27.10.2014

AsseRuhe im Schacht

Die Arbeiten zur Bergung des Atommülls kommen nicht voran. In der Region wächst der Verdacht, die Behörden bremsten das Projekt absichtlich.
Der Auftrag, den das Bundesumweltministerium Anfang Mai an das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Salzgitter schickte, umfasst nur wenige Sätze. Aber die Aufgabe erscheint gigantisch: Zügig soll die Behörde 400 000 Kubikmeter einer Salzlösung kaufen und lagern. Die Magnesium-Chlorid-Brühe, deren Temperatur konstant bei über 20 Grad Celsius gehalten werden muss, damit sich ihre Konsistenz nicht verändert, könnte in 8400 Kesselwagen der Bahn gefüllt werden, was ein Abstellgleis von 130 Kilometer Länge erfordere, so errechnete das BfS. Alternativ kämen auch 400 Binnenschiffe als Lager infrage.
Eine logistische Herausforderung auf jeden Fall, doch brisanter noch ist der Zweck der Flüssigkeit. Sie soll rasch zur Verfügung stehen, damit sie in das Atommülllager Asse im niedersächsischen Remlingen gepumpt werden kann, falls das marode ehemalige Salzbergwerk durch einen Wassereinbruch abzusaufen droht. So etwas wäre nicht ungewöhnlich, schon viele Schächte in der Gegend ereilte ein solches Schicksal. Durch "Gegenfluten" mit der Salzlösung könnte zumindest verhindert werden, dass der Strahlenmüll unter der Erde allzu schnell mit Grundwasser in Berührung kommt und die ganze Region Wolfenbüttel radioaktiv verseucht.
Es wäre nur eine Notmaßnahme, aber sie würde auf einen Schlag das anspruchsvollste Umweltsanierungsprojekt der Bundesrepublik beenden: die Bergung von 126 000 Fässern mit radioaktivem Müll, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren in die alte Salzgrube gekippt wurden.
Eigentlich hatte die Bundesregierung vor vier Jahren die "Rückholung" beschlossen. Im vergangenen Jahr verabschiedete der Bundestag eigens ein Gesetz, das die Arbeiten beschleunigen soll. Genehmigungsverfahren wurden verkürzt, die Vorschriften für Ausschreibungen und Investitionen erleichtert.
Doch tatsächlich schleppt sich das auf mindestens vier Milliarden Euro veranschlagte Projekt so mühsam dahin, dass Zweifel wachsen, ob es je zu einer Bergung kommen wird. Ein Blick in den Haushalt des Bundes legt nahe, dass die zuständigen Behörden das Tempo nicht gerade erhöhen. Stellte Berlin voriges Jahr noch 140 Millionen Euro für die Asse-Räumung zur Verfügung, sollen es im kommenden nur 110 Millionen sein. Begründung: Das BfS gebe das Geld zurzeit ohnehin nicht aus.
Während die Fragen der Rückholung hauptsächlich Expertenzirkel beschäftigen und deren Konzepte und Gutachten eher gemächlich reifen, wird die alternative Planung einer Notflutung mit Hochdruck vorangetrieben.
Vor über einem Jahr bereits begannen Bergarbeiter unter Tage mit dem Bau von Barrieren. Es wurden selbst Stollen verschlossen, die zu jenen Kammern führen, in denen die maroden Fässer auf ihre Rückholung warten. Die Maßnahme diene der Stabilität der Grube, beruhigt das BfS die Kritiker. Wenn es mit der Bergung so weit sei, könne der Beton wieder entfernt werden.
In der Region freilich schüren solche Maßnahmen Misstrauen. "Wir haben den Eindruck, dass bei der Planung der Rückholung absichtlich gebremst wird, um letztendlich den Müll doch einfach unten lassen zu können", klagt Udo Dettmann vom Asse-II-Koordinationskreis, zu dem sich etliche Bürgerinitiativen zusammengeschlossen haben. "Das ist frustrierend."
Die Betonriegel vor der Einlagerungskammer hält Dettmann für einen fatalen Fehler. Womöglich könne die Salzlauge, die schon über kleine Spalten im Salz in manche Einlagerungskammern plätschert, nicht mehr überwacht und aufgefangen werden. Das BfS beteuert, mit Drainagen vorgesorgt zu haben. Aber allein der schlichte Rückbau der neuen Barrieren dürfte die Bergung der strahlenden Abfälle weiter verzögern.
