10.11.2014

SPIEGEL-Gespräch„Unser Geschäft ist irrational“

Karl-Heinz Rummenigge, 59, Vorstandschef der FC Bayern AG, über den Reichtum des Münchner Klubs und die Arbeitswut des Trainers Pep Guardiola
SPIEGEL: Herr Rummenigge, vor 30 Jahren sind Sie als Stürmer von Bayern München zu Inter Mailand gewechselt. Erinnern Sie sich noch, wie hoch damals Ihre Ablösesumme war?
Rummenigge: Elf Millionen. D-Mark!
SPIEGEL: Macht umgerechnet 5,6 Millionen Euro - was bekommt man heute noch dafür auf dem Spielermarkt?
Rummenigge: Was uns betrifft: nicht mehr viel. Spitzenspieler, die uns weiterbringen, sind natürlich teurer.
SPIEGEL: Kann sich Ihr Klub inzwischen Spieler jeder Preisklasse leisten?
Rummenigge: Wir wollen das gar nicht. Wir wären aktuell nicht bereit, 80 oder gar 100 Millionen Ablöse zu zahlen.
SPIEGEL: Warum nicht?
Rummenigge: Es käme zur Ablöse ja noch das entsprechende Gehalt obendrauf. Solche Spieler verdienen acht bis zehn Millionen netto, so etwas zöge bei uns das ganze Gefüge mit nach oben. Wäre dann das Gehalt eines Philipp Lahm oder eines Thomas Müller noch korrekt? Wir pflegen eine gewisse Hygiene, um innerhalb der Mannschaft keinen Neid aufkommen zu lassen.
SPIEGEL: Der FC Bayern ist schuldenfrei und wohlhabend. Sie werden auf der Jahreshauptversammlung am 28. November wieder Rekordzahlen verkünden: Umsatz von mehr als einer halben Milliarde Euro, Gewinn von 16,5 Millionen. Angeblich hat der Verein mehr als hundert Millionen auf der Bank liegen. Was stellen Sie mit dem ganzen Geld an?
Rummenigge: Wir benötigen Umsätze in dieser Größenordnung, und wir müssen hart dafür arbeiten, um sie zu erreichen. Unsere Aufgabe ist es, sportlich erfolgreich zu sein und das seriös zu finanzieren. Die Gehälter unserer Spieler sind international angemessen, aber auch nicht gerade gering.
SPIEGEL: Empfinden Sie es als unseriös, wenn Real Madrid für einen Stürmer wie Gareth Bale fast 100 Millionen Euro bezahlt?
Rummenigge: Real betreibt das Geschäft ein wenig anders als wir. Sie kaufen nicht nur zu hohen Preisen ein, sie verkaufen auch auf diesem Niveau. Erst im Sommer Ángel Di María für angeblich 75 Millionen an Manchester United, davor Özil und Higuaín für knapp 90 Millionen.
SPIEGEL: Vor fünf Jahren hätten Sie das ähnlich machen und Franck Ribéry verkaufen können, der FC Chelsea bot für ihn 60 Millionen ...
Rummenigge: Es war mehr.
SPIEGEL: Weshalb haben Sie sich damals entschieden, das Geld abzulehnen?
Rummenigge: Um ein Zeichen zu setzen. Jeder sollte wissen, dass wir eine Mannschaft aufbauen wollen, um die Champions League zu gewinnen. Und unsere Konkurrenten auf dem internationalen Markt sollten erkennen, dass sich der FC Bayern seine besten Spieler nicht wegkaufen lässt - egal wie viel geboten wird.
SPIEGEL: Für Ribéry hätten Sie reichlich Ersatz kaufen können.
Rummenigge: Sicher. Aber klappt das auch? Der FC Liverpool hat diesen Sommer für den Stürmer Luis Suárez 81 Millionen vom FC Barcelona bekommen. Dafür haben sie neue Spieler gekauft. Sportlich kompensieren konnte Liverpool den Verlust von Suárez damit nicht. Mit reiner Logik kommt man in unserem Geschäft nicht unbedingt weiter. Es ist oft irrational.
SPIEGEL: Kann ein Fußballer bis zu 100 Millionen Euro wert sein?
