17.11.2014

FälschungenTatort Untergriesbach

Ein Maler aus Niederbayern soll seit Jahren den Kunstmarkt mit Cranach-Nachahmungen versorgen. Einem Heidelberger Kunsthistoriker fielen die Bilder auf, nun ermittelt das Landeskriminalamt.
Der Mann, ein Maler und Restaurator, lebt dort, wo Straßen aufhören und Wanderwege anfangen. Nur das Rauschen des Bachs ist zu hören, sogar die Glocken der Barockkirche im nahen Untergriesbach schallen nicht bis hierher. Schönstes ländliches Niederbayern. Die Gegend wird für viel Unruhe sorgen in der internationalen Kunstwelt.
Vor wenigen Wochen haben Fahnder aus München das Anwesen des Mannes, eine ehemalige Mühle, durchsucht. Ihr Verdacht: Der Maler ist ein Kunstfälscher, und den Vertrieb erledigen Freunde aus dem Ort, aus der Umgebung. Es geht bislang um fast zwanzig Gemälde im altdeutschen Stil, die aussehen, als stammten sie aus dem 16. Jahrhundert, der Zeit von Lucas Cranach dem Älteren und dem Jüngeren. Sie sind von Auktionshäusern für zum Teil sechsstellige Summen verkauft worden.
Der Mann aus der Mühle heißt Christian Goller. Vor fast vierzig Jahren geriet die internationale Kunstwelt seinetwegen schon einmal in Aufruhr. Ein von ihm gemaltes Bild wurde für ein Original aus dem frühen 16. Jahrhundert gehalten. Als solches kaufte es ein Museum in Cleveland; man glaubte, ein Gemälde von Matthias Grünewald, "Heilige Katharina", erstanden zu haben, mindestens eine Million Dollar soll das Werk gekostet haben. Man brauchte drei Jahre, um herauszufinden, dass es eine Imitation war. Goller gab damals zu, dass das Bild von ihm sei, beteuerte aber seine Unschuld: "Wer immer mich einen Fälscher nennt, der lügt. Ich male nur im Stil der alten Meister." Er habe, so betonte er, nie jemanden getäuscht. Was Dritte, denen er dieses Gemälde für eine bescheidene Summe als sein eigenes verkauft habe, damit gemacht hätten, sei ihm nicht anzulasten.
Die damaligen Ermittlungen gegen Goller wurden eingestellt. Die Angelegenheit hat ihm sogar genutzt. Die Fachwelt staunte über diesen Maler aus Bayern und dessen Geschick, nicht nur altmeisterlich zu malen, sondern auch die stilechten Altersrisse in der Oberfläche (das "Krakelee") künstlich erzeugen zu können.
Schon als Teenager, noch in der Ausbildung zum Tiefdruckretuscheur, begann er, Ikonen nachzumalen, mit 19 wechselte er zur altdeutschen Anmutung. Später durfte er an der Kunstakademie in Stuttgart ein paar Kurse für angehende Restauratoren besuchen. Ein damaliger Student, heute Professor für Gemälderestaurierung, erinnert sich, Goller habe sich besonders für die Herstellung von Pigmenten nach alten Rezepten interessiert. Die Geschichte mit dem Grünewald-Gemälde war für Goller wohl die Bestätigung, dass er selbst inzwischen ein Altmeister geworden sei. Er sagte Sätze wie: "Ich komme aus der Gotik. Lucas Cranach war mein Lehrmeister."
Man darf vieles machen: die Merkmale eines typischen Cranachs nachahmen, etwa die rundlichen Köpfe, die schräg stehenden Augen, die gekrümmten Finger; man darf altes Holz verwenden, man darf diese Bilder verkaufen. Was man nicht darf: Käufer vorsätzlich täuschen und daraus einen Vorteil ziehen. Michael Hofbauer, 53, ein Kunsthistoriker aus Heidelberg, will herausgefunden haben, dass Goller genau das immer wieder gemacht hat. Hofbauer war es auch, der die Ermittler informierte.
Seit 2006 baut Hofbauer eine Datenbank zu Cranach auf, die heute nach dem Wikipedia-Prinzip von anderen Experten genutzt und ergänzt werden kann. Sein Ziel ist es, ein digitales Werkverzeichnis zu erstellen, in dem möglichst alle Bilder der Cranach-Familie dokumentiert sind. Und das sind viele. Hofbauer hat selbst eine bescheidene Anzahl erworben, eines der Bilder auch verkauft, um seine Forschung zu finanzieren. Bei dem Ankauf eines anderen Werkes sei er, sagt Hofbauer, selbst auf Goller hereingefallen. Im Laufe der Jahre verstärkte sich bei Hofbauer der Verdacht, dass in Auktionen mit erstaunlicher Regelmäßigkeit Fälschungen auftauchen. Keine Stücke, die als Bilder von Cranach selbst ausgegeben werden. Das würde eine große Aufmerksamkeit erzeugen. Stattdessen wurden sie von den Versteigerern eher als "Umkreis" oder "Nachfolge" von Lucas Cranach oder seinem Sohn Lucas Cranach dem Jüngeren angeboten. Solche Bilder werden selten einer genaueren Prüfung unterzogen, aber sie haben durchaus ihren Preis.
