10.11.2014

FifaEin Abendessen in Oslo

Weltverbandspräsident Joseph Blatter soll vor norwegischen Funktionären Katar diskreditiert haben, den umstrittenen Ausrichter der WM 2022. Was könnte ihn dazu verleitet haben?
Der Montag vor vier Wochen war einer jener Tage, für die Joseph Blatter Präsident des Weltfußballverbands geworden ist. An der Seite der Direktorin des Osloer Nobel Peace Center besichtigte er eine Ausstellung über die Geschichte des Nobelpreises, und danach gab Blatter in dem prächtigen Gebäude der Stiftung eine Pressekonferenz, bei der er minutenlang über die Frieden stiftende Kraft des Fußballs dozieren konnte.
Abends um Viertel vor neun war er Ehrengast bei einem Länderspiel im Ullevaal-Stadion, doch zuvor hatte Blatter noch einen Termin in einem Osloer Hotel: ein Dinner, das der Norwegische Fußballverband (NFF) für ihn ausrichtete.
Es war ein überschaubarer Kreis. Mit Blatter am Tisch saßen sein Kommunikationschef Walter De Gregorio und einige Fifa-Angestellte, aufseiten der Gastgeber NFF-Präsident Yngve Hallén und eine Handvoll weiterer Spitzenfunktionäre des Verbands.
Das Essen verlief zunächst wie Hunderte Essen zuvor, zu denen der Berufsreisende Blatter rund um die Welt eingeladen wird. Small Talk. Man plauderte über die WM in Brasilien und die Imagekampagne "Handshake for Peace", welche die Fifa mit dem Nobel Peace Center veranstaltet.
Dann kam die Rede auf Katar. Wie es denn um die Vorbereitungen der WM 2022 in dem Wüstenstaat stehe, wollte einer der norwegischen Gastgeber wissen.
Eine unverbindliche Frage. Umso perplexer soll die Tischrunde von Blatters Antwort gewesen sein. So schildert es ein Teilnehmer dem SPIEGEL.
Die Araber seien "arrogant", soll Blatter gesagt haben. Zudem glaubten sie, "sich mit ihrem Geld alles leisten zu können".
Verdutzte Gesichter. Irritation.
Nach einem kurzen Moment eine weitere Frage: Ob die Weltmeisterschaft 2022 überhaupt in Katar stattfinden werde?
Blatter, so die Quelle des SPIEGEL, habe geantwortet, Katar finanziere die Terrormiliz "Islamischer Staat". Und dann soll er behauptet haben: "Die Weltmeisterschaft wird nicht in Katar stattfinden."
Joseph S. Blatter, das sagen Leute, die ihn sehr gut kennen, kann bei öffentlichen Auftritten schnell von der Piste abbiegen, die ihm seine Berater und PR-Strategen in Vorbesprechungen geebnet haben. Er hält sich nur ungern an ein Manuskript, und wenn er in freier Rede spricht, schweift er leicht ab und steuert auf Pointen zu, die meist nur mäßig oder gar nicht zünden.
Manchmal klingt er, als sei er ein bisschen verrückt geworden. Beim Fifa-Kongress in São Paulo, kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien, trat Blatter ans Rednerpult und sprach in den Saal: "Wir fragen uns, ob unser Spiel auch auf anderen Planeten gespielt wird. Wir werden nicht nur eine WM haben, sondern interplanetarische Wettbewerbe."
Er ist 78. Sein einst so scharfes Gedächtnis lässt Blatter immer häufiger mal im Stich, ebenso wie ihm sein Gespür abhandenkommt, wann eine Provokation sitzt und wann nicht.
Der Mann aus dem Wallis springt zwischen den Sprachen Englisch, Französisch, Spanisch und Deutsch hin und her, ohne eine davon brillant zu beherrschen. Er ist ein Dampfplauderer.
Aber warum sollte Blatter sich zu solchen Äußerungen über Katar hinreißen lassen? Aus einer Haltung heraus, ihm, dem mächtigsten Mann der Fußballwelt, könne keiner? Aus purer Lust an der Provokation? Aus taktischen Motiven, die bislang verborgen blieben?
Die WM in Katar ist ein Reizthema. Seit die Fifa vor knapp vier Jahren entschieden hat, das Turnier in dem Emirat zu veranstalten, vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo auf der Welt der Verdacht geäußert wird, dass bei der Vergabe dunkle Mächte im Spiel gewesen sein müssten.