Rummenigge: Die Nachfrage nach wirklichen Spitzenspielern ist unglaublich groß, aber das Angebot sehr dünn. Allerdings missfallen der EU-Kommission diese Summen. Offensichtlich fragt sich Brüssel, ob man es den Bürgern noch vermitteln könne, dass so viel im Profifußball gezahlt wird.
SPIEGEL: Sind die Summen, um die es inzwischen geht, unanständig hoch?
Rummenigge: Nein. Der Markt macht den Preis, und im Wettbewerb der großen Klubs werden solche Preise eben gezahlt.
SPIEGEL: Wie erklären Sie es, dass in einem Land wie Spanien, das von einer Wirtschaftskrise gebeutelt wird, einige Klubs weiterhin mit Geld um sich schmeißen?
Rummenigge: Fußball ist Teil der Unterhaltung. Der Druck, auf dem Spielermarkt zu reagieren, kommt vor allem in den Jahren, in denen du deine Ziele verpasst. Das haben wir bei Bayern auch erlebt, 2012, als wir in der Bundesliga Zweiter wurden und in der Champions League und im DFB-Pokal jeweils das Finale verloren. Wobei man sagen muss: Real Madrid und der FC Barcelona sollen Schulden haben, schaffen es aber, mindestens ausgeglichene Bilanzen vorzuweisen. Sie haben auch hohe Einnahmen, das darf man nicht vergessen. Sie erhalten viel mehr aus dem Verkauf der Fernsehrechte als wir in der Bundesliga.
SPIEGEL: Der Umsatz des FC Bayern ist inzwischen doppelt so hoch wie der von Borussia Dortmund. Ist die Bundesliga überhaupt noch Ihr Kerngeschäft?
Rummenigge: Sie ist unser Brot-und-Butter-Geschäft. Und die Meisterschaft ist der ehrlichste Titel, weil nach 34 Spielen nicht Glück und Pech entscheiden. In der Champions League kann nach der Gruppenphase ein schlechter Tag alle Chancen beenden - so wie es uns vorige Saison im Halbfinale gegen Real Madrid passiert ist.
SPIEGEL: Dortmund ist in dieser Bundesligasaison jetzt schon kein Gegner mehr für Sie. Zufrieden?
Rummenigge: Auch der FC Bayern ist an einer emotionalen Liga interessiert. Und wir brauchen in der Bundesliga mehrere Lokomotiven, nicht nur den FC Bayern.
SPIEGEL: Müssen Sie aufpassen, dass Sie Ihren Gegnern nicht die besten Spieler wegkaufen und die Bundesliga zu öde wird?
Rummenigge: Ich stelle mir seit Wochen die Frage, was genau unser Job ist. Es geht darum, die Qualität der Mannschaft so zu gestalten, dass sie erfolgreich Fußball spielt. Und: Was für eine Diskussion über Moral lösen wir aus, wenn wir einen Spieler von einem direkten Konkurrenten holen? Das ist immer ein Pro und Kontra.
SPIEGEL: Die Moraldebatte läuft bereits.
Rummenigge: Die Frage ist doch, woher wir in Deutschland, aber auch im Ausland Spieler bekommen, die den Qualitätsansprüchen von Bayern München entsprechen. Früher haben wir die auch mal in Bremen oder Hamburg gefunden, in den vergangenen zwei Jahren halt auch in Dortmund.
SPIEGEL: Sie haben von dort Mario Götze und Robert Lewandowski geholt. Beides waren sinnvolle Transfers für Sie. Aber müssen Sie ausgerechnet beim größten Rivalen so heftig wildern?
Rummenigge: Wenn wir sie nicht geholt hätten, würden die beiden jetzt irgendwo im Ausland spielen und nicht mehr in der Bundesliga. Beide aber machen unsere Liga attraktiv. Götze hatte ein Wahnsinnsangebot von Manchester City. Real Madrid wollte Lewandowski unbedingt. Wäre das besser für die Bundesliga gewesen?
SPIEGEL: Welcher deutsche Klub wird dem FC Bayern zukünftig am meisten Paroli bieten: Borussia Dortmund oder RasenBallsport Leipzig, das Projekt des Red-Bull-Gründers Dietrich Mateschitz?
