10.11.2014

Zeitgeschichte„Ankunft Tegel, ca. 10 Uhr 40“

Wer im Zentrum der Bonner Republik aufwuchs, konnte die DDR leicht für fernes Ausland halten - es sei denn, man hatte drüben Verwandtschaft. Von Katja Thimm
Als ich zum ersten Mal das Brandenburger Tor sah, war es noch das Symbol der deutschen Teilung und ich elf Jahre alt. Oktober 1980, ich lief die Straße des 17. Juni entlang, deren letzter Abschnitt im Nichts der innerdeutschen Grenze mündete. Ich war ein Kind aus dem Kerngebiet der Westintegration; ihr Erfinder, Kanzler Konrad Adenauer, hatte in meinem Heimatort am Steilhang gewohnt, ich kannte seinen Garten, die berühmten Rosen, und auch das Regierungsviertel der Bonner Republik gehörte zu meiner Welt. Mein Vater arbeitete in einem Ministerium, er hatte mir die Bauten am Rheinufer erklärt. Alles überschaubar.
Und nun, in Berlin, diese Wachtürme aus Beton. Unnahbare Männer in Uniform und mit langen Waffen. Und eine Mauer, dreimal so hoch wie ich.
Meine Großtante hatte mich eingeladen, eine weltoffene, kinderlose Frau, die mich aufforderte, das Unfassbare in einem Tagebuch festzuhalten. Das blaue linierte Schulheft umfasst fünf krakelige Einträge und ist ein Dokument kindlicher Ratlosigkeit: "12.10.'80, Ankunft um ca. 10 Uhr 40 in Tegel. Fliegen war toll!" Aber dann - das Brandenburger Tor. Und am "Mittwoch, den 15.10.'80: Fahrt auf dem Wannsee bis Glienickerbrücke. Komisches Gefühl auf der Brücke zu stehen, die einen Teil Amerikanischen Sektor enthält und einen Teil zur DDR gehört."
Weiter als bis an die Brücke, weiter als bis vors Brandenburger Tor kam ich auch nach diesen Herbstferien lange nicht. Erst als Erwachsene habe ich die DDR kennengelernt, da war sie bereits die ehemalige DDR. Dabei hatte sie in meinem Leben als Hintergrundmusik immer mitgespielt. Sie war Teil meiner Familiengeschichte - ein schmerzhafter, aber auch das erfasste ich lange nicht. Kamen wir zu Hause auf sie zu sprechen, lag ein Moll-Ton zwischen den Sätzen; über Einzelheiten aus früherer Zeit jedoch redeten wir kaum. Es war, als existierte im Alltag der sanften Flusslandschaft bei Bonn kein Resonanzraum für traurige Kapitel einer DDR-Vergangenheit.
Meine Eltern waren, wie es im offiziellen Sprachgebrauch hieß, Republikflüchtige; sie hatten die Deutsche Demokratische Republik als junge Menschen in Richtung Westen verlassen. Meine Mutter ging 1958, da war sie 18 Jahre alt; als Tochter eines Lederwarengroßhändlers in Halle an der Saale hatte sie keinen Studienplatz bekommen, weil ihr Elternhaus als kapitalistisch galt. Ein Auffanglager nahe Hannover, nach dem ostdeutschen ein westdeutsches Abitur; dann begann sie ein Medizinstudium und hatte Glück, dass ihre Eltern und die jüngere Schwester ihr vor dem Mauerbau nachfolgten. Alle anderen Menschen, alle Anknüpfungspunkte an die Kindheit und Jugend aber blieben ohne Aussicht auf ein Wiedersehen zurück. Meine Mutter hing an ihrer Heimatstadt. Ohne innere Not wäre sie nicht gegangen.
