27.10.2014

ZeitgeistSystemfehler

In San Francisco, der Welthauptstadt des digitalen Kapitalismus, leben mehr als 7000 Obdachlose. Tagsüber finden sie ihr Zuhause an einem Ort wie aus einer anderen Zeit: in der Zentralbibliothek.
Ein schwarzer Dolch erstreckt sich über seinen rechten Unterarm, umschlungen von einem Band mit einem Spruch: "Who Wars Wins". Wyatt hat sich das Tattoo 1978 stechen lassen, in seinem ersten Jahr bei den Navy Seals. Ein Krieger ist nur glücklich, wenn er kämpfen kann. "Das Tattoo bedeutet mir schon lange nichts mehr", sagt er.
33 Jahre lang hat Wyatt in der US-Armee gedient. Afghanistan, Irak, Somalia. Dreimal trafen ihn Kugeln in der linken Schulter, einmal explodierte neben ihm eine Granate, die Splitter stecken immer noch in seinem rechten Bein. Die Bilder von den Gefechten bekommt er nicht mehr aus seinem Kopf, auch nicht die Bilder von den Dingen, die er getan hat und über die er nicht sprechen mag. Er ist jetzt 56 Jahre alt, vor sechs Jahren ist er aus dem Dienst ausgeschieden. "Ich wusste einfach nicht, wohin ich sollte, nach all der Zeit", sagt er. Seitdem ist er obdachlos. Seine Tage verbringt er in der Zentralbibliothek von San Francisco, lesend, im Untergeschoss, in einer Ecke, mit dem Rücken zur Wand.
Die Bibliothek, hellgrau, sechs Etagen, nimmt einen ganzen Block ein an der Civic Center Plaza mitten in der Innenstadt von San Francisco. Daneben das Rathaus, ein Museum und das Gebäude des Supreme Court von Kalifornien. Die alte Bibliothek ist in den Neunzigerjahren durch einen postmodernen Protzbau ersetzt worden, es ist der Versuch, Tradition mit Moderne zu verbinden. Die neue Bibliothek verfügt über 240 öffentliche Computer.
Als sie in den Neunzigerjahren in ihr neues Gebäude umzog, wurden mehr als 200 000 Bücher vernichtet, weil Platz fehlte, den damaligen Chef kostete das den Job. Die Bibliothek hat heute immer noch mehr als eine Million Bücher, sie ist immer noch ein Ort der Bildung und der Kontemplation, aber in der Welthauptstadt des digitalen Zeitalters ist sie auch ein Ort von gestern.
Die Zentrale von Twitter liegt nur 300 Meter entfernt, 60 Kilometer weiter im Silicon Valley haben Google, Apple und Facebook ihre Heimat, wo sie das Wissen einer neuen Welt produzieren sowie einen unfassbaren Reichtum, den ihre Manager und Angestellten, die Programmierer und Vermarkter in die Stadt gebracht haben. Eine Welt, in der ein Internetanschluss reicht, um alles zu lesen, was man jemals lesen wollte.
Die Frage also wäre, wer in San Francisco heute eigentlich noch eine Bibliothek braucht. Dennoch kommen täglich 5000 Besucher. Normale Bürger, aber auch sehr viele Leute wie Wyatt. Leute wie die ehemalige Krankenschwester Amber, der ehemalige Programmierer Charles oder die ehemalige Sekretärin Regina, die alle heute ohne Arbeit und Obdach sind. In einer der reichsten Städte der Welt treffen sich die Ärmsten, die Abgehängten des digitalen Kapitalismus ausgerechnet in einer Bibliothek, in einem Museum der toten Bücher.
Morgens um neun, wenn sich die Stadt langsam aus dem Nebel schält, strömen die Heimatlosen durch die großen Glastüren in das zylinderförmige Atrium aus Kalkstein und Glas: Junge, Greise, Schwarze, Weiße. Einige dreckverkrustet, die löchrigen Hosen festhaltend, mit Plastiktüten in den Händen, die ihnen die Finger abschnüren. Andere unter ihnen sind so frisch geduscht, geschminkt oder rasiert, als gingen sie zur Arbeit. "Bücher beruhigen mich", sagt Wyatt. "Lesen ist wie Abtauchen." Vor ihm liegt der Roman "The Innocent" von David Baldacci. Ein Mann, der im Auftrag der US-Regierung Menschen getötet hat, wendet sich plötzlich gegen das System und wird selbst zur Zielscheibe. Wyatt sieht da einige Parallelen.
Seit Jahren ringt er um seine Pension. "Wenn ich bedenke, was ich für dieses Land getan habe, sollte ich nicht auf der Straße stehen. Aber ich habe mir abgewöhnt, deshalb wütend zu sein." Mittags bringt ihm seine Frau Tricia Obst, Nudelsalat und Kekse vom Mittagstisch der Kirche in der Nähe. Wyatt mag da nicht hingehen, er erträgt die Menschenmassen nicht, den Lärm des Alltags, das Klingeln der Handys. Die beiden haben sich vor sechs Jahren in der Schlange vor einer Obdachlosenunterkunft kennengelernt. Sie hatte zehn Jahre lang in einer Zeitarbeitsfirma gearbeitet, die Kündigungsfrist betrug drei Tage. Nun leben sie von Essensmarken im Wert von 189 Dollar und 62 Dollar in bar im Monat.
