03.11.2014

RaumfahrtKitsch im All

Nächste Woche kehrt der Astronaut Alexander Gerst auf die Erde zurück. Seine Tweets von der ISS verraten, wie sehr die Reise ihn bewegt hat.
In seinen letzten Nächten auf der Erde schob Alexander Gerst zwei Klötze Holz unters Fußende seines Bettes: Beine hoch, Kopf tief. "Alter Raumfahrer-Trick", twitterte er.
Auf späteren Bildern von der Raumstation konnte man beobachten, worauf diese Schieflage ihn vorbereiten sollte: Gersts Gesicht rötete sich, wirkte aufgedunsen. Ohne Schwerkraft steigt den Raumfahrern das Blut in den Kopf. Die ersten Tage müssen sich angefühlt haben, als wäre er erkältet.
Seit fünf Monaten kreist Gerst um die Erde, voraussichtlich Montagmorgen kommender Woche wird er in der kasachischen Steppe landen. Er ist der dritte Deutsche an Bord der Internationalen Raumstation und der erste mit ständiger Internetpräsenz.
Praktisch jeden Tag schreibt Gerst Nachrichten an seine fast 180 000 Follower bei Twitter, teilt Bilder mit seinen mehr als 160 000 Fans bei Facebook. Er zeigt ihnen beeindruckende Zeitrafferaufnahmen von der sich drehenden Erde, unterlegt mit ergreifender Streichmusik. Er posiert im Hawaiihemd und schießt Selfies im Raumanzug. Weltall für alle Daheimgebliebenen.
Seine Botschaften zeigen den Mann im All. Ihre Abfolge lässt sich aber auch lesen als eine Chronologie dessen, was das All aus dem Mann macht.
Als Gerst in den ersten Wochen nach draußen schaute, sprach aus ihm noch der Geophysiker. Er beobachtete "enorme Gewitterzellen" und "ultrahohe polare Mesosphärenwolken". Ihn faszinierte ein "optisches Brechungsphänomen".
Der 38-Jährige sah von dort oben aber auch die Einschläge der Raketen in Gaza und den Rauch großer Feuer im Süden Afrikas, im Fernsehen erlebte er, wie Deutschland die Fußballweltmeisterschaft gewann. Er stieg in Astronautenkluft aus dem Raumschiff und schwebte rund 400 Kilometer über der Erde.
Wen würde das nicht beeindrucken?
Im August teilte er mit: "Beginne zu verstehen, wie sehr es die Menschheit verändern wird, die Erde von außen zu sehen." Offenbar werden die künftigen Bewohner des Alls vor allem ein wenig pathetisch.
An wem Kontinente in Minuten vorüberziehen, wer Kriege im Modellmaßstab beobachtet, wer mit einem Raumschiff durch Polarlichter taucht, für den reichen nur noch die großen Worte, um zu beschreiben, was er erlebt: "Wir sind bereit für den nächsten Schritt. Es ist unser aller Entscheidung, ob wir ihn tun", kommentierte Gerst ein Foto, das die Schwärze des Weltraums zeigt.
Früher flogen Haudegen ins All. Der moderne Astronaut hingegen ähnelt dem modernen Mann: Er hat Gefühle und traut sich, sie zu zeigen.
Beim "Sonnenaufgang aus dem Orbit" habe er "jedes Mal eine Träne im Auge", gesteht Gerst, und da die Sonne an Bord der ISS 16-mal am Tag aufgeht, kann man mutmaßen, dass der moderne Mann im All häufig mit den Tränen kämpft.
Für die Freunde der bemannten Raumfahrt ist das durchaus ein Glücksfall. Denn wenn Kritiker nörgeln, man solle lieber Roboter schicken, die seien günstiger und sicherer, kann die Europäische Weltraumorganisation (Esa) künftig argumentieren: Gerst arbeitet wie eine Maschine, aber er fühlt wie ein Mensch. Eben ein ganzer deutscher Durchschnittskerl: Fußballtrikot, sympathisches Lachen, jeden Samstag muss er drei Stunden die Raumstation putzen. Roboter erfüllen bloß Aufgaben, Gerst inspiriert Kinder. Oder wie Gerst selbst sagt: "Eure Träume werden diese Welt gestalten!"
Als er abflog, hatte sich Wladimir Putin gerade die Krim geschnappt, Amerikaner und Europäer stritten über Sanktionen. Gerst und der russisch-amerikanische Rest der Crew fassten sich an die Schultern und demonstrierten Einigkeit. Drei Maskottchen für das Gute in der Welt. "Aus dem Weltraum kann man keine Grenzen erkennen", verkündete Gerst.
Der kanadische Astronaut Chris Hadfield wurde bekannt, als er "Space Oddity" von David Bowie sang. Hätte Gerst eine Gitarre, er würde wohl den einstigen Grand-Prix-Hit "Ein bisschen Frieden" spielen.
Seinen Fans gefallen solche Botschaften. Sie schreiben: "So schön!" - "Bitte mehr." - "Vielen Dank, dass wir daran teilhaben dürfen." Sogar den Preis des Westfälischen Friedens erhielten die ISS-Bewohner. Die Esa erklärt nun natürlich, dass sich "viele Menschen für die Raumfahrt begeistern" - vor allem liken und retweeten die Leute allerdings Bilder von Polarlichtern.
Trotz zahlreicher Experimente an Bord hat das Publikum wenig davon erfahren, was die Männer und die eine Frau dort oben vollbracht haben. Wer Twitter liest, könnte meinen, Weltraumfahrt gleiche einer Fotosafari: London, Berlin, Köln aus 400 Kilometer Höhe. Woran Gerst in seinen 65-Stunden-Wochen forschte - man sah es kaum. Er schrieb zwar auch über Andockmanöver von Raumfrachtern, Bakterien und Versuche mit Flammen in Schwerelosigkeit. Aber Grundlagenforschung passt schlecht in 140 Zeichen. Also teilte Gerst lieber mit, was er sah. Das war "eine zerbrechliche Luftschicht".
Gerst hat bereits angekündigt, wie er nun, als Konsequenz aus seiner Reise, sein Leben verändern wird: Der Mann, dessen Flug ins All Tonnen von Treibstoff verbrauchte, will künftig nachhaltiger leben.
Von Laura Höflinger

DER SPIEGEL 45/2014
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