Wie mühsam selbst kleine Arbeiten vorankommen, zeigt auch die "Faktenerhebung". Vor vier Jahren beschloss das BfS, zunächst einmal zwei der Lagerkammern vorsichtig von verschiedenen Seiten anzubohren, zu öffnen und probeweise Gebinde zu entnehmen. Das Prozedere sollte drei Jahre dauern. Zwei gingen dahin, bis alle Genehmigungen vorlagen und die Vorbereitungen abgeschlossen werden konnten. Unter Tage musste aufwendig ein hermetisch abgeriegelter Bohrstand errichtet werden. Bis heute haben die Arbeiter gerade mal drei Bohrungen ins Gestein getrieben.
Dabei fehlt es nicht an politischer Unterstützung. 2012 zwängte sich der damalige Umweltminister Peter Altmaier (CDU) in eine für ihn angefertigte Bergmannskluft, um in 750 Meter Tiefe den Bohrer symbolisch in Gang zu setzen. Für die Ressortchefs in Berlin gehört es zum guten Ton, bald nach ihrem Amtsantritt in der niedersächsischen Asse vorbeizuschauen.
So erschien im März auch Altmaiers Nachfolgerin Barbara Hendricks. Doch die Botschaft der Sozialdemokratin hob die Stimmung vor Ort nicht. Vor dem Jahr 2033, beschied sie, sei nicht mit dem Beginn der Rückholung zu rechnen. Und fügte an: "Dann bin ich 81 und nicht mehr im Amt."
Kein Wunder, dass sich die sogenannte Asse-II-Begleitgruppe - ein eigens eingerichtetes Gremium aus Lokalpolitikern und Vertretern von Bürgerinitiativen - Sorgen macht. Eigentlich gilt diese Form der Bürgerbeteiligung als vorbildlich und sollte als Beispiel für die Umsetzung anderer Großprojekte dienen. Nun aber konstatiert die Vorsitzende, die Wolfenbütteler Landrätin Christiana Steinbrügge: "Der Beteiligungsprozess befindet sich in einer kritischen Phase."
Unverständnis herrscht in der Runde darüber, dass das Bundesamt die Bauzeit eines für die Rückholung notwendigen zusätzlichen Schachts auf 16 Jahre veranschlagt. "Wissenschaftler und Schachtbauunternehmen versichern uns, dass das in der Hälfte der Zeit ginge", sagt Steinbrügge. Doch das BfS lässt sich nicht hetzen. Eine Testbohrung in 900 Meter Tiefe wurde zwar bereits im Frühjahr abgeschlossen, einen Bericht darüber gibt es aber immer noch nicht.
Dabei gilt ein neuer Schacht als Schlüssel einer zügigen Bergung, durch ihn soll nämlich nicht nur der Atommüll hochgeholt werden. Er würde auch mehr Sauerstoff unter Tage bringen, sodass deutlich mehr Menschen und Maschinen in der Grube arbeiten könnten.
Die Nagelprobe, wie ernst es der Bundesbehörde mit der Rückholung ist, könnte der Bau eines Zwischenlagers sein. Da es bislang kein Endlager in Deutschland gibt, müsste der Müll vorübergehend an der Oberfläche deponiert werden.
Die Genehmigungsverfahren sind lang, die Zeit drängt. Und wo soll es entstehen? Direkt an der Asse? Oder an einem entfernten Ort? In mühsamer Arbeit haben Mitarbeiter des BfS und die Begleitgruppe einen Katalog von Kriterien erarbeitet. Mit ihnen sollten mögliche Standorte bewertet werden.
Allerdings hat die Behörde beschlossen, zunächst keine potenziellen Zwischenlager in der Ferne zu suchen. "Doppelte Transporte" des strahlenden Mülls müssten vermieden werden. Nachdem die Begleitgruppe diese Argumentation kritisiert hatte, hat der Bund das Verfahren zur Standortsuche nun komplett "ausgesetzt". Kritiker Dettmann erscheint das konsequent: "Wird nichts geborgen", sagt er sarkastisch, "braucht man auch kein Zwischenlager."
Von Michael Fröhlingsdorf

DER SPIEGEL 44/2014
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