10.11.2014

Geschichte„Armleuchter von der CDU“

Im Gespräch mit seinem Ghostwriter schilderte Helmut Kohl, wie die Tage des Mauerfalls 1989 für ihn beinahe zum Desaster geraten wären.
Als Helmut Kohl am 10. November 1989 in Berlin landete, hätte dies ein großer Moment seiner Kanzlerschaft werden können. Einen Tag zuvor hatten Grenzbeamte der DDR die Schlagbäume geöffnet, die Mauer war gefallen; Kohl wollte in diesem historischen Moment in Deutschland sein. Er hatte eigens einen Staatsbesuch in Polen unterbrochen und war über Umwege mit einer Maschine der US-Regierung nach Berlin geflogen. Vor Kohl hatten schon Willy Brandt und Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper auf der Freitreppe des Schöneberger Rathauses gesprochen. Ihre Reden waren von euphorischem Applaus begleitet worden. Als Kohl ans Mikrofon trat, erhob sich ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert.
"Mich haben sie dann mörderisch niedergeschrien. Das war eine Kundgebung von vielleicht 15 000 bis 18 000 Leuten, das war der linke Pöbel von Berlin. Der war doch nicht für die deutsche Einheit und für mich schon gar nicht. Und die Armleuchter von der CDU waren mit fast 100 000 Leuten an der Gedächtniskirche gestanden. Bloß im Fernsehen ist nur diese Sache übertragen worden, das war ja die amtliche Kundgebung", erzählte der Altkanzler später seinem Ghostwriter Heribert Schwan. Die Gespräche wurden in den Jahren 2001 und 2002 geführt und bildeten die Grundlage für die Memoiren Kohls.
Der hatte gedacht, er könne einem wohlmeinenden Publikum seine Freude über das Ende des DDR-Grenzregimes verkünden. Aber die Berliner CDU hatte zu einer eigenen Kundgebung in der Nähe des Kurfürstendamms geladen, doch hier, in Schöneberg, stand er vor einer Versammlung linksalternativer Parteianhänger.
In Interviews spottete Kohl später über die "linke Schickeria", die ihm in Berlin einen solch unerquicklichen Empfang bereitet hatte. In den bislang unveröffentlichten Gesprächen mit Schwan machte Kohl aber auch deutlich, wie sehr der verunglückte Auftritt das Misstrauen zwischen ihm und seinem damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher säte. Das Verhältnis der beiden war ohnehin schon angespannt. Im Frühjahr 1989 war es zwischen Kohl und dem Vizekanzler zu einer Kontroverse über die Modernisierung atomarer Kurzstreckenwaffen in Europa gekommen. Genscher hatte dies abgelehnt und wusste dabei die SPD auf seiner Seite.
Nun stand Genscher auf der Freitreppe des Rathauses und sah zu, wie Kohl ausgepfiffen wurde. Er sagte kein beschwichtigendes Wort, stattdessen verstand er sich prächtig mit dem SPD-Ehrenvorsitzenden Brandt. So jedenfalls empfand es Kohl.
"Der Genscher hat die ganze Zeit mit dem Brandt rumgscherbelt", sagte er und warf seinem Minister vor: "Angesichts dieses Pöbels war er sehr distanziert, auch im Bild, und ganz in enger Beziehung zu Brandt. Der Brandt war für den Pöbel die Heiligenfigur natürlich und nicht ich. Und so ist auch das Bild weltweit entstanden: Ich bin ausgepfiffen worden. "
