15.12.2014

Draghis Drama

Der EZB-Chef muss seinen gefährlichen Plan für milliardenschwere Anleihe-Käufe überdenken.
Er galt als der ungekrönte König unter den Währungshütern dieser Welt. Ein paar mehrdeutige Sätze hier, ein paar vernuschelte Worte dort, so bewegte der amerikanische Notenbankchef Alan Greenspan jahrelang die Weltbörsen. "Magier der Märkte" nannten sie ihn.
Heute beherrscht die Kunst der wirkungsvollen Marktsprache niemand so eindrucksvoll wie Mario Draghi. Seit der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) vor zweieinhalb Jahren versprach, den Euro "mit allen erforderlichen Mitteln" zu verteidigen, feiern ihn Politiker und Banker als Überwinder der Eurokrise oder einfach als "Super-Mario".
Umso erstaunlicher ist es, dass der wortkluge Italiener gerade dabei ist, sich zu verrennen. Mit der voreiligen Festlegung, er werde ab dem kommenden Frühjahr eine Billion Euro in die Wirtschaft pumpen und Staatsschulden der Mitgliedsländer aufkaufen, gefährdet Draghi seine Erfolge und vermehrt die Zahl seiner Gegner.
Bislang war es vor allem sein Lieblingsfeind, der deutsche Bundesbankchef Jens Weidmann, der Draghi beharrlich kritisierte. Inzwischen haben auch drei der sechs Direktoriumsmitglieder Bedenken gegen das Vorhaben angemeldet. Deshalb hat sich Draghi auf eine Führungsmethode verlegt, die in der Europäischen Zentralbank bislang eher unbekannt war: auf Basta-Politik. Draghi sucht nicht mehr den Konsens, er will seinen Plan mit der Macht der Südeuropäer im Zentralbankrat durchsetzen.
Das Problem ist nur, dass seine Therapie auf einer falschen Diagnose beruht. Draghis Billion soll Europas Wirtschaft beflügeln und die Inflationsrate steigern, die derzeit weit unter ihrer Zielmarke von knapp zwei Prozent verharrt. Der Grund für die geringe Geldentwertung ist aber nicht eine gefährliche Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen und Löhnen, die Ökonomen als Deflation bezeichnen, sondern vor allem der dramatisch gefallene Ölpreis - und das ist nicht schlecht, sondern gut für die Konjunktur.
Die Europäer zahlen heute über 40 Prozent weniger für Öl als vor sechs Monaten. So können die Verbraucher mehr Geld ausgeben, die Unternehmen können günstiger produzieren, und die Exporteure setzen ihre Waren leichter im Ausland ab. Was Draghis zahlreiche Geldspritzen von der "Bazooka" bis zur "Dicken Bertha" nicht geschafft haben, bewirkt nun der Ölpreis-Fall. Daher schrauben die Fachleute ihre Prognosen für Europas Konjunktur nach oben.
Der Patient ist auf dem Weg der Besserung, doch Draghi will wie ein starrsinniger Doktor an seiner Arznei festhalten. Denn, so argumentiert er, auch Japan und die USA haben es so gehalten.
Das stimmt, doch die Wirkung bleibt umstritten. In den USA trug der milliardenschwere Aufkauf der Anleihen dazu bei, den Absturz der Wirtschaft nach der Finanzkrise zu bremsen. Je länger die Notenbank jedoch kaufte, desto schwächer fiel der belebende Effekt aus. Noch dürftiger ist die Bilanz in Japan, wo Premierminister Shinzo Abe seit fast zwei Jahren das Konto der Notenbank mit Staatspapieren füllt. Ein kurzes Strohfeuer, dann kippte die Wirtschaft wieder in die Rezession.
Noch kann Draghi auf Angela Merkel zählen, seine wichtigste Verbündete. Die Frage ist nur, ob das so bleibt, wenn sich demnächst die gefährlichen Nebenwirkungen seines Vorhabens bemerkbar machen. Zum einen könnte der Draghi-Plan jene Regierenden beflügeln, die wie Frankreichs Finanzminister Michel Sapin mehr Schulden machen wollen und sich Ermahnungen aus Deutschland verbitten. Zum anderen dürften die deutschen Eurogegner in der AfD von der EZB-Initiative profitieren - sie werden sicherlich mit der neuen Schuldenbombe die Landtagswahlkämpfe in Hamburg und Bremen bestreiten.
Das ist die größte Gefahr am Draghi-Plan: Anstatt die Eurozone zu befrieden, wirft er neue Gräben auf.
Deshalb sollte der EZB-Präsident die bevorstehende Weihnachtsruhe dazu nutzen, sein Vorhaben noch einmal zu überdenken. Mit seiner Londoner Rede hat sich Draghi den Ruf des Euroretters erworben. Ihn sollte er nicht leichtfertig mit seinem unausgegorenen Programm aufs Spiel setzen.
Nichts wäre verloren, würde Draghi die Entwicklung von Ölpreis, Wachstum und Inflation noch ein paar Monate beobachten, bevor er die Waffe einsetzt, die als "Nuklearoption der Geldpolitik" bezeichnet wird. Sicher: Die Spekulanten an den weltweiten Börsen können es gar nicht erwarten, dass ihnen die Notenbank neues Spielgeld fürs Finanzkasino gibt. Aber ihre Frustration kann die EZB getrost hinnehmen.
Draghi droht eine andere Gefahr. Hält er an seinem Plan fest, könnte er dasselbe Schicksal erleiden wie der redegewandte ehemalige Kollege Greenspan. Der geriet nach seiner Amtszeit in Verdacht, er habe die Weltfinanzkrise im Jahr 2007 mit ausgelöst - und hieß fortan nicht mehr "der Magier", sondern "Master of Disaster".

DER SPIEGEL 51/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Draghis Drama

  • Erstmalig gefilmt: Die Schildkrötenknacker
  • Europawahl: Wer wählt wen?
  • Fridays for Future goes global: Studenten unterstützen Schüler
  • Video zu Therea Mays Rückzug: Die Premierministerin, die aus der Reihe tanzte