10.11.2014

KarrierenVater der Drachen

„Das Lied von Eis und Feuer“, verfilmt als Fantasy-Serie „Game of Thrones“, zieht weltweit Millionen in seinen Bann. Sein Schöpfer George R.#8239R. Martin wird von Fans mit Liebe überschüttet - und mit Hass, wenn er nicht liefert. Von Guido Mingels
SPIEGEL: Herr Martin, können Sie Ihr "Lied von Eis und Feuer" für jemanden, der noch nie davon gehört hat, in einem Satz zusammenfassen?
Martin: Würde ich gar nicht erst versuchen.
SPIEGEL: Expertenfrage: Wer sind in Wahrheit die Eltern von Jon Snow?
Martin: Nächste Frage.
SPIEGEL: Zehntausende Ihrer Fans diskutieren im Internet über Rätsel wie dieses.
Martin: Ja, das tun sie.
SPIEGEL: Gibt es in der großen Mauer einen schlafenden Eisdrachen, den Jon Snow zum Leben erwecken wird?
Martin: Meine Fans haben die wildesten Theorien. Auch dazu: kein Kommentar.
In seinen Büchern ist der Mann gesprächiger. Fünf je tausend Seiten starke Bände seines Monumentalwerks "A Song of Ice and Fire", allesamt Bestseller, sind seit 1996 erschienen, sieben sollen es am Ende werden; falls er es schafft. Es war natürlich eine müde Idee, dem Autor gleich am Anfang solche Insider-Fragen zu stellen. Dass George R. R. Martin nicht verraten würde, wie es weitergeht mit den Figuren aus seinem unvollendeten Lied - war ja klar.
Eine Cola für ihn, bitte.
Mit weißem Bart und rundem Bauch sitzt er auf der Kante eines Sessels im Beau-Rivage-Hotel im schweizerischen Neuchâtel, 66 Jahre alt, "der neue Tolkien", wie ihn alle immer nennen, der eigentlich "mehr Tolstoi als Tolkien" sei, wie die New York Times festhielt, im Bemühen um eine maximale Vergleichsgröße. Er wirkt noch kleiner, als er ohnehin ist. Schmale Augen hinter großen Brillengläsern. Zum Weihnachtsmann fehlt ihm nur das Kind auf dem Knie, und sein Äußeres passt gut zu seiner unfreiwilligen Rolle als globaler Märchenonkel der Massen.
Millionen lesen ihn. Noch mehr Millionen sehen sich seine Fantasien am Bildschirm an, weil er so herrlich bluttrunken über Kriege schreibt, so explizit über Sex, so kalt und klug über Macht, so tragisch über Liebe. Und vor allem, weil er so wunderbare Charaktere schafft; Helden, die man bewundern und um die man weinen kann; Liebespaare, die einem das Herz zerreißen; Bösewichte, die man hassen, aber oft auch gut verstehen kann: als dunkle Seiten der eigenen Natur. Und wenn man sie besonders lieb gewonnen hat, bringt George Martin sie um.
Eis bitte! Es fehlt das Eis in seiner Cola in Neuchâtel.
An diesem Tag ist ihm offensichtlich nicht wohl. Es liegt, zum einen, am Sessel, der nicht zu seiner Körperfülle passt, zum andern an der Temperatur. Martin ist an die Klimaanlagen in Santa Fe in New Mexico gewöhnt, wo er seit 1979 lebt, und dieser Schweizer Nachmittag ist ihm entschieden zu warm. Er habe sich dieses Land permanent schneebedeckt vorgestellt, sagt er, wohl mehr wie den Norden des von ihm erträumten Kontinents mit Namen "Westeros", in dem seine Saga zum größten Teil spielt. Stattdessen trifft er am Neuenburgersee auf ein Klima wie in Dorne, dem Süden seines Reichs.
George Martins Unwohlsein rührt womöglich auch daher, dass er sich hier, in der Realität des Jahres 2014, ganz allgemein nicht mehr recht zu Hause fühlt. Denn die Gegenwart, die ihn mit all den lästigen Begleiterscheinungen seines gewaltigen Erfolgs umgibt, mit Signierstunden, Preisverleihungen, Interviews, mit immer aufsässiger werdenden Fans, sie hindert ihn mehr und mehr an den Reisen, die ihm die liebsten sind. Jene in seinem Kopf nämlich, in die imaginierte, pseudomittelalterliche Sphäre von "Eis und Feuer", wo es prächtige Ritter gibt und grausame Könige und herrliche Damen und Eunuchen und Huren, aber auch leibhaftige Drachen und Schattenwölfe und Riesen und Untote mit eisblauen Augen.