Hofbauer geht davon aus, dass die meisten der Bilder, die er für Fälschungen hält, von Goller stammen. Denn auch Goller habe in seinem Stil erkennbare Eigenheiten entwickelt. Die Formen der von ihm gemalten Ohrmuscheln etwa, der gestrichelte Auftrag. Sogar die Altersrisse hätten eine bestimmte Anmutung. "Niemand", sagt Hofbauer, "kann alle Spuren verbergen." Er verständigte sich mit anderen Kunsthistorikern, darunter einem der anerkanntesten Cranach-Experten überhaupt.
Seit Wochen widmet sich inzwischen auch Jürgen Sigl nur diesem Fall, er ist Hauptkommissar im Bayerischen Landeskriminalamt. In seinem Münchner Büro stehen nun Gemälde, die so fein und alt und cranachhaft aussehen, als kämen sie direkt aus dem 16. Jahrhundert. Im Sitzungsraum lehnt an der Wand eine weitere Tafel, die mit dem Fall zu tun hat. Das Motiv ist spätgotisch, der Rahmen besonders hübsch, gerade wurde es in einem Münchner Auktionshaus beschlagnahmt. Verantwortet wird das Verfahren von der Passauer Oberstaatsanwältin Ursula Raab-Gaudin, die an diesem Tag auch anwesend ist. Sie erwähnt das belastende Material, das man fand und das wie nebenbei wohl auch vom Zusammenhalt in Untergriesbach erzählt. Es waren nämlich immer wieder dieselben vier, fünf Leute aus Gollers Bekanntenkreis, die als Einlieferer bei Auktionshäusern auftauchten.
Ist es möglich, dass die Branche nichts geahnt haben kann? Es gibt Auktionatoren, denen allein schon die Postleitzahl von Untergriesbach verdächtig erscheint, wenn sie in den Unterlagen eines Bildes auftaucht. Andere behaupten, noch nie den Namen Goller gehört zu haben. Nun sollen über ein Rechtshilfeersuchen Informationen aus dem Ausland eingeholt werden, vom berühmten Auktionshaus Dorotheum in Wien beispielsweise. Auch beim noch berühmteren Christie's hat man sich gemeldet. Andere Auktionshäuser in München und Stuttgart wurden von Sigls Team bereits aufgesucht. Wenn genug Bilder ausfindig gemacht worden sind, will man aufwendige technische Analysen vornehmen lassen.
Was für ein Fall. Untergriesbach, nicht weit von der Donau, nach allen Seiten atemberaubende Ausblicke, ein paar Tausend Einwohner. Der Bürgermeister weiß nur Gutes über Goller zu sagen. Pfarrer Erwin Blechinger lobt, Goller berechne für Restaurierungsarbeiten, etwa für die Neuvergoldung einer Jesus-Skulptur, stets nur Freundschaftspreise. Goller hat der Pfarrgemeinde 2013 und 2014 sogar zwei Werke geschenkt. Eines davon - eine Kreuzigungsszene auf Tannenholz - hat eine spezielle Vorgeschichte. Es sollte 2010 in eine Auktion beim Münchner Versteigerer Hampel gehen, und zwar als Werk der deutschen Renaissance. Doch Hampel zog die Tafel wieder zurück. Die Auktionatoren hatten, wie sie nun bestätigen, Zweifel an der "zeitlichen Verortung".
Drei Jahre später wurde es als Geschenk Gollers in der Kirche aufgehängt. Pfarrer Blechinger sagt, er habe das Bild für eines gehalten, das Goller gemalt habe. Doch der Stifter sei fast beleidigt gewesen und habe darauf beharrt, das Gemälde sei tatsächlich alt. Goller will es von seiner Mutter geerbt haben. Die soll in München Antiquitätenhändlerin gewesen sein.
Das Auktionshaus Hampel übrigens, das die Kreuzigungsszene 2010 wieder zurückschickte, hatte im bereits gedruckten Katalog einen "A. Seefellner" als Vorbesitzer angegeben. Es ist derselbe Name, der schon 2008 als Vorbesitzer Erwähnung fand bei einem Gemälde, das Christie's damals für 120 000 Euro versteigerte - die Darstellung einer Justitia, nach Meinung der Auktionsexperten erschaffen von einem Maler aus dem "Umkreis von Lucas Cranach dem Älteren". Nach Meinung von Hofbauer und anderen Kunsthistorikern ist es wohl auch eine Fälschung Gollers.
