10.11.2014

NetzeAlles wächst zusammen

Surfen, streamen, chatten - und das auf allen Geräten: Die Telekommunikationsbranche lockt die Kunden mit Rundum-sorglos-Paketen, der Milliardenmarkt soll neu aufgeteilt werden.
Drei Schrauben, eine elektronische Sicherung, und Knut Satorius hat den grauen Kasten an der Moltkestraße unweit der Essener Innenstadt geöffnet. Zielstrebig zieht der Techniker zwei Kupferadern aus dem Gewirr von Kabeln und Drähten und steckt sie in einen weißen Schaltkasten. Dann schließt er einen Taschencomputer an und wiegt anerkennend den Kopf. "Satte 116 Megabit Daten pro Sekunde kommen beim Kunden an", sagt Satorius. Das ist Rekordgeschwindigkeit und viel mehr, als Hans Komar jemals in seinem Leben brauchen wird.
Der 75-jährige Rentner und ehemalige Bergmann wohnt zwei Straßenecken weiter auf der dritten Etage eines Mietshauses aus den Fünfzigerjahren. Zu seiner Wohnung gehören die beiden Strippen, die der Telekom-Mann freigeschaltet hat.
Dass er nun mit "Rekordgeschwindigkeit im Internet surfen" (Satorius) und "digital telefonieren" kann, interessiert den Rentner herzlich wenig. Der alte Computer im Schlafzimmer, erklärt er, "ist sowieso seit Monaten kaputt". Beschwert hatte er sich, weil er von der "Telekom auch noch Fernsehen" bekommt. Und das machte seit Wochen gewaltigen Ärger. Mitten im "schönsten Film tauchten immer diese blöden Klötzchen" auf dem Bildschirm auf, klagt Komar. Bei der letzten "Sportschau" sei die "Kiste sogar völlig stehen geblieben".
Mit dem neuen Anschluss ist das Problem schnell gelöst. Der alte Röhrenfernseher im Wohnzimmer läuft in höchster Qualität. Rentner Komar ist zufrieden, und die Telekom kann einen gut dotierten Zweijahresvertrag über einen Breitbandanschluss samt Fernsehabonnement auf der Habenseite verbuchen.
"Das ist wichtiger denn je", sagt deren Deutschland-Chef Niek Jan van Damme. Denn auf dem deutschen Telekommunikationsmarkt haben die großen Konzerne eine neue Runde im Kampf um Kunden und Tarife eingeläutet. Der milliardenschwere Markt soll neu verteilt werden.
Angetreten sind international agierende Multis wie der britische Mobilfunkspezialist Vodafone, die spanische Telefónica, die deutsche Tochter des Kabelriesen Liberty Global, Unitymedia, und natürlich auch die Deutsche Telekom.
Seit Wochen bereits versuchen sie, die Kunden mit teuren Werbekampagnen und spektakulären Lockangeboten für ihre kombinierten Internet-, Telefon- und Fernsehangebote zu begeistern. "Alles aus einer Hand", heißt die Devise.
Zeitgleich liefern sich die Manager ungewöhnlich heftige Wortgefechte. Mit einer "aggressiven Strategie", kündigte Thorsten Dirks als Chef der deutschen Telefónica-Tochter O2 an, werde er "zum führenden deutschen Telekommunikationsunternehmen" aufsteigen. Sein deutscher Vodafone-Kontrahent Jens Schulte-Bockum keilte zurück: Auch in Düsseldorf sei man "auf Krawall gebürstet".
Für die Manager und ihre Mitarbeiter steht viel auf dem Spiel. Geradezu hilflos hatten sie in den vergangenen Jahren mitansehen müssen, wie ihnen Internetkonzerne wie Google, Apple, Microsoft oder Facebook Millionen Kunden und Umsätze in Milliardenhöhe abspenstig gemacht hatten. Neuen Diensten, wie dem Messenger WhatsApp, der die klassische SMS zunehmend verdrängte, dem Internettelefondienst Skype oder modernen Streaming-Diensten mit Musik- oder Videoangeboten hatten sie wenig entgegenzusetzen.
Gleichzeitig mussten sie Milliarden Euro in neue Netze investieren, um die wachsende Datenflut überhaupt bewältigen zu können. Und auch die Politik setzte den Konzernen zu. So kürzten die europäischen Regulierungsbehörden die abstrus hohen Sondergebühren auf Handytelefonate im Ausland drastisch.
