10.11.2014

Global VillageEine Moschee für Schwule und Frauen

Warum ein islamisches Gebetshaus in Südafrika geschlechter- und glaubensübergreifend Gott preist
Dieser Hass, dieser blinde Zorn, diese Verachtung in den Augen. Die 47-jährige Hajirah Mahomed kann die Gesichter der Männer nicht vergessen. Sie hatten sich vor dem Eingang der Moschee zusammengerottet, zwei Dutzend konservative Muslime, die übelste Verwünschungen ausstießen.
Sie waren gekommen, um die Eröffnung der "Open Mosque" im Kapstädter Viertel Wynberg zu verhindern, der ersten freien Moschee Südafrikas - eines Gebetshauses, in dem für alle Platz sein soll: für Männer und Frauen, Schiiten und Sunniten, Schwule, Christen und andere "Falschgläubige".
In den Augen der Demonstranten ist das Häresie, Ketzerei. Und so drohten sie, den Gründer der Moschee zu kastrieren: Taj Hargey, geboren in Wynberg, Leiter eines Instituts für islamische Studien im britischen Oxford, umstrittener Imam und Glaubensreformer. Hargey kämpft seit Jahren für einen aufgeklärten Islam. In Zeiten, in denen seine Religion weltweit angefeindet und für Terror und Grausamkeiten verantwortlich gemacht wird, wollte er ein Zeichen setzen. Am 19. September eröffnete er die Open Mosque in der Lester Road 4 in Wynberg. Hargeys Gegner kündigten an, die neue Moschee in die Luft zu jagen.
Der Imam habe schon zuvor mehrfach Todesdrohungen erhalten, erzählt Mahomed, die im neunköpfigen Vorstand der Moschee sitzt, als eine von vier Frauen. Auch sie wurde bedroht: "Wir hatten Leibwächter engagiert, aber ich hatte keine Angst. Wenn du Angst hast, haben die Fundamentalisten die Macht über dich gewonnen."
Hajirah Mahomed trägt einen hellgrauen Blazer zur violetten Bluse und ihre schwarzen Haare offen. Sie ist dezent geschminkt, den Schleier hat sie schon vor vielen Jahren abgelegt: "Zeigen Sie mir die Stelle im Koran, in der steht, man müsse Hidschab oder Nikab tragen."
Sie hat Psychologie studiert und Köchin gelernt, seit fünf Jahren arbeitet sie für die Premierministerin der Provinz Westkap, Helen Zille. Sie organisiert Veranstaltungen und Empfänge in deren Residenz. Hajirah Mahomed ist mit einem liberalen Muslim verheiratet, hat drei Kinder mit ihm. Sie ist davon überzeugt, dass sich der Islam reformieren lässt. "Aber der Widerstand der orthodoxen Geistlichen ist groß, weil sie sich in ihrer Macht bedroht fühlen", sagt sie.
Von außen sieht die Open Mosque recht unscheinbar aus: lindgrüne Fassade, die Fenster vergittert, kein Minarett. Auch der Gebetsraum ist schlicht, eine hellgrün getünchte Halle, auf dem Betonboden ein dunkelblauer Teppich mit Arabesken, an den Wänden Koranverse. Der Minbar, die Kanzel der Prediger, wurde aus Sperrholz zusammengezimmert. "Früher war das hier eine Autowerkstatt, jetzt ist es ein Gotteshaus", sagt Mahomed, die in einer strenggläubigen Familie aufwuchs, in ständiger Furcht vor Gott und immer mit der Angst, etwas falsch zu machen. Mit ihrer Familie kann sie über die offene Moschee nicht sprechen, das Thema ist tabu. Ihre Schwestern wagen nicht, hier vorbeizukommen.
Wie jeden Dienstagabend hat sich eine kleine Gruppe versammelt, um gemeinsam den Koran zu studieren. Unter den Besuchern sind ein Jude und eine Christin. Es gehört Mut dazu, an dieser Runde teilzunehmen, es kann dazu führen, dass man in der eigenen Gemeinde geächtet oder gar ausgestoßen wird. Und niemand kann weitere Anschläge ausschließen.
Allein im Oktober wurde die Moschee zweimal angegriffen. Da rasten Gegner der "Glaubensverräter" mit einem Geländewagen durch den Haupteingang, die Dellen im Blechtor sind noch zu sehen. Und in der Nacht zum Id al-Adha, dem Opferfest, versuchten Unbekannte, das Gebäude niederzubrennen. Die Eröffnung des höchsten islamischen Festes ist traditionell reine Männersache, eigentlich undenkbar, dass eine Frau das Gebet spricht. Genau das aber hat Mahomed an diesem Tag getan, als vermutlich erste Frau. Eine Provokation.
Sie hat nie verstanden, so erzählt sie, warum Frauen und Männer nicht gemeinsam beten sollten. Schon als kleines Mädchen stellte sie Fragen. Warum dürfen wir die Moschee nur durch die Hintertür betreten? Wieso müssen wir immer unsichtbar sein? Sind wir etwa minderwertig? Doch niemand wollte ihre Fragen beantworten. Sei still! Akzeptiere die heiligen Regeln!, antwortete man ihr in der Koranschule, die sie fünf Tage in der Woche besuchen musste.
"Es waren sinnlose Übungen. Wir wurden in Arabisch unterrichtet und verstanden nichts." Es sei nur darum gegangen, die Mädchen zu indoktrinieren und zu unterwürfigen Musliminnen zu machen. Wenn sie von dieser Zeit erzählt, packt sie noch immer der Groll. Vor einigen Jahren traf sie dann Taj Hargey, den Islamreformer, der Losungen wie diese ausgab: "Folge dem Islam und nicht den Muslimen!"
Hajirah Mahomed sagt, man müsse mit den Reformen zuerst im liberalen Kapstadt beginnen, nicht in Kabul. Auch wenn es hier manchmal andere Hindernisse gibt. Kurz nach der Eröffnung ließ die Stadtverwaltung die Moschee für einige Tage schließen. Der Grund: Es standen nicht genügend Parkplätze für deren Besucher zur Verfügung.
Von Bartholomäus Grill

DER SPIEGEL 46/2014
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