Kohl schilderte in seinen Gesprächen mit dem Ghostwriter ausführlich die Sorgen, die ihn nach dem Fall der Mauer umgetrieben hatten. Wie wird die SED-Führung reagieren? Bleiben die Menschen auf den Straßen friedlich? Und vor allem: Was tut Moskau? Noch während der Reden am Schöneberger Rathaus erreichte Kohls Leute ein besorgter Anruf des sowjetischen Botschafters in Bonn mit der Bitte von Staatschef Michail Gorbatschow, der Kanzler möge beruhigend auf die Menschen einwirken. Das tat er dann auch. Ungeachtet der aufgeputschen Stimmung behielt Helmut Kohl die Contenance und sagte: "Klug handeln heißt, radikalen Parolen und Stimmen nicht zu folgen."
Kohl fürchtete vor allem, dass Gorbatschow von den Hardlinern in Moskau zu einem militärischen Eingreifen gezwungen wird; dass die Revolution in der DDR nie-
dergeschlagen wird wie der Volksaufstand im Juni 1953 oder der Prager Frühling im Jahr 1968. Kohl weiß zwar den amerikanischen Präsidenten George Bush an Deutschlands Seite. Aber auch dieser hätte sowjetische Truppen in Ostberlin nicht aufhalten können, ist Kohl im Gespräch mit Schwan überzeugt. "Wenn Gorbatschow am Tag nach dem Fall der Mauer die Panzer herausgelassen hätte, hätte auch niemand irgendetwas riskieren wollen, was zum Dritten Weltkrieg führt ... Kein Mensch in der Welt wollte für die Mauer in den Krieg ziehen. Aber die Mauer ist nicht gefallen durch die Gebete in der Zionskirche, wo vielleicht ganz hinten in der Ecke mit einer Kapuze über dem Kopf der Thierse stand."
Kohl gestand der Bürgerrechtsbewegung allenfalls eine Nebenrolle beim Umsturz in der DDR zu. "Wenn man den Herrn Thierse hört und die jetzige amtliche Darstellung der Bundesregierung, dann waren es die Menschen auf den Straßen. Natürlich waren die Menschen auf den Straßen dabei. Aber die hätten überhaupt nichts bewegt, wenn das Umfeld nicht entsprechend gewesen wäre, wenn Gorbatschow und Bush nicht über Abrüstung verhandelt hätten."
Für Kohl war Wolfgang Thierse der Inbegriff des links-naiven Bürgerrechtlers, was sich für ihn unter anderem darin ausdrückte, dass Thierse später als Vorsitzender der Ost-SPD eine große Debatte über eine neue Verfassung forderte, bevor es zur deutschen Einheit kommen könne. Für Kohl waren das Ideen eines politischen Träumers.
Das Misstrauen gegen die Bürgerrechtsbewegung speiste sich nicht nur aus der Aversion gegen Thierse. Kohl war sie grundsätzlich nicht geheuer, weil sie in weiten Teilen links der Mitte stand und von einem demokratischen Sozialismus träumte. Kohl hegte im Gespräch mit Schwan sogar den Verdacht, dass sie teilweise von der Staatssicherheit der DDR unterwandert war.
"Wir wissen ja bis heute nicht, wie hoch der Anteil der Stasi an diesen Inszenierungen der Friedensgebete war und wie weit die Stasi zum Teil diese Sachen inszeniert hatte, um bestimmte Szenarien zu erreichen - möglicherweise auch, um zuzuschlagen. Wozu es ja dann nicht kam. Aber nicht, weil die DDR-Führung so weise war, sondern weil es Gorbatschow nicht gemacht hat."
Das Bild des Kanzlers, der von seinem Volk ausgepfiffen wird, verblasste erst, als Kohl gut einen Monat später nach Dresden reiste. Am 19. Dezember sprach er vor der Ruine der Frauenkirche, und Zehntausende Menschen jubelten Kohl zu, der ein paar Tage zuvor im Bundestag seinen Weg zur Einheit skizziert hatte. Es war eine neue Erfahrung für einen Kanzler, den so viele für einen Irrtum der Geschichte gehalten hatten.
* Mit dem SPD-Ehrenvorsitzenden Willy Brandt, Außenminister Hans-Dietrich Genscher, dem Regierenden Bürgermeister Walter Momper und Senatorin Ingrid Stahmer.
Von René Pfister

DER SPIEGEL 46/2014
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