10.11.2014

FotografieYo, Punkrock

Der Berliner Daniel Josefsohn ist der wildeste unter Deutschlands Fotokünstlern. Vor zwei Jahren lähmte ihn ein Schlaganfall. Von Lothar Gorris
Verzeihung, aber das alles ist natürlich eine riesengroße Scheiße. Mitten in der Nacht, sagt Daniel Josefsohn, krachte er aus dem Bett. Es war morgens um fünf, sagt seine Freundin, und nein, sagt sie auch, er krachte nicht, er wurde wach, es ging ihm nicht gut. "Und dann bist du in die Küche gekrabbelt."
Auf allen vieren, seine linke Körperhälfte taub, das Gesicht, der Arm, das Bein, der Bauchnabel nach rechts verschoben, weil links alle Spannung verloren gegangen war. In der Küche rauchte Josefsohn erst mal drei Zigaretten und verbrannte sich dabei den Daumen, weil er nichts mehr spürte.
Wahrscheinlich gibt es keine Worte dafür, wie es sich anfühlt, wenn mitten im Kopf eine Ader reißt und Gehirnzellen mit Blut geflutet werden. Medizinisch betrachtet war es ein hämorrhagischer Schlaganfall. Josefsohn muss jahrelang unter Bluthochdruck gelitten haben. Die Arterie wird durch dauerhaften Überdruck geschwächt, porös, irgendwann geht sie kaputt.
Bei Daniel Josefsohn riss sie im November 2012. Vom Bluthochdruck hatte er nichts gewusst. Er hat seinen Körper, wenn man es zurückhaltend formulieren will, immer nur benutzt und strapaziert. Im Krankenhaus erklärten die Ärzte, dass man gerade nicht so viel tun könne. Die ersten 24 Stunden überstehen, hoffen, dass die Blutung stoppt. Die Ärzte schlugen vor, einen Pfarrer zu rufen. Josefsohns Freundin bestand auf einen Rabbi.
Es gibt Schlaganfallpatienten, die nach einem Jahr schon wieder ein ganz normales Leben führen. Aber Nervenzellen halten sich nicht an Regeln; fünf Jahre, haben die Ärzte gesagt, das sei der Zeitraum, erst dann wisse man wirklich, wie irreparabel die Schäden sind. Bei Daniel Josefsohn ist es jetzt fast genau zwei Jahre her, dass er aus dem Bett krachte, aber seine linke Seite ist immer noch gelähmt. Scheißarm, Scheißbein. Riesenscheiße.
Josefsohn ist jetzt 53 Jahre alt. Er ist Fotograf, einer der besten einer Generation, die in den Neunzigerjahren die Fotografie in Deutschland verändert hat. Ihre Bilder waren rau, wahrhaftig, unfertig, fast ungekonnt, geradezu geknipst. Zusammen mit seiner Freundin und dem gemeinsamen Sohn lebt er in Berlin, in Prenzlauer Berg. Ein Testosterontyp, aber jetzt braucht er einen Stock, um die Wege in seiner Wohnung zu bewältigen, vom Schlafzimmer in die Küche, von der Küche ins Büro, das eine einzige Installation ist. An der Wand übergroß eines seiner bekanntesten Fotos: vier nackte Frauen in High Heels, sie tragen "Star Wars"-Masken. Es heißt "Lieber Helmut, lieber George, ich wollte auch mal mit der Eisenbahn spielen", eine Hommage an den Fotografen Helmut Newton und an den "Star Wars"-Erfinder George Lucas, so etwas wie die Pole seines ästhetischen Kosmos.
Im Wintergarten, der Studio und Raucherzimmer ist, lehnt eine Kalaschnikow an der Wand, er hat sich das Ding im Internet gekauft, es funktioniert nicht mehr. "I love Jews" steht eingraviert auf dem Schaft, die Schrift gold, das Herz rot. Gegenüber das Foto eines palästinensischen Attentäters mit Sprengstoffgürtel, Josefsohn hat es vor Jahren aus Las Vegas mitgebracht, wo es auf einem Schießstand als Zielscheibe neben einem Foto von Bill Clinton diente, es hat Einschusslöcher. Nun ist es eine Art Fotokasten, schaltet man ihn ein, schießt das Bild rote Laserstrahlen aus den Löchern in den Raum. Auf einem Schrank ein verrosteter Wehrmachtshelm, den er aus einem Baustellenloch in der Nähe seiner alten Wohnung in Friedrichshain geholt hat, auch der Helm hat Einschusslöcher. Für ein Plakat der Berliner Volksbühne hat er ihn auf ein 3-D-Ultraschallbild seines Sohns im Bauch der Mutter montiert. Es wurde in ganz Berlin geklebt. "Die Stadt sah plötzlich super aus", sagt Josefsohn.
