10.11.2014

Dirk Kurbjuweit Zur Lage der WeltDas Prinzip von Print

Ich lese, dass bei Brigitte alle Textredakteure entlassen werden, weil man mit freien Journalisten angeblich ein besseres Magazin machen kann. Ich lese, dass Journalisten, die zeitgemäß sein wollen, auch mit Filmen und Fotos erzählen müssten. Ich höre und lese, Onlinejournalismus sei cool, die Zukunft, während Print uncool sei und gestrig. Wir, die Printredakteure, seien die "fat cats" des Journalismus, die fetten Katzen, die nur noch ihre Pfründe verteidigen.
Nennt mich meinetwegen eine fat cat, aber seid nicht so ignorant gegenüber Print. Denn dann seid ihr ignorant gegenüber der Zeit und dem Wunder der Buchstaben.
Print stand früher für gedruckte Texte. Print steht heute für das Prinzip, dass der einzelne Text ein Juwel sein soll. Dass wir, die Journalisten, ihm unsere ganze Leidenschaft und Aufmerksamkeit widmen, beim Recherchieren, beim Denken, beim Schreiben, beim Redigieren. Wenn ich nun lese, der Multimediareportage gehöre die Zukunft, weil Filme manchen Text ersetzen könnten, sage ich Nein, stimmt nicht. Für mich als Medienkonsumenten gibt es kein schöneres Wunder, als dass aus jenen dürren Zeichen, die wir Buchstaben nennen, Bilder im Kopf entstehen. Filme und Fotos können vieles, aber das können sie nicht. Das ist unersetzbar.
Ich weiß, dass es uns von Print nicht immer gelingt, Juwelen herzustellen. Ich kenne meine Schwächen, Fehler, meine missratenen Texte. Print ist ein Anspruch, den nicht jeder jederzeit erfüllen kann. Print ist der immerwährende Anspruch, den noch besseren Text zu schreiben. Aber ich sehe auch viel Gelingen, bei der Konkurrenz so wie bei uns, ich sehe Feste des Wortes, Feste des einzelnen Textes. Allerdings kaum noch in Zeitungen und Zeitschriften, die ihre Redaktionen ausgehöhlt haben.
Die Redaktion ist die Zentrale dieser Feste. Hier werden sie angeregt, geplant, gefeiert. Von Leuten, die immer wieder die Chance haben, sich Zeit zu nehmen.
Es gibt wunderbare Schnellschüsse, aber in der Regel gilt, dass ein herausragender Text seine Zeit braucht. Die Zeit ist bis heute der Verbündete von Print, auch wenn es am Ende des Tages oder der Woche manchmal eng wird.
Redakteure bei Onlinenachrichtenportalen müssen häufig gegen die Zeit arbeiten, müssen nicht in erster Linie Juwelen herstellen, sondern einen Nachrichtenfluss für das schnelle Lesen, und das tun sie mit einer Virtuosität, die ich bewundere. Was ich meine, ist: Es gibt hier zwei Welten, und jede hat ihre Stärken und Schwächen. Beide werden gebraucht.
Nennt mich nicht eine fat cat, nennt mich, wenn schon, dann eine wortvernarrte, dem nächsten Text entgegenfiebernde fat cat. Und sagt mir, was ihr daran verachtet.
Wir von Print wissen selbstverständlich, dass manche Menschen unsere Texte nicht mehr auf bedrucktem Papier lesen wollen. Wir sind bereit für das digitale Zeitalter, wollen aber das Prinzip von Print mitnehmen. Das ist uns wichtig.
An dieser Stelle schreiben drei Kolumnisten im Wechsel. Nächste Woche ist Claudia Voigt an der Reihe, danach Elke Schmitter.
Von Dirk Kurbjuweit

DER SPIEGEL 46/2014
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