01.12.2014

FernsehshowsTV de Sade

Die Entertainer Joko und Klaas quälen sich in ihrer neuen Sendung nicht mehr gegenseitig, sondern lassen Kandidaten leiden, die nichts ahnen. Ein Skandal wird „Mein bester Feind“ aber nicht. Das Publikum genießt den Sadismus.
Joko und Klaas haben es bereits in jungen Jahren nach ganz oben geschafft, zumindest auf der Ekelskala des deutschen Privatfernsehens. In ihren Shows tun sie einander Dinge an, die man nicht einmal Laborratten zumuten möchte.
Joko Winterscheidt, 35, wurde vor laufender Kamera der Mund zugenäht, er setzte sich Stromstößen aus und musste einen Alligator küssen. Klaas Heufer-Umlauf, 31, ließ sich Salzlösung in Form eines Bagels in die Stirn spritzen, nach der Besteigung eines Vulkans übergab er sich.
Zuletzt versetzte Heufer-Umlauf seinen Kompagnon in Todesangst, indem er ihn in einem Flugzeug zurückließ, dessen Pilot plötzlich mit dem Fallschirm absprang. Geht's noch?
Am Samstag legen die beiden mit ihrer neuen Show "Mein bester Feind" noch eine Schippe drauf. Nicht, dass ihnen eine weitere Steigerung der gegenseitigen Quälerei gelänge - sie lassen andere leiden. "Kandidaten", die sich nie beworben haben. Und sich nie in Ruhe entscheiden konnten, ob sie es eine gute Idee finden, bei Tempo 250, bäuchlings auf das Dach eines Autos geschnallt, durch die Motorsport Arena Oschersleben geschossen zu werden. Ja, sie ahnten Minuten zuvor nicht einmal, dass sie wenig später Teil einer grellen TV-Gaudi werden.
Es ist eine neue Drehung an der Schraube eines schon alltäglichen TV-Sadismus, der niemanden mehr wirklich aufregt. Warum sich empören? Das Publikum scheint diese Art des Fernsehens der Grausamkeit ja zu genießen. Und wer die neue Show sieht, wird sogar zugeben müssen: Es ist fies, es ist gemein - und es ist verdammt gutes Fernsehen.
Aber warum?
Einerseits hat es etwas zu tun mit einem schadenfrohen Voyeurismus. Dem Publikum wird vermittelt: Das Fernsehen hat jedes Recht, mit denen, die sich ihm ausliefern, zu machen, was es will.
Andererseits geht der Erfolg dieser Shows tiefer. Fernsehen ist mehr als jedes andere das Medium der Gefühle. Es ist am erfolgreichsten, wenn es die Zuschauer mitempfinden lässt. Und kein Gefühl wird stärker mitempfunden als Schmerz.
Der Zuschauer kann sich dem nur schwer entziehen. Und das hat er auch bisher nicht getan.
Das Publikum schämte sich mit, als ein junger Mann mit Urinflecken auf der Hose vor einem feixenden Dieter Bohlen stand. Es ekelte sich mit, wenn im Dschungelcamp ein Expromi in einen Sarg voller Kakerlaken stieg. Nun leidet es eben mit, wenn sich in "Mein bester Feind" ein junger Mann Botox in die Lippen spritzen lässt.
Und doch fühlt es sich anders an. Die 21-jährige Selina, die auf dem Dach eines Audi R8 durch die Arena brettert, war von ihrer Freundin heimlich für die Show vorgeschlagen worden. Die hatte dem Opfer vorgeflunkert, man fahre zum Wellness-wochenende.
Die Freundin, die den Lockvogel gab, kann immerhin ein TV-Gerät und in der zweiten Runde einen Porsche gewinnen. Die Kandidatin kann nur versuchen, nicht als Spielverderberin dazustehen. Oder als Memme.
Die Spannung ist clever inszeniert. Der Zuschauer wiegt sich zunächst in der Gewissheit, dass es die Foltermeister Joko und Klaas nicht so weit kommen lassen - wie es am Ende doch kommt.
Sie verführen ihr Opfer mit Charme und demonstrativer Harmlosigkeit - so wie sie es bereits in ihrer Show "Circus Halligalli" tun, wo "Mein bester Feind" bisher nur eine Rubrik unter vielen war, bevor die Idee jetzt zur Drei-Stunden-Show ausgedehnt wird.
Als ProSieben vorige Woche in Berlin vor Journalisten erste Ausschnitte zeigte, kam eine eigentlich fällige Diskussion über Moral und Verantwortung gar nicht erst auf. Worüber sollte man sich als abgebrühter Fernsehkritiker auch noch echauffieren, fast 15 Jahre nach der ersten Folge von "Big Brother" und ein Jahrzehnt nach dem ersten Dschungelcamp?
Tabubrüche gibt es allerorten. Doch über die Sendung "Hochzeit auf den ersten Blick", in der Sat.1 im November Wildfremde verheiratete, ereiferten sich allenfalls noch Vorzeigeprotestantin Margot Käßmann und die Deutsche Bischofskonferenz.