SPIEGEL: Wenn Sie in Ihrer eigenen Romanwelt leben könnten, welche Figur wären Sie am liebsten?
Martin: Ach je. Ich bin sehr eindeutig eine Kreatur der USA des 21. Jahrhunderts. Ich mag meine Cheese-Tacos und meine eisgekühlte Coke. In Westeros würde einer wie ich nicht lange überleben. Am liebsten aber blicke ich durch die Augen von Tyrion Lannister, einem meiner Protagonisten, er ist lustig und verschlagen, und er hat es wegen seiner Zwergwüchsigkeit nicht leicht. Zu all meinen Hauptcharakteren empfinde ich große Zuneigung. Es geht nicht anders. Ich schreibe seit 25 Jahren über sie, ich lebe mit ihnen, ich musste viele, viele Meilen in ihren Schuhen gehen, sie sind ein Teil von mir. Selbst wenn es Mistkerle sind wie Theon Greyjoy oder Jaime Lannister, die manchmal schreckliche Dinge tun.
Martins große Erzählung ist die Geschichte eines endlosen Krieges. Sie setzt ein mit dem Tod von König Robert Baratheon, Herrscher über die Sieben Königslande, der bei der Jagd mit ein wenig Hilfe seiner Feinde von den Hauern eines Wildschweins aufgespießt wird. Die Machtkämpfe verschiedener aristokratischer Clans um den Eisernen Thron, die sich daraus entfalten und aus denen das hochkomplexe Plot-Geflecht erwächst, tragen deutlich die Züge der englischen Rosenkriege des 15. Jahrhunderts, als sich die Adelshäuser York und Lancaster befehdeten, die in "Eis und Feuer" ganz unverblümt Stark und Lannister heißen. Martin gilt als manischer Leser und akribischer Rechercheur, zahlreiche Elemente seiner Geschichte sind durch historische Ereignisse, Personen oder Orte inspiriert. Die große Mauer etwa, die das Königreich vom unzivilisierten Norden trennt, geht auf den römischen Hadrianswall nahe der heutigen englisch-schottischen Grenze zurück, die Stadt Qarth sieht aus wie Byzanz, und das Reitervolk der Dothraki ist den wilden Mongolen nachempfunden.
Um seine Hundertschaften von Figuren hat Martin sorgfältig ausgearbeitete, scheinhistorische Strukturen gebaut. Alle Adelsfamilien haben ihr eigenes Schloss, ihr eigenes Hoheitsgebiet, ihr eigenes Wappen; den Büchern ist eine Landkarte des Erzählgebiets beigefügt und ein Appendix mit den Genealogien und Herrscherlinien der wichtigsten Familien.
Liegt es an dieser Detailfülle, dass sich die Welt von "Eis und Feuer" für den Leser trotz Drachen und anderer Unmöglichkeiten vollkommen real anfühlt? Oder scheint Martins Schöpfung deshalb so vertraut, weil er darin den Erdball so umfassend nachgebaut hat, komplett mit Kontinenten samt Flora und Fauna und Völkern mit diversen Kulturen und Religionen? Zwar dauern die Jahreszeiten hier ganze Dekaden, zwar können manche Charaktere in den Körper von Tieren schlüpfen, und Riesen kämpfen Seite an Seite mit Menschen - dennoch bleibt diese Welt so glaubwürdig und fassbar, dass man beinah darin wohnen möchte.
SPIEGEL: Ursprünglich wollten Sie "Eis und Feuer" als historischen Roman erzählen, ohne Fantasy-Elemente. Warum haben Sie sich dagegen entschieden?
Martin: Ganz am Anfang dachte ich, dass meine Geschichte stark genug ist, um ohne übernatürliche Dinge auszukommen. Es wäre eine fiktionalisierte Version der "Rosenkriege" geworden. Aber das Problem mit historischen Erzählungen ist, dass sie so enge Grenzen haben; man weiß schon im Voraus, was passieren wird. Irgendwann kriegt der Prinz seine Prinzessin. Ich wollte aber, dass nichts unmöglich ist in meinem Buch, ich wollte es unberechenbar machen für den Leser. Ich wollte Drachen haben und eine Mauer aus Eis.