Unter Deutschlands Fotografen war er schon immer der wildeste, ein Extremist, der die Pointen liebt und die Nacht und den Exzess, auch wenn die Kunst hohe Kosten produzieren kann. "Ich habe immer Ärger gemacht", sagt Josefsohn. "Ich war immer schon ein Punk."
Geboren wurde er in Hamburg als Sohn jüdischer Eltern. Er versteht immer noch nicht, warum sie 1961 beschlossen, ausgerechnet in Deutschland eine jüdische Familie zu gründen, 16 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Sein Vater war damals Ingenieur der israelischen Handelsmarine, das Schiff hatte festgemacht im Hafen, und seine Mutter, hochschwanger, setzte sich in Israel ins Flugzeug.
Die Familie seines Vaters waren Juden aus Rumänien, die Familie der Mutter kam aus Ungarn. Die, die nicht von den Nazis in Auschwitz ermordet wurden, flüchteten nach Israel und in die USA. Josefsohn sagt, dass er nicht viel darüber weiß, was damals geschah, dass zu Hause nie darüber geredet wurde und es dort auch keinen Sabbat gab. Er erinnert sich daran, dass er lange nicht wusste, was das eigentlich ist: jüdisch sein.
Die Geschichte seiner Herkunft erzählt Josefsohn als Mafiageschichte. Opfer zu sein kommt nicht infrage. Wahrscheinlich ist es das, was Josefsohn unter Punkrock versteht. Sein Vater Serge hatte bald schon die Handelsmarine verlassen und machte in Hamburg eine Disco auf. Das Big Apple in Barmbek. Den Laden gibt es heute noch, damals in den Sechziger- und Siebzigerjahren war es ein legendärer Ort für Hippies und Hells Angels. "Ich habe mich als kleiner Junge immer gewundert, warum mein Vater die teuren Whiskyflaschen im Big Apple mit Billigwhisky aus dem Supermarkt auffüllte." Manchmal sei er nachmittags in die Wohnung über der Disco gegangen, in der die Leute immer noch Party machten: laute Musik, nackte Frauen, Drogen. Als er 13 war, fand er unten auf der Toilette einen Toten. "Tür auf, und da lag er, die Spritze im Arm."
Serge Josefsohn war ein Freund des Gastronomen Manfred Katz, der während des Kriegs vor den Nazis nach Lateinamerika geflohen und später über Frankreich und Israel nach Deutschland gekommen war. Ihm gehörten mehr als 50 Etablissements in der Stadt, man nannte ihn den Pizza-König von Hamburg, er wohnte in der Bellevue an der Außenalster, feinste Gegend, und fuhr einen goldenen Mercedes. "Er war", sagt Josefsohn, "der Pate der jüdischen Mafia in Hamburg. Und mein Vater gehörte dazu. Die haben alle nur beschissen. Sie glaubten, sie könnten sich alles erlauben und sich an den Deutschen rächen."
Katz wurde 1978 wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Zur Gerichtsverhandlung erschien er in einem KZ-Anzug mit dem gelben Judenstern.
Sein Vater Serge war einer der jüdischen Soldaten, wie Katz sie nannte, mit denen er die Kontrolle über seine Etablissements behielt. Jedes Jahr bestellte Serge Josefsohn sich einen neuen Mercedes 350 SL. Mit dem verschwand er dann monatelang in Rumänien, den Kofferraum voller Seidenstrümpfe, um die Mädchen in der alten Heimat zu verführen.
Vor ein paar Wochen ist ein Bildband, "OK DJ", von Josefsohn erschienen(*). Auf dem Cover sieht man einen riesigen Mercedes-Stern, eine Art Skulptur vor einer Daimler-Niederlassung, in dem eine ziemlich abgerissene Person hängt, dreckige Hose, runtergerockte Turnschuhe, man weiß nicht, ob Mann oder Frau, es geht ihm nicht gut, diesem Menschen. Eine Denkmalsschändung. "Das bin ich. Ich habe das Foto 2004 ins Grab meines Vaters geschmissen. Hier, du Arschloch, hast du was zu gucken! Der Rabbi war einverstanden."