Die von Christie's angeführte Provenienz lautet: "Andreas Seefellner, Obernzell, Bayern". Obernzell liegt, von Passau kommend, ein paar Kilometer vor Gollers Mühle. In dem Ort gab es nie einen Andreas Seefellner, dafür aber in Untergriesbach. Ein Wirt und Bäcker dieses Namens lebte hier vor vielen Generationen.
Die ganze Sache sagt also womöglich einiges über Goller und seine Clique aus, und sie sagt recht viel über einen Markt, der die Grauzonen virtuos ausnutzt: Die Käufer werden nicht unbedingt getäuscht, aber vieles bleibt vage, wird mehrdeutig formuliert, wichtige Angaben werden ungeprüft vom Einlieferer übernommen oder fehlen ganz; Einschätzungen von Wissenschaftlern werden vielleicht ins Gegenteil verkehrt.
2009 wurde im Wiener Dorotheum für mehr als 23 000 Euro ein Bildnis versteigert, von dem es damals im Katalog hieß, es sei in einem bedeutenden Schaffensverzeichnis als "eigenhändiges Werk" Cranachs abgebildet. Die Experten aus Wien - so sagt Hofbauer und legt Abbildungen vor - hätten das Gemälde in ihrem Haus und die Darstellung in dem Buch nie wirklich miteinander verglichen. In Details unterscheiden sie sich tatsächlich. Das Dorotheum reagiert nun ungehalten: ob identisch oder nicht, sei "irrelevant"; doch sei vieles mit einer Restaurierung zu erklären. Man habe das vielfach geprüfte und begutachtete Gemälde nicht Cranach, sondern seiner Werkstatt zugeordnet, den Schätzpreis zudem im unteren Bereich angesetzt. Dieter Koepplin, der bekannteste Cranach-Forscher und damals einer der Gutachter, aber sagt, er sei vom Dorotheum falsch zitiert worden. Und Hofbauer glaubt auch hier nach wie vor: Das Werk könnte ein Goller sein.
Erstaunlich oft kommen Bilder aus der Zeit zwischen 1500 und 1600 auf den Markt, erstaunlich wenig wird über sie preisgegeben. In der nächsten Woche will Christie's, das nach eigenen Angaben größte Auktionshaus der Welt, in der Dependance in Amsterdam ein Bildnis "Karl V." aus dem "Umkreis von Lucas Cranach dem Jüngeren" aufrufen. Den Angaben zufolge befand es sich 40 Jahre lang in einer süddeutschen Privatsammlung, ging dann an den jetzigen Eigentümer. Ein altes Gutachten von 1966 wird erwähnt. Der obere Schätzpreis des Kaiserkopfes liegt immerhin bei 35 000 Euro. Hofbauer zweifelt die Echtheit dieses Objekts an, Sigl interessiert sich ebenfalls dafür. Bei Christie's bleibt man auf Nachfrage dabei, es handle sich um ein Porträt aus dem 16. Jahrhundert.
Ein Anruf bei Goller in der vorvergangenen Woche. Am Telefon hatte er auf die Frage, ob man sich treffen und über die nicht nachlassende Zahl von angeblichen Lucas-Cranach-Bildern auf dem Kunstmarkt sprechen könne, geantwortet, "ich habe gerade einen Mordsärger am Hals", irgendein Idiot wolle ihm etwas anhängen. Ja, ja, es gehe um angebliche Fälschungen, das sei aber alles Quatsch. Sein Anwalt habe ihm verboten, sich zu äußern.
Ein paar Tage später kommt es doch zu einem kurzen Gespräch, draußen vor seiner Mühle, er ist ein großer Kerl mit strubbeligen hellgrauen Haaren, nicht unfreundlich, ein Typ, der gern offene Hemden trägt und ein schweres Amulett um den Hals. Im Carport steht ein schöner alter Porsche 911. Über den von ihm erwähnten Ärger will er nichts sagen. Aber er ist bereit, einen Blick auf den "Karl V." zu werfen. Kurioserweise sieht der Abgebildete ihm, Goller, in seiner Kantigkeit nicht unähnlich. Goller schaut auf das Bild, dann zu seiner Frau, er wirkt erschrocken. Sagt: "Doch, das sind die Schlitzaugen wie bei Cranach." Kein schlechtes Stück, fügt er hinzu, aber er kenne es nicht.
Er wirkte in der vergangenen Woche nicht so, als genösse er gerade sein Leben in der niederbayerischen Abgeschiedenheit. Vor vier Jahren wurde der Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi in Freiburg festgenommen, ein Althippie und auch mit Maltalent gesegnet. Er sitzt noch seine Haftzeit ab. Goller ist vielleicht nicht so mondän wie Beltracchi, auch die Summen, um die es in diesem Fall geht, sind kleiner. Dennoch steht für den Kunstmarkt viel auf dem Spiel: seine Vertrauenswürdigkeit.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 47/2014
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