08.12.2014

Global VillageMade in Poland

Warum im Weißen Haus Weihnachtskugeln aus Warschau hängen
Magdalena Slodyczka sagt, nach zwei Jahrzehnten in der Weihnachtsbranche könne sie an einem Tannenbaum Dinge ablesen, die anderen Leuten verborgen blieben. Sie sehe zum Beispiel sofort, in welchem Zustand eine Familie sei.
Wenn an einem Baum ein chaotisches Durcheinander von Kitsch und Kunst herrsche, bedeute das: Die Familie ist glücklich. "Da schmücken alle mit, jeder hat seinen Platz." Wenn der Schmuck aber durchgestylt sei, ohne Stilbrüche, sei das ein Alarmzeichen. "In dieser Familie herrscht Kälte."
Magdalena Slodyczka steht im Präsentationsraum ihrer Firma Silverado im Warschauer Vorort Józefów. Um sie herum funkelt falsches Gold, blitzen gläserne Edelsteine, rieselt der Kunstschnee. Neben den runden Weihnachtskugeln, dem Klassiker, grinsen Nikoläuse, singen Engel, baumelt ein Eiffelturm, der Dogenpalast, hängen Harlekine. Alles ist mundgeblasen, handgemalt und teuer. Die Kugeln kosten zwischen 5 und 30 Euro pro Stück.
Eine halbe Million Weihnachtskugeln produziert die Firma pro Jahr, mehr als 90 Prozent davon gehen in die USA. "Die Amerikaner lieben Christbaumschmuck aus Polen", sagt sie, "es kann gar nicht goldig genug sein."
In die USA liefert Silverado die Kugeln in Holzschachteln verpackt und mit einem künstlich vergilbten Zertifikat versehen, auf dem "Made in Poland" steht. Schneebedeckte Holzhütten, verschlafene Katzen in hell erleuchteten Fenstern, pausbäckige Kinder, Hirsche, Tannenwald und natürlich stämmige Weihnachtsmänner sind die Lieblingsmotive der Amerikaner.
Silverado ist eine polnische Erfolgsgeschichte: Schon in den Achtzigerjahren hatte sich die Familie Slodyczka in Eigenregie mit Glasverarbeitung beschäftigt - die Kommunisten erlaubten Kleinbetriebe - und stellte Sonnenbrillen her. "Wir waren praktisch mit der Wende pleite, die Chinesen überschwemmten von heute auf morgen den Markt", sagt Magdalena Slodyczka.
Doch dann lernte ihr Mann durch Zufall den Einkäufer einer amerikanischen Handelskette kennen. "Wir hatten fünf Muster: Nikolaus, den Schlitten, ein Herz, eine Glocke und eine Uhr. Die breiteten wir vor ihm auf dem Couchtisch aus." Der Amerikaner war entzückt. Die folgenden Wochen saßen die Slodyczkas, Schwager, Onkel und Tanten an der Produktion, bliesen, bemalten, bestäubten 600 Kugeln einer ersten Charge.
Heute hat Silverado 40 Mitarbeiter in Festanstellung, die vor allem die Muster entwickeln. Die Serienfertigung besorgen Subunternehmen, sodass zum Höhepunkt der Weihnachtsproduktion im April und Mai bis zu 300 Menschen für Silverado arbeiten.
Die Neuheit des Jahres heißt "industrial vintage": Kugeln in matten Metallfarben, mit Schwarz-Weiß-Fotos von alten Nähmaschinen, Schreibmaschinen, Bügeleisen. Die russische Kollektion jedoch, Zwiebeltürme und Ikonen, läuft seit einem Jahr immer schlechter. "Das hat mit der Ukraine-Krise zu tun", sagt Slodyczka. "Zu Weihnachten will niemand daran erinnert werden."
Das Warschauer Viertel Józefów, wo sich der Firmensitz befindet, war in den Zwanzigerjahren ein Wohnquartier für Diplomaten und Millionäre. Heute wird das Villenviertel langsam zu einem Gewerbegebiet: zu viel Leuchtreklame, hastig errichtete Produktionshallen. Aber so sieht es aus, das polnische Wirtschaftswunder, Kleinbetriebe auf dem Weg zum Mittelstand haben sich hier niedergelassen. Sie sind es, die die meisten Arbeitsplätze in den vergangenen 20 Jahren geschaffen haben, nicht die internationalen Großkonzerne mit ihren Milliardeninvestitionen.
Der Höhepunkt der Firmengeschichte Silverados liegt vier Jahre zurück: Da konnten Magdalena Slodyczka und ihr Mann im Fernsehen Präsident Bronislaw Komorowski sehen, wie er dem Weißen Haus einen Korb voller Weihnachtsgeschenke mitbrachte. Hausherr Barack Obama packte eine Kugel aus, mit einem Hahn bemalt. "How beautiful", sagte er. Er werde das Stück höchstpersönlich an den Baum hängen.
Das Büro des Weißen Hauses ist bis heute ein wichtiger Abnehmer der Kugeln aus Józefów. Wie andere Kunden aus den Vereinigten Staaten forderte es ein Anti-Terror-Zertifikat ein. Deshalb rückten irgendwann Spezialisten am Firmensitz in Warschau an. Und prüften, ob sich die Scherben zersprungener Silverado-Kugeln in Waffen verwandeln lassen. Und ob es Schwachstellen im Produktionsprozess gibt, die es Terroristen etwa erlauben könnten, statt Kunstschnee Anthrax-Pulver einzuschmuggeln.
Eine andere Bedrohung nimmt Silverado viel ernster: Die Chinesen, die einst ihr erstes Geschäftsmodell zerstört hatten, jagen Slodyczkas Firma heute wieder Marktanteile ab. Denn mit den Arbeitslöhnen dort können die Polen schon lange nicht mehr konkurrieren.
Die Chefin aber ist zuversichtlich. Wirklich schönen Weihnachtsschmuck, so glaubt sie, könnten nämlich nur jene produzieren, die noch die Vorfreude aus der Kindheit kennen. "In China werden die Kugeln in riesigen Hallen angepinselt, von Arbeitern, die gar nicht wissen, was Weihnachten ist." Bei der fernöstlichen Konkurrenz komme es sogar vor, sagt sie, dass der Nikolaus mit asiatischer Augenform ausgeliefert werde.
Von Jan Puhl

DER SPIEGEL 50/2014
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