichen Kleidungsstücke hatte der Fetischist getragen, "bis er von seiner Frau entdeckt wurde", so der Autor des Artikels.
Inzwischen ist Psychologen der merkwürdige Drang als "adultes Babysyndrom" bekannt und hat seine Schockwirkung verloren. Für ihre Studie sammelten die beiden US-Wissenschaftler Kaitlyn Hawkinson und Brian Zamboni Informationen von beinahe 2000 Betroffenen; selten wurde eine randständige sexuelle Spielart derart eingehend untersucht.
Die Nuckelfreunde trinken gern aus Fläschchen, krabbeln auf dem Boden umher und möchten von einer "Mami" oder einem "Papi" umhegt werden. Am liebsten aber, so förderte die Untersuchung zutage, lassen sie sich Windeln anlegen, um dann genussvoll einzunässen.
Diese Faktenlage lässt vermuten, dass die Windelfans für Zweierbeziehungen eher ungeeignet sind; doch die Studie zeigt, dass etwa die Hälfte der Befragten in einer festen Beziehung lebt - und die meisten verbergen ihren Drang zu Schnuller und Strampler auch nicht vor ihrem Partner.
Die Forscher haben nun erstmals tiefere Einblicke in die Beweggründe der Windelfetischisten und Babysimulanten gewonnen. Unter einigen Psychologen galt als ausgemacht, dass sich obsessive Nuckler an einem Trauma abarbeiten, das durch eine überstrenge Erziehung hervorgerufen wurde. Nur so schien erklärbar, warum sich Erwachsene freiwillig Fesselhosen anlegen lassen - oder gar Strafmützen: eine Kopfbedeckung mit angenähtem Knebel, der das Sprechen unterbindet.
Doch nun kommt ans Licht: Abgesehen von ihrer Neigung sind Verehrer der Babykultur wenig neurotisch. Studienautor Zamboni gibt zu bedenken: "Ärzte und Forscher sollten vorsichtig sein mit der Einschätzung dieser Menschen. Man kann nicht voraussetzen, dass deren Verhalten dazu bestimmt ist, negative Gefühle zu bewältigen."
Offenbar greifen Erwachsene, abseits von medizinischen Notwendigkeiten, aus unterschiedlichen Motiven zur Windel, ermittelten Zamboni und Co-Autorin Hawkinson. Vor allem Männer sind vergleichsweise leicht auszurechnen: Bei ihnen steht die sexuelle Stimulation im Vordergrund.
Das Verhältnis der Frauen zum Babyspiel ist meistens komplexer. Häufiger als ihre männlichen Gesinnungsgenossen wollen Frauen etwa ihren Partner in die Fetischhandlungen einbeziehen - ob mit oder ohne Sex. Weibliche Windelliebhaber sehnen sich nach einer klaren Rollenverteilung: Sie seien das Baby, das von einem dominanten Vater behütet werde, erläutert Zamboni.
Anders als etliche Männer erstrebten die Babyfrauen weniger unmittelbare Lustbefriedigung als ein intensives Beziehungserlebnis, berichtet der Forscher. Dazu gehört offenbar das Gefühl, gehorsam zu sein und beschützt zu werden. Allerdings, räumt Zamboni ein, sei insbesondere der weibliche Antrieb zum Babyfetisch noch nicht hinreichend ergründet.
Künftig wollen die Forscher genauer ausleuchten, warum es Frauen erregt, für erwachsene Männer die Rolle der Mama zu übernehmen.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 42/2014
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