10.11.2014

FrankreichSchrecklich normal

Das Mandat von François Hollande ist zur Hälfte vorbei. Ein desaströser TV-Auftritt zu diesem Anlass zeigt, dass er als Präsident gescheitert ist.
Der Mann, der da hinter seinem Pult sitzt, könnte ein Beamter hinter irgendeinem Schalter des französischen Staates sein. Er sieht auf eine harmlose Weise freundlich aus, hat eine eckige Brille und wirkt bei all seinem Bemühen hoffnungslos überfordert.
Der Mann ist François Hollande, der Präsident Frankreichs. Und ihm gegenüber, im Fernsehstudio, sitzt Joëlle, 60, seit zwei Jahren arbeitslos. "Was schlagen Sie mir vor, Monsieur le Président?", fragt sie.
Der Präsident kommt ins Trudeln, er sieht unendlich einsam aus. "Was haben Sie denn vorher so gemacht, Joëlle?", fragt er unsicher. In der Verwaltung gearbeitet, aha.
Eifrig macht Hollande sich Notizen, er befragt die Frau über ihren Werdegang, als wäre er der Mitarbeiter einer Arbeitsagentur, mit dem kleinen Unterschied, dass er als Präsident der politisch Verantwortliche ist für die Arbeitslosigkeit der Frau, die ihm gegenübersitzt. Was sagt man da? Entschuldigt man sich? Hollande rattert stattdessen etwas über ein neues Gesetz herunter, das angeblich Hilfe verspricht.
Es ist eine Fernsehsendung zur besten Sendezeit, Dauer knapp zwei Stunden, auf dem Sender TF 1, "Live mit den Franzosen" heißt sie. Pünktlich in der Mitte seines Mandats, so war es gedacht, sollte Hollande mit einem ungewöhnlichen Fernsehformat die Zuneigung seiner Bürger zurückerobern, in deren Ansehen er so tief gefallen ist wie kein Präsident der Fünften Republik vor ihm: Nach der jüngsten Umfrage vertrauen ihm gerade noch zwölf Prozent der Bürger.
Der Auftritt wurde zum Debakel. "Wir können uns nicht entscheiden zwischen den Bezeichnungen ,Gemetzel' und ,Schiffbruch'", schrieb danach der Politikchef der Zeitung Le Monde auf Twitter. Manche Szenen wirkten derart grotesk, dass man sich fragte, ob die Sendung eigens dazu erdacht wurde, Hollande den Rest zu geben.
Sie war so angelegt, dass er an diesem Abend nur scheitern kann. Er sitzt vier ausgewählten Franzosen gegenüber, jede und jeder für sich ein Beispiel seines politischen Versagens: die arbeitslose Frau. Eine erboste Unternehmerin, die ihm seine Versäumnisse so ausführlich aufzählt, dass er kaum zum Antworten kommt. Ein 25-Jähriger ohne Job. Und die Bewohnerin eines Dorfes, dessen Schule geschlossen wird. In all diesen Begegnungen reagiert er hölzern, phrasenhaft, unsouverän.
Er steht vor schwarzblauem Hintergrund, im blauen Anzug. Er sieht nervös aus, das Gesicht ist maskenhaft. "Hätten Sie sich in Ihren schlimmsten Albträumen ausgemalt, dass Ihre Amtszeit so laufen würde?", fragt ein Journalist zur Begrüßung. "Die Realität ist brutal", sagt Hollande. Er redet von Kriegen und Terrorismus, doch es klingt, als redete er von sich selbst.
Viele Franzosen, sagt der Interviewer, würden ihm absprechen, dass er das Format zum Präsidenten habe - was er dazu sage? Hollande schaut fassungslos, er antwortet erregt: "Etwa weil meine Krawatte nicht immer geradesitzt? Weil ich Pommes esse? Wovon reden wir hier?" Im Ausland stelle er stets fest, dass "Frankreich zweifellos das respektierteste Land der Welt" sei, "nicht wegen mir", aber immer, wenn es schwierig werde, schauten alle auf Frankreich, "zum Beispiel jetzt, bei Ebola". Der Auftritt am vergangenen Donnerstag muss als historisch gelten. Noch nie wirkte ein französischer Präsident im Fernsehen so unpräsidial. Früher waren solche Interviews eine einzige Liebedienerei, geführt von unterwürfigen Journalistendarstellern. Hollande dagegen wird in einem Ton befragt, der bis dahin als unerhört gegolten hätte: wie ein ganz normaler Bürger.
Ein Journalist wirft Hollande vor, durch die Paparazzi-Aufnahmen mit Motorroller und Helm vor einem heimlichen Treffen mit der Schauspielerin Julie Gayet habe er das Amt des Präsidenten beschädigt. Hollande fragt hilflos: "Was ist so schlimm an einem Motorroller?" Er kommt ins Stammeln, beschwert sich, dass man ihn einfach so fotografiert habe, seine Stimme klingt viel zu hoch: "Ich akzeptiere nicht, dass man mich beurteilt aufgrund des schlechten Benehmens von anderen!"
Und dass seine Exfreundin Valérie Trierweiler in ihrem Buch über ihn schrieb, er diniere gern in teuren Restaurants und bezeichne zu Hause die Armen als "Zahnlose"? "Wenn Sie mich kennen: Ich frequentiere seit 30 Jahren einfache Bistros, um Wähler zu treffen", sagt er. "Haben Sie mich etwa schon mal in einem teuren Restaurant gesehen?" Er verstehe, sagt er dann, ohne seine Exfreundin zu nennen, dass es "Schmerzen" gebe, und er "verzeihe".
Es sind lauter Momente zum Fremdschämen. Hollande führte seinen Bürgern erbarmungslos vor Augen, dass er dem Amt des Präsidenten nicht gewachsen ist, dass er es nicht auszufüllen vermag, schon gar nicht im Vergleich mit seinen gravitätischen Vorgängern.
De Gaulle, Mitterrand, Chirac waren Ersatzkönige, wie die Franzosen sie sich wünschen. Sarkozy war zumindest eine Art Napoleon. Vielleicht lässt sich das Amt in der heutigen Zeit nicht mehr so ungebrochen ausfüllen wie in vergangenen Jahrzehnten. Doch Hollande ist ein Präsident von der traurigen Gestalt. Und schrecklich normal.
Er wirkt wie ein Abservierter, obwohl er noch zweieinhalb Jahre vor sich hat. Premierminister Manuel Valls, entschiedener und entscheidungsfreudiger als sein Vorgesetzter, will nun Reformen angehen. Vielleicht ist es dafür aber zu spät, weil Hollande und seine Sozialisten ihr politisches Kapital längst verbraucht haben.
In Umfragen für die nächsten Präsidentschaftswahlen 2017 liegt Hollande hinter der Rechtspopulistin Marine Le Pen, und kaum jemand kann sich heute vorstellen, dass er dann für die Sozialisten wieder antreten wird. Vermutlich nicht einmal er selbst. Über eine Kandidatur denke er im Moment nicht nach, sagt er an jenem Abend in einem luziden Moment. "Haben Sie meine Popularitätswerte gesehen?"
Von Julia Amalia Heyer und Mathieu von Rohr

DER SPIEGEL 46/2014
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