Rummenigge: Dortmund. Die haben das größte Potenzial, eine gute Mannschaft und einen guten Trainer. Auch das Management ist gut, auch wenn wir hin und wieder ein Scharmützel untereinander ausfechten. Leipzig ist ein völlig anderes Konzept. Aber man muss auch sagen: Sie setzen das zur Verfügung stehende Geld gut ein. Sie werden in die Bundesliga aufsteigen, wenn nicht diese Saison, dann nächste. Ich kenne den Ehrgeiz von Herrn Mateschitz.
SPIEGEL: Woher?
Rummenigge: Wir haben einmal in Salzburg ein gemeinsames Mittagessen gehabt, schon länger her. Damals hat er mich gefragt, was ich glaube, wann Red Bull Salzburg die Champions League gewinnen könne. Ich habe ihn angeschaut und gesagt: "Niemals. Sie müssen glücklich sein, wenn Sie sich qualifizieren." Da hat er ganz erstaunt gesagt, er könne doch sein Geld einsetzen, so wie in der Formel 1. Ich sagte: "Sie kriegen keinen Topspieler nach Österreich, die gehen da nicht hin." Er war völlig baff.
SPIEGEL: Schauen Sie aufmerksam nach Leipzig?
Rummenigge: Ich weiß eines: Irgendwann wird auch Red Bull finanziell an Grenzen stoßen. Spätestens wenn sie sich für einen Europapokal qualifizieren, denn dann greifen die Regeln des Financial Fair Play. Dann muss sich der Klub allein refinanzieren, dann können sie nicht mehr nach Belieben Geld reinschießen, sondern höchstens 30 Millionen Euro in drei Jahren. Ich kenne die Zahlen nicht, man geht davon aus, dass RasenBallsport größtenteils von Red Bull finanziert wird.
SPIEGEL: Viele Fans, vor allem die Ultras, protestieren gegen Leipzig, weil sie dort den Ausverkauf des Fußballs befürchten. Können Sie diese Wut nachvollziehen?
Rummenigge: Es ist ein Kampf der Fußballwelten. Auf der einen Seite gibt es die Traditionsklubs, von denen einige in großen Schwierigkeiten sind. Auf der anderen diese neue Welt: Hoffenheim, Wolfsburg, Ingolstadt. Diese Klubs rücken immer mehr in den Fokus. Und sie haben langfristig Erfolg.
SPIEGEL: Seit etwas über einem Jahr arbeitet nun Trainer Pep Guardiola bei Ihnen. Wie sehr hat er den Verein verändert?
Rummenigge: Er hat den FC Bayern noch ein Stück professioneller gemacht. Und zwar ohne den Klub, wie wir hier sagen, zu vangaalisieren.
SPIEGEL: Bitte was?
Rummenigge: Louis van Gaal war zwei Jahre lang unser Trainer ...
SPIEGEL: ... bis Sie ihn 2011 entließen.
Rummenigge: Louis war okay, ein guter Trainer, ein erfolgreicher Trainer.
SPIEGEL: Und ein Mann mit großem Ego.
Rummenigge: O ja. Als er in seiner zweiten Saison in einem Edelrestaurant seine eigene Biografie vorstellte, da wusste ich, es kommen schwere Zeiten auf uns zu. Louis van Gaal war nicht immer pflegeleicht.
SPIEGEL: Es heißt, er wollte den FC Bayern nach seinen Vorstellungen umbauen.
Rummenigge: Vangaalisieren, so nennen wir das bis heute.
SPIEGEL: Guardiola ist auch ehrgeizig und eigensinnig.
Rummenigge: Pep ist vom Typ her feinfühlig. Er hat hohe Ansprüche, aber er respektiert die Kultur unseres Klubs. Pep ist maßvoll. Er hat viele Ideen, sie sind manchmal ungewöhnlich, aber nie verrückt.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
Rummenigge: Unser Rasen. Wir hatten eigentlich einen Top-Rasen in der Allianz Arena. Dann spielten wir vergangene Saison dreimal gegen englische Klubs, gegen Manchester United, Arsenal und Manchester City. Die haben alle in ihren Arenen sogenannte Hybridrasen.
