10.11.2014

Jakob Augstein Im Zweifel linksZerrissenes Land

In der Feierstunde zum Mauerfall nannte Wolf Biermann die Abgeordneten der Linken eine "Drachenbrut" und den "elenden Rest dessen, was zum Glück überwunden ist".
Da hätte jemand den Dichter an die Hand nehmen und nach draußen führen sollen. Dort stehen drei Worte: "Dem deutschen Volke". Das vertreten nämlich die Abgeordneten des Deutschen Bundestags.
Wenn es einen Ort gibt in diesem Land, der Demut vor der Demokratie lehrt, dann ist es der Deutsche Bundestag. Gerade im Reichstagsgebäude, diesem versehrten Ort, der die Spuren des Krieges nicht versteckt. Aber Demut ist nicht Biermanns Sache. Als Dichter war er immer besser denn als Denker. Norbert Lammert, der den Fehler gemacht hatte, Biermann einzuladen, mahnte den Gast, lieber zu singen als zu reden. Vergebens.
Angst brauchte Biermann ja auch nicht zu haben. Der Bundespräsident hat vor Kurzem vorgemacht, wie man mit den Linken verfahren darf. Weil die Linken in Thüringen bald den Ministerpräsidenten stellen könnten, fragte sich Joachim Gauck, ob die Partei "schon so weit weg" sei "von den Vorstellungen, die die SED einst hatte bei der Unterdrückung der Menschen hier, dass wir ihr voll vertrauen können".
Die Worte des Präsidenten Gauck und des Dichters Biermann waren verletzend, eine Ehrabschneidung. Das sind Entgleisungen, die dem Amt des einen so schaden wie dem Ruf des anderen.
In Ostdeutschland sind die Linken schon lange Volkspartei. Sie sind da, sie weigern sich aufzuhören mit dem Existieren, manchmal wachsen sie bei Wahlen noch, regieren mit oder stellen womöglich ab Dezember sogar einen Regierungschef. Sie weigern sich auch, den politischen Sozialismus in Deutschland für tot zu erklären. Und für die SPD sind die Linken die einzige Chance, auf absehbare Zeit wieder mal einen Bundeskanzler zu stellen.
Das alles sind ausreichende Gründe für manche Konservative, die Linken zu diffamieren. Nach Gaucks Äußerung hat Bernd Ulrich in der Zeit die Linke mit der AfD in einen Topf geworfen und für beide auf Twitter den Schimpfbegriff des "linksrechten Neopopulismus" verbreitet. Wie nebenbei legen die Ostdeutschen Gauck und Biermann und der Westdeutsche Ulrich mit solchen Angriffen Zeugnis davon ab, wie es 25 Jahre nach dem Fall der Mauer in Wahrheit um die deutsche Einheit bestellt ist.
"Was wird aus unseren Träumen
in diesem zerrissenen Land?
Die Wunden wollen nicht zugehn
unter dem Dreckverband."
Wolf Biermann hat diese schönen Zeilen in seinem schönsten Gedicht geschrieben. Das galt damals der DDR. Aber die Wunden, die sind immer noch offen. Und Wolf Biermann hat am vergangenen Freitag im Deutschen Bundestag dafür gesorgt, dass sie es bleiben.
An dieser Stelle schreiben zwei Kolumnisten im Wechsel. Nächste Woche ist Jan Fleischhauer an der Reihe.
Von Jakob Augstein

DER SPIEGEL 46/2014
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