17.11.2014

GESTORBENCastor und Pollux

Zum Tode des ehemaligen SPIEGEL-Verlagsdirektors Hans Detlev Becker Von Dieter Wild
Den letzten Satz seiner Todesanzeige kann nur er selbst verfasst haben: "Die Beisetzung erfolgte anonym, eine Trauerfeier findet nicht statt", heißt es da in jenem gepflegten Beamtendeutsch, das der ehemalige SPIEGEL-Chefredakteur Hans Detlev Becker sein Leben lang so kultivierte, dass man nie wusste: War es Ironie oder todernst? Da erging beispielsweise der viel belächelte Runderlass: "Der weihnachtliche Kuchenverzehr findet dieses Jahr ab 17 Uhr in den Räumen der Deutschlandredaktion statt."
Die Kuriositäten aus der Frühzeit der SPIEGEL-Geschichte - es gibt zahllose - machen den Mann kleiner, als er war. Denn Becker, Geschäftsführender Redakteur des SPIEGEL ab 1951, Chefredakteur ab 1959, Verlagsdirektor ab 1961, prägte das deutsche Nachrichten-Magazin wie sonst nur Rudolf Augstein.
Der intellektuelle Flattergeist Augstein und der begnadete Organisator Becker haben den SPIEGEL groß gemacht - gemeinsam, der eine Castor, der andere Pollux. Von Becker stammt vor allem die Idee, die Titelgeschichte nach Vorbild von Time als enzyklopädische Untersuchung eines Themas auszubreiten und von einer sachkundigen Dokumentation Fakt für Fakt, Datum für Datum verifizieren zu lassen. Das Pseudonym "Moritz Pfeil", unter dem Augstein an die 70 meist feurige Kommentare schrieb - Becker schrieb nur 2 bis 3 -, stammt laut Becker gleichfalls von ihm. Doch der Glanz fiel immer nur auf Castor, Pollux fand sich im Schatten wieder, so ungerecht konnte die Welt sein. Beckers viel gelobte Mitgliedschaft im Deutschen Presserat war da nur ein kümmerlicher Ersatz.
In der Redaktion wurde Castor bewundert, Pollux gefürchtet, ein strenger, mitunter grausamer Chef, der gestandene Ressortleiter zur Verzweiflung trieb, wenn sie ihre Artikel in der gefürchteten grünen Tinte als "Piss-Geschichte" verdammt sahen.
Aus seiner Strenge erwuchs ihm ein Nimbus, den er hingebungsvoll pflegte. Meist wortkarg und geheimnisvoll, ließ er gelegentlich durchblicken, wie sehr er Aktivitäten staatlicher Geheimdienste bewunderte und deren Akteure verehrte. Wohlgefällig quittierte er Anfang der Siebzigerjahre das Gerücht, er sei als Vize des Bundesnachrichtendienstes im Gespräch. Einige Erfahrung hatte der Sohn eines Oberzollrats aus Freiburg an der Elbe schließlich auf diesem Gebiet - im Krieg war er Unteroffizier bei der Funkabwehr im Oberkommando der Wehrmacht gewesen, nach dem Krieg pflegte der einstige Jurastudent regelmäßigen Austausch mit Abgesandten des BND.
Anfang der Sechzigerjahre wurde der mächtige Mann an der Redaktionsspitze dem Herausgeber Augstein unheimlich - und für viele seiner Mitarbeiter zum Trauma. Also stellte ihn Augstein an die Spitze des SPIEGEL-Verlags. Den Titel "Verlagsdirektor" hatte Becker sich, ganz hierarchiebewusster Beamter, selbst erbeten.
Schwer getroffen war der Mann, als ihm sein Geheimdienst-Pläsier in der SPIEGEL-Affäre zum vorübergehenden Verhängnis wurde. Gerade war er nach dem polizeilichen Nacht-und-Nebel-Überfall auf den SPIEGEL am 26. Oktober 1962 noch zu großer Form aufgelaufen, als er den Kollegen mit den berühmten Worten Mut machte: "Sie sind nicht bei Al Capone angestellt, sondern bei Rudolf Augstein", da wurde er selbst unter dem Vorwurf des Landesverrats festgesetzt und 34 Tage in U-Haft gehalten. Niemand, der dabei war, wird den entschlossenen Auftritt Beckers vergessen.
Über das Innenleben des Paares Castor und Pollux drang kaum etwas nach außen; jedenfalls verschlechterte sich das Verhältnis Anfang der Achtzigerjahre wie schon 20 Jahre zuvor erneut. Der alte Zuchtmeister und Organisator war dem in die Moderne spähenden Augstein zu wenig zeitgemäß geworden. Nachdrücklich hatte Becker schon gewarnt, als Augstein seine Demokratienähe demonstrieren wollte, indem er 50 Prozent seiner Anteile den Mitarbeitern überließ. Der danach verabschiedete Becker verließ durch die Tiefgarage die Stätte seines Wirkens. Er protestierte à la Pollux. Trotzig wollte er fortan das SPIEGEL-Gebäude nicht mehr betreten.
Hans Detlev Becker starb am 2. November im Alter von 93 Jahren in Reinbek bei Hamburg.
Wild, 83, war 39 Jahre lang SPIEGEL-Redakteur und von 1994 bis 1999 stellvertretender Chefredakteur.
Von Dieter Wild

DER SPIEGEL 47/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 47/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GESTORBEN:
Castor und Pollux

  • Hightech-Mode für Gehörlose: Musik fühlen statt hören
  • Umstrittenes Staudammprojekt: Historische Stadt in der Türkei versinkt
  • Wir drehen eine Runde: Elektrisch surfen
  • "Lady Liberty": Demokratie-Aktivisten errichten Statue in Hongkong