SPIEGEL: Gerade die Mauer ist doch ziemlich realistisch, sie hat mit dem Hadrianswall sogar ein historisches Vorbild.
Martin: Ich bitte Sie! Es ist eine 200 Meter hohe und 500 Kilometer lange, aus Eis gefertigte Mauer. Versuchen Sie mal, so ein Ding in der Wirklichkeit zu bauen. Nein. Ich bin Fantasy-Autor. Die raum-zeitliche Welt ist mir zu eng. Die Drachen sehen übrigens auf der Leinwand großartig aus, finden Sie nicht?
George R. R. Martin wurde 1948 als George Raymond Martin in Bayonne, New Jersey, bei New York geboren. Das zweite R seiner beiden Mittelinitialen ist keine Hommage an J. R. R. Tolkien, dessen "Herr der Ringe"-Trilogie er schon als Knirps verschlang, sondern steht für Richard, einen Namen, den er als Jugendlicher in einem katholischen Internat erhielt. Überliefert ist, dass Martin für ein paar Pennys Monstergeschichten für die Nachbarskinder erfand und dass er gern Schildkröten in seine Spielzeugburg setzte und ihnen die Namen von Königen und Rittern gab - die Keimzelle seiner Einbildungskraft, an die bis heute eine Schildkrötenbrosche erinnert, die Martin stets an seinem Hut trägt, auch hier in der Schweiz.
Der Autor hat oft von der Armut seiner Herkunft erzählt und auch davon, dass seine Sippe nicht immer arm gewesen sei. George, aufgewachsen in einer Sozialbausiedlung, ging auf dem Weg zur Schule jeden Tag an dem großen Haus vorbei, in dem seine Mutter geboren war, wie er dem Rolling Stone schilderte, "an einem Haus, das einmal unseres gewesen war, und in einigen meiner Geschichten gibt es dieses Gefühl eines verlorenen goldenen Zeitalters".
Den Reichtum jener Zeit hat er längst zurückerobert und vervielfacht, das Magazin Forbes führte Martin 2013 an 16. Stelle in einer Liste der bestverdienenden Schriftsteller, direkt hinter "Harry Potter"-Erfinderin J. K. Rowling. Erfolgreich war GRRM, wie die Fans ihn nennen, schon früh. In den Siebzigern machte er sich einen Namen als Autor von Science-Fiction-Romanen; in den Achtzigern war er ein viel beschäftigter Drehbuchautor in Hollywood und arbeitete an Serien wie "Twilight Zone" und "Beauty and the Beast" mit; in den Neunzigern begann er, sein großes Lied zu singen. Doch erst seit der amerikanische Bezahlsender HBO vor ein paar Jahren angefangen hat, Martins Fantasien kongenial in Filmbilder zu übersetzen, hat die Popularität seiner Werke aberwitzige Dimensionen erreicht.
Weltweit wurden laut Verlagsangaben bisher rund 55 Millionen "Eis und Feuer"-Bücher verkauft. Das Werk ist in 40 Sprachen übersetzt worden. "Game of Thrones" ist für HBO die erfolgreichste Produktion überhaupt, noch vor den "Sopranos" und "Sex and the City". Die Serie, deren vierte und jüngste Staffel in den USA durchschnittlich 18,4 Millionen Zuschauer pro Folge erreichte, wird mittlerweile in 192 Ländern ausgestrahlt - das ist eins weniger, als die Uno Mitglieder hat. Im Guinness-Buch erhielt die TV-Produktion außerdem einen Eintrag für den zweifelhaften Rekord der meisten illegalen Internet-Downloads von Fernsehserien - 5,9 Millionen pro Episode.
Das Fantasy-Genre ist in der Mitte des Massengeschmacks angekommen, Peter Jacksons "Herr der Ringe"-Verfilmungen, die "Harry Potter"-Hysterie und jüngst die "Tribute von Panem" zeugen davon. George Martin vermag auch die gebildeten Leserschichten und die Kritiker zu begeistern, denn im Gegensatz zu den harmlosen Zauberlehrlingsabenteuern von J. K. Rowling besteht bei ihm keine Gefahr der Verwechslung mit Jugendliteratur. "Eis und Feuer" ist Stoff für Erwachsene. Menschliches, Unmenschliches - nichts ist diesem Autor fremd, und seine Schilderungen von Schlachten, Folter und Vergewaltigungen sind oft schwer zu ertragen.
