08.12.2014

ArchäologieZombies am Galgen

Forscher studieren ein grausiges Ritual: In Großbritannien stellte die Justiz die Leichen von Mördern in Schandkäfigen zur Schau - jahrelang.
Im Jahr 1832 galt Großbritannien als vergleichsweise fortschrittliches Land. Das Königreich besaß die weltweit erste Eisenbahnverbindung zwischen zwei Städten. Im Mittelalter gebräuchliche Strafen für Kriminelle, etwa das Ausweiden und das Vierteilen, waren längst abgeschafft worden.
An James Cook sollten die Segnungen des Fortschritts allerdings vorübergehen.
Am 10. August desselben Jahres wurde der 21-Jährige wegen Mordes gehenkt. Anschließend schnallte man seinen Körper in einen Metallkäfig und ließ ihn in zehn Meter Höhe an einem Mast baumeln - ein Ritual der Abschreckung, das in England und Wales über einen Zeitraum von etwa 80 Jahren hinweg hundertfach zur Anwendung gekommen ist und offenbar auch an der Schwelle zur Moderne noch als Mittel der Wahl galt.
In ganz Europa zählte der Schandkäfig in früheren Jahrhunderten zum Inventar der Rechtsprechung. In Deutschland etwa wurden betrügerische Bäckermeister in Holzkäfige gesperrt und dann mit Dreck beworfen oder ins Wasser getunkt.
Großbritannien aber fiel durch eine besonders ausdauernde und schaurige Praxis auf: Ab Mitte des 18. Jahrhunderts kam es in Mode, die Leichen von Übeltätern in jenen eisernen Zwingern vor sich hin gammeln zu lassen.
Ein Forscherteam um die Archäologin Sarah Tarlow von der britischen University of Leicester hat nun nach Überresten jener Schandgalgen gefahndet, von denen einst, wie Zombies, die schlimmsten Verbrecher Englands baumelten. Dabei rekonstruierten die Wissenschaftler ein eher unappetitliches Kapitel britischer Gerichtsbarkeit.
Schon bald nach Vollstreckung des Todesurteils wurden die zur Schand-Show bestimmten Körper in der Regel in ihre eisernen Fesseln gelegt. Dem örtlichen Schmied blieben häufig nur wenige Tage Zeit, um den Käfig zu bauen. Eine Herausforderung für Handwerker, denn eine Bauanleitung gab es nicht.
Üblicherweise wurden die Todgeweihten noch zu Lebzeiten vermessen, damit ihnen der Schandkäfig förmlich auf den Leib geschmiedet werden konnte - "eine Erfahrung, die für den Verurteilten ziemlich entsetzlich gewesen sein muss", vermutet Tarlow.
Allerdings war diese zudringliche Prozedur kaum vermeidbar - das Endprodukt hatte sehr speziellen Anforderungen zu genügen: Der Leichnam musste so gewissenhaft vertäut werden, dass Angehörige oder Freunde den Leib keinesfalls bergen und begraben konnten. Gleichzeitig sollte der Körper in dem Käfig aufrecht hängen und gut sichtbar sein, um von Passanten gebührend angestarrt werden zu können.
Erwünscht war auch die lange Haltbarkeit des Gestells. Kein Polizist machte sich die Mühe, die Gerichteten wieder abzuhängen. Der Leichnam des Mörders Tom
Otter etwa hing länger als vier Jahrzehnte in Ketten.
Otter hatte in der Nacht nach seiner Hochzeit am 3. November 1805 seine im achten Monat schwangere Frau mit einem Knüppel erschlagen. Dafür wurde der Unhold zunächst hingerichtet und später in einem Schandkorb in der Nähe des Tatorts aufgehängt.
Jener düstere Flecken blieb für lange Zeit Otters letzter Aufenthaltsort. Erst 1850 zerschellte sein Käfig am Boden, nachdem ein Sturm diesen aus der Befestigung gerissen hatte.
Altmetallsammler machten sich umgehend über die Beute her. Lediglich jener massive Teil blieb erhalten, mit dem der Kopf des Täters fixiert wurde. Überbleibsel wie dieses stöberten Tarlow und ihr Team in Heimatmuseen auf oder auch bei Liebhabern solch historischer Preziosen.
Meist fanden die Forscher nur noch Fragmente, eine eiserne Beinfessel etwa; vorhanden sind aber auch Prachtexemplare wie jener Käfig, in den die Leiche von John Breeds gezwängt wurde: Im Kopfteil dieses Artefakts steckt noch immer ein Stück von dessen Schädel.
Der Metzger aus Rye in der Grafschaft Sussex beging 1742 einen Mord, der als Vorlage für einen Gruselschocker taugt: In einer finsteren Landschaft stach er nachts einen Mann mit einem Fleischermesser nieder, den er versehentlich für den Bürgermeister seiner Heimatgemeinde hielt. Der Stadtobere hatte Breeds wegen Betrugs zu einer Strafzahlung verurteilt. Opfer von dessen Messer aber wurde ein Unbeteiligter.
Kein Forscher hatte sich bisher die Mühe gemacht, die bizarren Eisenkäfige systematisch zu untersuchen. "Es hat keine Überlieferung gegeben, wie diese Gegenstände herzustellen sind", berichtet Tarlow. Dennoch gelang es den Praktikern in den Werkstätten offenbar unabhängig voneinander und unter großem Zeitdruck, recht kunstfertige Eisengerippe zu schmieden.
Etliche der Schandkäfige sind verstellbar und ließen sich der Körperform des Hingerichteten anpassen. Ein Exemplar besitzt gar eine Vorrichtung für die Nase des Delinquenten.
Mancher Täter brachte allerdings auch noch tot und eingepfercht Unheil. Bevor Tom Otter endgültig für viele Jahre in luftiger Höhe baumelte, sauste der Eisenkorb mit seinem Leichnam noch einmal zu Boden und erschlug einen Mann.
* Illustration aus dem 19. Jahrhundert.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 50/2014
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