17.11.2014

AffärenFeine Gesellschaft

Drückerkönig Carsten Maschmeyer umgarnte Politiker, getrieben von der Suche nach Renommee. Exkanzler Gerhard Schröder machte er reich.
Die Stimmung in der Villa hinter dem langen Metallzaun mit den goldenen Spitzen muss sehr verhalten gewesen sein, damals, im Dezember 2005. Denn der Hausherr, der Unternehmer Carsten Maschmeyer, empfing in seinem marmorverzierten Protzbau einen Verlierer. Exkanzler Gerhard Schröder - nach der Pleite bei der Bundestagswahl im September ohne Job.
Gut traf es sich da, dass die beiden Männerfreunde einen Vertreter des Verlags Hoffmann und Campe nach Hannover gebeten hatten. Über Mittelsmänner hatte sich der Verlag an Schröder gewandt: Der Politiker möge möglichst schnell seine Memoiren schreiben und bei Hoffmann und Campe veröffentlichen.
Offenbar wurde sich das Trio einig: Im Januar 2006 unterschrieb Schröder bei Hoffmann und Campe, das Honorar betrug eine Million Euro. Zwei Wochen später allerdings änderte sich der Plan. Ein Mitarbeiter von Maschmeyer meldete sich bei dem Hamburger Verlag. Statt Schröder solle nun Maschmeyer Vertragspartner werden. Schröder werde seine Rechte an dem Buch an den Unternehmer abtreten.
Fast neun Jahre später sorgt der längst vergessene Deal für Schlagzeilen. Die Zeitschrift Stern widmete ihm vorige Woche ihre Titelgeschichte. Zwei Stern-Journalisten haben ein Buch mit dem Titel "Geld Macht Politik" geschrieben, in dem sie sich mit dem Beziehungsgeflecht zwischen Maschmeyer, Schröder und dem ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff befassen.
Der Hauptvorwurf des mit Zitaten aus internen Dokumenten Maschmeyers angereicherten Artikels: Der Unternehmer habe Schröder für das "absurd hohe Honorar" von zwei Millionen Euro die Rechte an dessen Autobiografie abgekauft. Das Geld, so legen die Autoren nahe, könne der Dank Maschmeyers dafür gewesen sein, dass Schröder eine Reform der Riester-Rente durchgesetzt habe, von der sein Finanzkonzern kräftig profitierte.
Schon 2011 hatte der SPIEGEL in einem ausführlichen Bericht über die Geschäfte Maschmeyers geschrieben und auch den Buch-Deal enthüllt. Damals war allerdings nur von einer Million Euro die Rede, die Schröder erhalten habe. Die Differenz zu der Summe im Stern erklärte eine Sprecherin Maschmeyers vergangene Woche damit, dass es sich damals um die Nettosumme gehandelt habe, der nun genannte Betrag enthalte hingegen auch die Steuern.
Demnach zahlte Maschmeyer zwei Millionen Euro oder mehr an Schröder und refinanzierte nur eine Million davon durch das Honorar von Hofmann und Campe - was eine Lücke von etwa einer Million Euro oder mehr lässt, die der Unternehmer womöglich Schröder schenkte. Unklar ist auch, wann Schröder und Maschmeyer das Geschäft besiegelten. Im August 2005, wie Dokumente im Stern es nahelegen? Im November 2005, wie Maschmeyer vergangene Woche der Bild-Zeitung sagte?
Womöglich sind aber auch Zweifel an der Richtung der Story angebracht. Bestens bekannt ist zwar, dass Maschmeyer Prominente gern zu Partys in seine Villa einlud, sie beschenkte und mit Briefen, mal aufdringlich, mal schleimig, traktierte. Doch dass es ihm hauptsächlich um konkrete Gegenleistungen ging, erscheint zweifelhaft. Vieles spricht eher dafür, dass der Gönner bei seinen Gästen etwas ganz anderes suchte: gesellschaftliche Anerkennung und Renommee - die ihm als Herrscher über einen Strukturvertrieb mit Drückerkolonnen ansonsten versagt blieben.
Als er Schröder 2002 näher kennenlernte, liefen die Geschäfte seines Unternehmens AWD, einem der größten Finanzdienstleister Deutschlands, gut. Doch die Berater des Konzerns, bei dem Maschmeyer 2009 wieder ausstieg, lebten von Provisionen. Je mehr Policen und Fondsanteile sie losschlugen, umso mehr verdienten sie. Die Mitarbeiter standen unter erheblichem Druck, und Maschmeyer haftete der Ruf des Drückerkönigs an.