Es kursieren Verschwörungstheorien. Sie wuchern vor allem deshalb, weil von den 22 Mitgliedern des Exekutivkomitees, die im entscheidenden Wahlgang mit 14 zu 8 Stimmen für Katar und gegen die USA votierten, fünf mittlerweile wegen des Verdachts der Korruption nicht mehr im Amt sind.
Der frühere US-Bundesstaatsanwalt Michael Garcia, Chefermittler der Fifa-Ethikkommission, hat mit großem Aufwand mehr als zwei Jahre lang recherchiert, ob Katar oder andere Bewerber beim Rennen um das Turnier geschmiert haben. Sein Bericht liegt nun auf dem Tisch des deutschen Richters Hans-Joachim Eckert, der demnächst das Urteil fällen wird.
Der Boss der katarischen WM-Organisatoren, Hassan al-Thawadi, hat immer betont, dass bei der Bewerbung alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Selbst wenn sich das bestätigt: Für die Fifa wird Katar auch in den kommenden acht Jahren ein Dauerärgernis bleiben.
Verbände, Klubs, Sponsoren und TV-Sender feilschen derzeit darum, wann der geeignete Termin für das Turnier sein könnte. Januar und Februar 2022? April und Mai? November und Dezember? Das Gezerre ist schon jetzt hochgradig politisch, zu viele Interessen sind von einer Verlegung berührt.
Klar ist nur, dass im Sommer - dem Zeitraum, in dem die WM geplant war - in Katar Temperaturen um die 40 Grad Celsius im Schatten herrschen. Kein Wetter für Fußballer, und kein Wetter für Fußballtouristen.
Als im Dezember 2010 in Zürich über die WM 2022 abgestimmt wurde, soll Blatter nicht pro Katar votiert haben. Dass der Fifa-Präsident gegen die WM in der Wüste ist, gab er erstmals öffentlich im Mai zu verstehen. "Natürlich war es ein Fehler", sagte Blatter dem Schweizer Sender RTS. Nie jedoch ging er so weit, Katar die Weltmeisterschaft wieder abzusprechen.
Blatter hat ein besonderes Verhältnis zu dem Emirat. Bei seinem Aufstieg zum Fifa-Präsidenten und seiner ersten Wiederwahl spielte der katarische Spitzenfunktionär Mohamed Bin Hammam, der im Fifa-Exekutivkomitee saß, eine entscheidende Rolle. Bin Hammam besorgte Blatter gelegentlich den Jet eines saudischen Scheichs, in dem der Schweizer um die Welt fliegen konnte. Zudem sorgte er als bestens vernetzter Stimmenbeschaffer dafür, dass Blatter bei den Wahlgängen 1998 und 2002 genügend Unterstützer aus Afrika und Asien bekam.
Doch aus der Freundschaft wurde Feindschaft. Im Frühjahr 2011, nur wenige Monate nach Vergabe der Fußball-WM an Katar, lieferten sich Blatter und Bin Hammam vor aller Welt ein bizarres und dreckiges Duell um das Amt des Fifa-Präsidenten. Blatter siegte, Bin Hammam wurde weltweit von allen Fußballämtern suspendiert.
Katars WM-Organisatoren versichern, ihr Verhältnis zu Blatter sei ungetrübt, der Fifa-Präsident erweise sich als großer Freund des Landes.
Ist das wirklich so?
Als Blatter am Abend des 13. Oktober mit seiner kleinen Entourage und norwegischen Fußballfunktionären zu Abend aß, muss er gewusst haben, dass er nicht nur unter Freunden war. Die Figur Blatter wird im norwegischen Verband, wie in vielen anderen skandinavischen Föderationen auch, durchaus kritisch gesehen.
Die ersten Hinweise auf Blatters angebliche Tiraden gegen Katar erreichten den SPIEGEL bereits zwei Tage später. Es waren Informationen aus erster Hand. Bei allen weiteren Recherchen in den folgenden zwei Wochen erwiesen sich die Quellen als so belastbar, dass der SPIEGEL den Fifa-Kommunikationsdirektor Walter De Gregorio schließlich um ein informelles Gespräch bat - De Gregorio hatte bei dem Abendessen von Oslo mit am Tisch gesessen.
Dieses Gespräch fand am 30. Oktober in Berlin statt. Am Ende des Treffens gab der SPIEGEL De Gregorio zu verstehen, dass er Blatter mit seinen Recherchen konfrontieren werde. Am vorigen Montag erhielt der Fifa-Präsident einen drei Seiten umfassenden Brief.
