20.10.2014

Global VillageKnallbunt

Ein neuer Baustil in Boliviens zweitgrößter Stadt dokumentiert den Aufstieg der indigenen Oberschicht.
Als er ein kleiner Junge war, fand Freddy Mamani den Anblick seiner Heimatstadt trist. "Grau, rot und braun", sagt er, während er durch die Hauptstraße seines Viertels geht. Auch jetzt ist hier das meiste grau, rot und braun, sieht man Beton, Asphalt und Backstein. Nicht umsonst galt El Alto, die zweitgrößte Stadt Boliviens, lange als Inbegriff von Hässlichkeit.
Doch in den vergangenen Jahren ist Farbe dazugekommen. Und daran ist auch Freddy Mamani beteiligt. Er geht weiter, bis zu einem knallbunten mehrstöckigen Neubau. "Den habe ich gebaut", sagt Mamani. "Und den auch." Dann deutet er auf eine Villa, die Fassaden sind knallgelb und grellblau, die Säulen verstörend grün, alles ist bemalt mit schwungvollen Mustern.
Etwa 60 dieser schrillen Mini-Paläste hat Freddy Mamani in El Alto gebaut, aber es gibt inzwischen auch viele Kopien. Der 47-jährige Architekt gehört zu den Aymara, der größten indigenen Volksgruppe Boliviens, der auch Präsident Evo Morales entstammt.
Mamani ist der Chefbaumeister ihrer Oberschicht. Mit seinem forschen Gang, den durchgetretenen Schuhen, der staubigen Jeans und der Bomberjacke könnte man ihn für einen Bauarbeiter halten. Doch er hat eine architektonische Revolution gestartet. Schon während seines Studiums störte ihn, dass ein indigener Baustil quasi nicht existiert. Also erfand er kurzerhand einen eigenen.
"Neoandinisch" heißt diese Formsprache nun akademisch, und weniger respektvoll "arquitectura chola", was so viel heißt wie: Architektur der Zugezogenen. Mamani spielt mit den Traditionen der Aymara: Die Farben erinnern an ihre Ponchos und Trachten, die Ornamente könnten Schmetterlinge, Schlangen und Kondore darstellen, Tiere, die in der Mythologie der Aymara eine besondere Rolle spielen.
Dennoch ist der Stil völlig neu - und Ausdruck eines gesellschaftlichen Umbruchs im ärmsten Land Lateinamerikas. Und es ist kein Zufall, dass dieser Wandel in El Alto stattfindet.
Wie keine andere Stadt Boliviens steht El Alto für den wirtschaftlichen Aufstieg der Indigenen, die in den vergangenen Jahrzehnten vom Hochland in die Städte gezogen sind. Anfangs gingen sie in die Regierungsstadt La Paz, doch irgendwann war der Talkessel voll. Also bauten sie ihre Häuser an den Hängen von La Paz und auf einem Hochplateau auf 4000 Metern, daraus entstand die Zwillingsstadt El Alto, "die Hochgelegene".
Vermutlich eine Million Menschen leben hier, die überwiegende Mehrheit sind Aymara; El Alto gilt inzwischen als größte Indigenen-Stadt Lateinamerikas. Und sie boomt, wie ganz Bolivien, die Wirtschaft soll in diesem Jahr um 5,5 Prozent wachsen. "Wir sind eine Händlerstadt", sagt Freddy Mamani. Der "Trockenhafen Boliviens" wird El Alto genannt, weil es zum Hauptumschlagplatz für Waren geworden ist. Die Armut ist stark gesunken während der achtjährigen Amtszeit des sozialistischen Präsidenten Morales, der gerade zum dritten Mal gewählt wurde. Und unter den Aymara sind einige zu Wohlstand gelangt.
Auch Mamani ist ein Aufsteiger, sein Vater war Maurermeister. In seinem Büro stehen Bücher mit Titeln wie "Reich werden, ohne Geld zu haben" oder "Die Millionärsmentalität" im Regal. "Die meisten sind ohne viel Geld nach El Alto gekommen", sagt Mamani. "Deshalb wurde früher auch nie auf Architektur oder Stadtplanung geachtet."
Doch jetzt sind seine Häuser zu einem Statussymbol der neureichen Aymara geworden. Zwischen 200 000 und 300 000 Dollar zahlen seine Kunden allein für Planung und Bau, dazu kommen noch Materialkosten. "Viele wollen Marmor, Keramik oder edle Steine, dann kostet es natürlich mehr", sagt Mamani. Das teuerste Haus hat zwei Millionen Dollar gekostet, in Bolivien ein unvorstellbarer Preis. "Aber wenn wir Aymara Geld haben", erklärt Mamani und grinst dabei, "dann zeigen wir das auch gern."
Bei seinem Rundgang durch El Alto findet Freddy Mamani in fast jeder Straße einen seiner Entwürfe. Vier Blocks weiter überragt sein nächstes Werk die einfachen Backsteinhäuser: eine sechsstöckige orangefarbene Villa mit schwerer Eingangstür, auf der Metalllöwen prangen. Mamani klopft, er will das Haus von innen zeigen. Im Erdgeschoss befinden sich Läden. Den zweiten Stock belegt ein hoher Tanzsaal mit Kronleuchtern, Wandmalerei und einer Bar mit Spiegelglas. Darüber wohnt die Besitzerfamilie, die einen Keramikhandel betreibt. Und auf dem Dach gibt es einen Fußballplatz.
Doch nicht alle finden Mamanis Architektur so gelungen. Besonders dort, wo Morales viele Gegner hat, gilt der neoandinische Stil als Protz für Neureiche. Als Symbol "einer neuen Gruppe Mächtiger" bezeichnet es die Tageszeitung El Deber aus Santa Cruz. Mamani findet die Kritik ungerecht, schließlich sei das einst so eintönige, windige El Alto heute viel bunter und schöner als in seiner Kindheit. Er zieht die Tür der Prunkvilla hinter sich zu und tritt auf die Straße. Er blickt grimmig, wenn er über die Kritik redet, zum ersten Mal an diesem Tag. "Mich nervt es, dass viele Leute den Aymara die Fähigkeit zu guter Architektur absprechen."
Am Ende werde er ohnehin gewinnen, glaubt Mamani: In 20 Jahren werde die Hälfte der Häuser in El Alto in seinem Stil gebaut sein. Dann werde Bolivien für die "arquitectura chola" berühmt sein, nicht mehr für die Kolonialarchitektur.
"Ich will meiner Stadt eine Identität geben", sagt Mamani. Seine Architektur, fügt er hinzu, solle die Aymara und die Geschichte Boliviens zum Leuchten bringen. Zumindest El Alto leuchtet bereits.
Von Felix Lill

DER SPIEGEL 43/2014
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