01.12.2014

Eine Meldung und ihre GeschichteSchönheitsfehler

Warum sich ein Flüchtling aus Uganda zum Mr. Tutzing wählen ließ
Michael Kyejjusa saß am Flughafen bei Kampala in Uganda und hoffte und weinte, und eine Frau vom Sicherheitspersonal fragte, was ihm fehle. Er habe Bauchschmerzen, log er. Tatsächlich war er auf der Flucht. Sein Herz klopfte, seine Schuhe drückten. Unter den Einlagen steckten Fahndungsplakate, gefaltet, eines auf jeder Seite.
Den deutschen Behörden würde er sie zeigen, um bleiben zu dürfen. Vor anderen würde er schweigen. Er würde niemandem von seiner heimlichen Liebe zu einem Mann erzählen, unerwähnt lassen, warum er von der Polizei in Kampala gesucht wurde. Uganda ist eines der schwulenfeindlichsten Länder der Welt. Über Deutschland wusste er, dass es ein freies Land sei. Aber er hatte gelernt, vorsichtig zu sein.
Er schwieg, als er im Juni 2013 in der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen ankam. Er schwieg weiter, als er in einem Flüchtlingshaus in Tutzing unweit des Starnberger Sees landete, wo er auf die Entscheidung wartet, ob er bleiben darf.
Michael Kyejjusa, 26, beschloss, sein Schweigen zu brechen, als er an einem Septembertag im Trachtenjanker auf einer Bierzeltbühne stand, vor etwa 300 Menschen. Es war ein spontaner Entschluss gewesen, an der Wahl zum Mr. Tutzing teilzunehmen. Er hatte nichts zu verlieren, dachte er, schon gar nicht bei einem Schönheitswettbewerb. Also kandidierte er, gegen mehrere ortsansässige Männer.
Er zählte durch, ein paar andere Asylbewerber waren da. Er kam auf sieben potenzielle Stimmen. Er trank Apfelschorle statt Bier. Diesmal hatte er wirklich Bauchschmerzen. Sein Haar, zu kleinen Zöpfchen gezwirbelt, hatte er mit einem Hut bedeckt. So kamen die zarten Konturen seines schwarzen Gesichts besser zur Geltung. Er gewann mit 57 Stimmen, hatte 36 mehr als der Zweite.
Michael Kyejjusa, Flüchtling aus Uganda, war nun Mr. Tutzing. Gemeinsam mit Miss Tutzing posierte er für die Lokalpresse. Er kannte Aufsteigergeschichten aus Uganda, von Menschen, die es in die Zeitung geschafft hatten und plötzlich ein anderes, besseres Leben führten. Diese Menschen, das wusste er, hatten meistens eine emotionale Geschichte zu erzählen. Michael Kyejjusa entschied, dass er auch eine emotionale Geschichte hatte, die er jetzt nicht mehr verschweigen würde.
Er erzählte also von jenem Tag vor mehr als zehn Jahren, an dem er allein aus seinem Dorf im Bezirk Wakiso nach Kampala zog, weil nun auch seine Großmutter tot war. Seine Eltern lebten schon lange nicht mehr. Er erzählte, dass er dort anfing zu boxen. Nicht weil er boxen wollte, sondern weil er sich verteidigen musste in den Straßen der Hauptstadt. Er erzählte, wie er sich immer stärker hingezogen fühlte, zu diesem Kampfsport, aber auch zu ein paar jungen Männern, mit denen er trainierte.
Vielleicht war es der Applaus nach dem Wahlsieg, vielleicht war es die Tatsache, dass sich plötzlich jemand für ihn interessierte: Er dachte jedenfalls, dass er nun frei sei, und erzählte den Zeitungsleuten seine Geschichte. Die ersten Reaktionen waren gut. Die Münchner Abendzeitung attestierte Tutzing "gelungene Integration". Ein schwuler Schwarzer im schwarzen Bayern, Schönheitskönig, demokratisch legitimiert: leben und leben lassen, Libertas Bavariae.
"Aber ich bin nicht frei", sagt Kyejjusa ein paar Wochen später. Mr. Tutzing sitzt in seinem Zimmer, das er mit drei Afrikanern teilt, in einem Haus, das 15 Asylbewerbern Obdach bietet. Draußen läutet die Glocke der Mutter-Gottes-Kapelle, drinnen flimmert stumm das Erste Deutsche Fernsehen. Die Rollläden sind runtergelassen, ein Zimmergenosse betet zu Allah. Normalerweise haben sie hier keinen Besuch. Nur manchmal kommen Leute mit ausrangierten Klamotten vorbei. In der Ecke hängt der Trachtenjanker, ein Geschenk von irgendwem aus Tutzing. Kyejjusa flüstert. "Nichts hat sich verändert. Es ist nicht mehr als eine schöne Erinnerung."
Kurz nach der Wahl im Bierzelt schickte er bei Facebook eine Freundschaftsanfrage an Miss Tutzing, er will ja junge Menschen kennenlernen, aber er weiß nicht, wo. Er hat kein Geld, das er in Bars ausgeben könnte. Kyejjusa geht in die Kirche, aber da sind nur alte Menschen. Er würde gern als Lkw-Fahrer arbeiten. Oder, vielleicht, als Model. Es hat sich bislang nicht ergeben. Die Freundschaftsanfrage an Miss Tutzing ist ohne Antwort geblieben.
"Ich bin nicht frei", sagt er noch einmal auf seinem durchgelegenen Bett. Eigentlich, sagt er, seien die Menschen hier gut zu ihm. Sie hätten ihn ja gewählt. Es existiert auch ein Unterstützerkreis für Asylbewerber, Menschen, die ihre Freizeit für Flüchtlinge opfern. Sie erledigen Behördengänge, geben Deutschunterricht. Gute Menschen, eigentlich, aber was gut ist, das ist manchmal nicht leicht zu entscheiden.
Die Helfer fragten ihn, warum er unbedingt über seine Homosexualität sprechen musste. Michael Kyejjusa sagte ihnen, dass er deswegen nach Deutschland gekommen sei. Sie sagten ihm, er solle es lassen.
"Tutzing ist ein Nest. Das ist nicht normal, wenn hier einer homo ist", sagt eine Frau vom Unterstützerkreis am Telefon. Michael Kyejjusa hat schon einmal gehört, dass er nicht normal sei. Da war er noch in Uganda.
Als dann wieder eine Zeitung ein Interview wollte, erzählte er, dass er Uganda wegen "der politischen Unruhen" verlassen habe. Er wolle, so ist es nachzulesen, "eine Arbeit finden, um meine Träume zu verwirklichen und eine Familie hier aufbauen zu können". Alles sollte ganz römisch-katholisch klingen. Während des Interviews saß jemand vom Unterstützerkreis daneben und hörte mit, was Michael Kyejjusa sagte.
Dass diese Familie, die er aufbauen will, eine Familie mit zwei Vätern wäre, sagte er nicht. Er schwieg, wieder.
Von Simon Pfanzelt

DER SPIEGEL 49/2014
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