Unter der formlosen Antwort der Fifa zeichnet nicht Joseph Blatter, sondern Kommunikationsdirektor De Gregorio. Er bestreitet den "Inhalt des kolportierten Gesprächs" in Oslo. Die Stimmung bei dem Dinner sei "gut, freundlich, entspannt" gewesen: "Das Thema Katar und WM 2022 wurde am Rande angeschnitten, es ging dabei um die Spieldaten und um den Emir, der den Fifa-Präsidenten in Zürich besucht hatte. Sepp Blatter erzählte der Runde in Oslo, wie er dem Emir gratuliert hatte für die klaren Worte, die dieser tags zuvor bei einem Staatsbesuch in Deutschland gefunden hatte. Auf die Frage eines Journalisten, ob Katar den ,Islamischen Staat' IS finanziere, hatte der Emir dies bei besagtem Besuch in Deutschland mit deutlichen Worten dementiert. Dafür hatte Blatter dem Emir in Zürich Lob gezollt und beim Tischgespräch in Oslo erwähnt. Nicht im Ansatz hat der Fifa-Präsident Katar mit IS in Verbindung gebracht."
In dem Schreiben heißt es weiter: "Wir bitten Sie, auf eine Publikation Ihres angekündigten Artikels zu verzichten, weil dieser jeglicher Grundlage entbehrt. Es ist schlicht falsch, was Sie behaupten."
Am vorigen Dienstag, als das Fifa-Dementi einging, schrieb der SPIEGEL jedes Mitglied des norwegischen Fußballverbands, das an dem Dinner teilgenommen hatte, persönlich an.
Ob die Behauptungen Blatters wie recherchiert gefallen und wahr seien? Und wenn ja: ob die Öffentlichkeit nicht ein Anrecht habe zu erfahren, was der Fifa-Präsident bei einem offiziellen Abendessen des norwegischen Fußballverbands vor dessen Führungsspitze zur WM in Katar gesagt habe?
NFF-Generalsekretär Kjetil Siem reagierte auf das Anschreiben nicht. Er sei "im Gebirge auf Jagd", antwortete er erst auf Nachfrage per SMS und fügte hinzu: "Bei so einem Mittagessen war ich nicht. So was habe ich absolut nicht gehört."
Die frühere Nationalspielerin Turid Storhaug, die im NFF-Exekutivkomitee sitzt, schrieb: "Ich will diese Angelegenheit nicht weiter kommentieren."
Seit Monaten wird in der Fußballwelt darüber spekuliert, ob es überhaupt möglich ist, Katar die WM noch zu entziehen. Das Emirat hat eine breite Front von Gegnern, die geradezu besessen sind von dieser Idee. Sie hoffen auf den Garcia-Report. Auf Beweise für Bestechung.
Doch die Vorstellung, dass der Fifa-Chefermittler belastbare Belege gefunden haben könnte, die vor ordentlichen Gerichten ausreichten, um sämtliche WM-Verträge mit Katar unwirksam werden zu lassen, wirkt reichlich naiv. Wahrscheinlicher wäre vielmehr, dass das Emirat jeden Rückzugsversuch des Weltfußballverbands mit Schadensersatzklagen in Milliardenhöhe kontern würde. Die Fifa ist zwar reich. Aber Katar ist reicher.
Vorigen Mittwoch schickte der norwegische Verband eine offizielle Erwiderung zu den Vorgängen bei dem Abendessen in Oslo. Der Präsident Yngve Hallén äußerte sich nicht persönlich. Stattdessen antwortete Nils Fisketjønn, ein Verbandsdirektor, der ebenfalls an dem Dinner teilgenommen hatte. Fisketjønn schrieb, er melde sich auch im Auftrag der anderen Kollegen, die um Stellungnahme gebeten worden waren.
Das Essen mit Blatter in Oslo habe in "privater Atmosphäre" stattgefunden, "die Tatsache, dass es auf dem offiziellen Programm aufgeführt war, tut dabei nichts zur Sache".
Weder der norwegische Fußballchef noch die anderen Teilnehmer würden "kommentieren, was zu Tisch bei dem Abendessen gesagt wurde oder zur Sprache kam".
Abschließend bat er "freundlich darum, diese eingeschlagene Position zu respektieren".
Von Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 46/2014
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