Offiziell sind 7350 Menschen in San Francisco obdachlos. Die Zahl ist seit Jahren konstant, obwohl die Stadt jedes Jahr 165 Millionen Dollar ausgibt, um die Obdachlosen zu verpflegen und ihnen einen Weg in die Zukunft aufzuzeigen. Nicht wenige von ihnen arbeiten, aber sie können mit ihrem Lohn keine Miete mehr zahlen. Die Durchschnittsmiete liegt bei etwa 3200 Dollar. Das mittlere Einkommen eines Angestellten in der Dienstleistungsbranche beläuft sich auf rund 2000 Dollar brutto. Ein Drittel der Obdachlosen schläft in Heimen, ein weiteres Drittel in Parks. Frühmorgens werden die Straßen und Bürgersteige in der Innenstadt mit Wasser abgespritzt. Aber was machen sie tagsüber? Sie riskieren bis zu 100 Dollar Strafe, wenn sie in der Zeit von 7 bis 23 Uhr auf der Straße sitzen oder liegen. So ist aus der Zentralbibliothek eine Art Sozialstation, ein Tagesasyl für Obdachlose geworden.
Amber, 52, hat früher als Krankenschwester gearbeitet. Ihre rotblonden Locken hat sie unter einem Strohhut versteckt, ihre hellen, freundlichen Augen dezent geschminkt. Sie hat Arthrose in Schultern und Knien, weil sie 15 Jahre lang bettlägrige Patienten gehoben hat. Sie wurde oft krankgeschrieben und schließlich entlassen. Sie nutzt die Bücherei als eine Art Büro, von der aus sie versucht, ihr Leben zu organisieren. Mit dem Bibliotheksausweis darf sie täglich zwei Stunden lang einen der Computer nutzen. Sie sucht nach einer Ein-Zimmer-Sozialwohnung. Sie trägt sich überall in Listen ein. Die Wartezeit für alleinstehende Erwachsene beträgt derzeit etwa acht Monate.
Nachdem Amber ihr Haus verloren hatte und eine Nacht lang bei Starbucks saß, wählte sie 311, die Hotline für Notunterkünfte. Seither gehört ihr Bett 3 in einem Schlafsaal in Tenderloin, einem sozialen Brennpunkt nahe der Bibliothek. Viele dort haben verbrannte Lippen von heißen Crackpfeifen, fahle Crystal-Meth-Gesichter, keine Zähne mehr im Mund vom Heroin. Bis 17 Uhr muss Amber jeden Tag in der Unterkunft einchecken, sonst verliert sie ihr Bett. Der Einlass erfolgt per Fingerabdruck auf einem Scanner. Dann muss sie die letzten vier Zahlen ihrer Sozialversicherungsnummer nennen und ihre Handtasche öffnen, Waffenkontrolle. Hundert Frauen schlafen in Ambers Saal. "Der Geruch ist unerträglich. Einige tragen Pampers, und ich sehe sie nie duschen." Unter Ambers Bett befindet sich ein Schließfach, jede Nacht stellt sie ihre Schuhe dort hinein. Den Schlüssel legt sie unter ihr Kopfkissen. Um halb zehn geht das Licht aus.
Amber ist mittlerweile schwerbehindert. Sie bekommt 1800 Dollar Rente im Monat, einen Teil davon gibt sie ihren beiden erwachsenen Kindern, die Informatik studieren. Sie kommunizieren über Facebook. Dass die Mutter derzeit in einer Notunterkunft für Obdachlose schläft, davon wissen sie nichts. "Sie sollen sich nicht um mich sorgen", sagt Amber.
Auf dem Weg zum Druckerraum kommt Amber an einer Frau im blauen Jogginganzug vorbei, die mit sich selbst redet und die Todesanzeigen im San Francisco Chronicle studiert. "Glotz mich nicht an", sagt sie zu Amber, die hilflos die Arme hebt.
Viele Obdachlose sind psychisch krank. Ihnen zu helfen kostet viel Zeit und noch mehr Geld. Schläge in der Kindheit, Verbrechen, Unfälle. Laut einer Studie hat nahezu jeder zweite männliche Obdachlose einen schweren Hirnschaden. Manche Frauen und Männer in der Bücherei schreien vor sich hin, hetzen die Gänge und Regale entlang. In Internetforen liest man die Stimmen von Bürgern San Franciscos, die die Obdachlosen aus der Bibliothek verbannen wollen. Weil die sich auf der Toilette die Zähne putzen oder unter dem Lüfter die Kleider trocknen. Weil einige streng riechen oder sich um die Steckdosen streiten, an denen sie ihre Handys aufladen. Die Sicherheitsleute in der Bibliothek tragen Handschellen, Reizgas, Elektroschocker. "Probleme machen aber nur die Neuen, denen die Regeln noch fremd sind", sagt einer von ihnen. Die Obdachlosenzählung im vergangenen Jahr ergab, dass jeder Zweite erstmals auf der Straße lebt. Ein Junkie, der sich auf einer der Toiletten einen Schuss in den Fuß gesetzt und dabei den Fußboden mit Blut versaut hat, wird abgeführt und bekommt sechs Monate Hausverbot.