Mein Vater lebte kaum ein Jahrzehnt lang in der DDR, diese Jahre jedoch ließen ihn bis zuletzt nicht los. Er war als Flüchtling aus Masuren mit Mutter und Geschwistern in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs ins brandenburgische Eberswalde gekommen - ein 13-jähriger Junge, der bald wegen aufmüpfiger Bemerkungen mit den sowjetischen Kontrolloffizieren aneinandergeriet. Noch als Schüler setzte er sich nach Westberlin ab, lernte dort als Student an der neu gegründeten Hochschule für Politik westliche Demokratie und Freiheit kennen und geriet am 17. Juni 1953, dem Tag des Arbeiteraufstands, im damals noch frei zugänglichen Ostteil der Stadt als neugieriger Passant in die Hände russischer Besatzungssoldaten.
Sechs Wochen Untersuchungshaft, nächtliche Verhöre und Schläge, dann wurde er entlassen, weil er offensichtlich nicht zu den Rädelsführern des Aufstands zählte. Nach diesem Erlebnis aber wollte er die Mutter und den jüngsten Bruder nicht länger in Eberswalde wissen. Sie benötigten bloß ein Startkapital für ein neues Leben im Westen, so meinte er, und kaufte optische Geräte in Ostberlin, um sie an einen Fachhändler am Ku'damm weiterzuverkaufen. Am 24. August 1954 nahmen ihn zwei Volkspolizisten in einem Geschäft der Staatlichen Handelsorganisation fest. Dieses Mal blieb er sechs Jahre in einem Gefängnis der DDR. Anschließend wurde er nach Westberlin entlassen.
Die Erfahrung von Verlust und Hoffnungslosigkeit, von Willkür, Angst und Freiheitsentzug - das war es also, was meine Eltern in hohem Maß mit der DDR verband. Bei meinem Vater kamen Selbstvorwürfe hinzu; er hatte ja gewusst, dass er mit den verbotenen Geschäften ein Risiko eingegangen war. Aber von alldem ahnte ich nichts in jenen Herbstferien 1980 in Westberlin. Hätte ich die Geschichte meiner Eltern damals erzählt, sie hätte so geklungen:
Papa wohnte nach dem Krieg in Eberswalde, dann hat er in Westberlin studiert und Mama bei einem Fest in Hessen kennengelernt. Nach der Hochzeit sind sie an den Rhein gezogen, das war praktischer: Mama und ihre Eltern hatten ja auch in der DDR gelebt, bevor sie in die Bundesrepublik kamen - und solche Leute durften die Transitautobahn lange nicht benutzen. Wäre Mama mit Papa also in Westberlin geblieben, hätten alle in der Familie immer ein Flugzeug nehmen müssen, um sich zu besuchen. Und das war viel zu teuer!
Mit 14 Jahren erfuhr ich dann, dass mein Vater im Gefängnis gesessen hatte. Obwohl die Nachricht mich verstörte, fragte ich nicht nach. Erst zwei Jahre später erhielt sie mehr Kontur. An einem freundlichen Sommerwochenende kamen zwei Ehepaare zu Besuch, die ich noch nie gesehen hatte. Und während die Frauen unter Goldregen auf der Terrasse dieses und jenes erzählten, redeten die Männer von Wärtern und Gefängniskost und Einzelhaft und Brandenburg und meinten damit eines der meistgefürchteten Gefängnisse der DDR. Doch wieder beließ ich es dabei.
Wie konnte das passieren? Dass ich die Familie sonst mit Nachfragen nervte, in dieser großen Angelegenheit aber auch dann nicht nachbohrte, als ich schon Politikwissenschaft studierte? Befangenheit mag eine Rolle gespielt haben; vielleicht muss man sich erst im eigenen Leben zurechtfinden, bevor man für die Brüche im Leben der Eltern Interesse zeigen kann. Aber warum erzählten die beiden selbst nicht ungefragt viel mehr? Vor allem mein Vater schwieg.
"Ich wollte nicht, dass meine Kinder ihren Vater für einen Knasti halten", erklärte er mir, als ich längst erwachsen und er ein alter Mann war. "Wie hättet ihr das euren Freunden erklären sollen? Die DDR war so weit weg hier bei uns im Rheinland."