Das alles war gut für die Verbraucher. Für die Umsätze und Gewinne der Konzerne schien es fortan jedoch nur noch eine Richtung zu geben: steil nach unten.
Besonders hart getroffen waren reine Mobilfunkspezialisten wie beispielsweise Vodafone, E-Plus oder O2. Für sie blieben in dieser Situation eigentlich nur zwei Möglichkeiten: schrumpfen und sparen - oder auf Angriff schalten.
Letzteres geschah. So kaufte Telefónica im vergangenen Jahr für rund neun Milliarden Euro den deutschen Konkurrenten E-Plus. Vodafone schluckte für rund acht Milliarden Euro Kabel Deutschland, den langjährigen Marktführer bei breitbandigen Kabelanschlüssen und Fernsehprogrammen.
Nun wollen die Angreifer die Milliarden möglichst rasch wieder einspielen. Die Ausgangslage, glauben die Telekom-Konkurrenten, sei günstig wie nie. Vertraut man ihren Analysen, ist der Telekommunikationsmarkt nämlich auch auf Kundenseite in einem Umbruch. Durch Endgeräte wie Tablets, moderne Smartphones oder mit Sensoren ausgestattete Uhren und Fitnessarmbänder ändert sich das Nachfrageverhalten erheblich.
So verfügten normale Haushalte bislang gleich über mehrere Tarife mit teilweise sogar unterschiedlichen Anbietern. Neben dem Handyvertrag zum Telefonieren und mobilen Surfen stand in der Regel noch ein Festnetzvertrag für den Telefon- und Internetanschluss zu Hause. Je nach Ausstattung kamen dazu Fernseh-, Musik-, E-Mail- und Cloud-Pakete. Das alles soll es nach Vorstellung der Manager schon bald nicht mehr geben. "Denn die bislang getrennten Welten", sagt Vodafone-Mann Schulte-Bockum, "wachsen mit atemberaubender Geschwindigkeit zusammen."
Konkret bedeutet das: Wer heute ein Fußballabonnement beim Bezahlsender Sky besitzt, will die Bundesligaspiele nicht nur auf dem heimischen Fernseher sehen, sondern oft auch am Computer, auf dem Tablet oder unterwegs auf dem Smartphone, ohne sich Sorgen um horrende Gebühren machen zu müssen. Und wer Daten wie Adressbücher, Kalender, Bilder oder Texte auf seinem PC gespeichert hat, will diese auch von allen anderen Endgeräten abrufen können - in bester Qualität und in höchster Geschwindigkeit, versteht sich.
Genau darauf zielen die neuen Tarife der Telekommunikationsunternehmen ab. Angeboten werden Rundum-sorglos-Pakete zum Surfen, Streamen und Chatten in allen Netzen. "Im günstigsten Fall sollen die Anwender demnächst nicht einmal mehr merken, ob die Daten für ihren Musikplayer oder ihr Tablet über den heimischen Festnetzanschluss, ein schnelles Mobilfunknetz oder einen WLAN-Hotspot bereitgestellt werden", sagt Telekom-Deutschland-Chef van Damme. Für diesen Service, glaubt der Telekom-Mann, seien die Kunden dann auch bereit, einen "fairen Preis" zu bezahlen.
Derzeit versprechen die Telekommunikationskonzerne noch mehr, als sie in der Realität einhalten können. Kunden, die bei der Mobilfunksparte der Telekom versuchen, eines der neuen Magenta-Eins-Pakete zu erwerben, werden im Callcenter auch schon mal auf die Festnetzsparte verwiesen und von dort im Zweifel zurück zu den Mobilfunkern. Das Rundum-sorglos-Paket entpuppt sich dann eher als Festnetz- und Internetvertrag, zu dem zusätzlich ein Mobilfunkvertrag abgeschlossen wird, der immerhin einen Rabatt enthält - es ist der alte Wirrwarr.
Bis die Produkte wirklich zusammenwachsen, wird es eine Weile dauern, glaubt auch Ronny Verhelst, Chef des drittgrößten Kabelnetzbetreibers TeleColumbus, der vor allem Kunden in Ostdeutschland hat. "Ich glaube an die Konvergenz von Mobilfunk und Festnetz - aber in der Praxis bestehen immer noch große Unterschiede zwischen den beiden Produkten." Festnetz-, Internet- und Fernsehanschlüsse zu vermarkten sei noch vergleichsweise einfach. "Das sind Produkte für einen Haushalt, für die gesamte Familie. Das Handy aber ist eine sehr persönliche, individuelle Angelegenheit." Verhelst hat zwei Söhne im Alter um die zwanzig. "Wenn ich deren Smartphones nur anfassen würde, gäbe es Stress. Die wollen gar nicht, dass ihre Eltern wissen, was sie mit dem Gerät alles anstellen, wie viel und mit wem sie telefonieren, surfen, herunterladen, simsen. Ein einheitlicher Anbieter oder Tarif für die ganze Familie ist da nicht so einfach umzusetzen."
