01.12.2014

Global VillageDas Dorf, das alles teilt

Wie der Kampf gegen eine kanadische Goldmine das Leben in einem Badeort auf Chalkidiki verändert
Irini Markou, 67 Jahre alt und Oma zweier Enkel, erzählt, wie der Staat sie zur Anführerin einer kriminellen Bande machte. Eine Terroristin sei sie, behauptet die Polizei, sogar dass sie mit Waffen den Widerstand gegen die Staatsgewalt organisiere.
Alles "Lügen und Unterstellungen", sagt Markou, sie sitzt in Jeans und mit knallrot lackierten Fingernägeln neben dem Kamin des kleinen Hotels, das sie in Ierissos in Strandnähe betreibt. Angezeigt wurde sie vom eigenen Bürgermeister, sie und 400 weitere Einwohner des Dorfes, darunter viele Frauen. "Unser ganzes Leben hat sich verändert", sagt sie, "es ist furchtbar, wie wir vom Staat behandelt werden." Und das alles nur, weil sie ein Vorzeigeprojekt der Regierung bekämpfen: Sie wehren sich gegen eine geplante Goldmine, demonstrieren, blockieren am Baugelände die Einfahrtsstraßen für Lkw.
Denn im bergigen Hinterland von Chalkidiki im Norden Griechenlands, dort, wo Aristoteles zu Hause war, will Premier Antonis Samaras zeigen, dass er sehr wohl in der Lage ist, milliardenschwere ausländische Investoren in sein Krisenland zu holen. "An die Menschen hat dabei niemand gedacht", sagt Markou, "denen geht es um ihr Geld, uns um unser Leben."
Seit 25 Jahren ist sie Vorsitzende des Vereins "Freunde für Umweltschutz". Solange sie sich vor allem um saubere Strände und aufgeräumte Gehwege kümmerte, störte das niemanden. Dann aber bekam der Bergbaukonzern Eldorado Gold die Schürfrechte: Spätestens 2016 wollen die Kanadier mit der Förderung beginnen, schon jetzt werden massenweise Bäume gefällt und Berghänge planiert. Die Anwohner laufen dagegen Sturm, "die Frauen immer in der ersten Reihe", so Markou. Die Hügellandschaft ist seit der Antike für ihren Reichtum an Rohstoffen bekannt, vor allem Kupfer, Zink, Blei, Silber und eben Gold. Mindestens 250 Tonnen Gold werden hier vermutet, mit der jährlichen Fördermenge könnte Finnland vom ersten Platz der Goldproduzenten in Europa verdrängt werden.
Für Irini und ihre Freundinnen bedeutet das aber auch ei-nen Spitzenplatz beim Krebsrisiko für sich und ihre Kinder: tonnenweise Staub in der Luft, Staub in den Lungen, mit Schwermetallen belastetes Gemüse, Gifte wie Cyanid im Grundwasser und verseuchte Badestrände. "Wir werden nicht zulassen, dass die nach Gold graben, mit unserem Blut an den Fingern", sagt sie.
Und sie haben gute Argumente: Nur 0,43 Gramm Gold pro Tonne Erz seien hier zu gewinnen, sagen Wissenschaftler wie Ioannis Verginis, das sei viel zu viel Schmutz für viel zu wenig Ertrag. Der Diplommineraloge kam nach seinem Studium in Deutschland im Jahr 2000 zurück nach Ierissos. Er wollte dort eigentlich im Bergbau arbeiten, bis er die Pläne eingesehen hatte. "Das Projekt ist viel zu groß für so eine kleine Insel", sagt Verginis, jetzt verkauft er Handys.
Zwischen 1200 und 2000 Arbeitsplätze soll die Goldmine schaffen. "Aber niemand fragt, wie viele dafür verloren gehen", sagt Irini Markou. Immerhin bis zu 15 000 Menschen seien im Tourismus der beliebten Badeorte beschäftigt.
Der Kampf um das Gold hat das Leben in Ierissos verändert. "Wir halten nun stärker zusammen", sagt Verginis, das gelte für den ganzen Ort mit seinen gut 3000 Einwohnern. Und das nicht nur, weil rund 95 Prozent der Bewohner gegen den Bergbau seien. Es gibt auf einmal so etwas wie einen Gemeinsinn, bislang in Griechenland ein Fremdwort - dabei wäre genau das wohl der wichtigste Grundstein für die überfällige Erneuerung des Landes.
Das neue Gefühl der Zusammengehörigkeit macht sich in vielen Bereichen bemerkbar: Kinder werden auf einmal gemeinsam betreut, Hausaufgabenhilfen organisiert. Als der alte Kindergarten saniert werden musste, das Dach erneuert, als Waschräume, Toiletten und Schlafzimmer modernisiert werden mussten, boten die Kanadier an, die Kosten zu tragen. Die Dorfgemeinschaft verzichtete dankend und griff selbst zu Schaufel und Mörteleimer.
Für Bedürftige werden Lebensmittel und Medikamente gesammelt. Als krisengeschädigte Bewohner ihren Strom nicht mehr bezahlen konnten, legte die Gemeinschaft zusammen. "Das Dorf, das gelernt hat, alles zu teilen", schrieb eine Zeitung über Ierissos. Es klingt ein wenig wie im Märchen.
Auch Anwalts- und Gerichtskosten werden gemeinsam getragen. "Wir Frauen sind dafür von Tür zu Tür gegangen und haben eingesammelt, was jeder geben kann. Ohne uns hätte es nicht funktioniert", erzählt Markou.
Einen ersten Erfolg konnten die Dörfler bereits verbuchen. Seit Anfang September haben sie nun einen neuen Bürgermeister, einen der Ihren. Der alte muss sich gegen Korruptionsvorwürfe wehren. Gemeinsam hatten sie zuvor die etablierten Parteien überzeugt, besser keine eigenen Kandidaten ins Rennen zu schicken.
Der neue Bürgermeister bot gleich nach Amtsantritt an, die Anzeigen gegen die Bewohner zurückzuziehen. Aber sie verzichteten. "Wir wollen die Lügen enttarnen", sagt Irini Markou, "wir wollen die Wahrheit über die Risiken des Goldabbaus ans Licht bringen." Dann muss sie los, zum nächsten Treffen, eine Sammlung von Weihnachtsgaben mitorganisieren: Auch die Adventszeit ist nun anders in dem Dorf, das alles teilt.
Von Manfred Ertel

DER SPIEGEL 49/2014
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