Josefsohn sagt, dass er immer schwer erziehbar gewesen sei, er sei von allen Schulen im Grindel geflogen, dem alten jüdischen Viertel in Hamburg, dessen Bürgersteige heute voll sind mit den Stolpersteinen, die an das Schicksal der verschwundenen und ermordeten Juden erinnern. Er landete schließlich auf einem Waldorf-Internat. Mit 16 sorgte er dafür, dass er auch da rausgeschmissen wurde. Er fuhr nur noch Skateboard, war in Miami bei den Eltern seines Vaters, verbrachte Wochen in einem Dorf in Israel, wo Freunde seiner Familie leben. Er hatte ein paar Skateboardfirmen, die ihn ausrüsteten und mit etwas Geld versorgten. Er fuhr vor allem Halfpipe, aus fünf Meter Höhe stürzte er sich in die Tiefe. Mit 23 riss er sich die Bänder an einem Fußgelenk. Danach, sagt Josefsohn, hatte ich Angst. "Ich habe da alles verloren, vor allem meinen Status als geiler Macker. So wie jetzt."
Er begann, in der Hamburger Disco Madhouse zu kellnern. Ein erster Joint, er dealte, die Tasche voller Drogen, Kokain, Heroin. Er sagt, er hat damals nicht gewusst, was Heroin wirklich bedeutet. Es ging dann relativ schnell. Innerhalb von drei Monaten war er ein Junkie. "Ich bin ein Extremtyp. Extrem Skateboard. Extrem Drogen. Ich war wieder ein geiler Macker."
Drei Jahre lang. Spritzen, dealen, Geld besorgen, klauen. Am 14. August 1986 zockte er in einem Kaufhaus an der Binnenalster eine Tasche. Die Hülle mit den Euroschecks war leer, aber das Formular, um sich neue ausgeben zu lassen, steckte noch im Umschlag. Er setzte sich ins Taxi und fuhr zu einer Filiale der Deutschen Bank am Mittelweg in Pöseldorf. Er hatte die Unterschrift gefälscht, es war kurz vor sechs, der Filialdirektor sprach von einem Problem, die Türen wurden verschlossen, und Josefsohn, voll drauf, geriet in Panik. Er zückte seine Gaspistole, stürzte sich durch das Glas der Eingangstüren nach draußen. Die Polizei nahm ihn fest.
Drei Monate lang saß er in Untersuchungshaft. Kalter Entzug. "Das sind Dinge, die man nicht hören will", sagt Josefsohn. Danach anderthalb Jahre Therapie. Zu seinem Drogenberater hat er noch Kontakt. "Alle, die damals in der Therapie waren, sind heute tot."
Die Idee einer Therapie ist es, ein neues Leben zu beginnen, die Vergangenheit abzuschließen, eine Welt ohne Drogen zu suchen. Viele Junkies machen in der Therapie eine Umschulung. Aber bei Josefsohn gab es nichts umzuschulen. Kein Abschluss, keine Ausbildung, nur Skaten und Drogen. "Ich habe sogar überlegt, zur israelischen Armee zu gehen. Ich mag Schießen." Stattdessen beschloss er, irgendwas mit Medien zu machen. Er bekam ein Praktikum bei einer Castingfirma, im Mai 1989 kaufte er sich seine erste Kamera. Abends im Front, einem Hamburger Club, lernte er ein Mädchen kennen, in das er sich verliebte. Er machte Fotos von ihm und ging damit zu einer Stadtzeitschrift. "Seitdem bin ich Daniel Josefsohn", sagt er. "Die Fotografie hat mein Leben gerettet."
Er hat für die großen Magazine gearbeitet. Für Stern, Zeit, SZ Magazin, Jetzt, für Mode- und Musikmagazine, aber auch für den SPIEGEL. 1994 wurde er berühmt, als er für eine Werbekampagne des Musiksenders MTV Jugendliche fotografierte, roh, dreckig, authentisch. Immer wieder hat er Werbung gemacht, auch Spots, er war gut im Geschäft.
Später hat er Stars wie Franz Beckenbauer für Porträts strammstehen lassen wie einen deutschen Untertan. Dem Schauspieler Udo Kier klebte er ein Polaroid mit den großen Brüsten einer Frau auf die Brust. Die Schriftstellerin Charlotte Roche zeigte er in Unterwäsche mit Dreckspuren, die an Fäkalien erinnern. Auf einem Foto des Schauspielers Helmut Berger, eines legendären Alkoholikers, kniet Josefsohn vor ihm, als ob er ihn befriedigte; später erzählte Josefsohn, dass Berger im Suff und auch sonst, wenn er ihn sah, sagte: Du bist eine Judenhure, dich haben die Nazis vergessen.