Die Angebote der Telefonkonzerne sehen tatsächlich noch aus, als seien viele unterschiedliche Tarife hektisch zu einem Paket geschnürt und mit Rabatten versehen worden. Netzübergreifende Anwendungen sind rar.
Einige dieser Apps hat die Telekom zu bieten: eine Art Fernsteuerung per Handy etwa, mit der man Filme aus dem Fernsehangebot Entertain von unterwegs auf dem heimischen Rekorder speichern kann. Oder ein Adressbuch, auf das die Telekom-Kunden mit allen Festnetztelefonen, Computern, Handys und Tablets gleichermaßen zugreifen können.
Weitere Dienste, versprechen die Manager, sollen erst in den nächsten Wochen und Monaten folgen. Trotzdem ist der Kampf um die Gunst und das Geld der Kunden voll entbrannt. Besonders Telekom-Wettbewerber wie Vodafone oder Unitymedia mit seinem Mobilfunkpartner O2 drücken auf Tempo und Preis.
So erhalten Kunden mit bestehendem Kabelanschluss bei Unitymedia für knapp 25 Euro eine schnelle Breitbandverbindung ins Internet samt Flatrate, ein umfangreiches Fernsehpaket und einen Festnetz-Telefonanschluss. Die Flatrate ins eigene Mobilfunknetz gibt es umsonst obendrauf.
Zwar steigt der Preis nach zwölf Monaten auf 40 Euro an. Doch für Haushalte, die ein solch "breites Angebot wirklich nutzen", heißt es bei Verbraucherverbänden, kann das billiger sein, als die Leistungen bei unterschiedlichen Anbietern zu kaufen. Und auch die Telekom ist aufgeschreckt. In einer "streng vertraulichen" Marktanalyse spricht sie von "aggressiven Signalpreisen" der Konkurrenz.
Der Grund für deren Eile ist einfach: Noch sehen sich die Telekom-Wettbewerber in einem klaren Vorteil gegenüber dem Bonner Unternehmen. Anders als die Telekom verfügen sie in Teilen der Republik über ein mit großem Aufwand modernisiertes TV-Netz. Dieses auf Glasfaser aufgebaute Netz ist bis zu viermal schneller als die alten Kupferleitungen der Telekom. Mangelnde Bandbreite ist für sie kein Thema. Diesen Vorteil wollen sie ausnutzen, solange das noch geht.
Denn die Telekom holt mächtig auf. Ihr Vorteil: Mit ihren Kupferdrähten ist sie in nahezu jedem Haushalt der Republik vertreten. Das TV-Kabelnetz dagegen ist ein Flickenteppich.
Vodafone etwa ist mit seiner Tochter Kabel Deutschland in nur 13 von 16 Bundesländern vertreten. Ausgerechnet in den bevölkerungsreichen Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Hessen müssen die Vodafone-Manager auf teure Mietleitungen der Telekom zurückgreifen, um ihre Kunden an das Festnetz anschließen zu können. Unitymedia ist nur in drei Bundesländern präsent. Einen Zusammenschluss verbietet das Kartellamt.
Doch auch in Sachen Geschwindigkeit legt die Telekom nach. Langfristig, heißt es in den internen Analysen, soll dazu ein eigenes milliardenschweres Glasfasernetz errichtet werden.
Bis dahin soll das alte Kupfernetz nachgerüstet werden. Rund vier Milliarden Euro will die Telekom in den nächsten Wochen und Monaten in neue Vermittlungstechnik und bessere Kompressionsverfahren investieren.
Danach sollen zahlreiche Kunden genau wie Rentner Komar in Essen mit einer Geschwindigkeit von bis zu hundert Megabit im Internet surfen können. Das reiche aus, um "mehrere HD-Fernseher in einem Haushalt gleichzeitig zu betreiben", sagt Telekom-Manager van Damme. Klötzchen und Verzögerungen im Fernsehbild werde es spätestens dann nicht mehr geben.
Von Frank Dohmen und Isabell Hülsen

DER SPIEGEL 46/2014
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