Vor Kurzem hat die Bibliothek ihre Besucherregeln verschärft. Shirts und Schuhe sind Pflicht, Einkaufswagen, Drogenhandel und Schlafen verboten, Sex auch. Und: Besucher und Mitarbeiter dürfen nicht angestarrt werden. Die Bücherei betont, die Regeln seien nicht nur für die Obdachlosen gemacht worden und keine Reaktion auf die Kritik im Netz.
Die Bibliothek selbst versteht sich als eine Art Gemeindezentrum, als ein Ort für alle. Weil die Bibliothekare oft völlig überfordert waren im Umgang mit den Obdachlosen, wird seit fünf Jahren eine Therapeutin beschäftigt, Leah Esguerra, eine Frau von den Philippinen. Sie hat inzwischen vier Sozialarbeiter angestellt, einer davon ist Joe, er selbst hat zwei Jahre lang in den Büschen des Golden-Gate-Parks geschlafen. "Es sind längst nicht mehr nur chronisch Obdachlose, die zu uns kommen", sagt Esguerra. "Inzwischen sehe ich auch Software-Ingenieure und Programmierer. Leute, von denen ich immer dachte, dass sie sich in dieser Stadt eigentlich keine Sorgen machen müssten. Einige haben keinen Job gefunden, andere haben Drogen genommen, um Tag und Nacht durcharbeiten zu können, und dann irgendwann den Absprung nicht mehr geschafft."
Charles, 47, trägt kurze Jeans, weißes T-Shirt, Flip-Flops. Er sieht aus, als käme er gerade vom Strand, in der Hand hat er eine Tüte mit Obst und Erdnussbutterriegeln. Typen wie er steigen morgens für gewöhnlich in einen der abgedunkelten Wifi-Busse von Ebay, Google oder Apple, um zur Arbeit ins Silicon Valley gefahren zu werden. Auch Charles hat früher Websites für Firmen erstellt. Seit drei Jahren ist er obdachlos. Jeden Abend rollt er sich in seinen Schlafsack vor einem Zoogeschäft, morgens duscht er in einem Fitnessstudio, für das er eine lebenslange Mitgliedschaft abgeschlossen hatte, damals, als er noch Geld verdiente. Dann kamen der Alkohol, die Medikamente, Kokain. Heute sei er clean, sagt er. "Weitgehend." Beim Sprechen fallen ihm oft die Augen zu. Er grinst manchmal, grundlos.
Die Bibliothek von San Francisco hat eine Kinderbuchabteilung mit Kasperletheater und Spielecke, die nachmittags Snacks anbietet, Obst und Säfte. Für die Töchter von Regina, 47, ist sie ihr Spielzimmer. Asha und Abria sind 9 und 5 Jahre alt, tragen Zöpfe und bunte Rucksäcke. Ihre Mutter ist ziemlich aufgelöst. Am Abend zuvor haben sie sich verspätet und deswegen ihren Platz in der Notunterkunft verloren. Die Nacht haben sie erst in einer U-Bahn und später in einem Vorgarten verbracht. "Und jetzt ist es schon zwei, und wir wissen wieder nicht, wo wir hinsollen." Die zierliche schwarze Frau kramt in ihrer Handtasche. Socken, Pullis und Auflagen für Toilettensitze kommen zum Vorschein. Sie knallt ihre Bewerbungsunterlagen auf den Tisch: "Hier. Ich war Rezeptionistin. Ich habe nur gute Zeugnisse. Ich brauche Arbeit." Sie zeigt eine Mappe von "Step It Up America", einem Weiterbildungsprogramm, das sie für die IT-Branche qualifizieren soll. "Ich bin hier in der Bibliothek, um für den Kurs zu lernen. Aber bei diesem ganzen Stress, wie soll ich mich da konzentrieren?"
Joe, der Sozialarbeiter, besorgt ihnen schließlich doch noch einen Platz zum Schlafen. Es ist spät, sie müssen sich beeilen. Auf dem Weg zur Unterkunft kommen sie an der Zentrale von Twitter vorbei. Die Behörden von San Francisco haben dem Unternehmen Steuern in Höhe von 22 Millionen Dollar erlassen, damit es in der Stadt bleibt. Twitter hat eine ausgezeichnete Kantine. Serviert werden Steak, Sushi, Seafood, manchmal sogar Austern.
Von Antje Windmann

DER SPIEGEL 44/2014
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