10.11.2014

Eine Meldung und ihre GeschichteIch will

Warum eine Engländerin sich selbst heiratete
Bevor die Londonerin Grace Gelder beschloss, sich selbst zu heiraten, hatte sie ziemlich genau sechs Jahre allein verbracht, als Single. Es waren keine schlechten Jahre gewesen, im Gegenteil; sie schloss während dieser Zeit ihr Fotografiestudium mit einem Master ab, sechs Monate lang reiste sie mit einem Stipendium durch China und die Mongolei.
In London ging sie oft aus, ab und zu hatte sie eine Affäre. Es seien meistens nette Männer gewesen, sagt Grace Gelder, 31 Jahre alt, ovales Gesicht, lange kastanienbraune Haare, trotzdem wurde nie mehr daraus. Sie ist nicht traurig deswegen; sie bedauert diesen Zustand ungefähr so, wie man vielleicht einen verpassten Bus bedauert. Man weiß ja, der nächste kommt bestimmt.
An einem Tag im vergangenen Winter, das genaue Datum hat sie vergessen, weihte Grace Gelder ihre Familie ein. Die Großmutter rollte mit den Augen und sagte: Ach Gracie, dir fällt auch immer etwas Neues ein. Und die Eltern seufzten: Solange es dich glücklich macht, Kind.
Wie genau es dazu kam, dass sie sich allein auf einer Parkbank selbst einen Heiratsantrag machte, kann sie nicht mehr so richtig erklären. Sie vermutet, dass auch die Meditationskurse über eine bessere Selbstwahrnehmung, die sie seit Kurzem belegt hatte, dazu beigetragen haben könnten.
Die Sicht am Tag des Antrags jedenfalls war trübe, Nebelschwaden lagen über Hampstead Heath, dem riesigen Park im Norden Londons, nicht weit von Gelders Wohnung entfernt. Es war später Nachmittag, sie setzte sich auf eine Bank, die auf einem Hügel stand. Von hier aus hat man an schöneren Tagen eine tolle Sicht auf London, die Stadt von Bridget Jones und "Notting Hill" und vieler Filme über das Allein- und Zu-zweit-Sein.
Und auf einmal war da diese Liedzeile in ihrem Kopf, "My name Isobel, married to myself", von der isländischen Sängerin Björk. "Ich weiß, es klingt vielleicht ein bisschen durchgeknallt", sagt Gelder. "Aber ich wusste plötzlich, das war's." Sie wollte das machen. Sich das Jawort geben. Einen Bund schließen.
Immerhin waren die sechs Jahre, die sie überwiegend mit sich selbst zugebracht hatte, eine lange und durchaus intensive Zeit. Und es ist doch so, dachte sie: Wenn zwei Menschen über einen langen Zeitraum eine gute Beziehung miteinander führen, wollen sie diese vertiefen. Sie bekommen dann vielleicht ein Kind, oder sie heiraten.
Gelder saß auf dieser Bank und fand, sie müsse der guten Beziehung zu sich selbst über die vergangenen Jahre irgendwie Rechnung tragen. Ein Bekenntnis dazu abgeben, auch vor anderen. Eine Hochzeit sollte her. Natürlich nicht auf einem Standesamt. Oder gar in der Kirche. Aber schon ernst gemeint.
Die Einladungen verschickte sie per E-Mail, Freunde stellten ihr für die Feier ein kleines Landhäuschen in Devon zur Verfügung. Sie bat ihre Freundin Tiu, die Zeremonie zu leiten - Tiu hatte gerade eine Fortbildung zur Zeremonienleiterin absolviert, sie wusste, wie man Trauungen durchführt. Aber einen Monat vorher beschlichen Grace Gelder Zweifel.
Da war der Freund, der zu ihr sagte: "Mein Gott, Grace, du bist so narzisstisch."
Ein anderer sagte bloß: "Du übertreibst."
Am Ende ist alles womöglich doch nur eine affige Idee, dachte Gelder. Die Zeitung Mirror berichtete über diesen Ball eines einsamen Herzens, eine zu gute Geschichte in einer Welt cooler Singles. Es klang nach Bridget Jones 3.0. Die Zeitung veröffentlichte eine Umfrage zu Gelders selbstverliebter Idee: Rund die Hälfte der Befragten war der Ansicht, sie sei völlig belanglos, und Grace Gelder tue damit ja niemandem weh. 40 Prozent waren der Auffassung, ihre Idee sei "bizarr und narzisstisch". Nur 10 Prozent fanden ihre Idee gut.
Das Leben ist unterteilt in Abschnitte, da ist die Geburt, die Einschulung, das Abitur. Grace Gelder findet das richtig so, Übergangsriten seien wichtig für den Menschen, sagt sie. Sie wollte nicht einfach "durchleben", nur weil sie nach dem Studium nicht den richtigen Mann zum Heiraten fand.
Als sie am 16. März am Arm ihres besten Freundes auf Tiu zuschritt, die sie hier in diesem hohen Raum in Devon mit sich selbst trauen würde, war sie glücklich. 50 Gäste waren gekommen, selbst aus Manchester, sechs Zugstunden entfernt, waren sie angereist. Ihre Eltern waren nicht dabei, nur ihre Schwester Rose. War sie darüber traurig?
"Natürlich hätte ich es schön gefunden, wenn sie dabei gewesen wären, aber es ging eben an diesem Wochenende nicht." Die Eltern hätten ihr die Glückwünsche per SMS übermittelt.
Sie trug ein Seidenkleid aus dem Secondhandladen, darüber eine kleine Pelzstola.
Als Tiu ihr den Ring überreichte und sie ihn sich auf den Ringfinger schob, versprach sie laut und deutlich, sich selbst treu zu bleiben, immer auf ihre Gefühle Rücksicht zu nehmen und auch in schlechten Zeiten dafür zu sorgen, dass es ihr gut gehe.
"Das war eine richtig große Sache für mich", erzählt Grace Gelder heute, acht Monate nach ihrer Hochzeit. Weil sie das Gelübde, auf sich selbst achtzugeben, vor 50 Menschen abgegeben hat, nimmt sie es damit jetzt ernster als früher.
Sie erhält oft Briefe von Frauen, die in ihr ein feministisches Vorbild sehen. Das sei Quatsch, sagt Grace Gelder, sie könne ja genau so gut ein Vorbild für Männer sein.
Außerdem schließt sie nicht aus, irgendwann auch noch jemand anderes zu heiraten.
Von Julia Amalia Heyer

DER SPIEGEL 46/2014
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