Er hat eine Serie von "Star Wars"-Fotos gemacht, die mit zwei Jungs in Unterhose und Maske in einer WG-Küche begann. In Peking stellte er sich mit einer Maske auf eine zehnspurige Straße am Platz des Himmlischen Friedens, der abgesperrt war, weil Kofi Annan Chinas Hauptstadt besuchte. Es ist Josefsohn, der da unter der Maske steckt und den Arm hebt, wie einst 1989 der Demonstrant, der sich den Panzern entgegenstellte. "Ich habe nur die Plastiktüte vergessen." Die Wachsoldaten waren dann hinter ihm her, Josefsohn musste weglaufen. In Berlin kletterte er als Freiheitssucher mit Maske und einem Koffer auf das Brandenburger Tor. In Jerusalem stellte er sich als "Star Wars"-Trooper vor die Klagemauer; auf einem anderen Foto betet er im Ostteil der Stadt vor der al-Aksa-Moschee, auch da musste es schnell gehen wie in Peking, weil sich ein paar Leute wütend zusammenrotteten.
Auf Sylt hisste er in einem Nachbargarten eines Hauses, das dem NS-Reichsmarschall Hermann Göring gehört hatte, die israelische Fahne und nannte das Bild: More Jewish Settlements on the Sylt Strip. Er steckte ein Model unter eine rote Burka, auf der er mit Sicherheitsnadeln einen Aufnäher befestigt hatte: "Disco sucks". In Israel traf er Soldaten mit Louis-Vuitton-Kappen unterm Helm. In Oklahoma fotografierte er ein Rodeo schwuler Cowboys. In Bayreuth kletterte er auf das Dach des Festspielhauses und klammerte sich auf dem Mount Hitler, wie er ihn nennt, wie ein Nachtäffchen an einem Antennenmast fest. Als er den Auftrag bekam, das Haus des Kannibalen von Rotenburg zu fotografieren, verkleideten sich Josefsohn und sein Assistent als Spurensicherer in weißen Plastikanzügen, die erst mal das Haus absperrten mit rot-weißem Polizeiband; auf dem Foto sieht man den Garten, hässliche Gartenstühle und ein paar Skateboards, die Josefsohn mitgebracht hatte. Was das alles soll? Keine Ahnung.
Alles Wahnsinn, irgendwie. Vordergründig ohne Logik, ohne Kalkül, ohne Stringenz im Werk, stattdessen Ideenflashs wie auf einem Trip, aber das trügt. Schon lange nicht mehr fotografiert Josefsohn journalistisch. Es ist Kunst, was er da macht, und oft ist er selbst Teil des Kunstwerks, für das es unerheblich ist, wer den Auslöser drückt.
Der Fotograf Wolfgang Tillmans hat damals mit Josefsohn zur gleichen Zeit in Hamburg angefangen. Heute lebt Tillmans in London und hat den wichtigsten britischen Kunstpreis, den Turner Prize, gewonnen. Er ist ein anerkannter Fotokünstler, der seine Karriere klug geplant hat. Josefsohn ist das Gegenteil, ein ewiger Punk. Einen ähnlichen Platz im Kunstmarkt hat Josefsohn bislang noch nicht gefunden. Sein Platz, sagt er, ist nicht die Galerie, sondern der Bauzaun.
Seine Bilder sind manchmal wie ein Rausch, und man muss ehrlicherweise sagen, dass man ihn in den vergangenen 20 Jahren immer mal wieder in ziemlich desaströsen Zuständen antreffen konnte und nicht einmal die Hälfte davon verstand, wenn er euphorisiert von seinen neuesten Plänen erzählte. Er trinkt keinen Alkohol und hat auch seit fast 30 Jahren kein Heroin mehr genommen, aber natürlich gab es da auch anderes Zeug. Seine Freundin hat ihn mal gefragt, was das eigentlich für Außerirdische sind, die in seinem Kopf herumspuken. Er antwortete: Juden im Weltall.
