10.11.2014

KommentarSchnüffelei im Mobilom

Den "härtestmöglichen Datenschutz" verspricht Verkehrsminister Alexander Dobrindt bei der Einführung der umstrittenen Pkw-Maut. Die Formulierung ist eine rhetorische Nebelkerze. Sie erinnert an die "brutalstmögliche Aufklärung" von Roland Koch beim CDU-Parteispendenskandal, die bekanntlich auch nur bedingt Erfolge brachte. CSU-Minister Dobrindt will nun, dass die Nummernschilder von Privatfahrzeugen automatisch fotografiert und ausgewertet werden. Aber kein Bürger müsse dabei Sorge haben, "dass jetzt irgendwo Profile gespeichert werden könnten". Dies Versprechen wirkt gewagt angesichts der alltäglichen Datenlecks selbst bei renommierten Institutionen. "Bewegungsdaten gehören zum Sensibelsten, was derzeit gesammelt wird", warnten Forscher vom Massachusetts Institute of Technology bereits vor anderthalb Jahren in der Fachzeitschrift Scientific Reports. Sie hatten festgestellt: Ortsdaten von Handys sind verräterischer als ein Fingerabdruck. Will man mit diesem nämlich eine Person identifizieren, müssen meist zwölf Datenpunkte verglichen werden, beim genetischen Fingerabdruck sind es in der Regel acht. Bei Bewegungsprofilen hingegen reichen schon vier. Informationen aus der Summe unserer Bewegungsdaten - die man auch Mobilom nennen könnte - lassen weitreichende Rückschlüsse auf intime Details zu, ähnlich wie beim Genom. Zwar sollen für die Pkw-Maut keine Fotos gespeichert werden. Aber Ortsdaten allein reichen womöglich: Welche Ausfahrt ich nachts nehme, sagt vielleicht mehr über mein Privatleben aus als die offizielle Meldeadresse.
Auch sonst wird das Mobilom bereits durch weitgehendes Auslesen von GPS- und WLAN-Daten von Handys und Suchmaschinen ausgeschlachtet. Versicherungen gieren nach Informationen; nun will auch der Staat Zugriff. Die EU plant die Speicherung von Fluggastdaten. Und BKA-Chef Ziercke fordert Zugang zu Mautinformationen.
Härtestmöglicher Datenschutz geht so: Wer keine sensiblen Daten erhebt, kann sie auch nicht missbrauchen. So macht es etwa Österreich mit der Plastikvignette für Autobahnnutzer. Die ist billig und bedarf weniger Daten. Und schützt so unser Mobilom vor Schnüffelei.
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 46/2014
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