Und das stimmte ja auch. Obwohl Willy Brandt, die Leuchtfigur der deutschen Ostpolitik, gleich im übernächsten Ort wohnte, blickten die meisten in unserer Kleinstadt Richtung Westen. Mitunter ließ die evangelische Gemeinde für die Partnerkirche in der DDR sammeln. In der Schule aber lernte ich, dass sich in Bonn noch nie jemand für preußische Kartoffeläcker interessiert habe.
Wir hörten von Adenauers Verhandlungsgeschick auf dem benachbarten Petersberg, wo er schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg mit den Hohen Kommissaren der Westalliierten über die Souveränität der Bundesrepublik verhandelt hatte. Und auch ich war schlicht genug, mich darüber zu freuen, dass der alte Mann aus Rhöndorf mich vor der DDR bewahrt hatte, wo es meines Wissens weder echte Jeans noch akzeptable Turnschuhe gab. Die Präambel des Grundgesetzes? Gehörte zum Unterrichtsstoff, natürlich. Das gesamte Deutsche Volk sei aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden, stand da im letzten Satz. Es sei die Lebenslüge der Bonner Republik, erklärte ein Lehrer. Wie er fanden etliche Erwachsene um mich herum, die Deutsche Demokratische Republik sei gar nicht Deutschland.
Meine Eltern empörten solche Einlassungen, das zumindest wusste ich als Heranwachsende genau. Ihre alten Schulfreunde und Verwandten wohnten in Ostberlin, Karl-Marx-Stadt und Halle an der Saale - die Idee, in einem zwar geteilten, aber gemeinsamen Land zu leben, hielt alle zusammen. Es war eine merkwürdige Gespaltenheit, in der Kinder wie ich da im Zentrum der Bonner Republik in den Siebziger- und Achtzigerjahren heranwuchsen: Jedes Jahr zum Nationalfeiertag betrauerten Politiker die deutsche Spaltung - im Alltag aber interessierte sie kaum jemanden. Ich kannte Rheinländer, die Christstollen mit Nutella bestrichen und Sachsen-Anhalt für einen Teil Niedersachsens hielten. Zu Hause aber lernte ich, die Menschen, Landschaften und Traditionen dort drüben zu schätzen. Den Onkeln und Tanten, dem Erzgebirge und dem Stollen war ja das System nicht anzulasten. Auf keinen Fall wollten meine Eltern dem Rheinland die Deutungshoheit über das Deutschlandbild ihrer Kinder überlassen.
In den Sommerferien sahen wir die Stacheldrahtzäune, die mitten auf einem Strand nahe Travemünde den Weg nach Osten blockierten. Vor Reisen ins Innere der DDR scheuten wir zurück, meinem Vater waren sie lange Zeit auch verboten, aber wir fuhren öfter über die Transitautobahn nach Westberlin. Die Baracken am Grenzübergang Helmstedt-Marienborn, das nächtliche Flutlicht auf der Fahrbahn, die Beklommenheit schon Kilometer davor - es war das Gegenprogramm zur Nonchalance im Rheinland. Vielleicht hatte mein Vater recht, und die Einzelheiten seiner Geschichte hätten mich überfordert. Schon was ich von der offiziellen DDR zu sehen bekam, beängstigte mich. Es sprengte die Koordinaten meiner Welt am Rhein.
Auch eine private DDR gab es, sie war freundlich und hatte sich in meinem Elternhaus eingenistet: Jedes Jahr zu Weihnachten schickten die Verwandten und Freunde Nussknackermännchen und geschnitzte Erzgebirgsengel, Eterna-Schallplatten des staatlichen DDR-Tonträgerproduzenten und Geschichten wie die vom Wolkenschaf aus dem DDR-Kinderbuchverlag. In unsere Pakete legten wir Sweatshirts ohne englischsprachige Logos, denn die galten da drüben als Propaganda des Klassenfeinds und waren verboten. Außerdem Kaffeebohnen, Schokolade, Seife und Backzutaten. Als einmal der Original Dresdner Christstollen der Verwandtschaft aus dem Osten im Dezember bei uns eintraf, enthielt er jenes West-Orangeat, das in unseren Oktoberpäckchen gelegen hatte.