Auch die Nackten, die sich im Sommer für RTL auf eine Insel begaben, um ihren Adam oder ihre Eva zu finden, taugten kaum mehr zum Aufreger. Niemand fragt noch danach, was solche Sendungen möglicherweise mit den Kandidaten anrichten. Der Zuschauer amüsiert sich, ist gebannt, vielleicht ein bisschen abgestoßen. Er genießt den sozialen Abwärtsvergleich - und zappt weiter.
Das Privatfernsehen hat dem Publikum in den vergangenen Jahren jede Empathie gründlich ausgetrieben. Zunächst mit den nachmittäglichen Krawalltalks, später durch Gerichtsshows, zuletzt durch Pseudo-Dokus wie "Verdachtsfälle" oder "Familien im Brennpunkt".
Die Protagonisten waren erbärmlich bis nervig. Dass die meisten Geschichten erfunden waren, schien die Zuschauer nicht zu stören. Es genügte, dass die Sendungen so taten, als erzählten sie aus einem echten Deutschland.
Grausamkeit allerorten. In RTL/Sat.1-Deutschland sperrten Schüler ihre Lehrerin im Keller ein, betrunkene Jungmütter vergaßen ihre Babys am Bahnhof. Deutschland einig "Asi-Land". Und auch wenn das alles ein Fake war: Wozu noch Mitleid?
In Shows wie "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" bekamen die Kandidaten zudem eine ordentliche Gage, wenn sie sich dem Fernsehen auslieferten.
Erinnert sich noch einer an Sarah Knappik? Die Dschungelcamp-Kandidatin wurde vom Publikum wieder und wieder per Telefonabstimmung in die Ekelprüfungen geschickt. Die damals 24-Jährige sollte Rattenhirn essen, in Stiefel voller Maden steigen und mit bloßen Händen in einen Schiffsrumpf grabschen, wo Schlangen und Skorpione lauerten. "Wenn Menschen es hinkriegen, sich für 50 000 Euro pro Nase zu Müll zerkleinern zu lassen: Was täten sie für 100 000?", fragte entsetzt die FAZ. Doch die Frage war falsch. Wer es als Sender richtig anstellt, muss nicht mal mehr Geld herausrücken.
In der jüngsten Dschungelcamp-Staffel nahm Knappiks Platz der Zicke, die man quälen darf, ihre österreichische Berufskollegin Larissa Marolt ein, die sich durch die Folgen keifte und kreischte. Je blöder sie sich bei den Prüfungen im Urwald anstellte, desto mehr wuchs die Lust der Zuschauer, sie per Telefonabstimmung auch in der nächsten Ausgabe wieder in die Hölle zu schicken.
Es war ein bisschen wie im berühmten Milgram-Experiment, bei dem Versuchspersonen falsche Antworten anderer Probanden vermeintlich mit Stromstößen bestrafen konnten. Achtmal hintereinander wurde Marolt zur Prüfung herangezogen. Zur Freude der Zuschauer musste sie in schwindelnder Höhe auf einem schmalen Balken balancieren oder sich in einer engen Höhle voller Krabbel- und Kleintiere durchschlagen.
Marolt war keine Fernsehamateurin mehr, als sie im Dschungelcamp ihren Restruf ruinierte. Sie war "Austrias Next Topmodel" gewesen und hatte bei der ProSieben-Show "Germany's Next Topmodel" teilgenommen, wo sie als Achtplatzierte ausschied.
Hinter dem Dschungelcamp-Auftritt von Model Marolt stand immerhin noch ihr eigenes Kalkül: die schwer erarbeitete Prominenz über die Zeit zu retten und womöglich noch auszuweiten - mit allen Mitteln. Sie war bereit, einen Preis zu zahlen - aber sie wusste, wofür.
Man kann "Mein bester Feind" aber auch als zynische Variante von "Wetten, dass ..?" begreifen. Die ZDF-Show ging unter anderem zugrunde, weil sie die selbst gesetzten Maßstäbe nicht mehr erfüllen konnte. Die Kandidaten waren in ihren Vorführungen mit den Jahren immer schneller, höher und weiter gekommen. Bis der Student Samuel Koch beim Versuch, mit Sprungfedern über fahrende Autos zu hüpfen, gegen die Dachkante eines Audi prallte.
Bei "Wetten, dass ..?" verschwand damit abrupt die Faszination des Risikos. Zu den akrobatischsten Einlagen der jüngsten Zeit zählte das Stapeln von Bierkisten, während ein Kandidat auf der jeweils obersten einen Salto vollführte. Was sich das ZDF aus guten Gründen nicht mehr traut, erledigt nun ProSieben.
"Wetten dass ..?" war auch ein Hochamt der bürgerlichen Tugend, hart an sich zu arbeiten und eine Sache perfekt zu können. Spannender ist es, wenn einer gar nicht weiß, was kommt - und dann ins kalte Wasser gestoßen wird. Und es ist, so weh es tut, inzwischen die bessere Unterhaltung.
Von Markus Brauck und Alexander Kühn

DER SPIEGEL 49/2014
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