SPIEGEL: Lassen Sie uns über Kriege reden. Warum fließt bei Ihnen so viel Blut?
Martin: Die Kriege des Mittelalters waren nun mal außerordentlich blutig. Das lag an den Waffen. Man kämpfte mit Schwertern und Äxten. Arme wurden abgehackt, Bäuche aufgeschlitzt, es gab keinerlei medizinische Versorgung der Verwundeten, die Opfer lagen schreiend in Seen von Blut und verendeten qualvoll. Diese unendlichen Schrecknisse wollte ich wiedergeben.
SPIEGEL: Und Sie tun das mit Genuss. Sie ästhetisieren den Krieg.
Martin: Es gibt ja auch eine Schönheit des Krieges. Eine entsetzliche Schönheit. Es gibt den Prunk der Bannerträger, die bunten Flaggen, die glänzenden Rüstungen der Ritter, die in die Schlacht reiten, und die Erde bebt unter den Hufen ihrer Pferde. Und all das wird auf dem Feld zu Blut und Morast. Aus diesen Kontrasten entsteht das große Drama. Warum hören die Leute gern Geschichten über Kriege? Warum wird Homers "Ilias" noch immer gelesen? Achilles hatte die Wahl zwischen einem langen, glücklichen, konventionellen Leben, nach dem er vergessen werden würde, und einem kurzen, glorreichen - als Kriegsheld, der in der Schlacht fällt, aber Unsterblichkeit erlangt im Gedenken der Nachwelt. Er entschied sich für Letzteres.
SPIEGEL: Das ist der gleiche Reiz, dem die jungen Männer erliegen, die in den "heiligen Krieg" im Nahen Osten ziehen, nicht wahr?
Martin: Ja, vielleicht. Vermutlich. Das hat sich nicht verändert.
SPIEGEL: Ihre im fernen Mittelalter angesiedelten Gewaltdarstellungen haben eine irritierende Aktualität. Man kann heute das Wort "Enthauptung" in die Suchleiste von YouTube eintippen und dabei gleichzeitig auf Szenen aus "Game of Thrones" sowie auf Aufnahmen aktueller Exekutionen durch islamistische Radikale stoßen. Wie viel Gegenwart steckt in Ihrem Buch?
Martin: Ich habe nie versucht, eine Allegorie auf die moderne Welt zu schreiben, wie manche Rezensenten mutmaßten. Aber ich beschäftige mich in meinen Büchern mit universellen Fragen, etwa jener nach dem grundlegenden Verhältnis zwischen Herrschern und Untertanen, nach der Natur der Macht. Und diese Dinge ändern sich nie.
Martins Werk ist längst selbst zum Forschungsobjekt geworden. In Essaysammlungen werden Dinge wie der "kulturelle Relativismus" in "A Game of Thrones" diskutiert, die Schilderungen von "Aufstieg und Niedergang der Nationen" in Martins Reich, Wissenschaftler durchforsten die Bände nach machiavellistischem Gedankengut oder analysieren die Kriegsdarstellungen dieses Fantasy-Schriftstellers, als hätten sie eine mittelalterliche Originalquelle vor sich. Es gibt Aufsätze über spieltheoretische Subtexte, über das Verhältnis von Physik und Metaphysik und über das Auftreten posttraumatischer Belastungsstörungen bei heimgekehrten Kriegern in "ASoIaF", wie das Werk unter Experten genannt wird, Akronym von "A Song of Ice and Fire". Und als die TV-Serie sich dem Vorwurf der Frauenfeindlichkeit ausgesetzt sah, weil die meisten weiblichen Figuren darin entweder machtbesessen oder nackt oder beides sind, eilten Kritiker Martin zu Hilfe, die sein Opus magnum ganz im Gegensatz dazu als "bemerkenswertes feministisches Werk" betrachten.