Die feine Gesellschaft in der Landeshauptstadt wollte mit ihm lieber nichts zu tun haben. Immer wieder warnten zudem Verbraucherschützer vor den Geschäften des AWD. Zahlreiche geprellte Kunden klagten. Ein ums andere Mal ermittelte auch die Staatsanwaltschaft, ohne jedoch je ein Verfahren gegen Maschmeyer zum Abschluss zu bringen.
Kein Wunder, dass er bis heute bemüht ist, das ramponierte Image aufzuhübschen. Dabei hatte er keinen besseren Helfer als Kanzler Schröder und dessen Liebe zum Fußball. 2002 waren die Kicker von Hannover 96 gerade in die Erste Bundesliga aufgestiegen und drohten gleich wieder abzusteigen. Mit letzter Not blieben sie doch noch im Oberhaus - und Maschmeyer hatte die Idee, in seiner Villa eine Nichtabstiegsfeier zu schmeißen. Als Ehrengast bot sich Schröder an, der sich sogar den Termin aussuchen durfte.
Solche Saisonabschlusspartys im Hause Maschmeyer sollten sich fortan jährlich wiederholen. Die Einladungen waren begehrt, doch aus purer Freundschaft zu "Maschi", wie Maschmeyer in Hannover genannt wird, will trotzdem kaum einer hingegangen sein. "Ich war neugierig auf sein Haus", heißt es bei geladenen Politikern und Unternehmern dann.
Schröder mag zwar von Maschmeyers Aufstiegsgeschichte beeindruckt gewesen sein. Aber schon 2004 war er bei den Partys nicht mehr die bestimmende Kraft.
Mitte Mai wandte sich Maschmeyer persönlich an die niedersächsische Staatskanzlei, um dem neuen Ministerpräsidenten Christian Wulff ein Angebot zu unterbreiten. Er werde auch in diesem Jahr eine Nichtabstiegsparty geben. Der Termin werde sich ganz nach dem Kalender des Landesvaters richten.
War dem Freundesucher Maschmeyer klar, dass er bei dem introvertierten Wulff mit seinen Avancen noch einfacher würde landen können als bei dem hemdsärmeligen Schröder? Auch wie er Wulffs neue Ehefrau Bettina für sich einnehmen konnte, wusste der Charmeur ganz genau. Zur Hochzeitsfeier der Wulffs bestellte Maschmeyer eine Harfenspielerin, die unversehens ihr Instrument auspackte und zu spielen begann. Die Braut war noch Jahre später von dem Geschenk gerührt.
Es war fortan ein Geben und Nehmen zwischen dem Manager und dem Regierungschef. Maschmeyer zahlte 2008 eine Anzeigenkampagne von Hoffmann und Campe für Wulffs Buch "Besser die Wahrheit". Selbst als Wulff Bundespräsident war, half Maschmeyer. Wulff durfte in dessen Villa auf Mallorca Urlaub machen.
Wie kostbar Maschmeyer sein Renommee ist, zeigt vor allem ein Vorfall, der beinahe auch Wulff juristische Schwierigkeiten gemacht hätte: Im April 2008 spendete der Unternehmer 500 000 Euro der Universität Hildesheim. Die Hochschule verlieh Maschmeyer 2009 die Ehrendoktorwürde, die Laudatio hielt Wulff. Auf der Homepage des Unternehmens fand sich alsbald "Dr. h.c. Maschmeyer".
Den Ermittlern des Landeskriminalamts kam der Fall verdächtig vor, als sie 2012 im Zusammenhang mit dem zurückgetretenen Bundespräsidenten Wulff ermittelten und auf Schriftverkehr zu dem Vorgang in der Staatskanzlei stießen. Daraus ergab sich, dass die Hochschule eigens ihre Promotionsordnung geändert hatte, um die Auszeichnung vornehmen zu können. Wulff persönlich, so schien es den Ermittlern, war mit dem Vorgang befasst. Die Staatsanwaltschaft Hannover aber lehnte weitere Ermittlungen ab.
In dem Vorgang findet sich ein Vermerk aus dem September 2009. Darin regt Wulff an, die Vorschriften so zu ändern, dass die Landesregierung Ehrendoktortitel vergeben könne. Allerdings, so der damalige Landesvater, müssten "die Richtigen" für die Auszeichnung ausgesucht werden, "dass es nicht aussieht, dass ich in Zukunft Leuten wie Maschmeyer dann jeweils einen Doktortitel zukommen lassen will".
Von Michael Fröhlingsdorf

DER SPIEGEL 47/2014
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