Ein Foto zeigt ihn zehn Monate nach dem Schlaganfall in einem Berliner Museum in einer Ausstellung des Malers Martin Kippenberger. Kippenberger war einer der neuen wilden Künstler der Achtzigerjahre. Auch er eher ein Autodidakt, der manchmal seine Bilder malen ließ, auch so ein Extremist, der mit Humor und Rücksichtslosigkeit die Welt und sich selbst betrachtete. Seine Gemälde betitelte er mit Sprüchen wie "Uhu ist lecker, Pattex schmeckt auch". 1997 hat er sich totgesoffen, erst danach wurde er so erfolgreich, wie er es zu Lebzeiten verdient hätte. Heute versteigern internationale Auktionshäuser seine Gemälde in Millionenhöhe. Auf diesem Josefsohn-Foto sitzt nun Josefsohn in einem Rollstuhl vor einem Foto von Kippenberger in einem Rollstuhl, Josefsohns Sohn Milo steht etwas irritiert daneben. Alle drei schauen aneinander vorbei. Alles scheint gesagt.
An diesem Freitag, am Vorabend des Jahrestags seines Schlagsanfalls, wird Josefsohn nach Hamburg kommen, wo die Lead Awards verliehen werden, die wichtigste deutsche Auszeichnung für visuelle Kommunikation. Josefsohn ist nominiert für eine Kolumne im Zeitmagazin, die Ende vergangenen Jahres eben genau mit diesem Kippenberger-Foto begann. Die Kolumne heißt: Am Leben.
Seitdem veröffentlicht er, bis zum Jahresende, jede Woche ein Foto: neue Bilder oder aus dem Archiv oder dem Familienalbum, Schnappschüsse, Inszenierungen. Dazu Texte seiner Freundin Karin Müller, die die Fotos erklären, lakonische, kurze Texte, nachdenklich und frei von Larmoyanz, trotzig und ein bisschen wütend. Das Leben als Vorher und Nachher. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn Josefsohn den Lead Award nicht bekäme.
Auf einem Foto der Kolumne, entstanden in seinem Wintergarten als Motiv für ein Volksbühnenplakat, ruhen Josefsohns Hände auf dem sehr schönen Hintern einer nackten Frau, in seiner rechten Hand hält er eine Zigarette. Sie liegt auf ihm, auf ihrem Rücken hat er sieben dieser Plastik-Tablettenboxen aus dem Krankenhaus montiert, für jeden Wochentag eine Schachtel, morgens, mittags, abends, nachts.
Es ist seine Wochendosis an Medikamenten: Antidepressiva, Bluthochdruckmittel, Neuroleptika, Schmerzmittel. Viel Sensomotorik ist bislang nicht wieder zurückgekommen. Das Gehirn erhält immer noch nicht genug Informationen darüber, was die Motorik seiner linken Körperhälfte macht. Es erfährt nicht, wenn ein Fuß die Erde berührt, ob es warm ist oder kalt. Dennoch verändert sich in dem Regenerationsprozess das Gehirn ständig, Nachbarzellen reorganisieren sich, und Schmerzsignale werden ans Gehirn gefunkt, von dort, wo es eigentlich keine Schmerzen geben kann. Es kam zu Spasmen, manchmal war es so, als stünde seine linke Körperhälfte unter Wechselstrom.
Die Medikamente aber haben Nebenwirkungen: Konzentrationsstörungen, plötzlich versagt die Sprache. "Ich habe mich gefühlt wie einbetoniert, manchmal dachte ich, ich hätte einen Mixer im Hirn." Und um die Schmerzen, die Josefsohns Nervenzellen grundlos aussenden, zu lindern, bekommt er seit ein paar Monaten Morphium. Ausgerechnet Morphium für einen Junkie, der seit fast 30 Jahren clean ist. In den vergangenen Wochen hatte er die Dosis reduziert, fast abgesetzt, und plötzlich fühlte sich das an, als wäre der Affe wieder da, wie er es sagt, zurück von damals, vom Entzug in der U-Haft. "Ich bin zum Arzt und habe ihn gefragt, ob das sein kann, dass sich meine Zellen daran erinnern, wie geil sie das damals fanden." Der Arzt hatte keine Antwort darauf.
Früher war die Welt sein Spielplatz. Las Vegas, Peking, Afrika, London. Nun müssen seine Fotos in seinem Berliner Wintergarten-Studio entstehen. Riesenscheiße. Na und? Jetzt halt anders.
Für immer Punk. Vor Jahren hat er sich in London einen goldenen Helmut-Lang-Anzug gekauft. Für besondere Anlässe. Freitagabend in Hamburg.
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"Ich habe sogar überlegt, zur israelischen Armee zu gehen. Ich mag Schießen."
* Daniel Josefsohn: "OK DJ". Hatje Canz Verlag, Stuttgart; 160 Seiten; 29,80 Euro.
Von Lothar Gorris

DER SPIEGEL 46/2014
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