Zu den Ambitionen dieses Autors scheint es zu gehören, die "Dogmen des Fantasy-Genres zu hinterfragen und zu erneuern", wie ein Essayist des New York Review of Books festhielt. Gemeint sind damit vor allem der gnadenlose Umgang des Erzählers mit seinen Protagonisten und die daraus folgende Auflösung der Kategorien von Gut und Böse. Dass der Held nicht stirbt oder zumindest erst am Ende, und dass das Gute über das Böse obsiegt, das sind die alten, unausgesprochenen Versprechen des Autors an den Leser - und das gilt längst nicht nur in der Fantasy-Literatur. Bei George R. R. Martin gilt es nicht mehr.
SPIEGEL: Reihenweise fallen in "Eis und Feuer" die Helden. Bösewichte werden zu Guten und umgekehrt. Ist das Ihre Weltsicht? Dass auf niemanden und nichts Verlass ist?
Martin: Es ist die Realität. Und das große Thema aller Literatur, wie William Faulkner einmal sagte, ist "das menschliche Herz im Widerstreit mit sich selbst". Daran habe ich mich immer gehalten. Niemand ist nur gut, niemand nur böse. Selbst bei Leuten wie Martin Luther King, Mahatma Gandhi oder Mutter Teresa findet man sehr zweifelhafte Seiten. Andersherum hatten bestimmt auch die größten Monster unter den Menschen ein paar Tugenden, etwa Attila, der Hunne, Dschingis Khan oder Hitler.
SPIEGEL: Hitler? Haben Sie Hitler gesagt?
Martin: Nun, er liebte Hunde! Er war gut zu Hunden. So viel wollen wir ihm zugestehen.
SPIEGEL: Es gibt Szenen in Ihren Büchern, die viele Leser und Zuschauer zutiefst verstört haben, etwa die Enthauptung Ned Starks, der bis zu diesem Zeitpunkt der moralische Kompass Ihrer Geschichte war, oder die sogenannte "Rote Hochzeit", bei der eine ganze Festgesellschaft in eine Falle gelockt und abgeschlachtet wird.
Martin: Ja. Nachdem im Jahr 2000 der Band mit der "Roten Hochzeit" herausgekommen war, erhielt ich eine Unmenge Briefe von Leuten, die wütend waren und mir drohten, meine Bücher nie mehr zu lesen, sie zu verbrennen. Ich kann das verstehen. Ich glaube auch, dass es eine Berechtigung gibt für Trost-Literatur. Aber es muss daneben auch die Erzählungen geben, die harte Fragen stellen. Die uns erschüttern.
Die Filmversion der "Red Wedding" in der neunten Folge der dritten "Game of Thrones"-Staffel ist als "schockierendste Szene der Fernsehgeschichte" beschrieben worden - und sie führte zugleich zu einer Welle seltsamer YouTube-Filme, sogenannter Red-Wedding-Reaction-Videos. Das Spiel geht so: "Eis und Feuer"-Kenner, die von der schlimmstmöglichen Wendung bereits wissen, filmen heimlich die Reaktionen von Freunden, die vor dem Bildschirm sitzen und nicht ahnen, dass sich gleich ein Massaker ereignen wird, dem eine Vielzahl von Sympathieträgern zum Opfer fällt, darunter Robb Stark, der junge König des Nordens, seine hochschwangere Frau Talisa und seine Mutter, Lady Catelyn. Man sieht in diesen Filmchen sehr viele geweitete Augen und Hände vor dem Mund, man hört schockiertes Kreischen und "No way!"- oder "Holy shit!"-Rufe.
Die George-Martin-Fangemeinde im Internet ist so riesig und dynamisch, dass man versucht sein kann, von einer "Eis und Feuer"-Bewegung zu sprechen. Mithilfe ihrer Schwarmintelligenz erforschen die Fans Martins fantastische Welt, als hätten sie einen neuen Planeten entdeckt. Zahllose Hobby-Exegeten publizieren im Netz Videovorträge zu einzelnen Handlungssträngen der Saga. Andere kartografieren die Städte und Kontinente dieses Reichs und bauen mithilfe der Google-Maps-Software interaktive Landkarten. Dritte untersuchen die Essgewohnheiten in Westeros oder Essos und schreiben ganze Kochbücher darüber. Man trifft sich in Foren und Wikis, um eine Vielzahl von Plot-Theorien und offenen Fragen zu diskutieren. Sind die White Walkers in Wahrheit gar nicht böse? Was genau geschah in der Langen Nacht? Und wer, zum Teufel, sind nun die Eltern von Jon Snow?
