10.11.2014

LiteraturkritikLotteriespiel des Todes

Pierre Lemaitre erinnert in seinem Roman an die dunkle Seite der stolzen Französischen Republik.
Wer die Aufnahme in den Jockey Club von Paris, den vornehmsten Treffpunkt der feinen Gesellschaft, geschafft hat, ist arriviert. Der nach dem Ende des Krieges im November 1918 aus dem Dienst entlassene Hauptmann Henri d'Aulnay-Pradelle, beim Militär kurz Pradelle gerufen, könnte zufrieden sein. In einen breiten Ledersessel gefläzt, ein großes Glas sehr alten Weinbrands in der Hand, könnte er das vergoldete Dekor, die gekünstelte Höflichkeit des Personals und die hohle Aufgeblasenheit der versammelten Wichtigtuer genießen. Aber Pradelle will mehr, wie jeder Parvenü. Er würde sich gern "das Recht erkaufen, mitten im Jockey Club sein Glas Weinbrand zu schwenken und dabei zu rülpsen, ohne dass irgendjemand Anstoß daran nähme".
Mit solchen Szenen, die vor Ironie funkeln, entwirft der französische Autor Pierre Lemaitre in seinem mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Bestseller "Wir sehen uns dort oben" das Sittenbild einer Nachkriegsgesellschaft, in der sich die Überlebenden der Toten bedienen, um ihre Gier zu befriedigen.
Die Geschichte des Aufsteigertums, des skrupellosen Karrierismus hatte der französischen Literatur im 19. Jahrhundert ihr großes Romanrezept verschafft, von Balzacs "Menschlicher Komödie" zu Maupassants "Bel-Ami". Der ursprünglich romantische Impuls verwandelte sich dabei zunehmend in die zynische Betrachtung einer Welt, in der jeder Streich erlaubt scheint, sofern er Erfolg zeitigt. Bestechung, Betrug, Verführung sind die Mechanismen eines Profitstrebens, in dem die gehobene Bourgeoisie ihre politischen und ideellen Werte, ja sogar ihre Moral verkörpert sieht. "Affärismus" ist der Begriff, den die französische Publizistik dafür geprägt hat.
Lemaitre setzt diese Tradition epigonenhaft fort, indem er mit ihr spielt. Seine Geschichte, die von November 1918 bis Juli 1920 reicht, erzählt ein Schurken- und Schelmenstück in spiegelverkehrter Parallelität. Sein Stil ist präzise, realistisch, aber konventionell, geschult an den sechs erfolgreichen Kriminalromanen, die der Autor zuvor publiziert hatte. Sein Thema ist Krieg und Frieden - Tolstoi (auf den Lemaitre einmal mit der Erwähnung des alten Fürsten Bolkonski anspielt) gewissermaßen übertragen in die Kulissen von Alexandre Dumas.
Dem Schuft Pradelle, der als Nationalheld aus dem Krieg kommt, obwohl seine Machtgier ihn bereits zum Mörder gemacht hat, stehen die zwei Kameraden Albert Maillard und Edouard Péricourt gegenüber. Sie sind aus der Todeslotterie knapp davongekommen, schwer versehrt mit zerschmettertem Gesicht der eine, mittellos und vereinsamt der andere; zwei Verstoßene und Vergessene in der siegreichen Republik, die den Anblick der lebenden Opfer durch einen ebenso übersteigerten wie verlogenen Gefallenengedenkkult verdrängt.
Pradelle macht seine Millionen, indem er im Auftrag des Staates die Toten umbettet. Ein gigantisches Geschäft. Hunderttausende Soldaten, die in der Nähe der Frontlinie hastig begraben worden waren, sollen exhumiert und auf Militärfriedhöfen in nebeneinander angelegten Gräbern, jedes möglichst mit Namen und einem kostspieligen Kreuz versehen, neu bestattet werden. Gewinn macht man nur dadurch, dass man an Pietät, Aufwand und Sorgfalt spart.
Albert und Edouard ziehen dagegen ein raffiniertes Scheingeschäft mit Kriegerdenkmälern auf. Jede der über 30 000 Gemeinden in ganz Frankreich möchte nämlich ein solches Monument für ihre Söhne errichten. Edouard, schon als Kind ein begabter, wenn auch subversiver Zeichner, entwirft den Katalog mit Musterangeboten. Albert, vor dem Krieg Bankangestellter, kümmert sich um die Buchhaltung. Die beiden bieten ihre preisgünstigen Büsten, Statuen und Relieftafeln mit Rabatt gegen Vorschuss an, ohne jemals liefern zu wollen. Es ist ihre Rache an der Gesellschaft, die ihre Existenz ignoriert, während sie die Namen der Toten verewigt.
Wie es sich für einen volkstümlichen Abenteuerroman gehört, tickt die Uhr der parallelen Betrügereien einem spektakulären, surrealen und letztlich doch tröstlichen Ende entgegen: Der Unbedarfteste des Trios entwischt.
Lemaitre bringt seine Geschichte spannend und unterhaltsam zum Abschluss, mit fantastischen und paradoxen Kehrtwenden, respektlos für die Oberen und mitfühlend für die Unteren. Sein Buch, das jetzt auf Deutsch vorliegt, erschien in Frankreich voriges Jahr treffgenau, bevor das Brimborium zum hundertjährigen Ausbruch des Ersten Weltkriegs anhob. In den vibrierenden Heldenchor, den die Politiker in ihren Festreden anschwellen ließen, mischte er eine ätzende, schrill-freche Stimme, die Frankreich an die dunkle Seite der stolzen Republik erinnern soll: Finanz- und Sittenskandale sind bis heute das Teufelsmal ihrer politischen Klasse. Der Affärismus blüht, die Arrivierten greifen noch immer nach der Macht, dem Geld und den Frauen.
Seine schwarze menschliche Komödie, in der die Götter lachen, wenn die Helden stürzen, plant Lemaitre mit einer Serie von Romanen bis in die Gegenwart fortzusetzen. Es ist seine Art, sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit zu machen, von der "die Gedenkfeiern, die Toten, der Ruhm, das Vaterland" bleiben, aus der die noblen Vorbilder jedoch verschwinden.
Übrigens: Auch bei Marcel Proust kam der Jockey Club schon vor.
Aus dem Französischen von Antje Peter. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart; 528 Seiten; 22,95 Euro.
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 46/2014
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