08.12.2014

Eine Meldung und ihre GeschichteFabulologie

Warum die Bürger von Lohr am Main um eine Schneewittchen-Skulptur streiten
Wenn Karlheinz Bartels über seinen Ort Lohr am Main bei Würzburg schaut, sieht er in der Ferne Wald, Fels und Nebel, ein Bild wie ein Gemälde. Bartels hat ein Märchen nach Lohr geholt. Seine Stadt sei die Heimat von Schneewittchen, das versuchte er den Bürgern und den Touristen beizubringen, und er dachte immer, er habe seine Stadt dadurch noch schöner gemacht, als sie ohnehin ist.
Dann schlug Bartels eines Morgens beim Frühstück seine Zeitung auf, die Mainpost, und las einen Bericht über den Schneewittchen-Wettbewerb seiner Stadt. Die Gemeinde hatte eine Skulptur für einen Platz in der Innenstadt gesucht. Die Figur sollte Schneewittchen in Lohr sichtbarer machen, so hieß es in der Ausschreibung.
Bartels sah an diesem Morgen ein Foto der Gewinnerfigur in der Zeitung abgedruckt. Ihre wirren Haare. Die kurzen Arme. Ein Körper wie ein Stamm. Er stellte seine Kaffeetasse ab und schaute der Figur ins Gesicht. "Ich versuchte, Schneewittchen darin zu erkennen", sagt er. "Doch es gelang mir nicht."
So begann der Schneewittchen-Streit von Lohr am Main.
Karlheinz Bartels, gewesener Apotheker, ist 77 Jahre alt, ein hagerer, heiterer Herr mit Tweedsakko und Brille. Seit einer Ewigkeit trifft er sich jeden Sonntag mit Freunden im Weinhaus Mehling, um die Lage der Stadt zu diskutieren. An einem Abend, schon Jahre her, hatten sie eine Idee. Sie sprachen über Märchen und über Touristen. Bremen hat die Stadtmusikanten, Hameln den Rattenfänger, das bringt Gäste und Devisen. Doch was hat Lohr?
Bartels blickte zu einem Spiegel, der in der Gaststube hing. "Amour propre", Eigenliebe, stand auf seinem Rand. Und: "Tu brilles à la lumière", Du funkelst im Licht. Ein sprechender Spiegel!, rief Bartels. Wie in Schneewittchen, es war ihm sofort klar. Lohr sollte die Heimat von Schneewittchen werden, die Gemeinde Lohr die schönste im ganzen Land. Bartels machte sich an die Arbeit.
Früher hat er einmal über "Apothekenrechtliche Beziehungen zwischen Venedig und Nürnberg" promoviert. Er war Vorsitzender des Lohrer Geschichtsvereins. Er durchsuchte das Taufregister seiner Stadt und fand eine Maria Sophia Margaretha Catharina von Erthal, die 1729 im Schloss zu Lohr am Main geboren war. Ihr Vater Philipp Christoph stand der kurmainzischen Spiegelmanufaktur vor. Er heiratete ein zweites Mal. Die Stiefmutter des Mädchens war herrschsüchtig. Bei Lohr gab es einen Höhenweg, der über sieben Berge nach Biebergrund führte. Dort arbeiteten damals kleine Männer in Stollen, sie trugen sackartige Kleidung, wie Zwerge. Es war alles wie im Märchen.
Die Geschichte der Schneewittchen-Stadt Lohr erzählt Bartels mit einem Lächeln. Er weiß, dass nicht gesichert ist, ob die Gebrüder Grimm wirklich in seiner Gemeinde recherchierten. Doch das mache nichts, sagt Bartels. Entscheidend ist, dass man daran glaubt.
Nach seiner Abhandlung "Schneewittchen - Zur Fabulologie des Spessarts", die 1990 erschien, begannen die Lohrer ihren Ort zu vermarkten. Sie erfanden Schneewittchen-Puzzle, -Tassen, -Postkarten. Sie schöpften Schneewittchen-Pralinen, zeichneten einen Wanderweg aus und wählten neun schöne Frauen aus, die Touristen durch die Gassen führten. Das Märchen war für alle da, und alle waren für das Märchen. Nur eines fehlte: Schneewittchen selbst.
Im Sommer 2013 schrieb die Stadt daher den Wettbewerb aus. Schneewittchen sollte leibhaftig Gestalt annehmen in Lohr. 27 fränkische Künstler reichten ihre Modelle ein, fünf Finalisten wurden in der Stadthalle ausgestellt. Die Bürger hatten eine Stimme von sieben, eine Fachjury die sechs anderen. Bartels schaute sich die Modelle an. Er erwartete ein liebliches Mädchen im Kleid. Was er in der Stadthalle sah, war aber sehr abstrakt. Viel Draht, viel Eisen. Nichts Gutes.
Als die Siegerin gekürt war, schrieben die Bürger ihre Wut ins Netz. Sie sprachen von "Schande", von einem "Witz". Einer verriet, dass sich ihm "die nicht vorhandenen Haare sträubten" beim Anblick der großen, weißen Gestalt. Die Bürger fragten, ob der Künstler Menschen mit Contergan-Armen beleidigen wolle. Es ging so weit, dass sich der Pfarrer verpflichtet fühlte, eine "Schneewittchen-Deeskalationsgruppe" zu gründen.
Die Skulptur, die von einer Jury aus Künstlern und Beamten der Stadt gewählt wurde, steht zurzeit noch im Atelier des Künstlers Peter Wittstadt. Er habe sich an die Ausschreibung gehalten, sagt er, ein kleiner Mann mit Mütze, der mit seiner Frau in einem Pfarrhaus lebt. Er sagt, dass er den Groll nicht verstehen könne. Er habe eine figürliche Darstellung gewählt. Ein Tonmodell gebaut. Und dann ein 2,90 Meter großes Mädchen aus Gips. Im Laufe der kommenden Monate soll es in Bronze gegossen und dann aufgestellt werden.
Seit ganz Lohr über diese Figur spricht, sitzt Bartels öfter zu Hause und denkt nach. Er fragt sich, ob sein Märchen jetzt zu Ende ist. Oder ob es mit dieser Figur neu beginnt. Er hat noch keine Antwort gefunden. Aber er ist bereit, sein Kind loszulassen. Lange Zeit sei er "der geistige Vater Schneewittchens in Lohr" gewesen, sagt er. Jetzt könne jeder sehen: Schneewittchen hat sich selbstständig gemacht und von ihm gelöst. Er sagt, er müsse wohl einsehen: Das Mädchen gehört ihm nicht mehr.
Von Katrin Kuntz

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