Die größte und wichtigste "Eis und Feuer"-Plattform, Westeros.org, hat 100 000 registrierte Mitglieder und verzeichnet zu Spitzenzeiten sieben Millionen Besucher. Allein die sogenannte R+L=J-Theorie, die die Frage nach der Herkunft Jon Snows, einer der zentralen Figuren der Saga, erklären will (Rhaegar+Lyanna=Jon) füllt auf Westeros.org über hundert Threads mit Abertausenden Diskussionsbeiträgen. Gegründet wurde das Forum 1999 von zwei Studenten, dem kubanischstämmigen Amerikaner Elio García und seiner schwedischen Freundin Linda Antonsson. Beide sind mittlerweile hauptberufliche Martinologen, die, in Göteborg wohnhaft, seit mehreren Jahren ausschließlich für ihre Website arbeiten und auch davon leben. García, 36, der auch für Martin selbst zur Auskunftsstelle wurde, gilt als lebende "Eis und Feuer"-Enzyklopädie: "Wenn George irgendein Detail aus den frühen Büchern vergessen hat oder nicht mehr finden kann", so erzählt er am Telefon, "dann ruft er mich an."
Es gibt Fans, die ihre Realität George Martins Fiktion anzupassen beginnen. Die ihre Kinder auf die Namen seiner Protagonisten taufen und dem Autor Babyfotos schicken, kleine Tyrions, Tywins und Aryas. Oder Paare, die, wie Darren und Kerry aus dem englischen Hereford, kostümiert als Helden Martins den Bund der Ehe eingehen - natürlich nicht, ohne alles zu filmen und ins Netz zu stellen. "Als Georges Berühmtheit noch überschaubar war, pflegte er eine sehr offene und freundschaftliche Beziehung zu seinen Lesern", sagt Elio García. Er beantwortete Mails persönlich, signierte alles, was man ihm vorhielt, und verweigerte bei Auftritten niemandem einen gemeinsamen Schnappschuss. Doch mittlerweile, so hat man den Eindruck, droht die schiere Masse seiner Bewunderer ihn mit ihrer Liebe und Gier zu ersticken. Bevor er nach Neuchâtel kam, war Martin im französischen Dijon zu Besuch, eigentlich bloß für eine Lesung mit Autogrammstunde, aber es wurde offenbar eine Fütterung der Massen daraus. Tief aus seinem Sessel heraus spricht der Mann davon mit Bestürzung.
Martin: Es kamen etwa 3000 Leute. Drei! Tausend! Ich signierte fünf Stunden lang. Manche standen vier Stunden in der Schlange, und als sie schließlich bei mir waren, zitterten sie und brachten kein Wort heraus. Dutzende haben mir Briefe mitgebracht, sehr persönliche Briefe. Hunderte sagten mir, dass sie meine Bücher lieben, aber auch, dass sie mich lieben. Mich, George Martin! Wie können sie mich lieben? Sie kennen mich nicht. Was denken diese Leute, wer oder was ich bin?
SPIEGEL: Sie sind ein Gott für manche Ihrer Anhänger, ein Schöpfer. Sie erschaffen diese Welt, in der so viele Leser sich lieber aufhalten als in der richtigen.
Martin: Ein Gott oder ein Dämon, ja. Liebe und Hass sind einander sehr nah bei diesen Leuten. Als Band vier herauskam, "A Feast for Crows", fühlten sich zahlreiche Leser in ihren Erwartungen enttäuscht. Sie hatten sich den Fortgang der Geschichte anders vorgestellt, sie wollten etwas anderes. Und das empfanden nicht wenige tatsächlich als eine Art Verrat.
SPIEGEL: Welche Reaktionen erhielten Sie?
Martin: Ich habe Hunderte, nein Tausende wütender E-Mails oder Briefe gekriegt, da stehen scheußliche Sachen drin. Ich verstehe das nicht. Es ist verrückt. Ich bin ja auch ein Leser, auch ich habe viele Serien verschlungen. Und wenn einer der Bände nicht so gut war wie der davor, sagte ich dann etwa: "Der Autor hat mich betrogen!"? Habe ich ihm Briefe geschrieben und gesagt: "Du hast mir das Herz aus dem Leib gerissen!"? Natürlich nicht! Was ist mit diesen Leuten los?