SPIEGEL: Einen Untergrund, bei dem natürliche Grashalme mit künstlichen Halmen gemischt werden.
Rummenigge: Er ist sehr dicht, sehr robust und teuer. 750 000 Euro pro Platz. Pep kam und fragte, ob wir auch so einen Rasen verlegen könnten. Einfach weil er davon überzeugt war, der Ball lasse sich darauf noch schneller spielen und es lasse sich so ein noch schnelleres Passspiel aufziehen.
SPIEGEL: Nun liegt im Stadion des FC Bayern also Hybridrasen, richtig?
Rummenigge: Und auf dem Trainingsgelände auch. Und vor jedem Training wird der Rasen befeuchtet, damit der Ball noch schneller wird.
SPIEGEL: Auch Guardiolas Idee?
Rummenigge: Auch Peps Idee. Er liebt solche Kleinigkeiten. Er ist ein Perfektionist, ein unermüdlicher Arbeiter. Vor jedem Spiel sitzt er stundenlang in seinem Büro und beschäftigt sich mit dem nächsten Gegner, egal ob der Real Madrid heißt oder Paderborn.
SPIEGEL: Es gibt Leute, die meinen, bei dem Tempo, das Guardiola vorlegt, sei er irgendwann wieder ausgebrannt wie zum Schluss seiner Tätigkeit in Barcelona.
Rummenigge: Ich glaube das nicht. Ich hoffe, dass er uns noch lange erhalten bleibt. Ich halte Pep für ein Genie. Ich bin seit 40 Jahren im Geschäft, aber so jemanden wie ihn habe ich noch nie getroffen.
SPIEGEL: Wie wollen Sie verhindern, dass der Weltbürger Guardiola weiterzieht oder wieder eine Auszeit nimmt?
Rummenigge: Indem wir versuchen, mit ihm seine Ideen umzusetzen und mit ihm Erfolg zu haben.
SPIEGEL: Sein Vertrag endet 2016.
Rummenigge: Ich weiß nicht, wie lange er bei uns bleibt. Ich hoffe, lange. Er ist unser wichtigster Angestellter. Er ist der Schlüssel.
SPIEGEL: Wie hat der FC Bayern den Rückzug von Uli Hoeneß verkraftet?
Rummenigge: Wir haben mit ein paar personellen Änderungen im Verein und im Aufsichtsrat erreicht, dass der Klub weiterhin harmonisch dasteht und funktioniert. Wir haben gute Leute hier.
SPIEGEL: Wie geht es Hoeneß?
Rummenigge: Ich habe ihn dreimal gesehen. Er macht auf mich einen - wenn man die Umstände bedenkt - guten Eindruck. Er kommt mit der Situation klar.
SPIEGEL: Fehlt er Ihnen als Ratgeber?
Rummenigge: Ich habe immer gern mit ihm diskutiert, vor allem vor wichtigen Entscheidungen. Wir hatten auch oft unterschiedliche Meinungen. Und es hat auch mal einer die Tür zugeschlagen und ist aufgebracht in sein Büro zurückgegangen. Dann hat man sich eben zwei Tage später wieder zusammengesetzt. Wir haben es immer geschafft, dass am Ende nie abgestimmt werden musste. Wir haben immer so lange debattiert, bis es hieß: Okay, so machen wir es, fertig.
SPIEGEL: Vom Frühjahr an soll Hoeneß als Freigänger in der Nachwuchsabteilung des FC Bayern arbeiten. Wird das so kommen?
Rummenigge: Das ist der Wunsch von Uli, und wir stehen selbstverständlich zur Verfügung. Die Details des Arbeitsvertrags werden derzeit mit der Behörde geklärt. Das ist die Voraussetzung, dass Uli Freigänger werden kann.
SPIEGEL: Hoeneß wird die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das könnte eine Belastungsprobe werden für den Verein.
Rummenigge: Ich glaube, wir und er werden damit entspannt umgehen. Es wird Medien geben, die natürlich auf ihn lauern werden. In den ersten Wochen wird das Interesse groß sein. Es wird schon werden.
SPIEGEL: Herr Rummenigge, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Detlef Hacke und Gerhard Pfeil in München.
Von Detlef Hacke und Gerhard Pfeil

DER SPIEGEL 46/2014
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