Absurd war das und doch normal, genau wie die irrwitzigen Versuche, sonntagnachmittags telefonisch hinter die Grenze zu dringen. Über Stunden drehten wir die Wählscheibe. Bei aller Empörung über Unfreiheit, Zensur und Todesstreifen ging es darum, die Distanz irgendwie zu überwinden.
Heute frage ich mich, wie sie sich fühlten, wenn sie eine Besuchserlaubnis von ihrem Staat erhielten und ein paar Tage bei uns verbrachten. Es waren ausschließlich Rentner, die zu den runden Geburtstagen und Familienfesten anreisen durften; reizende Leute, deren sächsischen Dialekt ich anfangs für Witzelei hielt. Sie feierten inmitten unserer Bonner Runden und gehörten trotzdem nicht dazu. Niemand sprach das so aus: Ihr Besuch war der Ausnahmezustand vom Ausnahmezustand, er erlaubte für Momente Normalität. Wir aßen zusammen Rheinischen Sauerbraten und liefen zum Drachenfels, und sie erzählten von Schloss Sanssouci, der Semperoper und dem Thüringer Wald. Zum Abschied Tränen. Die Gefängnisjahre meines Vaters aber kamen in diesen Tagen nie zur Sprache. Dabei wären die Gäste wohl gute Zuhörer gewesen. Sie waren unglücklich mit dem Staat, in dem sie lebten.
Erst nach der Wiedervereinigung erschloss sich mir die Hintergrundmusik aus meinem Elternhaus. Meine Mutter lief mit mir drei Tage lang durch die Straßen in Halle an der Saale, sie zeigte mir, wo sie zur Schule gegangen war und mit ihren Freundinnen gespielt hatte, sie erzählte vom Geschäftshaushalt ihrer Eltern und von dem Moment, als sie alles hinter sich ließ. Mein Vater drückte mir einen Stapel Papier in die Hand, offizielle Kopien. Er hatte bei der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen eine Akteneinsicht beantragt. Als plötzlich die Geschichten aller Ostdeutschen zur Bundesrepublik gehörten, war auch am Rhein mehr Platz für diese Vergangenheit.
"Der Angeklagte hat illegal optische Geräte und Schreibmaschinen nach Westberlin verbracht", las ich im Urteil des Stadtbezirksgerichts Prenzlauer Berg vom 19. Oktober 1954. "Wegen fortgesetzten Verstoßes gegen die Bestimmungen zum Schutze des innerdeutschen Handels wird er zu einer Zuchthausstrafe von 6 - sechs - Jahren verurteilt." Vier Ferngläser, fünf Schreibmaschinen, zwei Kameras, einige Objektive; die Gegenstände sind penibel aufgelistet. "Seine Reineinnahmen müssen sich auf insgesamt 500-600 Westmark belaufen haben." Was ein Neuanfang hatte werden sollen für die Mutter, den kleinen Bruder und meinen Vater selbst, war in der Logik des Kalten Krieges das Wirtschaftsverbrechen eines Staatsfeindes. "Wesentliches Ermittlungsergebnis: Er als Republikflüchtiger und als Student der ,Politik' in Westberlin hatte nicht nur den Nebenverdienst gesehen, sondern er wollte die Durchführung der Wirtschaftsplanung bzw. die Versorgung der Bevölkerung gefährden. Man kann sagen, dass seine Aufkäufe aufgrund seiner antidemokratischen Einstellung getätigt wurden."
Sechs Jahre für 600 Mark. Eine überkommene Ideologie, bizarre Argumente, alles irgendwie surreal und trotzdem wirklich. "Ist doch besser, seit wir diese ganzen Geschichten kennen", sagte neulich jene Frau zu mir, die Sachsen-Anhalt in meiner Kindheit nach Niedersachsen verlegt hatte. "Man versteht ja einiges nun doch anders."
Von Katja Thimm

DER SPIEGEL 46/2014
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