Martin schickt diesen Sätzen ein verzweifeltes Kichern hinterher und guckt ungläubig ins Leere. Es ist weder Koketterie noch Aufschneiderei, wie er über seine glühendsten Gefolgsleute spricht. Eher Empörung. Oder Angst.
Am fünften und jüngsten Band seiner Heptalogie, der 2011 unter dem Titel "A Dance with Dragons" erschien, hat er sechs Jahre gearbeitet - länger als an jedem davor. Viel zu lange für die Ungeduldigsten unter seinen Fans, bei denen die Sucht nach neuem Lesestoff in Hass auf den Autor umschlug. Sie sind die unheimlichste Erscheinungsform unter den "Eis und Feuer"-Fans.
Unter aufdringlichen Slogans wie "Finish the book, George!" formieren sie sich auf eigenen Websites und nennen sich selbst "GRRuMblers", ein Wortspiel aus Martins Initialen. Die Grummler sind wütend, wenn sie erfahren, dass George Martin manchmal Football-Spiele schaut, statt zu schreiben. Sie regen sich auf, wenn der Autor auf Lesereise geht, statt zu schreiben. Sie hinterlassen im Netz Beschimpfungen wie diese: "George R. R. Martin, nimm deine Schreibmaschine aus dem Arsch und fang verdammt noch mal an zu tippen." Und einer warnte den Autor, es solle ihm bloß nicht einfallen, "einen auf Jordan zu machen", bevor die letzten beiden Bände der Serie vollendet sind - eine Anspielung auf einen anderen Fantasy-Autor, Robert Jordan, der 2007 starb, bevor er die Serie "The Wheel of Time", die ihn berühmt gemacht hatte, beenden konnte.
Unter Zeitdruck steht Martin auch von anderer Seite. Seit 2011 hat HBO in jedem Jahr eine neue Staffel "Game of Thrones" veröffentlicht, und jede umfasst jeweils ungefähr die Handlung eines Bands. Mit der fünften Staffel, die im kommenden Frühjahr ausgestrahlt wird, werden die Fernsehmacher zu Martin aufgeschlossen haben, danach müsste die Serie ihre eigene Buchvorlage überholen. Kein Wunder, sagt der Autor, "die schreiben ein paar Drehbücher von 60 Seiten, ich schreibe 1000 Seiten pro Buch".
George R. R. Martin, müder Weltenschöpfer, schlürft mit einem Strohhalm die letzten Tropfen Cola aus seinem Glas.
Am nächsten Tag wird er in Neuchâtel während eines Videointerviews mit einer Schweizer Zeitung eine deutliche Botschaft an die GRRuMblers senden. Erneut gefragt, was er von Fans halte, die fürchten, er werde sein Werk nicht zu Ende bringen, hält er einen Mittelfinger in die Höhe und sagt: "Fuck you to those people."
SPIEGEL: Wie läuft's mit dem Schreiben?
Martin: Im Moment überhaupt nicht, denn ich halte mich auf diesem Filmfestival auf und gebe Interviews. So was dürfte ich ja nach Meinung mancher Leser überhaupt nicht tun. Die ganze alberne Aufregung zehrt natürlich an den Kräften. Und der Gedanke, dass so viele Menschen jede Zeile, die ich schreibe, so genau untersuchen, hat meinen Schreibprozess nicht eben beschleunigt. Aber ich bleibe zuversichtlich.
SPIEGEL: Ein Happy End für "Das Lied von Eis und Feuer" ist bei Ihnen wohl undenkbar, nicht wahr?
Martin: Ich habe immer gesagt, die Leute sollen keine glücklich tanzenden Ewoks erwarten wie beim Finale von "Star Wars". Mehr sage ich nicht. Sicher ist nur, dass mir eine große Last von den Schultern fallen wird, wenn der letzte Band geschrieben ist. Und gleichzeitig glaube ich, dass ein echtes Ende gar nicht mehr möglich ist. Der Plot wird enden, ja, aber die Welt von "Eis und Feuer" ist nun einmal erschaffen. Manchmal kommt es mir so vor, als existierte sie längst unabhängig von mir. Und dass sich darin schon jetzt ganz viele Geschichten abspielen, die ich gar nicht kenne.
Von Guido Mingels

DER SPIEGEL 46/2014
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